Blog Denkanstoß Geschichte Der Januarstreik 1918. Keine Generalprobe der Novemberrevolution 06.01.2026 Benjamin Ziemann Der Januarstreik 1918 war einer der größten Massenstreiks in der deutschen Geschichte. Seine Interpretation ist bis heute von Mythen und Fehlurteilen begleitet. Bild: Urheber: picture-alliance / akg-images | akg-images Ab dem 28. Januar 1918 traten rund 530.000 Industriearbeiter und -arbeiterinnen in mindestens 69 deutschen Städten und Gemeinden in den Streik. Die 1917 gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) hatte ihn seit Ende 1917 vorbereitet. Auf der dritten Zimmerwalder Konferenz oppositioneller sozialistischer Parteien im September 1917 in Stockholm hatte sie sich verpflichtet, zur Erreichung des Friedens durch Massenbewegungen beizutragen. Die USPD-Spitze plante die Arbeitsniederlegung als einen vornherein auf drei Tage begrenzten „Demonstrationsstreik”. Er sollte Druck auf die deutsche Regierung ausüben. Die Inszenierung der Revolutionären Obleute In Berlin waren die Revolutionären Obleute für die Vorbereitung des Streiks verantwortlich. Sie gehörten dem Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) an und waren mit der USPD verbündet. Der innere Führungszirkel der Obleute bestand aus etwa 40 Personen, die über Vertrauensleute Kontakt zu rund 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern in der Berliner Metallindustrie hatten. Richard Müller, Branchenleiter der Dreher in der Berliner Ortsverwaltung des DMV, war ihr Sprecher. In seinem 1924 erschienenen Buch über die Vorgeschichte der Novemberrevolution berichtete Müller über die Branchenversammlung der Dreher am 27. Januar 1918, die den Streik für Berlin formell beschloss: „Ohne Diskussion, ohne eine Frage zu stellen, ohne Beifallsbezeugung, ruhig, fast unheimlich still, nahm sie [die Versammlung] den Vorschlag Müllers entgegen und als sich 1.500 Hände wie zum Schwur erhoben, wurde kaum die Totenstille gestört. Es war, als ob jeder bemüht war, den Ernst der Stunde durch kein Geräusch zu stören. Hier offenbarte sich die Stimmung der Masse, jeder war von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugt und jeder hatte unbedingtes Vertrauen zur Führung.“ Und so geschah, wie Müller direkt im Anschluss berichtet, angeblich Folgendes: „Am Montag, den 28. Januar legten zirka 400.000 Berliner Arbeiter und Arbeiterinnen die Arbeit nieder“. Mit dieser an den Ballhausschwur in Paris 1789 erinnernden Szene beschwor Müller den revolutionären Charakter des Streiks. Doch die Realität sah anders aus. Seit dem Morgen des 28. Januar 1918 liefen beim Oberkommando in den Marken Berichte über die bestreikten Betriebe im Raum Groß-Berlin ein. Demnach legten bis zum Mittag nur 41.906 Berliner Arbeiter und Arbeiterinnen die Arbeit niedergelegt. Bis 16.00 Uhr kamen noch 19.500 Beschäftigte in 28 weiteren Rüstungsbetrieben der Stadt hinzu. Insgesamt waren das gerade einmal rund 61.000 Streikende – weit entfernt von jener magischen Zahl von 400.000, die Richard Müller in die Welt gesetzt hat. Die Bedeutung der Sozialdemokratie Erst als die rund 400 Berliner Fabrikdelegierten, die sich am Nachmittag des 28. Januar trafen, mit großer Mehrheit drei Mehrheitssozialdemokraten – darunter Friedrich Ebert – neben drei Vertretern der USPD in die Streikleitung wählten, stieg die Beteiligung am Streik stark an. Auf dem Höhepunkt des Streiks waren rund 250.000 Berliner Arbeiter im Streik. Die USPD hatte den Streik zwar geplant und vorbereitet, war jedoch nicht in der Lage, ihn alleine durchzuführen. In vielen anderen Städten mit starker Streikbeteiligung zeigte sich ein ähnliches Bild. In Kiel, Hamburg, Nürnberg und Kassel – um nur einige Beispiele zu nennen – hatten Mitglieder der USPD durch die Verteilung von Flugblättern den Arbeitskampf eingeleitet. Doch erst als die örtliche SPD-Führung in die Streikleitung eintrat, beteiligte sich eine größere Zahl an Arbeitern. In vielen Hochburgen der USPD – darunter Stuttgart, Braunschweig, Düsseldorf und Frankfurt am Main – fand der Streik hingegen gar nicht oder nur mit minimaler Beteiligung statt. Die Revolutionären Obleute und Vertreter der linken USPD versuchten in Berlin, den Streik über die ursprünglich geplanten drei Tage hinaus zu verlängern und zu einem Generalstreik für den Frieden auszuweiten. Doch dieser Plan scheiterte, weil dafür keine Massenbasis vorhanden war. Zudem weigerte sich die Reichsregierung rundweg, mit den Arbeitervertretern im Aktionskomitee, das den Streik leitete, zu reden. Gemeinsame Versuche der Spitzen von SPD und USPD, in Gesprächen mit der Reichsleitung ein Entgegenkommen zu erzielen, waren erfolglos. Am 3. Februar brachen die Revolutionären Obleute den Streik in Berlin ab. In vielen anderen Städten waren die Arbeiter und Arbeiterinnen bereits zuvor an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt. Eine Niederlage für die USPD Der Historiker Arthur Rosenberg sah im Januarstreik eine „Generalprobe der Novemberrevolution“, da Hunderttausende für dezidiert politische Ziele in den Streik getreten waren. Aber dem Januarstreik fehlte etwas, dass die Revolution im Herbst 1918 auszeichnete: Soldaten und Matrosen, also die Träger der bewaffneten Macht und damit die wichtigste Stütze des wilhelminischen Regimes, unterstützten den Streik nicht. Auch in der Arbeiterschaft selbst waren es vor allem qualifizierte Facharbeiter in der Rüstungsindustrie, die sich am Januarstreik beteiligten. Betriebe in Branchen wie der Textilindustrie, Holzverarbeitung und Möbelherstellung oder der Spielzeugfertigung wurden nur ausnahmsweise bestreikt. In der älteren Forschungsliteratur ist der Januarstreik oft als eine tiefgreifende Niederlage der Mehrheits-SPD interpretiert worden. So hat etwa Susanne Miller 1974 geurteilt: „Für die Mehrheitssozialdemokratie markiert der Januarstreik (..) einen Tiefpunkt ihres politischen Einflusses und Ansehens“ im Weltkrieg. Während die USPD aus dem Streik gestärkt hervorgegangen sei, sei die SPD-Spitze nur mit Verzögerung der Streikleitung beigetreten und habe in erster Linie versucht, den Streik zu einem raschen Ende zu bringen. Doch damit tat sie nur das, was die USPD-Spitze von vornherein geplant hatte. Analysiert man Vorgeschichte und Verlauf des Streiks genauer, dann wird erkennbar, dass er tatsächlich eine bittere Niederlage für die USPD darstellte. Denn in vielen ihrer Hochburgen konnte sie gar nicht für den Streik mobilisieren. In anderen gelang ihr dies nur, nachdem die Mehrheit-SPD ihr zur Hilfe kam. In den Berliner Gremien der USPD wurde der Streik als ein „Fiasko“ für die Partei bezeichnet, und die Enttäuschung über seinen Ausgang hielt bis in den Sommer 1918 und bremste die politische Mobilisierung der USPD. Literaturhinweis Benjamin Ziemann, Der Januarstreik 1918 – eine Generalprobe der Novemberrevolution? Erster Teil, in: Archiv für Sozialgeschichte 65 (2025), S. 309–366. Zum pdf Das könnte Sie ebenfalls interessieren Bild: Urheber: AdsD | 6/FOTA130042 Freitag, 19.09.2025 Denkanstoß Geschichte Otto Hörsing: Ein Sozialdemokrat im Kampf für die Weimarer Republik Der Sozialdemokrat Otto Hörsing gründete 1924 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das sich binnen kurzer Zeit zur größten der SPD nahestehenden Massenorganisation entwickelte. Dennoch ist Hörsing heute weitgehend vergessen – warum? Mittwoch, 17.03.2021 Geschichte, Kultur, Medien, Netzpolitik Denkanstoß Geschichte Der Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 Vor gut 100 Jahren erschütterte der Kapp-Lüttwitz-Putsch die junge Weimarer Republik. Mit einem mehrtägigen Generalstreik retteten die Gewerkschaften die Demokratie. Was waren die Gründe, was die Folgen von Putsch und Generalstreik? 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