Mobilität „Autonomes Carsharing muss keine Science-Fiction bleiben“ 30.10.2026 Ronny Arnold Die Mobilitätsforscherin Julia Jarass erläutert im VORAN-Interview, welche Alternativen zum eigenen Auto es gerade auch im ländlichen Raum gibt. Dr. Julia Jarass arbeitet am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin. Bild: Ersteller: Julia Jarass VORAN: Haben Sie ein eigenes Auto? Julia Jarass: Ich habe tatsächlich kein Auto, weil ich es in Berlin kaum brauche. Für kurze Distanzen nutze ich das Fahrrad und für längere die Bahn. Und ich gehe relativ viel zu Fuß, vor allem seit ich einen Hund habe. Ich bin auch beim Carsharing angemeldet. Wenn ich mal etwas transportieren muss oder für eine längere Strecke ein Auto brauche, dann leihe ich mir das aus. Warum ist das Mobilsein auf dem Land teilweise schwieriger? Der ländliche Raum ist wesentlich anders strukturiert als Städte, einfach aufgrund der geringeren Dichte an Personen und den größeren Distanzen. Da ist es viel schwieriger, ein dichtes öffentliches Verkehrsangebot zu schaffen. In der großen Studie „Mobilität in Deutschland“, zu der das DLR vor allem die Datenaufbereitung und -interpretation beisteuert, wurde zum Beispiel nach Raumtypen differenziert und geschaut, wo welche Verkehrsmittel genutzt werden. Auch wurde ermittelt, wie viele Wege gemacht werden und wie lange die Menschen dafür am Tag unterwegs sind. Und da zeigt es sich, dass Menschen in ländlichen Gegenden weniger Zeit für Mobilität aufbringen, als das in Städten der Fall ist. Dafür legen sie aber längere Distanzen zurück. Die Ziele, wie der Supermarkt, sind oft weiter weg. Das ist manchmal auch erst im nächsten Ort. Um dort überhaupt in vernünftiger Zeit ans Ziel zu kommen, nutzen die Menschen das Auto. Julia Jarass (stehend) diskutiert mit Akteuren aus Verwaltung und Politik die Potenziale von innovativen Mobilitätsangeboten in der Lausitz – wie Rufbus, Carpooling oder Lastenrad-Sharing. Bild: Ersteller: DLR Dr. Julia Jarass arbeitet als Mobilitätsforscherin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am dortigen Institut für Verkehrsforschung in Berlin beschäftigt sie sich unter anderem damit, wie die Verkehrswende gelingen kann und wie aktive Mobilität gefördert wird – also das Zufußgehen oder Fahrradfahren, die partizipative Stadtgestaltung und die Umgestaltung des Straßenraums. Eine Erkenntnis: Neben guten technologischen Lösungen kommt es auch auf die Akzeptanz und das Vertrauen gegenüber neuen Mobilitätsangeboten an. Mit dem Forschungsprojekt CTran hat das DLR-Institut für Verkehrsforschung untersucht, welche alternativen klima- und sozialfreundlichen Mobilitätslösungen im ehemaligen Braunkohlerevier der Lausitz etabliert werden können. Könnten gute Carsharing-Modelle helfen? Carsharing bedeutet ja im Grunde, dass man zeitweise – für eine Fahrt oder auch mal ein paar Tage lang – ein Auto ausleiht. Das spielt auf dem Land zunächst keine wichtige Rolle, da mehr als 90 Prozent der Haushalte auf dem Land ein eigenes Auto haben. Viele besitzen auch zwei oder mehr Fahrzeuge. Da muss das Carsharing schon sehr attraktiv sein, so dass man sagt, man schafft das eigene oder eins von mehreren Autos ab und steigt auf Carsharing und ÖPNV um. Der ländliche Raum bringt vor allem eine Herausforderung mit: Da der liniengebundene ÖPNV auf dem Land nicht zu allen Zielen ausgebaut werden kann, sind insbesondere ergänzende Mobilitätsangebote für die „letzte Meile“ wichtig. Das ist zum Beispiel der Weg von der etwas weiter weg gelegenen Bahn- oder Bushaltestelle nach Hause. In diesem Zusammenhang haben wir als DLR in der Lausitz neue ergänzende Mobilitätsangebote zum ÖPNV wie Rufbusse, E-Lastenräder und das sogenannte „Carpooling“ untersucht. Weil der ÖPNV auf dem Land nicht überall hinfährt, sind ergänzende Mobilitätsangebote vor allem für die „letzte Meile“ wichtig. Bild: Ersteller: Karl-Heinz Spremberg/imageBROKER/picture alliance Was ist Carpooling? Das bedeutet, dass man sich einzelne Fahrten teilt, anstatt dass jede Person im eigenen Pkw unterwegs ist: Man wird also von jemandem mitgenommen, der oder die die Fahrt sowieso machen würde. So können auch Personen ohne eigenen Führerschein oder mit Mobilitätseinschränkung mit dem Auto mobil sein. Und das wiederum funktioniert ganz gut über Online-Plattformen, Apps oder über informelle Gruppen, also sogenannte „Bottom-up-Initiativen“: Die Menschen vor Ort organisieren selbst, etwa über Messenger-Gruppen, wohin sie fahren und geben an, dass sie eine oder mehrere Personen mitnehmen können. Man schließt sich für einzelne Fahrten zusammen und macht diese gemeinsam. Was bräuchte es, damit Carpooling in ländlichen Gegenden funktioniert? Bei unseren Untersuchungen in der Lausitz haben wir feststellen können: Vor Ort gibt es Potenzial für innovative Ideen und gemeinsam organisierte Lösungen. Kommunen oder auch Bürgerinitiativen vor Ort können zum Beispiel Carpooling zum Thema machen und unterstützen. Sie können beim Aufbau von Strukturen und Plattformen helfen und die Angebote bekannter machen – für die Leute vor Ort, aber zum Beispiel auch für Touristen. Es ist dabei wichtig zu zeigen, dass es solche Mobilitätsformen vor Ort gibt. Eine Form des oft schon von Kommunen organisierten Carpooling sind auch sogenannte Mitfahrbänke. Dort setzt man sich drauf und wartet, bis ein Auto anhält und einen mitnimmt. Auf einer Mitfahrbank können Interessierte auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Bild: Ersteller: Sujo26/Zoonar/picture alliance Welche Rolle kann der ÖPNV in diesem Kontext spielen? Neben den bestehenden ÖPNV-Angeboten könnten in Zukunft insbesondere ergänzende Mobilitätslösungen eine interessante Option sein: Zum Beispiel Rufbusse, die gibt es ja schon in einigen Regionen. Man kann sie etwa als Zubringer auf der schon angesprochenen letzten Meile nutzen. Diese Angebote sind vielen Menschen noch zu wenig bekannt. Oft geht es also darum, kein weiteres Angebot bereitstellen zu müssen, sondern die ergänzenden Mobilitätslösungen des ÖPNV bekannter zu machen und gut zu vernetzen, damit möglichst viele Menschen davon erfahren und diese nutzen. Beim Carsharing setzen schon viele Anbieter auf E-Mobilität. Ist das der richtige Schritt? Das ist eine Möglichkeit, damit E-Autos in den Markt und auf die Straßen gelangen. Durch E-Mobilität entfallen die lokalen Emissionen beim Fahren. Gleichzeitig gibt es aktuell für längere Strecken noch Herausforderungen, an denen das DLR forscht. Ein zielgerichtetes und zuverlässiges Netz an Ladesäulen, die auch ein schnelles Aufladen ermöglichen, ist hier ein wichtiger Schritt. Gerade das stationsgebundene Carsharing hat den Vorteil, dass die Autos an einem spezifischen Ort abgestellt werden müssen, den man mit Ladesäulen ausstatten kann. Auch Carsharing mit autonom fahrenden und elektrisch betriebenen Fahrzeugen muss nicht Science-Fiction bleiben. Zum Beispiel könnten autonome Rufbusse eine wichtige Rolle spielen und flexible, bedarfsgerechte Mobilität ermöglichen, gerade in Regionen, wo sich regelmäßige Angebote einfach auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht rentieren. Bild: Ersteller: DLR (CC BY-NC-ND 3.0) Wie könnte Mobilitätsförderung im ländlichen Raum künftig noch besser funktionieren? Bestehende Gemeinschaften auf dem Land, wie Vereine, können eine wichtige Rolle spielen. Über sie können gezielt bestimmte Gruppen für verschiedene Zwecke Fahrten oder Fahrzeuge teilen. In einem nächsten Schritt wäre denkbar, diese Angebote auch für weitere Nutzende zu öffnen, die von außerhalb dieser Zusammenschlüsse dazukommen. Denkbar wären auch Angebote wie Fahrgemeinschaften zur Schule oder für Jugendliche am Wochenende, etwa als Partyverkehr, wenn man vom Dorf in die nächstgrößere Stadt fahren möchte. Gerade mit modernen IT-Lösungen wie Apps und KI-Unterstützung ließen sich Mobilitätsangebote stärker bündeln und passgenauer gestalten. Was ist Ihnen bei Ihrer Untersuchung in der Lausitz noch aufgefallen? Sicherheit und Vertrauen waren bei allen neuen Mobilitätsangeboten ein wichtiges Thema. Das betrifft Mitfahrangebote genauso wie Rufbusse oder auch etwa Leihfahrräder. Bei den Fahrrädern spielen Wartung und eine einfache Einweisung eine wichtige Rolle, etwa bei Lastenrädern oder E-Bikes. Wichtig und notwendig sind bei Angeboten auch klare Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten sowie Zielgruppen, die angesprochen werden sollen. Also definitiv entscheidend ist daher neben der Technik, die gemeinschaftlich genutzt werden soll, auch ausreichend Information und das Sicherheitsgefühl bei der Nutzung. Zur Mobilitätswende können auch Bikesharing-Angebote zählen. Bild: Ersteller: Torsten Sukrow/SULUPRESS.DE/picture alliance Welchen Einfluss haben die aktuell sehr hohen Energiekosten? Die hohen Energiekosten haben kurzfristig kaum eine Wirkung. Denn man hat ja schon das Auto mit seinen Fixkosten bezahlt und jeden einzelnen Tag muss man bestimmte Orte aufsuchen. Vielleicht lässt man dann auch mal den einen oder anderen nicht notwendigen Ausflug aus – das ist aber ein überschaubarer Einfluss. Langfristig verteuert sich das Auto als Verkehrsmittel. Dann überlegt man sich schon, welche Art von Auto man kauft. Die Verkäufe von elektrischen Pkw sind in den letzten Monaten stark angestiegen. Und vielleicht – wenn der ÖPNV gut ist und Carsharing eine Rückfalloption ist, werden einzelne Personen auch ihr Auto verkaufen. Hemmt uns da in Deutschland zu oft noch unsere Bürokratie? Grundsätzlich ist der ÖPNV ein Bereich, in dem sich sehr viele Akteure miteinander abstimmen müssen, sodass der Umsetzungsprozess manchmal etwas länger sein kann. Das liegt auch daran, dass viele unterschiedliche Interessen – zum Beispiel Fahrgastkomfort, Kosten, Umweltaspekte – in diesem Prozess zu berücksichtigen sind. Ein guter Austausch zwischen allen Beteiligten innerhalb und zwischen den Kommunen ist dabei wichtig und hilfreich, um sich Abläufe bei anderen an- und abzuschauen. Das kann dabei helfen, Bürokratie da abzubauen, wo sie nicht zwingend notwendig ist. Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Ersteller: Torsten Stapel Freitag, 30.10.2026 Mobilität Carsharing auf dem Land: Gemeinsam statt Zweitwagen BARshare im Landkreis Barnim zeigt, wie Carsharing auch abseits der Großstadt funktionieren kann. Kommunen nutzen die Elektroautos dienstlich, Privatpersonen vor allem am Wochenende. Bild: Ersteller: Dörpsmobil SH Freitag, 30.10.2026 Mobilität Wie Dörfer Mobilität selbst organisieren In Schleswig-Holstein setzen 53 Dörpsmobil-Vereine auf gemeinschaftliches Carsharing. Die Elektroautos sollen dort Mobilität ermöglichen, wo der öffentliche Nahverkehr an Grenzen stößt.