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Archiv der sozialen Demokratie

21.03.2021

Kann man eine Geschichte der Arbeiter_innenbewegung ohne deren Spaltungen erzählen?

Tagungsbericht zur Fachkonferenz "Kohäsionskräfte in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914" vom 18./19. Februar 2021 anlässlich des 150. Geburtstags von Friedrich Ebert (1871–1925)

Zur Geschichte der Arbeiter_innenbwegungen weltweit – die deutsche Entwicklung bildet da keine Ausnahme – gehört die Geschichte der Spaltungen entlang ihrer politischen Hauptströmungen im 20. Jahrhundert. Diese waren die Sozialdemokratie auf der einen und die kommunistische Bewegung auf der anderen Seite. Eine Vielzahl kleiner Gruppen und Organisationen, die sich links, rechts und gelegentlich quer dazu verhielten, gehört zu dieser Story dazu. Die Vervielfachung linker Arbeiter_innenparteien und -organisationen fand rund um den Ersten Weltkrieg statt, der häufig Anlass oder Auslöser war, unterschiedliche Wege zu gehen. Im Deutschen Reich begann die formelle Spaltung 1917 mit der Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). 1920 wurde die Spaltung mit der Fusion eines Teils der USPD mit der damals noch kleinen KPD auf Dauer gestellt. Insofern kann man eine Geschichte der „alten“ sozialen Bewegungen nicht ohne deren differierende Einschätzungen unter anderem zur „proletarischen Diktatur“ oder dem Avantgardismus in den auf den Krieg folgenden Revolutionen erzählen.

Man kann aber auch danach fragen, was die Arbeiter_innenbewegung als damals größte Massenorganisation  eigentlich zusammenhielt. Dies haben wir am 18./19. Februar 2021 auf der Konferenz „Kohäsionskräfte in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914“ getan. Unser Anliegen war, der Geschichte einer vielschichtigen Bewegung in ihrer positiven Diversität nachzugehen und die Entwicklung der Sozialdemokratie im Kaiserreich nicht von ihrem Ende her zu diskutieren. Und diese Fragestellung war äußerst fruchtbar. Sie eröffnete selbst dort neue Perspektiven und alternative Lesarten, wo sich eine intensive Debatte über Spaltungen geradezu aufdrängt, so etwa mit Blick auf Rosa Luxemburg und die mit ihrer Person verbundene Konfliktgeschichte der Sozialdemokratie. Die sozialdemokratische Bewegung vor 1914 war zwar bunt, plural und divers, sie war jedoch weit vom Zerfall und einem Auseinanderklüften entfernt. Luxemburg und andere ihrer (späteren) Mitstreiter_innen wünschten zwar jederzeit dem „parteirechten“ Flügel die tiefste Niederlage und hätten diesen hinausgedrängt, wenn es in ihren Möglichkeiten gestanden hätte, aber nie um den Preis der Einheit einer sozialdemokratischen Bewegung (wie sie sie verstanden). Hier war Luxemburg vielleicht Friedrich Ebert näher, als viele ihrer Interpret_innen es später wahrhaben wollten. Denn auch dieser widersetzte sich lange denjenigen, die die Linke hinauswerfen wollten. Das Tischtuch mit den Unabhängigen war für Ebert erst mit der offenen Opposition Hugo Haases 1916 im Reichstag zerschnitten. Einheit, Disziplin, Geschlossenheit: Diese politischen und organisatorischen Vorstellungen einer sozialistischen Massenpartei wurden über die Flügel hinweg geteilt – und sie hielten die Bewegung lange zusammen, trotz aller vorhandenen Richtungskonflikte. Wobei man sich darüber im Klaren sein muss, dass die Flügelkonflikte für die Parteiführer_innen, die Arbeiterbeamt_innen, die Redakteur_innen und Intellektuellen eine größere Bedeutung hatten als für die Masse der Parteimitglieder. Insofern richteten sich auch die (Selbst-)Aufforderungen zur Geschlossenheit eher an diese Funktionselite.

Dass die Reichweite der Parteitagsdebatten und der Leitartikel begrenzt war (und auch heute noch ist), stellt keine Neuigkeit in der (historischen) Forschung dar. Blickt man auf den Alltag der Parteimitglieder und der am Rande dieser Organisationen lebenden Menschen, waren andere Dinge von Belang. An gemeinsamen Orten der Freizeitgestaltung, der Kultur und des Sports formten sie die sozialdemokratische Bewegung und in diesem Prozess bildeten sie eine gemeinsame sozialistische Identität heraus. War die Prägekraft eines geschlossenen sozio-kulturellen Milieus auch begrenzt und seine Herausbildung äußerst konfliktbehaftet, so zeigte sich auf der Konferenz, dass der Milieubegriff noch immer eine Erklärungskraft für die Entstehung der organisierten Arbeiter_innenbewegung besitzt. Von einer Milieuharmonie konnte aber nicht die Rede sein, denn auch damals lebten die Menschen in einer von Widersprüchen durchzogenen Gesellschaft. Die Konferenz zeigte auch, dass Klasse keine abgestandene Kategorie ist. Im Gegenteil: Der Forderung nach einer Revitalisierung des Klassenbegriffs gar (inklusive der Frage, wer damals und heute nicht in diesen Klassen vorkam und -kommt), wurde seitens der Diskutierenden nicht widersprochen. In den Mittelpunkt rückte dabei die Frage, wie homogen die Klasse(n) des 19. Jahrhunderts waren und ob die Organisierung und Herausbildung einer solidarischen Klassenkultur und von Klassenorganisationen damals tatsächlich leichter waren als heute. Soweit sich die Diskutierenden dazu äußerten, verneinten sie dies. Auch in der Gesellschaft des Kaiserreichs wurde Klassenbildung durch eine Fülle anderer Faktoren – u.a. Geschlecht, Einkommen, Herkunft und weltanschauliche Prägung – überlagert. In den Beiträgen über die Zeitungsredaktionen, über Wahlkämpfe, über die Frauenwahlrechtsbewegung oder den Sozialhistoriker Gustav Mayer wurden Elemente einer Pluralität herausgearbeitet, die die integrative Wirkung der entstehenden Arbeiter_innenklasse ausmachten. Vielfalt und Diversität in der sozialdemokratischen Bewegung schlossen Zusammenhalt nicht aus; sie bildeten vielmehr seine Voraussetzungen.

Einen prominenten Platz erhielten die Stipendiat_innen der Friedrich-Ebert-Stiftung. In einem im Vorfeld der Konferenz durchgeführten Workshop hatten 20 von ihnen diskutiert, welche Rolle Arbeiter_innenbewegung und sozialdemokratische Geschichte für sie spielt. Ihre Eindrücke stellte die Vorbereitungsgruppe vor. Auffallend war in der Plenumsdiskussion, dass der Begriff der Freiheit, der früher eine in der Auseinandersetzung mit den linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts geschulte, zentrale sozialdemokratische Kategorie darstellte, in den Workshopdiskussionen erst einmal eine geringe Rolle spielte. Die Stipendiat_innen waren insbesondere an einer Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus und der Geschichte rassistischer Ausgrenzung interessiert. Und natürlich an der Geschichte des Nationalsozialismus. Wir stellen hier ein neues Interesse fest. Ebenso sehen wir ein Interesse unserer jüngeren Stipendiat_innen, die über einen (post-)migrantischen Erfahrungshintergrund verfügen, über die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit auch die Herkunftsgesellschaften ihrer Familien besser zu verstehen. Denn viele Familien dieser Stipendiat_innen lebten selbst in Diktaturen. Insofern kehrt der Freiheitsbegriff doch zurück, auch im Zusammenhang mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, ihren Fehlentwicklungen und damit verbundenen Formen gesellschaftlicher Ungleichheit, die aus Sicht der Stipendiat_innen gleichfalls heute von hoher Relevanz sind.

Und das Kaiserreich? Es waren sich natürlich alle einig, dass das Kaiserreich von 1871 keine harmonische Gesellschaft war und dass auch das freie Männerwahlrecht auf Reichsebene das kaiserliche Deutschland nicht zu einer demokratischen Gesellschaft machte. Gestritten wurde, ob das Kaiserreich denn inklusiv war und durch Inklusion verschiedener gesellschaftlicher Kräfte als Vorgeschichte der deutschen Demokratien bezeichnet werden kann. Zu Ende diskutiert wurde diese Frage nicht, wobei eine Mehrheit in ihren Redebeiträgen auf die Konflikthaftigkeit und die soziale Ungleichheit hinwies. Was in der Tagung zur Sprache kam und was uns in der generellen Diskussion um das Kaiserreich auffällt, sind schwammige Begrifflichkeiten und die Überlagerung der Perspektiven. Das eine mal wird mit dem Begriff des Kaiserreichs eine Gesellschaft analytisch beschrieben und versucht, diese in ihrer Gesamtheit (und damit zwangsläufig verkürzend) auf einen Nenner zu bringen. Ein anderes Mal wird mit dem Kaiserreich dessen politisch-ökonomische Herrschaftsform benannt. Sehen wir mit dem Blick auf das Kaiserreich die Pickelhaube, die Sozialistengesetze oder den Genozid an den Herero und Nama, dann meinen wir den preußisch-dominierten, autoritären und militaristisch-expansionistischen Obrigkeitsstaat und reden insbesondere über den Kaiser, Bismarck, die Generalität oder den Flottenverein. Sprechen wir aber von einer differenzierten Gesellschaft und verweisen dabei auf die Frauenwahlrechtsbewegung, die Arbeiter_innenorganisationen und andere emanzipatorische Kräfte, dann sehen wir demokratische Potenziale, die sich im ausdrücklichen Widerspruch und Konflikt zu den herrschenden Schichten des Kaiserreichs befanden. Keine Gesellschaft ist widerspruchsfrei, auch das Deutsche Kaiserreich war es nicht. Unserer Meinung nach reicht es aber nicht, auf diese Widersprüchlichkeit zu verweisen, um von dort aus positive demokratische Bezugspunkte im Kaiserreich herzustellen. Diese ergeben sich vielmehr daraus, dass Demokratiebewegungen – allen voran die Sozialdemokratie und die Frauenbewegung, aber auch andere liberaldemokratische Vereinigungen – nicht wegen, sondern trotz des autoritär verfassten Kaiserreichs wuchsen. 

Kann man also über die Geschichte der Arbeiter_innenbewegung und der Sozialdemokratie sprechen, ohne ihre Friktionen in den Mittelpunkt zu stellen? Ja, kann man. Und die Frage nach den Kohäsionskräften sollte nicht nur eine historische sein. Die Frage nach den verbindenden Elementen sowie nach Themen, Milieus, Klassen und politischen Formen der Aktivität eines fortschrittlichen Lagers in der Gesellschaft muss auch heute gestellt werden.

Peter Beule und Stefan Müller

 

Weitere Informationen zur Fachkonferenz und ihren Referent_innen sowie Diskussionspapiere finden Sie hier.


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