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09.03.2021

Auswirkungen der Automatisierung für Arbeiter_innen in Vietnam

Was ein Handschuh mit Überwachung zu tun hat und warum es wichtig ist, bei der Weiterqualifikation von Mitarbeiter_innen in die Zukunft zu schauen.

Es liegt nur ein schmaler Grat zwischen der Nutzung von Technologie zur Mitarbeiterführung und der Nutzung der Technologie zur Kontrolle der Arbeiterinnen und Arbeiter. In einem Interview mit der FES spricht sich Arbeitsexpertin Dr. Pham Thi Thu Lan dafür aus, Arbeitnehmer_innen und Gewerkschaften in die Nutzung von Technologien und arbeitsrelevanten Daten am Arbeitsplatz einzubeziehen.

Die vierte industrielle Revolution läutet ein neues Zeitalter der Hochautomatisierung ein. Das wird enorme Auswirkungen auf die Beschäftigung und die Qualifikationen von Arbeitnehmer_innen haben, besonders in arbeitsintensiven Branchen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die die nachhaltige sozioökonomische Entwicklung in Vietnam seit 1990 unterstützt, sprach dazu mit Arbeitsexpertin Dr. Phạm Thị Thu Lan, die zum Thema Automatisierung in der Bekleidungs- und Schuhindustrie in Vietnam forscht. Was sind ihre Ergebnisse und wie schätzt sie die Risiken ein, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf die Arbeitnehmer_innen zukommen?

 

Die zunehmende Automatisierung in der Bekleidungsindustrie ist bereits ein vieldiskutiertes Thema. Warum ist es immer noch wichtig, es genauer zu betrachten?

Dr. Pham Thi Thu Lan: Jede industrielle Revolution war ein weiterer Schritt im Automatisierungsprozess. Von der ersten bis zur dritten industriellen Revolution ermöglichte es die Automatisierung, menschliche Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Die Maschinen konkurrierten jedoch nur mit der körperlichen Leistungsfähigkeit des Menschen und schufen gleichzeitig einen Bedarf an geistiger Arbeit – die kognitive Fähigkeiten erfordert. Menschliches Bewusstsein und Denken konnten nicht durch Maschinen ersetzt werden. Weben war beispielsweise zunächst Handarbeit, ehe es mit fußgesteuerten Webstühlen durchgeführt wurde. Dann entstanden nacheinander Wasserdüsenwebmaschinen, automatische Webstühle und nun computer- bzw. softwaregesteuerte Webmaschinen. In all diesen Phasen waren jedoch immer noch Menschen notwendig, um die Maschinen zu steuern, die Produkte oder dekorativen Muster zu entwerfen und die Artikel auf Fehler zu prüfen. Man nahm an, dass nur Menschen voneinander lernen, miteinander kommunizieren und die Gefühle der anderen verstehen könnten und so in der Lage seien, Produkte zu gestalten, die den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen gerecht würden.

Die vierte industrielle Revolution war ein revolutionärer Durchbruch im Hinblick auf die Automatisierung, denn nun nimmt die Automatisierung den Menschen nicht nur die körperliche Arbeit weg, sondern auch einen Großteil der kognitiven Tätigkeiten. Ob Sensortechnologie, maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz – sie alle haben Maschinen in die Lage versetzt, Produkte zu schaffen, die die Bedürfnisse des Einzelnen erfüllen. Ein hohes Maß an geistiger Arbeit kann nun von Maschinen übernommen werden. Lässt man jetzt der Technologie freien Lauf, werden nicht nur Arbeitsplätze für Menschen vollständig verloren gehen, sondern es werden ganze Berufskategorien weitgehend automatisiert werden und könnten eines Tages komplett verschwunden sein.

Wir müssen dieser Frage gründlich nachgehen, denn die Technologie kann große Auswirkungen für den Menschen haben, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. In der Bekleidungs- und Schuhindustrie überwiegen die Vorteile der manuellen Arbeit zwar noch immer gegenüber der Technologie und den damit verbundenen Kosten. Die Technologie könnte aber durchaus für das Personalmanagement genutzt werden, um die Produktivität und die Verwaltungseffizienz zu steigern. Überwachungskameras könnten überall installiert werden, um Eignung, Arbeitshaltung und Verhalten der Arbeiterinnen und Arbeiter zu überwachen. In manchen Ländern gibt es sogar Unternehmen, die Handschuhe und Arbeitskleidung mit einem Chip ausstatten, um Betrieb und Arbeitsfortschritte überwachen und die eingesetzte Technologie verbessern zu können. Die Chips überwachen jedoch auch die persönlichen Fähigkeiten jeder Arbeitskraft. Das Recht auf persönliche Freiheit fällt der Nutzung der Technologie zum Opfer. Personenbezogene Daten über Arbeitsfähigkeit, Arbeitshaltung und Verhalten der Arbeiter_innen werden gespeichert und die Arbeiterinnen und Arbeiter darüber kontrolliert. Diese persönlichen Daten könnten dann verwendet werden, um Arbeiter_innen zu bedrohen, wenn sie das Unternehmen verlassen oder gegen es vorgehen wollen. Dies schafft eine neue Art von Arbeitsdruck und Stress für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Personenbezogene Daten können sogar zur Handelsware werden, die Unternehmen dann gewinnbringend verkaufen.

Es liegt nur ein schmaler Grat zwischen der Nutzung von Technologie zur Mitarbeiterführung und der Nutzung der Technologie zur Kontrolle der Arbeiterinnen und Arbeiter. Aufgrund dieser Tatsache ist es notwendig, dass alle Beteiligten straffe und transparente Regeln aufstellen und Arbeiter_innen und Gewerkschaften in die Nutzung von Technologien und personenbezogenen Daten der Arbeitnehmer_innen am Arbeitsplatz einbeziehen.

 

In Ihrer Forschung zur Automatisierung in der Schuhindustrie sprechen Sie Empfehlungen für die Regierung, Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitnehmer_innen aus. Welche der von Ihnen vorgeschlagenen Elemente sollten Ihrer Meinung nach zur Unterstützung von Arbeitnehmer_innen im Zusammenhang mit der Automatisierung priorisiert werden?

Dr. Pham Thi Thu Lan: Dieses Problem kann nicht nur mit einer einzigen Lösung beseitigt werden. Sowohl die Bekleidungs- als auch die Schuhindustrie sind arbeitsintensiv, und laut Forschungsergebnissen wird die Automatisierung in den nächsten fünf bis zehn Jahren wachsen. Vorhersagen zu den Entwicklungsaussichten dieser Branchen deuten jedoch darauf hin, dass noch keine Arbeitsplätze verloren gehen. Aufgrund automatisierter Prozesse entlassene Arbeiterinnen und Arbeiter könnten in Unternehmensbereiche versetzt werden, die gerade erweitert werden. Ein größeres Risiko liegt in dem, was danach kommt. Der Kostenvorteil der menschlichen Arbeit gegenüber der Technologie wird immer noch dazu führen, dass Unternehmen mehr Arbeiterinnen und Arbeiter für die Erweiterung ihrer Geschäftstätigkeiten einstellen, anstatt in ein höheres Maß an Automatisierung zu investieren. Eine höhere Arbeitslosigkeit könnte dann drohen, wenn die Kosten der Technologie sinken und die Unternehmen dazu übergehen, mehr in die Automatisierung zu investieren. Deshalb sollte die Priorität auf der Umsetzung einer politischen Doppelstrategie liegen: Einerseits eine Verringerung der Anreize, welche sich aus niedrigen Lohnkosten ergeben (durch Steigerung der Löhne und einer Reduzierung der Arbeitszeiten), und andererseits die Förderung des Technologietransfers, einhergehend mit Mitarbeiterförderung und Schulungen, damit die Arbeitnehmer_innen neue Kompetenzen erwerben. All dies sollte auf schrittweise und nachhaltige Veränderungen hinwirken. Diese wiederum müssen sich auf nachhaltige Entwicklung konzentrieren, denn die Risiken der Automatisierung haben gezeigt, dass der Einsatz billiger Arbeitskräfte weder nachhaltig noch sozialverantwortlich ist. Sobald Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeit verlieren, werden sie kein Einkommen und keine Ersparnisse mehr haben und von der Unterstützung der Gemeinschaft und der Gesellschaft abhängen. COVID-19 sollte als Warnung vor dem eingeschlagenen Weg betrachtet werden sowie als Chance, Billigarbeit in der verarbeitenden Exportindustrie zu verringern.   

 

Wie würden Sie anhand der zwei Studien zur Bekleidungs- und Schuhindustrie die nähere Zukunft der vietnamesischen Arbeiterinnen und Arbeiter unter dem Aspekt der Automatisierung einschätzen?

Dr. Pham Thi Thu Lan: Wenn nicht ein Umdenken hin zur bereits genannten politischen Doppelstrategie einsetzt, wird die Mehrzahl der Arbeiterinnen und Arbeiter in der vietnamesischen Bekleidungs- und Schuhindustrie auch weiterhin ihren Lebensunterhalt auf äußerst mühsame Weise und mit niedrigen Tätigkeiten verdienen, und sie werden dabei stets dem Risiko der Arbeitslosigkeit ohne jegliche Vorkehrungen und ohne soziales Sicherheitsnetz ausgesetzt sein. Die Studienergebnisse legen nahe, dass die Qualifikationen, die in der vierten industriellen Revolution gefragt sind – wenn neue Maschinen und technische Ausstattung eingesetzt werden – sich gewaltig von denen unterscheiden, über die die Arbeiter_innen derzeit verfügen. Es werden besonders Mehrfachqualifikationen erforderlich sein, also nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch Computerkenntnisse, Sprachkenntnisse und systematisches Denken. Hierzu gehören unter anderem kritisches Denken, Kreativität oder das systematische Lösen von Problem. Die meisten Beschäftigten in der Bekleidungs- und Schuhindustrie sind derzeit ungelernt, und die Weiterbildung zum Erwerb der neuen Qualifikationen ist nicht einfach. Bisher werden bei der Ausbildung von Arbeitskräften durch die Unternehmen nur die Qualifikationen vermittelt, die für die Gegenwart notwendig sind, anstatt künftig gefragte Kompetenzen zu berücksichtigen. Die Entscheidung, neue Technologien an die eigene Branche anzupassen, kann sofort umgesetzt werden. Das gleiche gilt für den Kauf und die Einrichtung dieser Technologien. Die Ausbildung der Arbeitskräfte erfordert jedoch Zeit. Aus der Perspektive der Arbeiterinnen und Arbeiter wird das eine immense Herausforderung sein, wenn sie nicht angemessen darauf vorbereitet sind.

Das englische Original erschien hier am 5. Februar 2021: www.asia.fes.de/news/automation-vietnam

Dr. Phạm Thị Thu Lan ist stellvertretende Leiterin des Instituts für Arbeiter_innen und Gewerkschaften und Expertin im Bereich Arbeit. Sie arbeitet seit über 20 Jahren mit dem Allgemeinen Vietnamesischen Arbeiterbund (Vietnam General Confederation of Labour, VGCL) zusammen.

 

 


Ansprechpartnerin

Anja Bodenmüller-Raeder
Anja Bodenmüller-Raeder
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