Die Welt gerecht gestalten

12.07.2020

Muss man umverteilen, um Ungleichheit zu reduzieren?

Deutschland hat seine Einkommensungleichheiten niedrig gehalten, indem es Reichtum durch Steuern und Transfers umverteilt hat. Aber gibt es bessere Wege, Ungleichheit zu bekämpfen?

Jürgen Zattler, Exekutivdirektor der Weltbank für Deutschland, schlägt zur Bekämpfung der steigenden globalen Ungleichheit zwei Maßnahmen vor. Erstens: Die Weltbank sollte ihre Datenforschung und -sammlung zu Ungleichheit verbessern. Nur so ließe sich die „Theory of Change“ besser verstehen, anhand derer sich ablesen lässt, welche Politiken sich wie auf Ungleichheit auswirken. Zweitens: Sie sollte ihr Ziel von gemeinsamem Wohlstand in ihr Geschäftsmodell aufzunehmen, und zwar so, wie sie es mit ihrem Ziel, extreme Armut zu beenden, getan hat.

Diese Vorschläge diskutierte Jürgen Zattler in einer Online-Diskussionsrunde der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Patrizio Pagano, dem Exekutivdirektor der Weltbank für Albanien, Griechenland, Italien, Malta, Portugal, San Marino und Timor-Leste, sowie mit Cecilia Nahón, der stellvertretenden Exekutivdirektorin für Argentinien, Bolivien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay.

Zattlers Anliegen unterstützt auch der emeritierte Professor José Gabriel Palma (Cambridge University), der Ungleichheit weltweit untersucht  und ebenfalls an der Diskussionsrunde teilnahm. Professor Palma sprach direkt den Kern des Problems an: „Wir haben keine umfassenden Daten zur Ungleichheit der Markteinkommen.“ Dazu zählen Einkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit sowie Kapital- und Vermögenseinkommen. Und zwar vor staatlicher Umverteilung durch Steuern und Transfers.  Mit Hilfe zweier Diagramme zeigte er, inwiefern dies unser Verständnis sowohl der Gründe als auch der Abhilfe für Ungleichheit beeinträchtigt.

In der linken Grafik wird die Situation in Deutschland von 1960 bis 2016 dargestellt. Die blaue Linie („market“) zeigt die Markteinkommen und die grüne Linie („disposable“) das verfügbare Einkommen nach Steuern und Transfers. Beides wird mit dem Gini-Koeffizienten gemessen, bei dem 0% die gleichmäßige Verteilung des Einkommens bedeutet (alle Einkommen sind gleich hoch) und 100% die maximale Ungleichheit anzeigt (eine Person erhält alles und alle anderen gar nichts).

In der rechten Grafik, die Südkoreas Situation während der gleichen Zeitspanne aufzeigt, liegen der Markt-Gini  und der Gini-Koeffizient für Nettoeinkommen 50 Jahre lang mit einer durchschnittlichen Differenz von nur 9% sehr eng beieinander. Im Vergleich dazu liegt die Differenz in Deutschland bis Mitte der 1970er Jahre bei etwa 28 % und schwillt dann bis etwa 2015 auf stattliche 44 % an.

Im Hinblick auf Deutschland fragt Professor Palma: „Wie nachhaltig ist diese wachsende Kluft?“ Die Besteuerung von Reichtum und Einkommen sowie die Verteilung dieser Steuern als Sozialtransfers sind hochpolitische Themen, und mit dem Anstieg von Ungleichheit geht einher, dass die Nutzung von steuerlichen Mitteln zur Subventionierung der hohen Marktungleichheit immer stärker zurückgedrängt wird.

Wäre es nicht günstiger, wenn die Wirtschaft solch hohe Markt-Ungleichheiten erst gar nicht produzierte? Dann wäre lediglich eine geringere Umverteilung – oder sogar gar keine Umverteilung – vonnöten, um ein niedrigeres Einkommensungleichheitsniveau zu erreichen.

Das Problem dabei sind die Daten. Sie reichen zur Untersuchung der Markt-Ungleichheit nicht aus, da sie keine Aussagen darüber erlauben, wodurch Ungleichheit entsteht.

Die Diskussion ergab weiter, dass folgende Faktoren Ungleichheit beeinflussen:

  • Herr Zattler: Ein in der Diskussion in der Weltbank nicht ausreichend beleuchteter Faktor ist die Rolle der Finanzialisierung von Volkswirtschaften, wodurch das Vermögen der Reichen und die Verschuldung der unteren 90 Prozent vermehrt, gleichzeitig aber nicht Investitionen verstärkt wurden.
  • Herr Pagano: Während der Pandemien im 20. Jahrhundert war der Netto-Gini (nach Steuern und Transfers) wesentlich höher als der Markt-Gini.
  • Frau Nahón: Ein kluger Staat, der sich im Gegensatz zu 2008 nachhaltig von der Pandemie erholen will, also mit weniger Ungleichheit, wird verantwortlichere Partnerschaften mit dem Privatsektor eingehen und seine massive Unterstützung auch an Erwartungen zu Joberhalt, Steuerzahlungen und Investitionen knüpfen.

Das Publikum beteiligte sich in zwei Umfragen. Die erste Frage war: „Was ist die größte Hürde, damit die Weltbank Ungleichheit und ihren Einfluss auf die Politik der Weltbank besser analysieren kann: „Geopolitik“, „institutionelle Zurückhaltung“, beides oder keines von beidem?“ Beinahe die Hälfte stimmte für die Kombination von Geopolitik und institutioneller Zurückhaltung (siehe Umfrageergebnisse 1).

Die zweite Frage lautete: „Welches ist der wichtigste nächste Schritt in der Agenda der Weltbank, um weitreichende Reformen anzustoßen, die die Ungleichheit bekämpfen: „Eine Kampagne, um dies auf die Agenda der G20 für 2021 zu setzen“; „eine Kampagne in den Sozialen Medien, die sich direkt an das Weltbank-Management richtet“; „die Vereinten Nationen (UN) in die Debatte einbeziehen“; oder keine von diesen Möglichkeiten?“ Über ein Drittel der Befragten sagte, wir sollten die UN einbeziehen und beinahe ein Drittel meinte, dass es eine Kampagne geben sollte, um diese Frage auf die Agenda der G20 für 2021 unter dem Vorsitz Italiens zu bringen (siehe Umfrageergebnisse 2).

Möchten Sie mehr zum Thema wissen? Besuchen Sie uns auf Youtube. Dort finden Sie den Mitschnitt der Onlinediskussion im Originalton.

 

 

 

Arbeitseinheit: Globale Politik und Entwicklung


Ansprechpartnerin

Elisabeth Bollrich
Elisabeth Bollrich
+49 30 269 35 75 14

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