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Kurzgefasst und eingeordnet von Laura Brandt.Laura Brandt ist Politikwissenschaftlerin und Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie forschte und lehrte in Wien und Berlin zu feministischen Fragestellungen.
Neben toxischer Männlichkeit existiert auch toxische Weiblichkeit, die dazu beiträgt, bestehende patriarchale und kapitalistische Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Toxische Weiblichkeit erschwert Solidarität unter Frauen und hemmt einen emanzipatorischen Feminismus.
Die feministische Utopie von Sophia Fritz deckt sich mit den Kämpfen sozialdemokratischer Feministinnen für eine geschlechtergerechte Gesellschaft. Frauensolidarität als wichtiger Bestandteil der Sozialen Demokratie kann durch die von Fritz geforderte Selbstreflexion weiter gestärkt werden. Die Soziale Demokratie kann den Beitrag von Fritz nutzen, um die eigenen feministischen Programme und Ansätze zu überprüfen: auf die Reproduktion des Opfermythos oder die Ausflucht in einen individualistischen Karrierefeminismus. Ein sozialdemokratischer Feminismus kann nur ein frauenfreundlicher Feminismus sein, ohne Scham, ohne Hierarchie und außerhalb misogyner Stereotype. Auf dem Weg zu einer hierarchiefreien Gesellschaft wird es daher zum sozialdemokratischen Kernanliegen, die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung von toxischer Weiblichkeit und toxischer Männlichkeit zu adressieren.
Sophia Fritz, geboren 1997, studierte Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Ihr literarisches Debüt gab sie 2021 mit dem Roman Steine schmeißen, gefolgt von Kork im Jahr 2022. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schreibt sie regelmäßig für ZEIT ONLINE und ist außerdem ausgebildete Jugendguide für Gedenkstätten, Hospizbegleiterin sowie Tantramasseurin.
Toxische Männlichkeit ist innerhalb feministischer Debatten ein weitgehend abgesteckter Begriff. Männlichkeit ist toxisch, wenn sie sich in Dominanzverhalten, Aggressivität, der Unterdrückung von Emotionen und der Abwertung von Weiblichkeit äußert. Sie ist schädlich für die Gesellschaft und auch für Männer selbst, da sie Machtverhältnisse stützt und Gewalt fördert.
Während Feministinnen die Symptome toxischer Männlichkeit benennen und in den sozialen Medien, in Büchern sowie in Podcasts über Gaslighting, Mansplaining oder Männergewalt diskutieren, bleibt eine kritische Auseinandersetzung mit Weiblichkeit weitgehend aus. Vielmehr wird Weiblichkeit meist als friedliches und erstrebenswertes Pendant zu toxischer Männlichkeit verstanden. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass im Patriarchat auch weibliche Verhaltensweisen gefördert werden, die weder von Empathie noch von Integrität zeugen. Um diese patriarchalen Denkmuster zu durchbrechen und Frauen einen authentischen und ehrlichen Umgang mit sich selbst und anderen zu ermöglichen, ist eine feministische Auseinandersetzung mit toxischer Weiblichkeit notwendig.
Toxische Weiblichkeit kann nicht mit toxischer Männlichkeit gleichgesetzt werden. Vor allem ist sie nicht im gleichen Maße schädlich für die Gesellschaft: Toxische Weiblichkeit ist nicht tödlich und entspringt stets einer untergeordneten gesellschaftlichen Position. In Abgrenzung zu toxischer Männlichkeit ist sie eine Notlösung für Frauen, um in einer patriarchalen Gesellschaft fortzubestehen. Toxische Weiblichkeit zementiert die Unterordnung von Frauen weiter und ist daher in erster Linie schädlich für Frauen selbst. Während Männer ausschließlich unter der eigenen Prägung leiden – also häufiger Suizid begehen, früher sterben und häufiger von anderen Männern umgebracht werden –, leiden Frauen unter Männern und unter sich selbst. Trotzdem sind beide Verhaltensweisen toxisch, denn beide basieren auf einem Denken in Hierarchien, Verunmöglichen von Begegnungen auf Augenhöhe und dem Verstetigen bestehender Herrschaftsstrukturen.
Weiblichkeit wird in Kategorien gedacht und hierdurch kontrolliert. Durch sexistische Fremdbestimmungen wie das gute Mädchen, die Powerfrau, die Mutti, das Opfer oder die Bitch werden frauenfeindliche Stereotype reproduziert und falsche Rahmen für Weiblichkeit gesetzt. Übertreten Frauen diese Grenzen, werden sie durch Beschämung sanktioniert. Schnell wird aus der Mutti eine Helikoptermama oder aus der selbstbewussten Chefin eine Diva.
Für eine emanzipatorische Kritik von Weiblichkeit ist es nötig, sich mit diesen misogynen Prototypen auseinanderzusetzen. Ist es möglich, sich diese Kategorien feministisch anzueignen? Welche frauenfeindlichen Annahmen liegen ihnen zu Grunde? Und welche positiven Potenziale weiblicher Prägung werden dabei sichtbar?
Möglichst unauffällig zu sein, keine Probleme zu bereiten und unter die Haube zu kommen ist bis heute ein grundlegender Bestandteil weiblicher Prägung. Frauen sollen nicht auffallen, Wut bleibt unerwünscht. Das führt zu Selbstzensur: Frauen passen sich unbewusst den Bedürfnissen anderer an und glauben, nur so geliebt werden zu können. Die Konditionierung zum guten Mädchen entfremdet vom eigenen Ich. Aus Angst, zu viel zu sein, werden Grenzen nicht ausgesprochen, Authentizität wird unmöglich: „So wie ich das sehe, trauern wir eigentlich um unsere Authentizität. […] Je mehr wir versuchten, anderen zu gefallen, desto entfremdeter von uns selbst, desto einsamer fühlten wir uns.“
In Beziehungen führt dies zu Schwierigkeiten. Das gute Mädchen vermeidet Konfrontation und sagt nicht nein, sondern sucht Ausreden und wird passiv-aggressiv. Dem Gegenüber wird nicht zugetraut, mit dem eigenen Egoismus umgehen zu können. Vor allem Frauenfreundschaften leiden darunter. Konflikte und aufrichtige klärende Gespräche fallen dem Harmoniebedürfnis beider Frauen zum Opfer. Dies führt zu einem unehrlichen Bezug von Frauen aufeinander und oftmals auch zum Zerbrechen von Frauenfreundschaften. Eine feministische Perspektive muss hier ansetzen: Sie verlangt mehr als Solidarität – sie braucht die Bereitschaft zur ehrlichen Auseinandersetzung. Eine echte Schwesternschaft lässt Raum für Konflikte und unzensierte Kommunikation.
Doch die Rolle des guten Mädchens dient auch der Kontrolle: Empathie wird zum Schutzschild. Wer sich ganz auf andere konzentriert, muss sich selbst nicht zeigen. Nähe wird geschaffen, ohne sich verletzlich zu machen. Das Gegenüber öffnet sich, das gute Mädchen bleibt verborgen.
Gleichzeitig birgt diese Prägung auch emanzipatorisches Potenzial. Gefühle wahrzunehmen und Bedürfnisse zu erkennen, gehört zur weiblichen Sozialisation – diese Fähigkeit gilt es, auf sich selbst anzuwenden und hieraus Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen. Anstatt auf das Wohlwollen anderer angewiesen zu bleiben, kann Empathie mit sich selbst zu einem Instrument der Abgrenzung und der Selbstliebe werden. Die Konditionierung des guten Mädchens wird zum Instrument weiblicher Ermächtigung.
„Bei der Powerfrau geht es um Power, nicht um Love.“ Die Powerfrau ist eine zweite Strategie, um mit den Anforderungen des Patriarchats umzugehen. Anders als vielfach propagiert, kann die Powerfrau nicht außerhalb patriarchaler Unterdrückung verstanden werden. Vielmehr ist sie „das gute Mädchen 2.0.“
Wie das gute Mädchen wird auch die Powerfrau angetrieben von der Annahme, weder Unterstützung noch Liebe zu verdienen. Dies wird verdeckt unter einer als emanzipatorisch imaginierten Vorstellung von Eigenständigkeit. Die Powerfrau perfektioniert Körper- und Emotionskontrolle und performt Unabhängigkeit. Aus Angst vor Zurückweisung agiert sie dabei präventiv: Sie fragt nicht nach Umarmungen oder Pausen und auch nicht danach, gesehen zu werden.
Dabei will die Powerfrau perfekt sein. Ihre Sozialisierung verlangt Unsichtbarkeit, ihr Ehrgeiz jedoch gesellschaftliche Anerkennung. Daher muss sie sicherstellen, dass an ihr nichts auszusetzen ist. Erst in der Perfektion wird sie sichtbar.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Powerfrau ideal ausbeuten. Sie bezieht sich hierarchisch auf ihr Umfeld und wertet andere Frauen ab. Durch die unkritische Übernahme von patriarchalem Verhalten reproduziert sie Konkurrenz, Narzissmus und Vereinzelung unter Frauen. Sie ist die perfekte Arbeitsbiene und die ideale Konsumentin. Auf ihrer Suche nach Perfektionismus investiert sie in das nächste überteuerte Beauty-Produkt. In ihrem Streben nach Anerkennung und Macht richtet sich die Powerfrau am male gaze aus – also dem männlichen Blick auf sich. Sie hat sich stets unter Kontrolle, ist topfit und stets attraktiv.
Klar ist, die Powerfrau ist keine emanzipatorische Strategie. Weiblicher Widerstand muss darin bestehen, sich nicht kontrollieren zu müssen, Fehler zu begehen und ungemütlich sein zu dürfen. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen Frauen Menschen sein können – ohne Regulierung, Hierarchie und Beschämung.
Die Mutti ist die gute Frau. Sie ist moralisch überlegen und gesellschaftlich akzeptiert. Der Anspruch an die Mutti ist es, sich instinktiv und stets selbstlos um die Kinder und den Mann zu kümmern. Sie ist gut und unschuldig. Mit dem Vorbild der Mutter Gottes als unbefleckte Jungfrau eifert sie einem unrealistischen Frauenbild nach.
In ihrer ständigen Bereitschaft zur Aufopferung liegt ein Moment weiblicher Übergriffigkeit. An das ständige Geben knüpft sie die Erwartung, Dankbarkeit und Anerkennung ihres Gegenübers zu erhalten – ohne dies je laut auszusprechen. Die Mutti verbietet es sich selbst, diese Anerkennung explizit einzufordern, da sie als radikal selbstlos wahrgenommen werden will. Diese vermeintliche Selbstlosigkeit mündet in Frust und Wut, wenn die Bestätigung ausbleibt und die Mutti realisiert, dass sie sich selbst konstant vernachlässigt und unterdrückt.
Indem sie sich selbst ständig übergeht, ist es ihr auch nicht möglich, die Grenzen anderer zu sehen. Bemutterung kann daher als Form emotionaler Manipulation verstanden werden und ist somit eine toxisch weibliche Eigenschaft, um sich selbst in eine übergeordnete Rolle zu heben. Dem Gegenüber wird mit Mitleid begegnet, die Unzulänglichkeiten werden aufgezeigt, man wird belächelt und verhätschelt. Die Bemutterung des Partners oder der Kinder ist ein Moment der Kontrolle. Toxisch ist, dass man sich hierbei nicht auf Augenhöhe begegnet, sondern eine Schieflage entsteht, in der auf der einen Seite nach Anerkennung und Liebe gehungert wird. Während auf der anderen Seite Misstrauen oder Gewissensbisse entstehen.
Einen Ausweg bietet eine neue Form der Mütterlichkeit: Die emotional gesättigte Mutter offenbart sich endlich selbst. Sie stellt ihr Wohl über die Sorge um andere Personen und gibt, um des Gebens willen und nicht, um etwas im Gegenzug zu erhalten.
Eine Schwesternschaft unter Frauen wird oftmals konstruiert durch ein gemeinsames Leiden am Patriarchat. Die Frau versteht sich selbst als Opfer und tauscht sich mit Freundinnen über sexistische Erfahrungen im Alltag oder der Beziehung aus. Dabei reduzieren Frauen sich jedoch auf eine passive Rolle – eine Rolle, die auch genutzt werden kann, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen.
Gleichzeitig sind Frauen Täterinnen. Sie werden oftmals zu Zeuginnen von Sexismus und Gewalt und schweigen dabei. Sie sehen zu, wie die eigenen Töchter von Männern sexualisiert werden. Dies löst in der folgenden Generation Misstrauen gegenüber Frauen aus. Den Töchtern fehlt die Erfahrung von Frauensolidarität. Diese tiefe Enttäuschung über die Feigheit der eigenen Mutter muss anerkannt und thematisiert werden.
Der Opferstatus kann nicht der Grundbaustein einer emanzipatorischen Weiblichkeit sein. Vielmehr ist er toxisch in dem Sinne, dass er Frauen aus der Verantwortung nimmt und ihre Handlungsmacht verkennt. Gleichzeitig muss jedoch anerkannt werden, dass gesamtgesellschaftlich eine systemische Unterlegenheit von Frauen existiert, die nicht einfach durch das Individuum überwunden werden kann.
Die Herausforderung liegt also darin anzuerkennen, dass Frauen immer wieder in das Opferdasein gezwungen werden, sie gleichzeitig jedoch nicht als Kollektiv darin verharren müssen und diese Rolle sogar ausnutzen können.
Die Bitch bewegt sich außerhalb des gesellschaftlich akzeptierten Bildes der zugänglichen Frau. Sie ist der Albtraum des guten Mädchens. Sie identifiziert sich mit negativ konnotierten Eigenschaften wie Intriganz, Manipulation und Kalkül. Sie ist bewusst egoistisch; in ihrer Gleichgültigkeit liegt ihre Superkraft. Die Bitch bestimmt selbst, was gut und was schlecht für sie ist und geht Konflikten nicht aus dem Weg. Dabei geht es ihr jedoch nicht um den Spaß an der Reibung, sondern vielmehr um Selbstschutz. Die Bitch ist eine weitere Strategie, um innerhalb patriarchaler Strukturen als Frau zu funktionieren. Sie hat gelernt, ihre eigenen Grenzen zu verteidigen und ihre Wut auszudrücken. Unter den Prototypen ist sie der selbstbewussteste Coping-Mechanismus.
In dieser Haltung fordert die Bitch das bestehende System heraus. Ihre Abwertung ist eine Reaktion des Patriarchats auf die Angst vor weiblicher Gegenwehr. Sie wird abgewertet, weil sie sich gegen männliche Dominanz stellt und sich nicht von außen bestimmen lässt. Auch die Sexualisierung durch den male gaze eignet sich die Bitch schlicht an. Sie ist stolz auf ihre Lust und schämt sich nicht. Sie wird zum Symbol einer vermeintlich bedrohlichen und unkontrollierten weiblichen Sexualität.
Das taktische Kalkül, welches dieser Prototyp mit sich bringt, muss im Feminismus positiv besetzt werden. Die Abwertung von Frauen, die berechnend ihre privaten und professionellen Pläne verfolgen, ist unsolidarisch. Frauen können starke Strateginnen sein und müssen sich nicht schämen, ihren Willen durchzusetzen. Eine emanzipatorische Weiblichkeit eignet sich also den Modus der Bitch an, um taffer, unerschrockener und kampflustiger zu werden.
Durch Ehrlichkeit und Authentizität werden ein Austausch auf Augenhöhe und ein solidarisches Miteinander unter Frauen möglich. Dabei muss jedoch der Unterschied zu unsolidarischem Verhalten klar benannt werden: Der Prototyp der Bitch kann unfeministisch sein, indem er sich toxisch männliches Verhalten aneignet. Sie stellt sich dann in Konkurrenz zu anderen Frauen, ist rücksichtslos und beschämt andere. Eine feministische Konzeption der Bitch ist vielmehr die Vorstellung einer Frau, die die eigene Wut ausdrückt, die eigene Haltung mit Stolz vertritt und den Mut hat, unangenehm und unbequem zu sein. Es ist eine Frau, die selbstsicher ist, ohne andere zu beschämen und Hierarchien zu reproduzieren.
Wie können wir Solidarität emanzipatorisch denken? Wo liegt der Ausgang aus geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen? Diese Fragen treiben Sozialdemokrat_innen und Feminist_innen seit jeher um. Sophia Fritz gibt in ihrem Buch konkrete Antworten und Handlungsanleitungen. Sie verweist auf die Notwendigkeit, Frauen gegenüber der eigenen weiblichen Prägung aufzuklären, und fordert radikale Selbstreflexion ein. Sie nimmt Frauen in die Pflicht und problematisiert ihren Anteil an der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Machtverhältnisse – ein Perspektivwechsel, welcher auch für sozialdemokratische Politikansätze fruchtbar gemacht werden kann. Fritz zeichnet in ihrem Buch das Bild eines neuen, emanzipatorischen Feminismus, der auf Ehrlichkeit und Authentizität basiert – ein Feminismus, der strukturelle Machtverhältnisse unabhängig davon adressiert, wo sie auftreten.
Verlag: Hanser BerlinErschienen: 18.03.2024Seiten: 192ISBN:978-3-446-27915-5