Lisa Herzog: The Democratic Marketplace

How a More Equal Economy Can Save Our Political Ideals, Cambridge: Harvard University Press (2025)

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Kurzgefasst und eingeordnet von Hans Peter Schunk.
Hans Peter Schunk ist Postdoc bei der Historischen Kommission für Hessen in Marburg.

Buchessenz

Kernaussagen

Demokratie und Kapitalismus stehen in einem tiefen Spannungsverhältnis zueinander: Während Demokratie auf Gleichheit, Teilhabe und Selbstbestimmung beruht, fördert der unregulierte Kapitalismus Ungleichheit, Machtkonzentration und Entfremdung. Eine stabile Demokratie erfordert daher die Demokratisierung der Ökonomie durch Mitbestimmung, gerechte Verteilung, ökologische Verantwortung und Zeit für politische Teilhabe. Gesellschaftlicher Wandel kann nur schrittweise und demokratisch erfolgen, wenn Märkte, Arbeit und Eigentum an gemeinsamen Werten wie Solidarität, Kooperation und Menschenwürde ausgerichtet werden. 

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Lisa Herzog verbindet Freiheit, Gleichheit und Solidarität, indem sie fordert, Demokratie auch auf die Wirtschaft auszuweiten. Arbeit gilt ihr als Ort demokratischer Sozialisation, weshalb Mitbestimmung und Teilhabe zentrale Prinzipien sind. Märkte sollen nicht abgeschafft, sondern demokratisch reguliert werden, um Macht und Ungleichheit zu begrenzen. Damit aktualisiert Herzog den sozialdemokratischen Gedanken einer Wirtschaftsdemokratie und einer sozialen Einbettung des Kapitalismus, die politische Freiheit erst möglich macht. 

Autorin

Lisa Herzog ist Philosophin und Sozialwissenschaftlerin sowie seit 2019 Professorin für Politische Philosophie am Center for Philosophy, Politics and Economics der Universität Groningen. Sie studierte Volkswirtschaftslehre an der LMU München sowie Philosophie und politische Theorie an der University of Oxford. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf den Themen „Demokratie am Arbeitsplatz“, „Berufsethik“ und „Die Bedeutung von Wissen in demokratischen Gesellschaften“. 


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Inhalt

Demokratie und Kapitalismus stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das lange als produktiv galt, da politische Freiheit und wirtschaftliche Dynamik einander zu stützen schienen. In der Gegenwart zeigt sich jedoch, dass kapitalistische Strukturen in zunehmendem Maß die Grundlagen demokratischer Ordnungen unterminieren. Demokratie ist nicht nur ein institutionelles System, sondern eine gesellschaftliche Praxis, die auf Gleichheit und Solidarität gründet. Sie beruht auf der Vorstellung der gleichen moralischen Würde aller Menschen und der Möglichkeit gemeinsamer politischer Willensbildung. Der Kapitalismus hingegen folgt der Logik von privater Verfügung, Konkurrenz und Effizienzsteigerung. Wird diese Logik nicht politisch begrenzt, führt sie zu ökonomischer Ungleichheit und zur Konzentration von Macht, wodurch die demokratischen Prinzipien der Gleichheit, Teilhabe und kollektiven Selbstbestimmung verdrängt werden. Eine Stabilisierung der Demokratie erfordert daher die Demokratisierung der Ökonomie. Märkte, Unternehmen und Arbeitsbeziehungen müssen so gestaltet werden, dass sie demokratische Grundwerte widerspiegeln. Dazu gehören die Mitbestimmung in Betrieben, eine gerechte Verteilung von Ressourcen, die Transparenz ökonomischer Entscheidungsprozesse und eine Begrenzung ökonomischer Macht.  

Zeit für Demokratie

Zeitmangel untergräbt die Demokratie von innen. Während Keynes 1930 davon träumte, dass die Menschen der Zukunft nur noch wenige Stunden pro Woche mit lebensnotwendiger Arbeit verbringen, ist die Realität eine andere: Millionen quälen sich mit Überstunden, Pendeln und unbezahlten Pflichten. Wahre Wahlfreiheit gibt es selten, da hohe Lebenshaltungskosten, fehlende Absicherung und Marktdruck zu langen Tagen zwingen. 

Freie Zeit ist in der Demokratie indes kein Luxus, sondern die Voraussetzung für Freiheit. Denn ohne sie bleiben demokratische Grundwerte wie das Versammlungsrecht oder die politische Teilhabe leere Worte. Erst gemeinsame Freiräume ermöglichen echte Begegnung.  

Der Kapitalismus belohnt allein Marktleistung und ignoriert Sorge- und Pflegearbeit. Die Erziehung von Kindern, die Pflege von Alten und Kranken sowie die Stärkung der Nachbarschaft bleiben unsichtbar, obwohl sie das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts bilden. Die skandinavischen Länder zeigen mögliche Auswege: durch öffentliche Kitas, Elternzeit und flexible Teilzeit.  

Experimente in Großbritannien und Island haben gezeigt, dass die Einführung der Vier-Tage-Woche dazu beitragen kann, ohne Umsatzverlust das Stresslevel zu senken und die Leistung zu steigern. Die dabei gewonnene Zeit sollte nicht nur privat verbracht werden, sondern Raum für öffentliche Arbeit schaffen. Hierzu zählen die Pflege von Gemeinschaftsgütern, die Schlichtung von Konflikten oder der Umweltschutz. Gemeinsame Projekte wie diese schulen die Kompromissfähigkeit, lassen Vielfalt erleben und bauen Vertrauen auf. Sabbaticals, Freistellungen für Kandidat_innen und ein fester Bürger_innentag könnten Unternehmen dazu zwingen, zum Gemeinwohl beizutragen. So entsteht die nötige Flexibilität für Transformationen. Eine Gesellschaft, die Markt und Bürgerarbeit klug verbindet, wird resilienter, gerechter und demokratisch lebendiger. 

Märkte, Unternehmen und ihre Allianz gegen die Demokratie

Auf den ersten Blick erscheint die Idee des freien Marktes als ideale Form der demokratischen Wirtschaftsregulierung. Ohne politische Begrenzung wird der freie Markt aber von Konzernen dominiert, die Aktionärsgewinne maximieren, indem sie die Kosten durch die Ausbeutung von Arbeitern und die rücksichtslose Extraktion natürlicher Ressourcen externalisieren. Die Ausbreitung marktlicher Logik in andere Bereiche des Lebens stößt Individuen in gnadenlose Konkurrenz und führt zu Umweltzerstörung. Globale Aspekte wie internationale Konzerne und Finanzmärkte führen zu Machtungleichgewichten, die gleichsam eine Refeudalisierung der Wirtschaft bedeuten. 

Demokrat_innen können Märkte daher weder pauschal befürworten noch ablehnen; vielmehr hängt ihre Sinnhaftigkeit von demokratisch gesetzten rechtlichen und sozialen Normen ab. Märkte müssen am Gemeinwohl orientiert sein und benötigen hierfür eine Einbettung in nichtmarktliche Institutionen, die eine faire Verteilung, echte Freiwilligkeit sowie die Bedürfnisbefriedigung aller gewährleisten und vor Täuschung bzw. psychologischer Manipulation durch Algorithmen sowie vor negativen Externalitäten wie Klimaschäden schützen. Effizienz beim Wirtschaften ist relevant, doch sie muss wertegeleitet sein, bspw. durch die Priorisierung von Erneuerbaren Energien und die Erhaltung des nichtmonopolisierten Wettbewerbs.  

Märkte fördern einen Individualismus, der auf kurzfristigem Vorteil basiert und keine bleibenden Bindungen schafft. In einer reinen Marktgesellschaft werden alle sozialen Beziehungen der ökonomischen Logik unterworfen und monetarisiert – gesellschaftlicher Zusammenhalt wird unmöglich. Eingebettet und begrenzt ermöglichen Märkte jedoch produktiven Austausch. Sie müssen allerdings auch durch Selbstversorgung, öffentliche Güter und demokratische Teilhabe ergänzt werden. Konzerne und Arbeitsstrukturen erfordern zudem separate Demokratisierung. 

Arbeiter: Untergebene oder Bürger_innen?

Arbeit nimmt für viele Menschen den größten Teil ihrer wachen Lebenszeit ein und prägt wesentlich ihren Charakter und ihre Identität. Arbeitsplätze prägen in diesem Sinne auch die demokratische Haltung der Bürger_innen grundlegend, weshalb eine Demokratisierung der Ökonomie Mitsprache auf allen Ebenen, von Betriebsräten bis zu Kooperativen, voraussetzt. Solch partizipative Strukturen motivieren, verbessern Entscheidungen und lehren Bürgersinn.  

Solange Eigentum und Macht hingegen ungleich verteilt sind, bleibt Arbeit hierarchisch. Die gegenwärtigen Strukturen führen zu asymmetrischen Arbeitsverhältnissen oder Prekarität: Viele Arbeiter_innen stehen vor der Wahl zwischen flexiblen, aber unsicheren Jobs oder hierarchischen Bürokratien mit Vorgesetzten, denen gegenüber sie machtlos sind. Ökonomische Optimierungen wie Outsourcing führen zu „brüchigen Arbeitsumgebungen“: Große Firmen lagern Aufgaben aus, drücken Löhne und verschlechtern die Rahmenbedingungen der Arbeit. Die neueste Form der prekären Arbeit stellt die „Plattformarbeit“ dar, bei der Vorgesetzte durch Anweisungen von Algorithmen ersetzt werden. Dies verspricht vermeintlich Autonomie, führt aber zu Niedriglöhnen, fehlender Mitbestimmung und Entfremdung. Demokratische Firmen brauchen Gegenmacht, Rechenschaft und Experimente mit Eigentumsformen, um Unternehmen dem Gemeinwohl zu verpflichten. 

Demokratische Gesellschaften dürfen Menschen, die einfacher Arbeit nachgehen, nicht wie Untertanen behandeln, sondern müssen alle Formen von Arbeit als gleichberechtigte Beiträge betrachten. Sie sollten Schutz vor Schäden, faire Bedingungen, Diskriminierungsfreiheit und Chancen zum Jobwechsel gewähren sowie, als letzte Sicherung, eine öffentliche Jobgarantie schaffen: einen staatlich garantierten, unbefristeten und existenzsichernd bezahlten Arbeitsplatz mit voller Sozialversicherung in sinnvoller, lokal benötigter Tätigkeit für jede Person, die arbeiten will und keinen regulären Job findet. Damit setzen sie verbindliche Mindeststandards für Würde und Einkommen und stabilisieren die demokratische Gesellschaft. 

Ungleichheit: Warum Demokratien weniger davon brauchen

Die ökonomische Ungleichheit, die seit den 1970er Jahren signifikant zugenommen hat, untergräbt das Ideal der Gleichheit und die demokratische Ordnung. Sachverhalte wie das 300:1-Verhältnis einer CEO-Vergütung und schnell wachsende Vermögenslücken sind alarmierend. Diese Disparitäten trennen Lebenswelten: Wohlhabende Personen meiden den öffentlichen Raum, und jungen Menschen wird der Immobilienerwerb ohne familiäre Unterstützung nahezu unmöglich gemacht. Märkte honorieren Knappheit, nicht jedoch den gesellschaftlichen Beitrag, weshalb systemrelevante Berufe wie die Pflege chronisch unterbezahlt bleiben.  

Demokratisch zersetzend wirkt vor allem die ungleiche Machtverteilung: Geld erkauft Einfluss auf Politik, Bildung und Gesundheit, dominiert gesellschaftliche Diskurse und trennt Lebenswelten durch Klassenbildung, was Unterwerfung und einen sinnlosen Statuswettlauf fördert. Die Beseitigung dieser Schieflage stärkt Demokratie und Innovation. Gleichere Gesellschaften bringen Talente durch gerechtere Chancenstrukturen besser zur Entfaltung.  

Lösungsansätze müssen darauf abzielen, Ungleichheit gar nicht erst entstehen zu lassen. Konkret geht es hierbei um faire Löhne und Mitbestimmung sowie darum, gerechte Chancen schon vor der Verteilung von Einkommen zu gewährleisten. Dazu gehören höhere Erbschaftssteuern in Verbindung mit Kapitalgaben für junge Bürger_innen, Jobgarantien und eine starke soziale Absicherung. Ein Einkommensverhältnis von höchstens 1:10 zwischen einfachsten und höchsten Positionen gilt als Voraussetzung für eine stabile Mittelschicht und die politische Gleichheit der Bürger_innen. 

Von Wachstum zu Funktionen

Der Faktor Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, beherrscht die Debatten. Er erfasst jedoch nur den marktbasierten Umsatz, während Ungleichheit, Umweltschäden sowie unbezahlte Arbeit ausgeblendet werden. Historisch versöhnte das Wirtschaftswachstum Demokratie mit Kapitalismus, indem es allen absolute Zuwächse bescherte. Heute lahmt es in reichen Ländern durch säkulare Stagnation und begünstigt primär Reiche. Hinzu kommt, dass Wirtschaftswachstum auf fossiler Ausbeutung fußt, die den Klimawandel und das Artensterben vorantreibt. Die grüne Transformation gelingt nur mit sozialer Absicherung, Ungleichheitsabbau, Jobgarantien und Umschulungen für Betroffene. Dabei ist der Gegensatz zwischen grünem Wachstum durch Effizienzsteigerung und Postwachstum mit Fokus auf Bedürfnisbefriedigung jenseits des BIPs geringer als gedacht, da beide Lager die planetaren Grenzen achten, eine Bepreisung von Externalitäten verlangen und Innovation fördern. 

Entscheidend bleibt eine demokratische Steuerung, die den Kapitalismus zügelt. Statt Wachstumszwang braucht es eine funktionale Ökonomie: Institutionen müssen von demokratisch definierten Zielen wie Bedürfnisbefriedigung, Nachhaltigkeit und Teilhabe gelenkt werden. Märkte bleiben nützlich, doch streng reguliert: Gewinne müssen gesellschaftlichen Funktionen dienen, nicht umgekehrt.  

Demokratie auf offener See reparieren

Der gegenwärtige Kapitalismus erzeugt Ungleichheit, Abhängigkeit und politische Ohnmacht. Dennoch bietet er Räume, in denen Wandel möglich ist – sofern zugleich ökonomische Praktiken, Eigentumsverhältnisse und soziale Normen reformiert werden. Zentrale Voraussetzung ist, dass gesellschaftliche Mehrheiten neue Vorstellungen von Ehre und Anstand entwickeln, etwa indem Effizienz nicht länger als oberster Wert und Eigentum nicht länger als unantastbar gelten. Eine demokratische Wirtschaft gründet auf Gleichwertigkeit, sozialer Sicherheit und gemeinsamer Verantwortung. Ihr Ziel ist nicht Effizienz, sondern die Ermöglichung menschlicher Selbstbestimmung, Kooperation und Fürsorge als wirtschaftliche Entsprechung demokratischer Prinzipien. Anstelle von Konkurrenz und Gewinnstreben sollte deshalb Kooperation die Grundlage des ökonomischen Handelns bilden.  

Demokratischer Wandel folgt dabei dem Prinzip des „Neurath’schen Bootes“: Institutionen werden nicht schlagartig vollständig ersetzt, sondern Stück für Stück erneuert. Gesellschaftlicher Wandel entsteht also nicht durch Revolution, sondern durch schrittweise, demokratisch getragene Veränderungen, die bestehende Machtverhältnisse verschieben. Diese Machtverschiebungen müssen reale Entscheidungs- und Beteiligungsspielräume eröffnen, etwa durch Arbeiterkammern, Bürgerforen oder repräsentative Losverfahren. Zugleich erfordert ein gerechteres Wirtschaftssystem die Reduktion von Angst und ökonomischer Unsicherheit, die heute viele Menschen lähmen.  

Votum

Das Buch überzeugt durch eine präzise Analyse der Spannungen zwischen Demokratie und Kapitalismus und durch realistische Reformvorschläge, die soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung und politische Teilhabe verbinden. Besonders fruchtbar ist die Aktualisierung der Idee einer Wirtschaftsdemokratie und die Betonung von Kooperation anstelle von Konkurrenz. Konkrete institutionelle Umsetzungswege und globale Perspektiven werden zwar nur angerissen; weitere Vorschläge wären hier wünschenswert. Dies schmälert den klugen, normativ klaren und konstruktiven Beitrag von The Democratic Marketplace zur Erneuerung demokratischer Gesellschaften jedoch nicht. 

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Verlag:Harvard University Press
Erschienen: 12.08.2025
Seiten: 248
ISBN:9780674299894

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