Shila Behjat: Frauen und Revolution

München: Hanser (2025)

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Kurzgefasst und eingeordnet von Paula Schweers.
Paula Schweers arbeitet nach Stationen in Politik und Wissenschaft für das ARTE Magazin und als freie Journalistin und Autorin. Ihr Debütroman „Lawinengespür“ erschien 2023 bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

Buchessenz

Kernaussagen

Frauen erfahren auch heute vielerorts systematische Diskriminierung und sind in politischen Führungspositionen weiter unterrepräsentiert. Gleichzeitig werden neue Protest- und Demokratiebewegungen immer öfter von Frauen angeführt. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Bewegungen primär nicht in westlichen Ländern entstehen, sondern vor allem in Ländern wie Iran, Belarus, Polen oder Sudan – also in Ländern, die von autoritären Regimen geprägt und nicht unbedingt für progressive Frauenpolitik bekannt sind. Diese sogenannte fünfte Welle des Feminismus verbindet den Einsatz für Frauenrechte untrennbar mit dem Kampf für demokratische Freiheitsrechte für alle – und gewinnt dadurch enorm an gesellschaftlicher Kraft.

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Aus Perspektive der Sozialen Demokratie ist die enge Verknüpfung von Frauenrechten und demokratischen Grundrechten wertvoll. Gleichstellungspolitik sollte nicht nur einzelne Gruppen fördern, sondern immer auf allgemeine Teilhabe und soziale Gerechtigkeit zielen. Demokratie und Gleichstellung gehören untrennbar zusammen. Proteste wirken am stärksten, wenn sie marginalisierte Gruppen in den Mittelpunkt stellen und dabei gewaltfrei bleiben. So setzen sie Impulse für eine gerechtere Gesellschaft.

Autorin

Shila Behjat wurde 1982 geboren und ist Journalistin, Publizistin und Moderatorin mit deutsch-iranischen Wurzeln. Sie hat Jura in Hamburg und Paris studiert, arbeitete als Korrespondentin in London und lebte zeitweise als freie Journalistin in Indien. Seit vielen Jahren berichtet sie zu Themen wie Gleichstellung, Migration und Frauenrechten. 2024 veröffentlichte sie ihr Debüt „Söhne großziehen als Feministin“. Heute ist sie als Kulturredakteurin bei ARTE tätig und lebt in Berlin.


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Inhalt

Aus den Geschichten mutiger Frauen im Iran, in Belarus, in Polen und im Sudan sowie aus zahlreichen Studien wird deutlich, welche zentrale Rolle Frauen heute in Demokratiebewegungen spielen. Die Analyse beginnt im Iran, erweitert den Blick auf globale Zusammenhänge und beschreibt die besonderen Dynamiken, die weibliche Proteste auszeichnen. Dabei wird klar, wie politische Repression und gesellschaftliche Strukturen das Engagement von Frauen beeinflussen und wie sie weltweit zur treibenden Kraft für demokratischen Wandel werden.

Der Iran

Die iranische Revolution steht beispielhaft für viele Freiheitsbewegungen, die aktuell von Frauen getragen werden und einen Übergang in ein neues, weibliches Zeitalter markieren. Die iranische Frauenbewegung blickt auf eine lange Geschichte zurück: Bereits im frühen 20. Jahrhundert setzten sich Frauen trotz Ausgrenzung für Bildung und Gleichberechtigung ein. In den 1960er Jahren erhielten Frauen das Wahlrecht und es wurden progressive Familiengesetze eingeführt. Mit der Islamischen Revolution 1979 erfuhren Frauen massive gesellschaftliche und politische Einschränkungen, sie verloren viele Rechte wieder. 1983 wurde der Kopftuchzwang gesetzlich verankert. Dennoch engagierten sich Frauen weiter für Bildung, Netzwerke und Teilhabe.

Beginnend in den 2000er Jahren formieren sich bis heute regelmäßig neue Protestbewegungen für Gleichstellung. Seit 2021 dürfen Frauen offiziell für das Präsidentenamt kandidieren. Ein entscheidender Wendepunkt war 2022 der Tod von Jina Mahsa Amini, der eine Protestwelle unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ auslöste – mittlerweile ein Symbol für den weltweiten Kampf iranischer Frauen für Freiheit und Demokratie. Menschen in Städten wie Paris, Rom, Los Angeles und Toronto zogen auf die Straßen, organisierten Solidaritätsmärsche und unterstützten die Bewegung in den sozialen Medien und über öffentliche Stellungnahmen.

Die aktuelle Phase ist geprägt von einer Radikalisierung und Internationalisierung des Widerstands. Erstmals treten breite Gesellschaftsschichten und auch Männer solidarisch für die Sache der Frauen ein. Solche Merkmale sind heute auch bei anderen von Frauen geführten Bewegungen zu beobachten und stärken deren gesellschaftlichen Einfluss.

Gender und Demokratie – Ein globaler Blick

Trotz wachsender Forderungen nach Gleichstellung sind weltweit verstärkt Angriffe auf Frauenrechte und demokratische Freiheiten zu beobachten. Autoritäre Regierungen schließen Frauen systematisch aus politischen Entscheidungsprozessen aus und zwängen sie gesellschaftlich in traditionelle Rollen. Um Frauen davon abzuhalten, sich öffentlich zu engagieren, werden Gewalt und Diskriminierung eingesetzt oder zumindest toleriert. Beispiele hierfür sind der repressive Druck auf Feminist_innen in Russland und China sowie zunehmende Angriffe auf reproduktive Rechte in den USA oder Brasilien. 

Wie die Politologin Erica Chenoweth zeigt, bewirken friedliche zivilgesellschaftliche Protestbewegungen, bei denen Frauen häufig eine führende Rolle übernehmen, langfristig gesellschaftliche Veränderungen – auch wenn frühe Erfolge manchmal ausbleiben. Gewaltfreie Bewegungen mit starker Frauenbeteiligung erweisen sich als besonders widerstandsfähig und können politischen Wandel bewirken. 

In der Türkei, Polen und anderen Ländern formiert sich großer gesellschaftlicher Widerstand, wobei feministische Bewegungen gegen patriarchale und autoritäre Strukturen kämpfen. Auch bei der Revolution im Sudan 2019 spielten Frauen eine führende Rolle. Bis zu 70 Prozent der Protestierenden waren Frauen. Obwohl ihnen sexuelle Gewalt und Repressionen drohten, führten sie die Demonstrationen aktiv an, organisierten Netzwerke und nutzten soziale Medien. Ihre Forderungen reichten von der Abschaffung der repressiven Public Order Laws bis zu politischer Gleichstellung. Ein Symbol des Protests im Sudan ist Alaa Salah, die zur Ikone des Widerstands wurde. Trotz ihrer zentralen Rolle bei der Mobilisierung und dem Sturz des Regimes sind Frauen in den folgenden politischen Verhandlungen oft unterrepräsentiert geblieben.

Länder mit einem hohen Maß an Geschlechtergleichstellung sind häufig stabilere Demokratien, weisen oft eine bessere wirtschaftliche Entwicklung vor und haben mehr sozialen Frieden. Gleichstellung fördert Verteilungsgerechtigkeit und demokratische Qualität. Aus diesem Grund sind Frauenrechte ein guter Indikator für die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklung eines Landes. So misst der Gender Equality Index der EU neben der politischen Teilhabe auch Bildung und Gesundheit und zeigt strukturelle Chancen oder Defizite an. Amnesty International betont, dass sexuelle und reproduktive Rechte zentral für nachhaltige Entwicklung sind. 

Das weibliche Gesicht der Revolution

Viele von Frauen angeführte Demokratiebewegungen weisen typische Merkmale auf: Sie haben meist mehrere Führungspersönlichkeiten, verzichten auf Personenkult und sind dezentral organisiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass viele dieser Proteste maßgeblich von jungen Menschen der Generation Z gestaltet werden, die soziale Medien sehr effektiv nutzen. 

Die Bewegungen sind häufig gewaltfrei, für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen offen und intersektional ausgerichtet. Dies ermöglicht es, sehr unterschiedliche Menschen in die Bewegung einzubeziehen und so breite Unterstützung zu gewinnen. So standen Frauen wie Swetlana Tichanowskaja, Maria Kalesnikava und Veronica Tsepkalo bei den Protesten in Belarus 2020 im Zentrum der Bewegung. Sie führten das dezentrale und kollektive „Vereinigte Frauenteam“ an. Die Bewegung setzte auf Gewaltfreiheit und war intersektional ausgerichtet, wodurch sie unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und junge Menschen aus ganz verschiedenen Milieus miteinander vereinte.

Ähnlich sieht es im Iran aus: Nach dem Tod von Mahsa Amini formierte sich ein breites Protestnetzwerk ohne zentrale Führungspersönlichkeit, das Frauen und Jugendliche aus verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen vereinte und intersektionale Anliegen verfolgte.

Votum

Das Buch überzeugt durch die lebendige und eindrucksvolle Darstellung aktueller Demokratiebewegungen, die vielfach von Frauen angeführt werden. Es untermauert die These, dass Frauen heute eine zentrale Rolle bei Revolutionen und gesellschaftlichen Umbrüchen spielen. Gelegentlich wirkt die Analyse etwas appellativ, da nicht immer ausreichend detailliert aufgezeigt wird, wie genau politische Systeme oder Gesellschaften so verändert werden können, dass weiblicher Protest dauerhaft Wirkung entfaltet. Insgesamt liefert das Werk dennoch einen wichtigen Debattenbeitrag – auch im Hinblick auf die aktuelle Frage, wie autoritären Systemen wirksam entgegengetreten werden kann.

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Verlag: Hanser
Erschienen: 15.04.2025
ISBN:978-3-446-28357-2 

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