Arlie Russell Hochschild: Geraubter Stolz

Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Hamburg: Hamburger Edition (2025)

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Kurzgefasst und eingeordnet von Thilo Scholle.
Thilo Scholle ist Jurist und Referatsleiter in einem Bundesministerium.

Buchessenz

Kernaussagen

Neben der materiellen Ökonomie, also der realen ökonomischen Lage, leben viele Menschen auch in einer Stolzökonomie. Innerhalb dieser werden realökonomische Umbrüche und das eigene Scheitern auf dem Arbeitsmarkt als Gefühle von Verlust und Scham verarbeitet. Am Aufstieg von Donald Trump lässt sich beobachten, wie sich diese Gefühle in politisches Kapital umwandeln lassen. Progressive Politik muss diesen Mechanismus verstehen, um überhaupt wieder diskursiv von den betroffenen Bevölkerungsgruppen wahrgenommen zu werden, und an Empathiebrücken auch in diese Lager hinein arbeiten. 

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Der Aufstieg von Donald Trump, möglich gemacht mit Stimmen insbesondere auch aus wirtschaftlich abgehängten Regionen, beinhaltet Aspekte, die nur schwer zu begreifen sind: Wie können Menschen, die in Trumps erster Amtszeit durch keinerlei politische Maßnahmen seiner Regierung unterstützt wurden und die voraussichtlich auch in der zweiten Amtszeit wenig materiell Positives erwarten können, trotzdem für Trump stimmen? Mit der Diskussion der Gefühle von Verlust und Scham bietet Arlie Hochschild im vorliegenden Band eine Folie, um die Wahrnehmungen großer Politik in abgehängten Regionen zu fassen und so auch ein Stück weit die identitätspolitische Enge einer allein auf Kulturkämpfe fokussierenden Perspektive zu überwinden. Für die Mehrheitsfähigkeit einer Politik der Sozialen Demokratie auch in Deutschland erscheint der von Hochschild gewählte Ansatz nicht uninteressant, um den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen einordnen zu können. 

Autorin

Arlie Russell Hochschild, geb. 1940 in Boston, ist emeritierte Professorin für Soziologie an der University of California in Berkeley. Geprägt ist ihre Forschung von Fragen der Verbindung von Arbeits- und Lebenswelten, etwa mit Blick auf die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. 


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Inhalt

In ihrem letzten Buch „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ machte Hochschild soziologische Beobachtungen unter Einwohner_innen der Bayous und Arbeiter_innen in der petrochemischen Industrie in Louisiana. Zutage gefördert wurde dabei eine halb vergrabene „Tiefengeschichte“: Die Menschen hatten das Gefühl, mit Blick auf die eigenen gesellschaftlichen Aufstiegschancen in einer „Schlange zu stehen und darauf zu warten, dass sie dem amerikanischen Traum näher rückten. In dieser Schlange herrschte jedoch Stillstand, weil sich – nach ihrem Eindruck – Frauen, Afroamerikaner, Einwanderer und Geflüchtete ‚vordrängelten‘. Um dieser wahrgenommenen Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten, wandten sich die Leute in der Schlange rechten politischen Kräften zu.“ 

Der Fokus des vorliegenden Buches verschiebt sich vom Süden der USA hin zu den Höhenzügen der Appalachen mit Schwerpunkt im östlichen Kentucky. Kentucky galt lange als gemäßigt, ist in letzter Zeit aber zunehmend nach rechts gerückt. So wählten 2016 und auch 2020 achtzig Prozent der Wähler_innen Donald Trump. Die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung beantwortet Hochschild durch eine Verbindung von übergreifenden gesellschaftswissenschaftlichen Einsichten mit Beobachtungen vor Ort. Der Schwerpunkt dieser Beobachtungen liegt in Pike County, einem lange Zeit von Bergbau geprägten und während der Hochzeit des Bergbaus zu bescheidenem Wohlstand gekommenen Gebiet mit etwa 59 000 Einwohner_innen. Getroffen wurde dieser Kreis nicht nur vom Abstieg des Bergbaus, sondern zudem von der Drogenkrise. Die Abhängigkeit von Schmerzmitteln wie OxyContin ist weit verbreitet, was zu „Todesfällen durch Überdosierung und erheblichem Leid“ führte. Diese Entwicklungen müssen beachtet werden, denn sie sind eng verbunden mit Gefühlen wie Stolz und Scham, die von Politiker_innen wie Trump bewusst adressiert werden: 

„Wenn eine Führungspersönlichkeit Anhänger anspricht, so geschieht das gewöhnlich über Emotionen. Sie sind kein zufälliges Beiwerk rationaler Auseinandersetzungen über politische Maßnahmen, als die wir uns Politik vorstellen. Im Gegenteil: Politik kann das Tablett sein, auf dem Emotionen serviert werden. Und um politisierte Emotionen zu verstehen, müssen wir begreifen, was Menschen durchgemacht haben und woran ihnen etwas liegt.“ 

Viele Menschen in den Appalachen sind gefangen in einem Stolzparadox: einerseits sehr stolz auf harte Arbeit und persönliche Verantwortung, andererseits – im Fall des Scheiterns – anfällig für Schamgefühle. Das unter Druck geratene Wirtschaftsumfeld ließ die Erfolgsaussichten schwinden und senkte damit auch die Anfälligkeitsschwelle für Scham erheblich. Was passiert, wenn die vorrangige Quelle von Stolz in einer Gemeinschaft – etwa gut bezahlte Arbeitsplätze – verschwindet oder wenn alte Fertigkeiten oder Traditionen nutzlos und wertlos werden? Und was passiert, wenn Gefühle von Verlust und Scham „zum ‚Erz‘ werden, nach dem Politiker schürfen?“ Hier stößt Hochschild erneut auf die Tiefengeschichte aus ihrem vorherigen Buch:  

„In der rechten Tiefengeschichte ist die Hauptfigur ein Mann, der geduldig in der Schlange vor dem amerikanischen Traum auf dem Gipfel eines hohen Berges wartet. Seine Füße sind müde. Er hat das Gefühl, er müsste bald an die Reihe kommen, aber die Schlange bewegt sich nicht weiter. Er steht recht weit vorne in der Schlange, schaut aber nur selten zurück, um zu sehen, wie viele Menschen, vor allem People of Color, hinter ihm warten. Dann entdeckt er einige Leute, die sich vor ihm in die Schlange drängen – Vordrängler. Wer sind sie? Es sind gebildete Frauen und Schwarze, die nach seinem Empfinden durch staatliche Förderung nach vorn kommen. Dazu gehören auch Einwanderer, Flüchtlinge und gut bezahlte Staatsdiener. Der Mann sieht einen demokratischen Präsidenten, der den Vordränglern zuwinkt. ‚Ermuntert er sie etwa, mich zu übergehen?‘, fragt er sich. In einer anderen Version der rechten Tiefengeschichte dreht sich jemand vor ihm in der Schlange herum und kritisiert den geduldig wartenden Mann: ‚Ignorant, Sexist, Rassist, Homophober, Redneck!‘ Für den Mann in der Schlange ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ 

In der Schlange findet sich zudem ein Rüpel, der seine Freunde vorlässt und alle, die sich beschweren, verprügelt. In der rechten Tiefengeschichte steht dies sinnbildlich für das urban geprägte demokratische Amerika. Und nun taucht mit Donald Trump ein weiterer Rüpel auf – einer, der auch in den Augen seiner Wähler_innen zwar offensichtliche Mängel haben mag, aber dennoch ein „guter Rüpel“ ist, weil die Bundesregierung und die Demokratische Partei, gegen die er wettert, aus der Sicht seiner Wähler_innen noch um vieles schlechter sind als er. 

In der Beschreibung der Region um Pikeville lassen sich drei unterschiedliche Arten von Verlust feststellen: der Verlust von Arbeitsplätzen, die Entwertung all jener Dinge, die nach diesem Verlust noch da waren, also Tradition, Land und Einfallsreichtum, und der relative Wertverlust des Landlebens im Vergleich zum relativ steigenden Wert des Stadtlebens. Diese Verluste sind die Quelle von Scham. Trump setzt daran mit einem vierstufigen „Anti-Scham-Ritual“ an:  

„In Stufe 1 macht Trump eine provozierende öffentliche Äußerung, die gegen die Regeln des politischen Anstands verstößt. […] In Stufe 2 beschämen Experten Trump. […] In Stufe 3 […] stellt Trump sich als Opfer von Schamkampagnen dar: Schaut, was sie mit mir machen. Ich bin gut. Sie sind schlecht. Und das könnte euch genauso passieren, also steht zu mir. […] In Stufe 4 wütet Donald Trump gegen die, die ihn beschämen […]. Diese vierte Stufe ist entscheidend, weil die allzu Beschämten […] sie als starke kathartische Befreiung empfinden: Das ist unser Rüpel in Aktion.“  

Vielen Amerikaner_innen waren Dinge, an die sie glaubten oder die sie wertschätzten, tatsächlich abhandengekommen. „Durch seine tägliche Opferrhetorik lenkte Trump die emotionale Ausrichtung von ‚verloren‘ hin zu ‚gestohlen‘. […] Die Bestohlenen waren Opfer. Und Donald Trump, so reich, berühmt und mächtig er war, wurde für viele Menschen zu einem wirkmächtigen Symbol des Opferseins.“  

In den vergessenen Regionen gibt es neben der Forderung nach guten Arbeitsplätzen auch die Forderung nach einem „emotionalen New Deal, um die Verluste in der Stolzökonomie wettzumachen“. Helfen könnte es, über politische Grenzen hinweg Kontakte zu knüpfen und gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Gefühle und Erfahrungen zu wecken. Letztlich müssen ausgestreckte Hände auf beiden Seiten gesucht und ergriffen werden, wobei hier nicht die Parteien gemeint sind, sondern das „Oben“ und „Unten“ aktueller Entwicklungen. Die erste Aufgabe, um die Spaltung zu überwinden, besteht darin, die Gesichter zu erkennen. Die zweite Aufgabe ist es, auf der Hut zu sein vor einem möglichen Blitzangriff auf die amerikanische Demokratie. 

Votum

Hochschilds Ansatz einer Mischung aus Beobachtung vor Ort und dem Abgleich mit übergreifenden soziologischen Erkenntnissen überzeugt. Ihr Buch ist vor allem ein Plädoyer dafür, Verlustgefühle ernst zu nehmen und keine tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Hierarchisierung unterschiedlicher Verlustgefühle vorzunehmen. Besonders beeindruckend ist ihre Analyse, wie es vor diesem Hintergrund jemandem wie Donald Trump gelingen kann, von Menschen, für die er zumindest objektiv ökonomisch nichts tut, als einer der ihren wahrgenommen zu werden. Etwas weniger überzeugend sind die von Hochschild aufgezeigten Auswege. Ihre Aufforderung zum persönlichen Austausch mit der „anderen“ Seite ist hingegen nicht geringzuschätzen: In Zeiten von sich immer stärker abschließenden digitalen Diskursräumen könnte dies der einzige verbliebene Ort realer Diskussion und vorsichtiger Annäherung sein. In jedem Fall handelt es sich um ein interessantes Buch, das eine neue Perspektive bietet und zu weiterem Nachdenken anregt. 
 

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Verlag: Hamburger Edition
Erschienen: September 2025
Seiten: 360
ISBN:978-3-86854-875-4

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