23.06.2020

Verschwörungsnarrative, Rechtsextremismus, Demokratieverachtung

Covid-19: In der Demokratie ist auch die politische Bildung systemrelevant! Die Coronakrise darf nicht zur (politischen) Bildungskrise werden.

Bild: Sabine Achour von Privat

 

von Sabine Achour

 

Wurden mit den Maßnahmen der letzten Wochen viele Menschenleben in Deutschland gerettet, zeigt sich spätestens mit dem Aufkommen mit Phänomenen wie der Hygiene-Demos, dass auch die Demokratie nicht immun ist gegen ihre Feinde.

Der schulische Fokus im Kontext von Corona auf Fächer wie Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen kann zu einem gesellschaftlichen Stresstest in der Zukunft werden. Ob nach den Sommerferien ein schulischer Normalbetrieb beginnen wird, ist bildungspolitisch gewollt, virologisch ungewiss. Bei steigenden Infektionszahlen gehört zum Plan B die Konzentration auf die „Hauptfächer“.

Wir dürfen aber heute die Demokrat*innen von morgen nicht vernachlässigen. Corona wird zu einem Brennglas sozialer Ungleichheit, Verschwörungsmythen und rechter Propaganda finden hier einen Nährboden und haben Hochkonjunktur.

Narrative von einer „Neuen Weltordnung“ machen die Runde, reproduzieren altbekannte antisemitische Stereotype von „globalen Eliten“ und der „Unterjochung“ der Bevölkerung. Das Bild des „Kampfes gegen das eigene Volk“ durch das Virus schließt an an den „großen Austausch“. Migrationsfeindliche und antimuslimische Haltungen zeigen sich in der Gleichsetzung des Coronavirus mit Menschen auf der Flucht. Rassismus und Menschenfeindlichkeit von rechtsextremer Seite gehen einher mit gefährlicher Demokratieverachtung, Nationalismus und Antipluralismus. Sie bilden die Basis für vermeintlich einfache Antworten und Lösungen auf Ängste und Unsicherheiten, insbesondere in Social Media.

Und in den sozialen Medien werden besonders viele Menschen erreicht. Denn die Alltagsexistenz verlagert sich durch Home Office und Home Schooling noch stärker in den digitalen Raum. V.a. für Kinder und Jugendliche werden die sozialen Medien eine noch zentralere (politische) Sozialisationsinstanz, als sie es vor dem Lockdown schon waren. Denn Peers, Mitschüler*innen, Sportvereine sind für den sozialen und politischen Austausch face to face über einen langen Zeitraum weggebrochen. Entgegen weitreichender Vermutungen sind sie laut Jugendstudien aber immer noch die relevanten Gesprächsparter*innen für gesellschaftliche Fragen. Corona hat allerdings ihre regulative Funktion stark eingeschränkt, menschenfeindliche oder verschwörungstheoretische Narrative in Frage zu stellen bzw. andere Gesprächsfoki setzen zu können. Eltern sind nicht anwesend oder anwesend, ohne da zu sein, wenn sie zuhause zeitgleich ihre Arbeit im Homeoffice organisieren. Oder sie sitzen an Kassen, fahren Busse und gewährleisten unsere Infrastruktur. Wir sind es ihnen schuldig, ihre Kinder gegen vermeintlich attraktive Erklärungen stark zu machen.

Die (politische) Sozialisationsinstanz, die prinzipiell die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit aller unabhängig von ihren häuslichen Möglichkeiten fördern könnte, ist die Institution Schule.

Die folgenden Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen sind Garanten für die zukünftige Existenz offener Gesellschaften: Verschwörungsnarrative, antisemitische und rechtsextreme  Codes und Memes, Fake News zu  dekonstruieren, Quellen zu bewerten, Hass im Netz und social Media mit Counterspeech zu begegnen und überhaupt die Herausforderungen an Politik in dieser Zeit analysieren und bewerten sowie im Rahmen der eigenen Interessen handlungsfähig sein zu können.

Die Schwerpunktsetzung auf die Fächer Deutsch, Mathe und Fremdsprachen an vielen Schulen ist eine pragmatische, ressourcenbedingte und erst einmal nachvollziehbare Lösung. Es fehlen Personal und Räumlichkeiten. Auch der angestrebte Vollbetrieb nach den Sommerferien wird diese Engpässe kaum auflösen. Einige Lehrkräfte werden aus gesundheitlichen Gründen ausfallen. Die nicht zu antizipierenden Infektionsentwicklungen können auch weiterhin raumgreifende Abstandsregeln notwendig machen. Gerade deshalb müssen jetzt Konzepte initiiert werden, um eine gesellschafts-, naturwissenschaftlich, künstlerisch verarmte „Generation Corona“ zu vermeiden.

Existierende Bildungsressourcen, Bildungsbedarfe und Bildungsräume zusammenführen!

Während die Bildungsangebote an den Schulen für Kinder und Jugendliche durch etliche Engpässe unter Druck geraten sind, setzen die Engpässe an teilnehmenden Schüler*innen an Workshops und Angeboten der außerschulischen Bildungsträger, Gedenkstätten, Museen und Jugendherbergen eben diese unter Druck. Bildungsstätten bleiben unbesucht, Bildungsreferent*innen, oft freiberuflich, wollen, können aber nicht mehr arbeiten. Kostbare personelle Ressourcen des Bildungssystems liegen brach. Angehende Lehrkräfte und Pädagog*innen an den Universitäten werden auch im kommenden Wintersemester oft weiterhin in Online-Seminaren studieren, dabei wünschen sie sich eine universitär begleitete Theorie-Praxis-Verzahnung – insbesondere an Schulen und mit Schüler*innen.

Hier liegen wertvolle Ressourcen, Lernräume, Bildungsbedarfe, didaktische Ansätze und Ideen, die seit langem für die Qualitäts- und Demokratieentwicklung von Schule und Unterricht gefordert werden und welche das (politische) Lernen über Demokratie, durch Demokratie und für Demokratie möglich machen: von außerschulischen Kooperationen, Individualisierung von Lernwegen und Interessen bis hin zur stärkeren phasenübergreifenden Verzahnung und Praxisnähe der Lehrkräftebildung.

       1. Außerschulisch-kooperatives Lernen

In allen Bundesländern liegen die Orte außerschulischer (politisch-historischer und kultureller) Bildung, Museen, Gedenkstätten, auch Jugendherbergen, brach. Nicht nur Bildungsreferent*innen stehen bereit, häufig stehen hier die Räumlichkeiten zusätzlich zur Verfügung, die an Schulen fehlen. Ehe Kinder und Jugendliche nach zwei Stunden Schule (oder gar keiner Schule) allein oder mit vielen in engen Wohnungen sitzen, können Bildungsworkshops in Kleingruppen und/ oder als Webinare stattfinden. Dazu fehlt sonst oft die Zeit. Jetzt fehlen schulische Angebote für die kostbare Lernzeit.

       2. Öffnung von Schule = Demokratisierung von Schule

Die Forderung nach einer demokratischen Schule geht einher mit der Öffnung von Schule. Dies wird möglich mit einem guten Konzept zu Kooperationen in den Nahraum. Um außerschulisches Lernen unter Corona-Bedingungen möglich zu machen, macht es Sinn, mit Trägern, Museen, Gedenkstätten oder anderen sozialen Einrichtungen im Umfeld Konzepte zu entwickeln und im neuen Schuljahr umzusetzen.

       3. Informelles und non-formales Lernen

Wenn Schüler*innen im Rahmen außerschulischer Bildung künstlerische, schriftliche, visuelle, digitale (Lern-)Produkte entwickeln, miteinander diskutieren, kreativ sind, findet immer auch informell und non-formal solches Lernen by the way statt, was sonst gezielt didaktisch arrangiert wird: Sprachbildung, Quellenkritik, Medienbildung, Lernen in digitalen Kontexten, Präsentieren, Konflikte lösen, Kompromisse schließen. Querschnitt- und Schlüsselkompetenzen gerade derjenigen können gefördert werden, die von sozialer Ungleichheit betroffen sind. Bildungsungerechtigkeit lässt sich nicht in den Wohnungen auffangen, aber möglicherweise durch informelles und non-formales Lernen.

       4. Individualisierung und Differenzierung

Schüler*innen können im Rahmen außerschulischer Kooperationen aufgrund der Abwesenheit von Benotung und 45´- Taktung in der Regel ihre Lernwege selbst bestimmen. Damit eröffnen sich besondere Möglichkeiten der Individualisierung und Differenzierung. Kinder und Jugendliche setzen ihre Themen, artikulieren ihre Interessen und stellen ihre Fragen. Bildungsreferent*innen können Verunsicherungen, Präkonzepte zu Antisemitismus, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus pädagogisch aufgreifen. Schüler*innen haben im Idealfall zu eben solchen Gesprächspartner*innen Zugang, die sonst oft fehlen.

       5. Fachübergreifendes & interdisziplinäres Lernen

Außerschulisches Lernen eröffnet zahlreiche Gelegenheiten zum fachübergreifenden und interdisziplinären Lernen. Covid-19 demonstriert exemplarisch: Fragen zu Medizin, Umwelt, Technik stehen mit politischen und gesellschaftlichen Abwägungen in Zusammenhang. Außerschulisches, gesellschaftwissenschaftliches Lernen findet ebenso fachübergreifend zu biologischen, mathemathischen, physikalischen, fremdsprachlichen usw. Schwerpunkten statt. Denn: Die Welt ist nicht in Fächer unterteilt.

       6. „Service Learning“: Lehrkräftenachwuchs als Ressourcen für Bildung – Bildungsressourcen für den Lehrkräftenachwuchs

Lehramtsstudierende sind eine zentrale personelle Unterstützung in den Schulen. Inwiefern die anstehenden Praxisphasen, teils bis zu sechs Monaten, in tradierter Weise vor dem Hintergrund von Hygienevorschriften stattfinden werden, ist ungewiss: Bedeutet jede hospitierende Studentin, jeder hospitierende Student im Zweifel einen fehlenden Lernplatz? So viel Mühe sich die universitäre, digitale Lehrkräftebildung gibt, heißt es doch, Lehramtsstudierende in der Online-Lehre verharren zu lassen. Lehrkräftebildung kann aber auch forschungsorientiert Studierende beim Unterrichten von Kleingruppen (online und offline) bzw. in Phasen des außerschulischen Lernens mit Trägern universitär begleiten. Matching-Konzepte existieren häufig zur Zuteilung von Praktikumsplätzen. Sie können hier helfen, auf besondere Bedarfe von Schulen bzw. Wünschen von Studierenden zu reagieren. Studierende können so fehlender Lernzeit für Schüler*innen entgegenwirken und Schulen unterstützen. V.a. können sie in der Abwesenheit von Präsenzlehre dennoch von praxisorientierten universitären Bildungsangeboten profitieren.

       7. Lehrkräftenachwuchs: Theorie-Praxis-Verzahnung gegen soziale Ungleichheit

Corona verschärft Bildungsungerechtigkeit. Individualisierung, Differenzierung, Inklusion sind hier pädagogische Schlagworte. Diese bleiben für viele Studierende an der Universität häufig theoretisch. Schüler*innen hierbei individuell zu begleiten und zu betreuen, zugleich selbst dabei wissenschaftlich von Seiten der Universität im Rahmen von Lehrveranstaltungen unterstützt zu werden, können ein zentraler Aspekt zur stärkeren Theorie-Praxis-Verzahnung  darstellen. Neben konkreten Fragen didaktischer und pädagogischer Konzeption funktionieren solche Angebote der Lernbegleitung auch digital. D.h., das Entwerfen und Planen entsprechender digitaler Lehr-Lern-Arrangements fördert nicht zuletzt heute schon Skills der Lehrkräfte von morgen im Feld der großen Herausforderungen digitaler Schule.

Bildung für alle und niemanden zu verlieren, ist ein Versprechen der Demokratie. Dies glaubhaft zu verfolgen, ist für die Lebensfähigkeit von offenen Gesellschaften ähnlich „systemrelevant“ wie die politische Bildung.

 

Wir müssen die Krise von heute als (Bildungs)Chance für morgen nutzen.

 

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