Archiv der sozialen Demokratie

07.12.2020

Der Kniefall von Warschau – Versuch einer Rekonstruktion

Warschau, 7. Dezember 1970: Als Bundeskanzler Willy Brandt am Ehrenmal zum Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto auf die Knie sank – eine stumme Geste der Demut und des Respekts gegenüber den im Holocaust ermordeten Jüdinnen und Juden –, umringen ihn viele Fotoapparate und Filmkameras. Seitdem kursieren unterschiedliche Aufnahmen dieses Ereignisses: Ist es möglich, alle filmischen Überlieferungssplitter aneinanderzufügen und den Kniefall in Echtzeit zu rekonstruieren?

Für die bundesdeutsche Delegation war es im Rahmen ihres Staatsbesuchs in Polen an jenem kalten Dezembermorgen nach der ersten Zeremonie am Grabmal des unbekannten Soldaten bereits die zweite Kranzniederlegung. Zur Mittagsstunde sollte der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz im Präsidentenpalast gemeinsam mit Bundeskanzler Brandt und den beiden Außenministern den Warschauer Vertrag unterzeichnen. Dieser gilt nach dem Moskauer Vertrag vom August 1970 als weiterer zentraler Baustein der neuen Ostpolitik. Neben dem Gewaltverzicht und der damit verbundenen Normalisierung der Beziehungen beider Länder (u.a. waren Familienzusammenführungen vorgesehen) schrieb der Vertrag vor allem die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens fest und sicherte die Unverletzlichkeit aller Grenzen zu.

Das Ehrenmal wurde errichtet in einem Warschauer Viertel, das 1940 von den Nationalsozialisten in ein abgeriegeltes Gebiet umfunktioniert worden war. In diesem Ghetto pferchten sie Hunderttausende Menschen jüdischen Glaubens aus Warschau, aus Polen, aus dem deutschen Reichsgebiet und aus anderen besetzten Ländern auf engstem Raum und unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen ein, Hunger und Seuchen breiteten sich aus, der Tod war allgegenwärtig – ein Sammellager als Zwischenstation auf dem Weg zur Vernichtung: Auf jenem Platz des heutigen Ehrenmals im Ghetto entschieden die deutschen Besatzer über Leben und Tod; von dort setzten sich Menschenschlangen Richtung Umschlagplatz beim Güterbahnhof in Bewegung, Züge brachten sie in Konzentrationslager. Ein verzweifelter, bewaffneter Aufstand all derer, die sich nicht wehrlos deportieren und in den Gaskammern töten lassen wollten, wurde im April/Mai 1943 von den Deutschen niedergeschlagen. Der junge Willy Brandt erfuhr davon im schwedischen Exil; später kam er mit Berichten, Foto- und Filmdokumenten in Berührung, als er 1945/1946 als norwegischer Pressevertreter vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher berichtete.

Im Vorfeld seiner Reise nach Warschau hatte Willy Brandt darauf bestanden, auch am Ehrenmal einen Kranz niederzulegen, um an das Leid aller Getöteten zu erinnern und somit allen Opfern des Holocaust, des von den Deutschen verantworteten industriellen Völkermords, zu gedenken.
 

Zu Beginn der Zeremonie, deren Ablauf im Gegensatz zum protokollarischen Korsett am Grabmal des unbekannten Soldaten nicht festgeschrieben war, bewegte sich die Delegation gemessenen Schrittes über den weiten Platz, hinter dem von zwei Trägern gehaltenen Kranz und an den links und rechts in langen Reihen versammelten Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Warschau entlang. Ihr Ziel war das wuchtige Ehrenmal, dessen Skulptur mehrere Widerstandskämpferinnen und ‑kämpfer zeigt und dessen Plateau nun zu beiden Seiten – in Erwartung der üblichen Bilder einer Kranzniederlegung – von Foto-, Film- und Printjournalisten umsäumt war. Zunächst ging alles den gewohnten Gang: Die Delegation mit Außenminister Walter Scheel blieb vor der Treppe stehen, nur der Bundeskanzler schritt hinauf zu dem soeben abgelegten, mit weißen Nelken geschmückten Kranz. Er zog die schwarz-rot-goldenen Schleifen gerade, obwohl sie bereits gerade lagen, trat ein, zwei Schritte zurück – und dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte: Willy Brandt sank auf die Knie.

Brandts Weggefährten werden später rekapitulieren, wie er am Ende des langen Tages in geselliger Runde nach seinen Beweggründen gefragt wurde. Er habe erwidert, dass ein einfacher Kranz, ein einfaches Neigen des Kopfes nicht genüge, um für die monströsen Verbrechen und Gräueltaten des nationalsozialistischen Deutschlands Abbitte zu leisten. Zu jener vorgerückten Stunde hatte die Tagesschau im deutschen Fernsehen bereits erste Aufnahmen des Kniefalls gezeigt. Tags darauf druckten zahlreiche Zeitungen Fotos der Szene. Die Wochenschau der Ufa beendete ihren Bericht aus Warschau mit einer weiteren Sequenz des Kniefalls und auch der SPIEGEL fragte auf dem Titel: „Durfte Brandt knien?“. Die Diskussionen und die Rezeption dieser weltweit beachteten Geste nahmen ihren Lauf. Ein Jahr später erhielt Bundeskanzler Willy Brandt für seine Entspannungspolitik den Friedensnobelpreis. Mit den Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich sein Kniefall zur Medienikone.

Vom Kniefall in Warschau gibt es allerdings nicht das ikonographische Foto, nicht die eine einzige Filmsequenz. Wer die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition symbolisch mit dem Kniefall bebildert, entscheidet sich in der Regel für eines der zahlreichen Fotomotive als Momentaufnahme. Wer den Kniefall in einer Dokumentation zeigt, montiert aus verschiedenen Fragmenten einen Filmstrang so zusammen, wie es gewesen sein könnte. Denn bislang ist keine Aufnahme bekannt, welche den Ablauf in Gänze, lückenlos und ohne Schnitt zeigt: Der Kniefall von Warschau liegt seit fünfzig Jahren nur in fotografischen und filmischen Fragmenten vor, die auf unterschiedliche Weise immer wieder neu arrangiert werden.

Dieser Beitrag, der den Kniefall originalgetreu zu rekonstruieren versucht, zog 18 Dokumentationen und Features zurate, die in den vergangenen Jahren entweder neu produziert oder im Fernsehen wiederholt worden sind. Dieses Material zeigt 18 verschiedene Kniefälle. Vereinzelt beschränken sich die Darstellungen auf eine oder höchstens zwei Aufnahmen einer einzigen Kamera, doch meistens zeigen sie den Kniefall aus mehreren Perspektiven und bedienen die gängigen Filmschnitt- und Sehgewohnheiten. Wenn Willy Brandt allerdings (nicht selten von orchestralem Klangkleister oder falschen Trommelwirbeln untermalt) in Zeitlupe auf die Knie fällt und sich überhaupt der gesamte Vorgang in der Summe der aneinandergefügten Einstellungen in die Länge dehnt, bleibt die Authentizität auf der Strecke. Und nur selten ist Brandt zu sehen, wie er wieder aufsteht.

Am Anfang eines jeden Puzzles liegen alle Teile einzeln herum: Sind die Kniefall-Sequenzen aus den 18 Dokumentationen erst einmal in ihre einzelnen Einstellungen zerlegt, bekommt man es mit etwas mehr als hundert Filmschnipseln zu tun: schwarzweiße und bunte Aufnahmen mit unterschiedlicher Bildqualität in normaler Geschwindigkeit oder leichter bis extremer Zeitlupe, entweder im althergebrachten Vollbild oder beschnitten im 16:9-Breitbildformat, bisweilen sind die Aufnahmen sogar spiegelverkehrt. Vieles ist doppelt und variiert in Länge und Form.
 

Auch wenn vor Ort mindestens 17 Fotokameras klickten, so sind bislang gerade einmal 15 Schwarzweiß-Fotos des Kniefalls von neun professionellen Fotografen bekannt (sicherlich nur ein Bruchteil dessen, was in Fotoarchiven auf Filmstreifen und Kontaktabzügen schlummert und auch Ausschuss mit verrutschten oder verwackelten Motiven bereithalten dürfte). Die Fotos zeigen, dass am Ehrenmal 17 kleine oder große Filmkameras in Betrieb waren. Die Vielzahl an verfügbaren Filmsequenzen schnurrt auf 22 verschiedene Aufnahmen jeweils eines Zeitabschnitts der Zeremonie zusammen. Diese 22 Einstellungen sind bei genauem Hinsehen insgesamt acht Kameras und elf verschiedenen Standorten zuzuordnen (einige Kameraleute wechselten ihre Position): anfangs vor dem Ehrenmal entlang der Zuschauerreihen, später dann sehr nahe beim Ehrenmal jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln, so dass Willy Brandt von rechts wie von links schräg von vorne, von der Seite und schräg von hinten erscheint.

Alle Fotografen und Kameramänner setzten jeweils mehrere umstehende Kollegen unweigerlich als Statisten in Szene. Aus der anonym wirkenden Masse treten einige identifizierbare Pressevertreter heraus. Während Willy Brandt die Schleifen geraderückt, ist links Engelbert Reineke, Fotograf des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung zu sehen, der wenige Sekunden später sein Motiv direkt neben dem Wachsoldaten finden sollte, indem er dessen rechten Arm und beide Hände am Gewehrkolben in die Bildkomposition miteinbezog.
Axel Springer jr., der unter dem Pseudonym ‚Sven Simon‘ fotografierte, stand am Ehrenmal ebenfalls in der linken Reihe und erwischte den Knienden genau im Profil, ebenso wie ein namentlich nicht bekannter Vertreter von picture alliance / AP neben ihm. Dass Springer junior sich mit zwei Kameramännern herumplagte, die sich zu Beginn des Kniefalls vor ihn gestellt hatten, sieht man seinen Fotos nicht an. Auch, weil einer der beiden ausscherte und in die Hocke ging, gelang es ihm, den Kniefall mindestens vierfach fotografisch festzuhalten.
Links standen in der zweiten Reihe außerdem mehrere Journalisten, u.a. Hermann Schreiber (DER SPIEGEL) und Hans-Roderich Schneider (DIE WELT), dessen Artikel den Zeitpunkt des Kniefalls als einziger festhielt – „Es war am 7. Dezember 1970 um 10.43 Uhr ...“ Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich der Fotograf Hanns Hubmann (QUICK) inmitten bislang unbekannter Fotografen, Kameramänner, Journalistinnen und Journalisten sowie vielen Warschauer Bürgerinnen und Bürgern.
 

Dass diese Kranzniederlegung in ihrem Ablauf weder durchgeplant noch inszeniert worden war, zeigt sich vor allem daran, wie schnell die Zeremonie ablief – zum Leidwesen mehrerer Kameramänner, die zunächst die zum Ehrenmal schreitende Delegation filmten, nun aber flink nach vorne gelangen und dort weitere Aufnahmen einfangen wollten. Einige eilten noch herbei, als Willy Brandt bereits auf dem Plateau angekommen war. Bevor und während sich links die beiden Kameramänner vor Axel Springer jr. breitmachten und ein dritter (dessen Aufnahmen in der Tagesschau gesendet wurden) sich mit einem Platz auf den Treppenstufen begnügte, drückten sich an der rechten Reihe insgesamt fünf Kameramänner vorbei: Der erste schlich unterhalb der Kameras seiner Kollegen und stellte sich neben Hubmann, der zweite folgte Sekunden später und stellte sich ebenfalls neben Hubmann auf, war aber zuvor zwei Kameraobjektiven zu nah gekommen. Der dritte sauste die gesamte Strecke entlang, stellte sich hinten auf und touchierte zuvor nur einmal den Bildrand einer Aufnahme. Noch während Willy Brandt auf die Knie sank, sprintete ein vierter Spätankömmling gebückt bis zur Mauer des Ehrenmals, um sich zu Füßen des rechten Wachsoldaten auf ähnliche Weise hinzuhocken wie ein Fotograf schräg hinter Brandt – diese beiden Männer sind die größten „Störenfriede“ auf den von der linken Seite gemachten Fotos, da sie eben nicht standen, sondern wie Brandt knieten und ihm recht nahe kamen. Um sich ihrer zu entledigen, werden diese Fotos gelegentlich einfach beschnitten. Die Deutsche Post hingegen greift für ihre jüngst zum Kniefall herausgegebene Sonderbriefmarke mit dem Originalfoto von Sven Simon zu weitaus rabiateren Methoden: Die beiden Pressevertreter wurden wegretuschiert und durch duplizierte Beine und Füße unmittelbar benachbarter Zaungäste ersetzt. – Ein fünfter Nachzügler hatte das Nachsehen: Als dieser Fotograf sich vor seinem Kollegen Hubmann niederließ, hatte sich Willy Brandt längst wieder erhoben.


Ohne die Fotografen und Kameraleute auf ihrer alltäglichen Jagd nach dem besten Motiv wäre der Kniefall von Warschau heutzutage unsichtbar und im kollektiven Gedächtnis nicht vorhanden. Er wäre allenfalls durch Hörensagen bekannt – die Wirkmächtigkeit dieser Geste wäre verpufft und es ließe sich nicht im Nachhinein verfolgen, wie eine Medienikone entstand.

Wo jene Kameraleute und Fotografen die besten Plätze beanspruchten, blieb den Bürgerinnen und Bürgern zumeist nur die zweite Reihe. So drängte der hochgewachsene Kameramann, der sich als erster neben den Fotografen Hubmann gestellt hatte, eine (hell gekleidete) Dame nach hinten: Sie bekam den Kniefall nur bruchstückhaft zu Gesicht. Dem Kameramann hingegen gelangen zwei Filmaufnahmen, die zusammengenommen als wohl bekannteste Sequenz des Kniefalls gelten:

Seine Kamera begann zu filmen, als Brandt die Schleifen zurechtzog, und verharrte noch für eine Sekunde auf dem Kranz, bevor sie langsam nach links und gerade noch rechtzeitig zu Brandt hochschwenkte, um mitverfolgen zu können, wie er senkrecht nach unten in die Knie ging und die Hände übereinanderlegte. Mit einem harten Bildschnitt folgt eine zweite, inzwischen hinausgezoomte Einstellung, die Brandt vollständig zeigt, wie er nach wie vor kniete, während links von ihm der hektische Kameramann auf einmal schräg in die Hocke sprang. Die Kamera schwenkte wieder zum Kranz, doch da lehnte sich Willy Brandt am linken Bildrand nach hinten und richtete sich außerhalb des Bildes auf. Nach einem erneuten Schwenk zurück hatte Brandt sich bereits gedreht und wandte sich der Treppe zu.

Diese aus zwei Einstellungen bestehende Sequenz war bereits wenige Tage später integraler Bestandteil des Berichts über den Staatsbesuch in der Wochenschau der Ufa und ist seitdem in dieser Kombination oft gezeigt worden. Spätestens 2003 (in der Dokumentation Willy Brandt. Eine Jahrhundertgestalt) erschien die zweite Aufnahme in einer längeren, zwei Sekunden früher einsetzenden Variante. Die Produzenten von Der Kniefall des Kanzlers. Die zwei Leben des Willy Brandt (2010) scheinen in einem Archiv die Originale gefunden und in Spitzenqualität neu abgetastet zu haben, denn in jener Dokumentation begann die zweite Aufnahme eine weitere Sekunde früher. Auch wenn Willy Brandt hier länger kniet, so bleibt die Sequenz unvollständig und sie wird vom harten Bildschnitt nach wie vor unterbrochen. Was war dazwischen? Diese Frage führt zu einem weiteren Rätsel, das bis heute nicht geklärt werden konnte:

Wie lange kniete Willy Brandt? Bereits in den tagesaktuellen Berichten war man sich nicht einig: waren es „zwanzig, dreißig Sekunden“ (FAZ, 8.12.1970), „wohl eine halbe Minute“ (DER SPIEGEL, 14.12.1970) oder „etwa eine Minute“ (Stuttgarter Zeitung, 08.12.1970)? Die Rekonstruktion des genauen Bewegungsablaufs wird diesen Widerspruch auflösen, da sich die 22 separaten Einstellungen schlüssig zusammensetzen lassen. Jede Aufnahme ist voll von einzigartigen, charakteristischen Bewegungen, etwa des Kranzträgers, der auf dem Weg zum Ehrenmal einmal den rechten Mundwinkel verzog. Wenn Willy Brandt kniet, lassen sich mithilfe der Statistinnen und Statisten Parallelen ziehen. Ohne den Beobachter im hellen Trenchcoat, der linkerhand ebenfalls kniete, aber seine Handkamera sekundenlang einstellen musste, und ohne zwei, drei weitere hibbelige Kameramänner wäre es kaum möglich, die unterschiedlichen Aufnahmen des regungslosen Willy Brandt miteinander in Einklang zu bringen.
Sobald zwei unterschiedliche Filmschnipsel exakt denselben Augenblick gemein haben, können sie zweifelsfrei verbunden werden; auch die Frage nach Standorten ist mittels Sichtachsen und Fluchtlinien (mitunter ganz konkret zwischen den Steinplatten des Plateaus) zu beantworten, zumal neben den auf ihre Auslöser drückenden Fotografen auch manche Kameramänner dabei zu beobachten sind, wie sie schwenkten bzw. zoomten oder eine Aufnahme starteten bzw. beendeten und sich somit als Urheber einer bestimmten Einstellung zu erkennen geben.
 

Von zwei zu kurzen Nahaufnahmen der Delegation und des Hinterkopfes des knienden Willy Brandt einmal abgesehen, lässt sich auf diese Weise jede Einstellung an mindestens eine weitere Einstellung anknüpfen und oftmals sogar mit weiteren Aufnahmen verbinden. Dass etliche Filmschnipsel in abweichenden Bildfrequenzen ablaufen und dass einige Einstellungen in den Dokumentationen ausschließlich in künstlicher Zeitlupe vorliegen, erschwert die Rekonstruktion, die durch Feinjustierung der Bildlaufgeschwindigkeit und dank unverfälschter Fundstücke (vor allem in Features der 1990er Jahre) aber dennoch möglich ist.

Werden alle Einstellungen auf eine Zeitachse gesetzt und in einem Splitscreen mit neun Bildern verteilt, fügt sich aus dem vorhandenen Material ein nahezu dreidimensionales Puzzle ohne zeitliche Lücke zusammen. Stets ist mindestens ein Bild zu sehen, fast immer laufen mehrere, mitunter bis zu sechs Kameras gleichzeitig. Enorm wichtig ist eine chaotische, unterbelichtete Filmaufnahme einer simplen Handkamera, deren Besitzer auf der linken Seite des Plateaus aus dem Hintergrund (am siebenarmigen Leuchter vorbei) filmte, wie Willy Brandt plötzlich nach unten sank. Doch einer der herbeigeeilten Kameramänner versperrte ihm die Sicht, so dass er mit angeschalteter Kamera hinter seinen Kollegen entlang spurtete, bis er über Sven Simons Schulter eine Lücke fand, den knienden Bundeskanzler noch einige Sekunden lang sah und zuletzt auch den in die Hocke springenden Kameramann einfing, der möglicherweise sogar Willy Brandt aus seiner stillen Andacht riss. Dieser verwackelte Kameralauf ist wohl die längste ungeschnittene Aufnahme während des Kniefalls und gerade deshalb für die Rekonstruktion von großer Bedeutung, selbst wenn in ihr nur wenig zu erkennen ist und sie für eine Fernsehdokumentation kaum taugt. Oftmals erweisen sich gerade die unbeachtet gebliebenen Überlieferungen als die eigentlichen Schätze, die in Archiven zu heben sind.

 


Die Zeremonie am Warschauer Ghetto-Ehrenmal dauerte tatsächlich nicht mehr als eine Minute; Willy Brandts Kniefall währte etwa vierzehn Sekunden – ungefähr so lange, wie es braucht, um jenen Satz zu lesen, den Hermann Schreiber hernach im SPIEGEL veröffentlichte und den Willy Brandt wiederum Jahre später in mehreren Büchern zitierte, weil er sich in diesen Worten offenkundig wiederfand:

„Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können.“

Und das Mysterium des harten Bildschnitts mitten im Kniefall? Nun, zwischen den beiden Einstellungen ist schlichtweg nichts Besonderes passiert. Dem Kameramann kann niemand durchs Bild gelaufen sein; übrig bleiben nur banale Erklärungsansätze: so könnte er die Aufnahme gezielt unterbrochen haben – vielleicht musste er mit seiner Filmrolle haushalten, da eine ellenlange Zeremonie am Grab des unbekannten Soldaten hinter ihm und die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages noch vor ihm lag? Oder verlor er im Gedränge kurzzeitig die Kontrolle über seine Kamera? Revanchierte sich die in die zweite Reihe abgedrängte Bürgerin und rempelte ihn an? All dies ist Spekulation; die wenigen Filmaufnahmen der Gegenseite zeigen ihn nicht. Vorerst nicht. Denn natürlich ist denkbar, dass weitere Aufnahmen vom Kniefall auftauchen – schließlich ist von den 17 auf den Fotos gezählten Filmkameras das Material von neun Kameras gänzlich unbekannt. Einige könnten zumindest theoretisch den gesamten Kniefall festgehalten haben. So wird die Zukunft vielleicht zeigen, woher die übrigen Kameraleute stammten, für wen sie arbeiteten, ob ihre Aufnahmen etwas geworden sind und wo sie all die Jahrzehnte über verwahrt wurden.

Was auch künftig in Archiven entdeckt werden mag: Die multiperspektivische Rekonstruktion war bereits jetzt, zum 50. Jahrestag lückenlos in Echtzeit möglich. Und während die zu Einzelbildern erstarrten Fotografien längst zu Bildikonen avanciert sind, verdeutlichen die zusammengepuzzelten Filmsekunden womöglich tatsächlich, wie das damals war, als Willy Brandt in Warschau auf die Knie fiel.

Sven Haarmann

 

Die 22 Einstellungen der Rekonstruktion setzen sich aus Aufnahmen unbekannter Herkunft zusammen, die in diesen neun Dokumentationen zu finden sind:

Der Kniefall des Kanzlers. Die zwei Leben des Willy Brandt [Sebastian Dehnhardt / Manfred Oldenburg; MDR / BROADVIEW TV / arte; © BROADVIEW TV, 2010]; Erstausstrahlung: arte, 01.12.2010
00:04:00–00:21:20 [4]; 00:25:12–00:31:09 [8]; 00:31:01–00:40:00 [5]; 00:42:11–00:44:10 [1]; 00:44:03–00:47:09 [5]; 00:49:17–00:58:22 [1]; 01:01:15–01:06:05 [8]

Kanzler (4): Der Visionär – Willy Brandt [Guido Knopp / Ingo Helm; ZDF; © ZDF, 1999]; Erstausstrahlung: ZDF, 27.04.1999 [Wh.: Phoenix, 02.11.2009]
00:07:01–00:13:11 [5]; 00:19:24–00:27:09 [6]; 00:29:22–00:33:22 [3]; 00:36:14–00:40:07 [6]; 00:47:09–00:48:21 [5]; 00:49:13–00:55:06 [6]

60xDeutschland – Die Jahresschau: 1970 [Johannes Unger / Jan Lorenzen; Chronik TV / rbb / NDR / Phoenix / WDR / MDR / SWR / Deutsche Welle; © rbb 2009]; Erstausstrahlung: Das Erste, 31.03.2009 [Wh.: BR, 29.03.2010]
00:08:07–00:11:11 [8]; 00:31:09–00:34:03 [8]; 00:41:04–00:42:18 [2]

Willy Brandt † [Details unbekannt, da ohne Abspann gesendet]; Erstausstrahlung: ZDF, 09.10.1992 [Wh.: Phoenix, 02.11.2009]
00:08:17–00:18:00 [7]; 00:27:03–00:30:14 [7]; 00:39:23–00:42:11 [1]

Brandts Kniefall. Eine historische Collage zu Willy Brandts Ostpolitik [Details unbekannt, da ohne Abspann gesendet]; Erstausstrahlung: EinsExtra, 04.12.2010
00:13:11–00:17:22 [5]; 00:37:18–00:43:24 [8]; 00:48:01–00:53:17 [3]; 00:50:04–00:51:19 [8]

Kniefall, Mittelfinger und Turnschuh-Eid. Die 10 legendärsten Gesten aus Politik, Pop und Sport [Dominique Ziesemer; NDR; © NDR, 2014]; Erstausstrahlung: Das Erste, 01.05.2014
00:26:04–00:29:22 [3]; 00:33:22–00:35:15 [3]; 00:40:23–00:43:11 [3]

Pictures for Peace – Fotos, die die Welt bewegten: Willy Brandts Kniefall [Rémy Burkel; ITV Studios France / arte / CNC; © ITV Studios France / arte, 2015]; Erstausstrahlung: arte, 08.08.2015
00:35:04–00:48:11 [9]

Deutsche und Polen. Eine Chronik. Teil 4 – Vertreibung, Erstarrung, Versöhnung [Jens Stubenrauch; ORB; © ORB, 2003]; Erstausstrahlung: Das Erste, 03.01.2003 [Wh.: 3sat, 25.04.2010]
00:48:06–00:51:19 [2]; 00:51:19–00:56:17 [8]

Willy Brandt – Erinnerungen an ein Politikerleben [André Schäfer; Florianfilm GmbH / WDR / rbb / arte; © WDR 2013]; Erstausstrahlung: arte, 10.12.2013
00:48:21–00:52:01 [5]; 00:52:01–01:02:09 [5]

Die Positionen der Aufnahmen auf dem Zeitstrahl und im Splitscreen werden im Quellenverzeichnis und in den Bildunterschriften mit Minuten:Sekunden:Einzelbilder und einer Zahl von 1 bis 9 (zeilenweise von oben links nach unten rechts) notiert.

 

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