Veranstaltung Denkanstoß Geschichte Ländliche Gesellschaften im Wandel (19. bis 21. Jahrhundert) 06.05.2026 Philipp Kufferath Tagung des Archivs für Sozialgeschichte für Band 67 (2027) | 25./26. Juni 2026 | Bonn Bild: Urheber: J.H. Darchinger/FES Ländliche Gesellschaften sind in den letzten Jahren in den Fokus der medialen Berichterstattung gerückt. In Frankreich, Deutschland und den Niederlanden demonstrierten Landwirte mit Traktorenkolonnen, Straßenblockaden und brennenden Reifen gegen die staatliche Agrarpolitik, sinkende Preise für landwirtschaftliche Produkte, Vernachlässigung der Infrastruktur und Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung in ländlichen Räumen. Auch wenn ländliche Gesellschaften oftmals als harmonische Gegenentwürfe zum städtischen Leben idealisiert wurden, waren sie im 19. und 20. Jahrhundert stets durch vielfältige Konflikte und Ungleichheiten geprägt. Ländliche Gesellschaften und die Lebensformen von Menschen auf dem Land, an Gewässern oder in gebirgigen Regionen haben sich überall in Europa im Verlauf der Modernisierungsprozesse in der Agrarwirtschaft und in steter Wechselwirkung mit der urbanen Gesellschaft sowie den politischen Zentren grundlegend gewandelt. In unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen ist von der Konstruktion beziehungsweise Dekonstruktion des ländlichen Raums die Rede, von der Diskursmacht des Gegensatzes Stadt–Land und den nachhaltigen Folgen der globalisierten Wirtschaft. Die Dichotomie von Stadt und Land ist sicher evident, aber sie prägt zu stark den Blick auf ländliche Gesellschaften als einem Restbestand der Vormoderne. Ländliche Gesellschaften finden sich in agrarisch geprägten Gemeinden ebenso wie in Fischerdörfern, in spezifischen Anbaugebieten oder auch gewerblich geprägten Ortschaften. Aber wie entwickelten sich Gesellschaften in diesen Räumen vor dem Hintergrund ökonomischer Transformationsprozesse und der kulturellen Hegemonie der Stadt als Lebensmodell in der Moderne? An diesem Punkt möchte die Redaktion des Archivs für Sozialgeschichte (AfS) ansetzen und nach konkreten Lebensverhältnissen, sozialem Wandel und politischen Veränderungen in ländlichen Räumen vom frühen 19. Jahrhundert bis zu den Industriegesellschaften der Moderne am Ende des 20. Jahrhunderts fragen. Welche lang-, mittel- und kurzfristigen Veränderungen erlebten ländliche Gesellschaften? Welche Kontinuitäten prägten das Zusammenleben, wie organisierten sich Dorfgesellschaften und kleine Kommunen, welche Selbstbilder wurden entworfen und welche Utopien für die Zukunft? Die Perspektive des Landes und seiner Gesellschaft sollen im Vordergrund stehen, um eine Gesellschaftsgeschichte des ländlichen Raums im 19. und 20. Jahrhundert zu erfassen, die sich nicht im »Anderssein als in der Stadt« erschöpft, sondern den ländlichen Gesellschaften eine eigenständige Rolle in der Moderne zuschreibt. Auf der Tagung, die am 25./26. Juni 2026 in den Räumlichkeiten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn stattfinden wird, möchten wir Beitragsideen, Themenangebote und gemeinsame Fragen des hier skizzierten Rahmenthemas des Archivs für Sozialgeschichte 67 (2027) entwickeln. Teilnahme im Einzelfall nach Anmeldung möglich. Tagungsprogramm 10:00 - 10:30 Begrüßung und Einführung in die Tagung 10:30 - 12:30 Panel 1 Frank Rochow, Cottbus: The Rise of Neo-Feudalism. A Mecklenburgian Village and the Return of 19th Century Societal Structures Kirsi Laine, Turku: Crofters and the Making of Modern Rural Finland: Spatial and Social Transformations in the 19th Century Johann Kirchinger, Stuttgart: Die Verbäuerlichung der Landwirtschaft im Industriezeitalter 12:30 - 13:30 Mittagspause 13:30 - 14:50 Panel 2 Jonathan Voges, Potsdam: Eine internationale Wissensgeschichte des Ländlichen. Die European Conference on Rural Life des Völkerbundes Ernst Langthaler, Linz: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft im Nationalsozialismus: eine gemischte Bilanz 14:50 - 15:15 Kaffeepause 15:15 - 17:15 Panel 3 Shaurabh Kumar, Delhi: Agrarian Upheaval and Caste Dynamics: Social Change in Labor Relations in Rural Society of the United Provinces, 19th-20th Centuries Lewis Willcox, St. Andrews, Rural Scotland and the Scottish Labour Movement: Social Change, Class and the Land Christian Westerhoff, Stuttgart: Politische Handlungsmacht und soziale Persistenz: Das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland in der Weimarer Republik 17:15 - 18:00 Abendpause 18:00 - 19:30 Abendveranstaltung Podiumsgespräch: Gegenwärtige Herausforderungen ländlicher Räume in Deutschland 09:00 - 11:00 Panel 4Harm Zwarts, Groningen: Cultivating Dependence. Farmers, Cooperatives, and Power in the Dutch Seed Industry, circa 1930–1990Gunter Mahlerwein, Mainz: Westdeutsche Dorfjugend in den NachkriegsjahrzehntenCarlotta Maria Vaglieri, Florenz: From Agriculture, Passing through Factories, to Warehouses. A History of Economic and Cultural Change of the Milanese Countryside from the 1970s to the Present Day 11:00 - 11:20 Kaffeepause 11:20 - 13:20 Panel 5Giota Tourgeli, Athen: From Refugee Settlements to Gastarbeiter Communities: Kinship, Labor Mobility, and Change in Rural Northern GreeceMarie Schneider, Bochum: Stadt, Land, Widerstand. Projektion und Praxis von Protest im ländlichen RaumElisabeth Kimmerle, Potsdam: Ein Frauenhaus für den ländlichen Raum. Gewalt gegen Frauen in Rendsburg seit 1977 13:20 - 13:45 Abschlussdiskussion Kontakt Redaktionsanschrift Archiv für Sozialgeschichte Godesberger Allee 149 53175 Bonn afs(at)fes.de Geschäftsführender Herausgeber Dr. Philipp Kufferath +49 228 883 8057 Philipp.Kufferath(at)fes.de