Annemarie Renger: Erinnerung zum 100. Geburtstag

Auf dem SPD-Parteitag in Dortmund, 1966 (Bild: J.H. Darchinger / FES)

Als Bundestagsabgeordnete, ca. 1971 (Bild: J.H. Darchinger / FES)

Wahl zur Bundestags­präsidentin am 13.12.1972 (Bild: J.H. Darchinger / FES)

Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt, 1974 (Bild: J.H. Darchinger / FES)

Eröffnung der Kurt-Schumacher-Ausstellung mit Willy Brandt in Bonn, 1985 (Bild: Rolf Braun)

Mit dem SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel, 1987 (Bild: J.H. Darchinger / FES)

Zu Gast in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, 1993 (Bild: FES)

Beim 80. Geburtstag von Hans-Jürgen Wischnewski, 2008 (Bild: F. und M. Darchinger)

Annemarie Renger: "Frauen können es genauso gut – vielleicht sogar besser …"

Mit ihrer Wahl zur Präsidentin des Deutschen Bundestags schrieb Annemarie Renger Geschichte. Anlässlich ihrer Geburt vor 100 Jahren, am 7. Oktober 1919 in Leipzig, erinnert die Friedrich-Ebert-Stiftung an die einstige "Grand Dame" der deutschen Sozialdemokratie.

Im Jahr 1945 begegneten sich Annemarie Renger und Kurt Schumacher erstmals. Sie wurde seine Privatsekretärin und ein Jahr darauf Büroleiterin des SPD-Parteivorstands in Hannover. Beide stützten sich gegenseitig, so beschrieb es der spätere Bundeskanzler und Parteivorsitzende Gerhard Schröder. Aus ihren leidvollen Erfahrungen während der Nazi-Diktatur entstand der gemeinsame Wille am Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken.

Annemarie Renger, geborene Wildung, war 1945 erst 25 Jahre alt. Verloren hat sie bis hierhin drei ihrer vier Brüder im Krieg. Ihr Ehemann Emil Renger fiel 1944 in Frankreich. Ihr Vater Fritz Wildung, ein gelernter Tischler, wurde nach der Machtergreifung Hitlers mehrfach verhaftet und verlor seine leitende Stellung bei einem Dachverband für Arbeitersport. Annemarie Renger hatte 1934 aufgrund der sozialdemokratischen Überzeugung ihrer Eltern das Berliner Mädchengymnasium verlassen müssen und begann eine Lehre zur Kaufmannsgehilfin.

Bis zu dem frühen Tod Kurt Schumachers 1952 leitete sie nicht nur dessen Büro, sie galt auch als engste Gefährtin und Vertraute des ersten Parteivorsitzenden der wiedergegründeten SPD. Annemarie Renger bezeichnete Schumacher anlässlich einer Würdigung als ihren politischen Mentor. Zu seinem Andenken gründete sie Mitte der 1980er-Jahre unter anderem mit Gesine Schwan die Kurt-Schumacher-Gesellschaft.

Der Wechsel in die aktive Politik

Nach dem Tod Schumachers wechselte Annemarie Renger – unterstützt von Erich Ollenhauer – in die aktive Politik. Von 1953 bis 1990 war sie ununterbrochen Mitglied des Deutschen Bundestags. In der SPD wurde Annemarie Renger 1962 Mitglied des Bundesvorstands und ab 1970 des SPD-Präsidiums. 1969 übernahm sie zusätzlich die Funktion einer parlamentarischen Geschäftsführerin in der Bundestagsfraktion der Partei.

Am 13. Dezember 1972 wurde Annemarie Renger mit 438 Ja-Stimmen (45 Nein-Stimmen) als erste Frau in das zweithöchste Amt der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Was heute selbstverständlich scheint, gelebte Gleichberechtigung, schien in den Augen der damaligen Gesellschaft vielmehr ein Wagnis für die Demokratie zu sein, welches Willy Brandt doch in seiner Regierungserklärung von 1969 eingefordert hatte. Insbesondere im ersten Jahr als Bundestagspräsidentin wurden ihre Wahl und Eignung von den Medien kritisch hinterfragt. So will ein Kommentator der Frankfurter Allgemeinen bereits 1972 wissen: "Frau Renger hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie gut aussieht. Aber eine Kapazität, was das Geschäft der Repräsentanz des Parlaments und der Handhabe der Geschäftsordnung angeht, kann Frau Renger wohl kaum sein." Kritik an ihrer Kandidatur gab es auch in der eigenen Partei, was in Teilen einem internen Flügelkampf geschuldet war: Annemarie Renger zählte zu der Gruppe der konservativ-pragmatischen "Kanalarbeiter" und ist 1974 Mitgründerin des Seeheimer Kreises.

Sie beschrieb ihre Kandidatur selbstbewusst: "Ich habe mich in der Fraktion selber vorgeschlagen. Glauben Sie, man hätte mich sonst genommen?" Ihre Aufgabe erfüllt Annemarie Renger in den folgenden vier Jahren überparteilich und bürgernah mit Bravour. Sie treibt eine Parlamentsreform voran, welche die Gesetzgebungsarbeit der Abgeordneten zum einen verkürzen und zum anderen die sachliche Entscheidungsfindung durch Expertisen aus den Ministerien, dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestags sowie neutraler wissenschaftlicher Einrichtungen stärken sollte. Ihre Bürgergespräche, die Annemarie Renger auf zahlreichen Reisen führte, ließ sie in Umfragen zur populärsten Frau des Landes werden.

Im Jahr 1976 verschoben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb des Bundestags. Nach der Bundestagswahl stellte  die Union die meisten Abgeordneten und setzte die Wahl von Karl Carstens durch. Annemarie Renger wird daraufhin zur Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags gewählt. Dieses Amt behielt sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Parlament 1990.

Vielseitiges Engagement für Gleichberechtigung, Aussöhnung und Demokratie

Im Gedächtnis bleiben nicht nur ihre mahnenden Worte an Gerhard Schröder, die Etikette des Bundestags zu wahren, indem er sich zur Wahl des Bundeskanzlers doch eine Krawatte umzubinden hätte. Annemarie Renger setzte sich als Abgeordnete, Vizepräsidentin und auch nach 1990 in zahlreichen Organisationen für die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein. Sie engagierte sich für die deutsch-israelischen Beziehungen und warb für eine Friedenslösung im Nahen Osten. Zudem war sie Präsidentin des Arbeiter-Samariter-Bunds und Vorsitzende des Zentralverbands demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen. Auch der Friedrich-Ebert-Stiftung war Annemarie Renger eng verbunden. Mehr als 20 Jahre war sie Mitglied des Kuratoriums der Stiftung. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung fanden viele Veranstaltungen statt, an denen Annemarie Renger an das Erbe Kurt Schumachers und die Gefahren für die Demokratie von links und rechts erinnerte.

Am 3. März 2008 starb Annemarie Renger in Oberwinter bei Bonn. Ihr Nachlass befindet sich im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn.

nach oben