27.07.2018

„Massenunterkünfte gefährden das Kindeswohl und verletzen Menschenrechte“

Sozialarbeiter_innen arbeiten täglich mit Asylsuchenden. Was denken sie über die deutsche Flüchtlingspolitik? Ein Gespräch mit dem DBSH.

Bild: von Jenny Omar

Bild: von Luca Gefäller

Jenny Omar und Luca Gefäller, sie sind Sprecher_innen der Arbeitsgemeinschaft Flucht und Migration des Berliner Landesverbands des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit (DBSH), der bundesweit rund 6000 Mitglieder hat. Der DBSH Berlin hat kürzlich eine Erklärung mit dem Titel "Sozialarbeiter_innen gegen die Kasernierung Geflüchteter" veröffentlicht, in der er sich gegen die geplanten “Zentren für Ankunft, Entscheidung, Rückführung (AnkER)“ ausspricht.
 

FES: Was ist aus Sicht von Sozialarbeiter_innen problematisch an den Plänen des Innenministeriums?

Jenny Omar und Luca Gefäller: Massenunterkünfte bedeuten die Verletzung von Freiheit und Grundrechten der dort untergebrachten Menschen sowie eine Gefährdung des Kindeswohls. In den bereits bestehenden Transitzentren in Bayern wurde Kindern z. B. der Schulbesuch verweigert. Zudem ist durch die isolierte Lage der Unterkünfte kein Zugang zu unabhängiger Rechtberatung möglich, sodass de facto das Menschenrecht auf Rechtsschutzgarantie verletzt wird.

Es findet eine strukturelle Verweigerung von angemessenem Wohnraum, von Spracherwerb, von gesellschaftlicher Teilhabe und ehrenamtlicher Unterstützung statt, die nicht mit den berufsethischen Prinzipien Sozialer Arbeit zu vereinbaren sind.

Wir warnen, dass eine erfolgreiche Integration mit der Errichtung von Massenunterkünften nicht möglich ist. Im Gegenteil fördern solche Einrichtungen die Spaltung der Gesellschaft, weil sie Begegnungen zwischen Mehrheitsgesellschaft und Neuankommenden verhindern.

Tatsächlich haben sich ja mittlerweile viele Bundesländer gegen die Errichtung von AnKer-Zentren gestellt, allerdings gilt das oben Gesagte genauso – wenn nicht noch in verschärfter Form - für die geplanten Transitzentren an den Grenzen Deutschlands und Europas.

Mit welchen Herausforderungen sind Sozialarbeiter_innen konfrontiert, die mit Asylsuchenden arbeiten? Unter welchen Bedingungen arbeiten Ihre Mitglieder?

Auch wenn sich die Lage in vielen Unterkünften in Deutschland entspannt hat, sind die Arbeitsbedingungen für Sozialarbeiter_innen dort weiterhin prekär. Es gibt weiterhin zu wenig Personal, weswegen Sozialarbeiter_innen fachfremde Aufgaben übernehmen müssen – bis hin zu sicherheitsdienstlichen Aufgaben. Dadurch wird ein Beziehungsaufbau zu den Bewohner_innen erschwert und es ist viel zu wenig Zeit für wirkliche sozialarbeiterische oder sozialpädagogische Tätigkeiten da. Es geht da vielfach eher um Verwaltung als um Arbeit mit den Bewohner_innen. Die Kolleg_innen sind häufig extremen psychischen Belastungen ausgesetzt und in vielen Fällen ist kein Geld für ausreichende Supervision da.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um besonders gefährdete Gruppen unter den Asylsuchenden, also Kinder, Frauen, LGBTI und traumatisierte Personen? Können Sozialarbeiter_innen diesen vulnerablen Gruppen unter den gegebenen Bedingungen gerecht werden?

Nein, es ist extrem schwierig, diese vulnerablen Gruppen adäquat zu versorgen. So ist es fast unmöglich für traumatisierte und psychisch erkrankte geflüchtete Menschen, in der psychiatrischen Regelversorgung anzukommen. Das liegt zum einen an Sprachbarrieren beziehungsweise fehlenden Mitteln, um Sprachmittler_innen zu bezahlen, zum anderen aber auch daran, dass die Regelversorgung bereits ohne Menschen mit Fluchthintergrund überlastet ist. Da fehlt es an Zeit, Geld und letztlich auch dem politischen Willen, sich Fachwissen im Umgang mit psychisch erkrankten Geflüchteten anzueignen. Auch braucht es natürlich mehr Zeit und Personal, sich intensiv mit z. B. Konzepten für die Einbindung von geflüchteten Frauen zu beschäftigen. Am Ende ist es hier wie in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit - auch die Kolleg_innen, die für die Unterstützung Geflüchteter zuständig sind, arbeiten am absoluten Personal- und Zeitlimit.

Die Sozialarbeiter_innen, die ja tagtäglich mit Asylsuchenden arbeiten, sind in der Debatte um das Thema Flucht und Migration überraschend still. Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Wir als Berufsverband der Sozialen Arbeit haben uns basierend auf den berufsethischen Prinzipien ganz klar gegen die AnKer-Zentren und gegen die Verschärfung der Asyl- und Grenzpolitik der Europäischen Union positioniert. Viele Sozialarbeiter_innen leisten unglaubliche Arbeit direkt mit den Geflüchteten. Das erreicht medial leider nicht so viel Aufmerksamkeit wie beispielsweise rechtspopulistische Aussagen im Zusammenhang mit Flucht und Asyl.

Aus Sicht der Sozialarbeiter_innen: Was muss sich politisch ändern, damit die Integration der Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, gelingen kann?

Wichtig ist es, möglichst schnell allen Geflüchteten eine dezentrale Unterbringung zu ermöglichen. Dies geht einher mit einer generellen Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum – besonders in Städten wie Berlin, wo die Mieten in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Das ist auch eine Sache, mit der sich eigentlich unserer Bundesinnenminister beschäftigen sollte, da zu seinem Ministerium auch das Thema „Bauen“ gehört. Weiter braucht es für eine erfolgreiche Integration eine Öffnung der Regelstrukturen vor allem in den Bereichen Arbeit und Bildung sowie eine Beschleunigung bürokratischer Verfahren. Da geht es um das Asylverfahren, aber auch darum, dass Menschen z. B. teilweise monatelang auf ihre Genehmigung zum Integrationskurs warten müssen. Das frustriert und demotiviert unglaublich, wenn mir die Möglichkeit des Spracherwerbs genommen wird. Integration ist außerdem keine Einbahnstraße – die bereits in Deutschland länger lebenden Menschen müssen auch bereit sein, die Neuankömmlinge aufzunehmen.

Kontakt in der FES: Susan Javad, Referentin für Migration und Integration in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik

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