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Kurzgefasst und eingeordnet von Jonah Schwope.Jonah Schwope arbeitet im Bereich „Resilient Democracy“ bei Das Progressive Zentrum in Berlin. Zuvor studierte er „Public Governance across Borders“ an den Universitäten Münster und Twente.
Autoritäre Bewegungen gewinnen an Zuspruch nicht trotz, sondern wegen ihres Versprechens, die bestehende Ordnung zu destabilisieren. Grundlage dafür sind gesellschaftliche Bedingungen, die destruktive Einstellungen begünstigen: enttäuschte Fortschrittsversprechen, Statusverlustängste, zunehmende Ungleichheit und das Gefühl, von politischen Institutionen übergangen zu werden. Es wächst der Wunsch nach einem radikalen Bruch mit Strukturen, die als blockierend und ungerecht erlebt werden. Rechte Akteure kanalisieren diese Zerstörungslust gezielt, indem sie soziale Ängste, Ressentiments und ein Nullsummendenken politisch instrumentalisieren. Wer diese Zerstörungslust bekämpfen will, muss die strukturellen Ursachen der politischen Destruktivität adressieren. Als Gegenmodell bedarf es eines postliberalen Antifaschismus, der auf inklusive gesellschaftliche Visionen, öffentliche Güter für alle und die Wiederherstellung demokratischer Handlungsmöglichkeiten setzt.
Das mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnete Werk Zerstörungslust eröffnet neue Perspektiven auf die Krisen der sozialen Demokratie. Die soziologische Zeitdiagnose erfasst dabei eine bislang unterbelichtete Dimension, nämlich das tief empfundene Gefühl einer Blo-ckierung des eigenen Lebens in ökonomischer, sozialer und psychischer Hinsicht. Dieses Gefühl transformiert sich in destruktive Energie und somit in den Wunsch nach Zerstörung. Das Werk drängt dazu, die Demokratie nicht nur als institutionelles Arrangement zu begrei-fen, sondern als fragile Erfahrungs- und Gefühlsgemeinschaft, deren Stabilität auf ökonomi-scher Sicherheit, auf sozialen Faktoren wie Anerkennung und Teilhabe sowie nicht zuletzt auch auf Gefühlen und gefühlten Wahrheiten beruht. Für progressive politische Akteure lässt sich daraus die folgende Lehre ableiten: Wer über den Faschismus reden will, muss auch über den Liberalismus und den Kapitalismus reden. Entscheidend ist, die strukturellen Bedin-gungen von sozialer Ungleichheit, Prekarität und Perspektivlosigkeit anzugehen, demokrati-sche Teilhabe umfassender als den Wahlakt zu denken und vor allem darüber nachzuden-ken, wie die Vorteile der Demokratie wieder stärker fühl- und erfahrbar gemacht werden können.
Oliver Nachtwey ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. Sein For-schungsschwerpunkt liegt auf sozialer Ungleichheit, Klassenprozessen und politischer Radi-kalisierung. Er erforscht die sozialen Grundlagen autoritärer Tendenzen und die Dynamik gesellschaftlicher Abstiegserfahrungen.
Carolin Amlinger ist Soziologin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Basel. Sie untersucht politische Mobilisierung, autoritäre Bewegungen und gesellschaftliche Paradoxien und analysiert, wie kulturelle und soziale Faktoren destruktive Politiken attraktiv machen.
Liberale Demokratien befinden sich in einer Polykrise, die sich zusammensetzt aus globalen Umweltproblemen, geopolitischen Konflikten, digitalen Umwälzungen und wirtschaftlicher Stagnation. Die Versprechen der Moderne auf Fortschritt und soziale Mobilität erweisen sich in der Lebensrealität vieler Menschen als hohl. In der Folge nehmen soziale Spannungen zu. Während diese in der Vergangenheit durch materielle Verbesserungen und redistributive Politiken abgefedert werden konnten, kommt dieser Mechanismus heute wegen der Grenzen des Wachstums und der Erosion traditioneller Sicherungssysteme zum Erliegen. Es herrscht Angst vor Statusverlust, und immer weniger Menschen glauben an eine bessere Zukunft. Dies zeigt sich nicht nur als gefühlte Wahrheit, sondern manifestiert sich in einem starken Anstieg der Vermögensungleichheit und einer wachsenden Zahl von Menschen, die in Armut leben. Mangelnde Investitionen in Bildung, Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge verstärken die Wahrnehmung eines gesellschaftlichen Niedergangs. Die Analyse zeigt, dass nicht nur ökonomisch marginalisierte Gruppen von dieser Krise betroffen sind. Auch Angehörige der ehemals stabilen Mittelschicht erleben soziale Blockaden hinsichtlich ihrer Aufstiegs‑ und Teilhabechancen. Die soziale Mobilität nimmt ab und die Demokratie wird entleert, da sie nur begrenzten Einfluss auf wirtschaftspolitische Entscheidungen ausübt. Die primäre Ursache für diese Entwicklungen liegt in der seit dem Ende der 1970er Jahre forcierten neoliberalen Strukturpolitik, die durch Marktzentrierung und Hyperindividualisierung zur Erosion sozialer Integration und institutioneller Tragfähigkeit beiträgt.
Die im Neoliberalismus vorangetriebene Individualität verspricht Autonomie und Selbstverwirklichung. Tatsächlich erleben viele Menschen jedoch eher eine Vielzahl impliziter Zwänge, permanente Leistungsanforderungen und undurchsichtige Erwartungen. Dieses Spannungsverhältnis erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht und innerer Enge. Es entsteht ein Gefühl „blockierten Lebens“ – Biografien also, die gefühlt oder wirklich nicht voll ausgeschöpft wurden. Betroffene tendieren dazu, hierfür andere verantwortlich zu machen: den Staat, die Wirt-schaft, Migranten oder andere Minderheiten. Aus dem Ohnmachtsgefühl wiederum erwächst der Wunsch, jene Struktur zu zerstören, die als lebenshemmend empfunden wird. Kurz: „Destruktivität ist das Ergebnis ungelebten Lebens.“
Vor dem Hintergrund blockierter Lebenschancen und dem Gefühl der Zukunftslosigkeit breitet sich ein Nullsummendenken aus, in dem der Zugewinn des einen zwangsläufig den Verlust des anderen bedeutet. Soziale Gewinne werden nicht als gemeinsamer Fortschritt, sondern als begrenzte Ressource verstanden. Dahinter steht häufig eine Denkstruktur, die fest an das meritokratische Ideal individueller Leistung glaubt und zugleich die Schuld für das Ausbleiben von Selbstverwirklichungschancen bei anderen sucht. Hinzu kommt, dass Ungleichheiten nicht mehr im Sinne eines Klassenkonfliktes zwischen Arm und Reich artikuliert werden. Stattdessen geht es immer öfter um Auseinandersetzungen zwischen Identitätsgruppen. Im Resultat wird das Ausbleiben eigener Gewinne einem als korrumpiert wahrgenommenen Staatswesen zugerechnet, das angeblich anderen Gruppen unverdiente Privilegien gewährt, statt die eigene Leistung zu goutieren. In dieser Logik erscheinen infrastrukturelle Defizite, migrationspolitische Entscheidungen und individuelle Benachteiligungserfahrungen als Teile eines einheitlichen Entzugsgeschehens. Charakteristisch ist dabei die Verknüpfung kausal nicht zusammenhängender Entwicklungen. Die Rechtfertigung hierfür wird aus der Binnenperspektive der Zerstörungslustigen sichtbar: Eigene materielle Ansprüche und Freiheitsversprechen werden als verweigert erlebt, während sie anderen Gruppen zugeschrieben werden. So ergibt sich ein Deutungsmuster, das man wie folgt zusammenfassen könnte: „Erst schließt das Krankenhaus, und dann wird es in eine Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert.“Die daraus entstehende Wut zielt vorrangig auf staatliche Akteure und politische Eliten, denen angelastet wird, Aufstiegsperspektiven zu versperren und durch fiskalische wie regulatorische Maßnahmen die individuelle Handlungsfreiheit zusätzlich einzuschränken. Insbesondere die sogenannte professional-managerial class, die aus akademisch qualifizierten Beschäftigten in Verwaltung, Bildung, Medien und leitenden Positionen besteht, die an der Setzung sozialer Normen, Sprachregeln und Diversity-Politiken beteiligt sind, wird aufgrund ihrer prakti-schen und symbolischen Autorität, die von vielen Menschen als bevormundend und ungerecht erlebt wird, zum Angriffsziel rechter Mobilisierung. Die eigene Lebenserfahrung scheint entwertet, die eigene Handlungsmacht begrenzt. Aus dieser Gemengelage entsteht ein affektiver Resonanzraum, in dem sich Frustration, Ressentiment und Kränkung verdichten. Die Ablehnung richtet sich jedoch nicht nur gegen Eliten oder Institutionen, sondern zunehmend gegen die gesellschaftliche Ordnung als solche. Die destruktive Mentalität entwickelt sich als eine Reaktion auf ein Gefühl fundamentaler Blockierung durch ein System, das andere nach ihren Interessen erschaffen haben und gegen die eigenen Ansprüche aufrechterhalten.
In der Konsequenz wird der Wunsch nach Destruktivität zu einem eigenständigen politischen Antrieb. Dies ist kein individualpsychologisches, sondern ein soziales Phänomen. Zu unterscheiden sind drei Typen des destruktiven Charakters:
● Der „Erneuerer“, dessen Ziel es ist, die liberalen Institutionen zu erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen;● der „Zerstörer“, dem der Glaube an die Erneuerung fehlt und der die Systemzerstörung als Selbstzweck sieht; und ● der „Libertär-Autoritäre“, dessen ideologisch motiviertes Bestreben es ist, den regulierenden Staat abzuschaffen und durch autoritäre Alternativen zu ersetzen.
Die Integrationskraft destruktiver Orientierungen entsteht also nicht notwendigerweise aus kohärenten politischen Programmen, sondern speist sich vielmehr aus affektiv geteilten Erfahrungen von Statusangst, Ressentiment, erlebter Entwertung und dem Wunsch nach radikaler Normalisierung. Die Lust an der Zerstörung ist letztlich kein reines politisches Kalkül, sondern zieht ihre integrative Kraft in erster Linie daraus, dass sie als emotionales Erlebnis wirkt.
Der Faschismus kehrt nicht als historische Kopie der uns bekannten Formen von Massenaufmärschen und Gewaltherrschaft zurück. Vielmehr existiert er als „faschistische Fantasie“ innerhalb der Demokratie und findet dort seine Anhänger. Er entsteht aus einer klassenübergreifenden Koalition sozial heterogener Gruppen, die weniger durch ein konsistentes politisches Programm als durch einen gemeinsamen, affektiv aufgeladenen Willen zur Zerstörung der liberalen Demokratie verbunden sind. Zu seinen sozialen Trägern zählen radikalisierte Teile der Mittelklasse mit ausgeprägten Abstiegsängsten, Teile der Arbeiterschaft mit seit Langem stagnierenden Lebensbedingungen sowie Akteure aus der oberen Mittel- und Oberschicht, die sich nationalistischen und rassistischen Ideologien zuwenden. Bei allen Unterschieden in der Motivationslage eint diese Gruppen die Ablehnung des inklusiven Charakters liberaler Demokratien in Rückgriff auf das Nullsummendenken. Zentral für den demokratischen Faschismus ist seine Bivalenz: Während er sich in Worten zur Demokratie bekennt, höhlt er praktisch deren liberale Grundlagen aus. Demokratische Ideale wie Freiheit und Gleichheit werden nicht aufgegeben, sondern exkludierend umgedeutet und nur noch auf ein vermeintlich homogenes Kollektiv bezogen. Diese doppelte Codierung bildet sein strukturierendes Prinzip. Letztendlich wirkt der demokratische Faschismus primär über affektive Atmosphären, die Zugehörigkeit erzeugen, ohne klare Festlegungen zu verlangen, und in denen destruktive, ja gewaltvolle Fantasien implizit anschlussfähig werden.
Als Gegenentwurf braucht es einen Antifaschismus, der über die Verteidigung liberaler Institutionen hinausgeht. Dieser postliberale Antifaschismus muss die strukturellen Ursachen politischer Destruktivität adressieren, politische Perspektiven entwerfen, die soziale Sicherheit und Teilhabe bieten, und er muss positive Zukunftsentwürfe ins Zentrum stellen. Es gilt anzuerkennen, dass das Versprechen auf sozialen Aufstieg für breite Teile der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit verloren hat. Die Konsequenz daraus ist zwar keine pauschale Abkehr von allen Aspekten des Liberalismus; zu überwinden ist jedoch die Privilegierung eines Weltbildes, in dem das eigennützige Individuum zum normativen Ausgangspunkt erhoben wird und in dem soziale Beziehungen systematisch ausgeblendet werden. Der überhebliche Glaube an die Objektivität, moralische Überlegenheit und Alternativlosigkeit der liberalen Ideen muss einer ehrlichen Selbstkritik weichen. Auch reicht es nicht, bei der Bekämpfung des Faschismus allein auf Mittel des Rechts zu setzen. Vielmehr gilt es, die emotionale Dimension des Politischen zu nutzen und nicht autoritären Akteuren zu überlassen. Ihren mobilisierenden Mythen sind glaubwürdige, lebensbejahende Visionen des guten Lebens entgegenzustellen, die Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln. Dies setzt voraus, Vielfalt nicht nur rhetorisch zu affirmieren, sondern unterschiedliche Lebensentwürfe tatsächlich als legitim anzuerkennen. Dazu zählen beispielhaft auch klassisch-konservative Familienbilder, die nicht zum politischen Feindbild erklärt, sondern als eine von mehreren gleichberechtigten Möglichkeiten gesellschaftlicher Lebensführung behandelt werden müssen. Erforderlich ist somit eine Politik des Gemeinsinns, die Abhängigkeiten, Fürsorge und kollektive Verantwortung als zentrale Ressourcen demokratischer Ordnung begreift und dadurch die affektiven Grundlagen einer resilienten Demokratie stärkt.
Zerstörungslust liefert eine tiefgehende und äußerst umfangreiche soziologische Analyse der gegenwärtigen Bedrohung liberaler Demokratien durch destruktive politische Bewegungen. Das Buch überzeugt dort am meisten, wo es sich auf die Analyse konkreter sozialer Erfahrungen und affektiver Dynamiken konzentriert. Die empirischen Passagen zeigen anschaulich, wie politische Orientierung unter Bedingungen stagnierender Lebensverhältnisse zunehmend negativ strukturiert ist. Politik erscheint vielen Befragten weniger als Raum gestaltbarer Zukunft, denn als Instanz der Zumutung, des Entzugs und der Fremdbestimmung. Diese Verschiebung hin zu einer Politik der Ablehnung wird von Amlinger und Nachtwey präzise rekonstruiert und stellt einen wichtigen Beitrag zur Analyse autoritärer Mobilisierung jenseits klassischer Ideologiebegriffe dar. Etwas schwächer wird der Text dort, wo aus diesen Beobachtungen ein umfassender theoretischer Anspruch abgeleitet wird. Insbesondere bleibt der Begriff des demokratischen Faschismus eher im Stadium einer Heuristik, als eine in ihren Elementen systematisch ausgearbeitete Theorie darzustellen, wie es der Titel des Buchs nahelegt. Diskutieren ließen sich zudem viele der grundlegenden Annahmen der Autor_innen, etwa die Erschöpfung des Fortschritts. Schließlich schrumpft die Wirtschaft noch nicht, sie stagniert. Vielleicht ließe sie sich auch erneuern, wie Ezra Klein und Derek Thompson in ihrem jüngsten Buch Abundance argumentieren. Und selbst, wenn dem nicht so sein sollte, könnte es andere Möglichkeiten geben, um Fortschritt abseits der Idee wirtschaftlichen Wachstums neu zu denken.
Nichtsdestotrotz verdient die eingeführte Kategorie des demokratischen Faschismus unsere Aufmerksamkeit. Die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkende Konzeption entfaltet ihre analytische Stärke nämlich vor allem als produktive Irritation, die uns zu einem tieferen Nachdenken über die Wirkungslogik des zeitgenössischen Faschismus anregt.Denn so zutreffend die intuitiv formulierte Erkenntnis der Widersprüchlichkeit von Demokratie und Faschismus auf rationaler Ebene ist, so unzulänglich bleibt sie für die Formulierung politischer Alternativen. Der neue ‚demokratische Faschismus‘ operiert schließlich nicht trotz, sondern mittels seiner Irrationalität. Es genügt daher nicht, diese lediglich offenzulegen. Vielmehr – das zeigt das Werk eindringlich – gilt es, über die Ebene rationaler Argumente hinaus auch die affektiven und psychosozialen Dimensionen des Politischen systematischer als bisher zu adressieren.
Verlag: SuhrkampErschienen: 14.10.2025Seiten: 453ISBN:978-3-518-43266-2