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Die Welt gerecht gestalten

16.02.2021

Das Land des Honigs schützen

Um globale Herausforderungen lokal zu lösen, braucht es ein prämiertes Filmteam, eine engagierte NGO und politischen Willen, findet die FES Skopje.

Nobelparty am Strand, Luxus-Wohnung mit Blick aufs Wasser, hochpreisige Restaurants mit gestärkten Tischdecken – viele Menschen vereisen, um solche Orte zu finden. Nordmazedonien gehört bislang nicht dazu, und zu wünschen ist es dem Land sicher nicht.

Aber das Land braucht eine ökonomische, sozial-ökologische Zukunftsperspektive, damit Menschen bleiben, nicht abwandern und Arbeit finden. Wie können Bürgermeister_innen und nationale Regierungen die Kommunen unterstützen, damit das Land nicht billig verkauft oder für schnellen Gewinn ausgeschlachtet wird? Wie können progressive Aktivist_innen, Umweltschützer_innen und Expert_innen lokale Entscheidungsträger_innen davon überzeugen, in Umweltschutz und nachhaltige Tourismuskonzepte zu investieren?

Die FES Skopje hat festgestellt: Mit einem richtig guten Filmteam, einer engagierten Nichtregierungsorganisation (NGO) und politischem Willen!

Mischung aus Ex-Yugo-Brutalismus und Naturphilosophie

Nordmazedonien verfügt über eine Natur mit beeindruckender und einzigartiger Biodiversität, eindrucksvollen Seen und Gebirge mit weitgehend unergründeten Wanderwegen. Nicht ohne Grund hat der Lonley Planet das Land auf Platz drei der Top-Reiseziele für 2020 gesetzt. Das ist in der Regel ein Garant für Tourist_innen, die das ursprüngliche, unberührte Ziel suchen – und es dann in der Masse zu einem hoffnungslos überlaufenen Hotspot machen. Die Auflistung im Reiseführerolymp ist auf eine besondere Produktion zurückzuführen: Der mazedonische Dokumentarfilm »Honeyland« gewann u.a. den Hauptpreis des Sundance Film Festivals und war 2020 für den Oscar in zwei Kategorien nominiert. Der Film erzählt die Geschichte einer Bienenzüchterin, die einsam zwischen kargen Bergen lebt und versucht, ihre Dorfnachbarn davon abzuhalten, zu viel Honig auf einmal zu sammeln und so die Bienen zu vertreiben. Die Hälfte für sie, die Hälfte für die Bienen, so koexistieren sie und erhalten einander die Lebensgrundlage. Ein berührender Film mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, einer multiethnischen Protagonistin und einer schönen Mischung aus Ex-Yugo-Brutalismus in Skopje und greifbaren Verteilungsfragen und naturphilosophischen Gesprächen im Dorf. Absolut Lonley-Planet-tauglich!

Kommunales Engagement für Umweltschutz

Der internationale Erfolg des Film erneuerte den Stolz auf die heimischen Naturschätze und weckte den Geschäftsgeist mit zahlreichen Vermarktungsideen. Vielleicht hat das Land Glück gehabt, dass die Empfehlung als Reisegeheimtipp in das Corona-Jahr fiel, in dem private Reisen verboten oder erschwert waren. Also blieb der erwartete Tourismus-Andrang aus, die Mazedonier_innen blieben zu Hause und erkundeten die Natur-Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat: Die Stadt Ohrid und die Umgebung des Sees gehören seit 1979/80 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Richtung Süden erstreckt sich der bei Ornithologen beliebte albanisch-mazedonische-griechische Prespa-See, große Gebirgsketten grenzen an Kosovo und Albanien, und in Richtung bulgarischer Grenze befindet sich das Osogovo-Gebirge, eine Bergkette die zum Europäischen »Grünen Gürtel« gehört.

Um den Naturreichtum zu schützen und damit auch langfristig eine Lebensgrundlage für die Menschen im Land zu schaffen, versucht die sozialdemokratisch geführte Regierung Nordmazedoniens seit Längerem das Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu stärken. Lokale NGOs, wie die Macedonian Ecological Society treiben dies in den Teilregionen voran, indem sie sich gemeinsam mit den Kommunen engagieren, um die Natur und die Landschaft als rechtsverbindlich festgesetzte Naturschutzgebiete zu etablieren und so vor Ausverkauf, Spekulanten und Ignoranz zu schützen. 

Die FES-Skopje unterstützt das Annäherungsbemühen der Regierung an die EU, insbesondere im Bereich des gültigen EU-Rechts in der Europäischen Union um Umwelt, Klima und Energie besteht die Notwendigkeit zu handeln,  um die Rechtsprechung an Europäische Gesetze anzugleichen und zu implementieren. Während das Land auf die Eröffnung der EU-Beitrittsgespräche wartet, kann es die Zeit nutzen, um langwierige Reformentwicklungen voranzubringen. Wenn es auf nationaler und lokaler Ebene rechtzeitig auf nachhaltige Entwicklung setzt, kann es in den EU-Beitrittsverhandlungen voranschreiten.

Kommunen beteiligen und unterstützen

Im Osten des Landes zeichnet sich ein erster Erfolg ab: Seit Jahren pflegt die FES engen Kontakt zu einem Bürgermeister, der versucht Korruption zu bekämpfen und durch Pilotprojekte versucht die Kommune attraktiv für Ortsansässige zu machen.

Die Stadt wirkt aufgeräumt, aber die angrenzenden Osogovo-Berge brauchen viel Aufmerksamkeit und Investitionen, um sie einerseits touristisch zu nutzen und andererseits die Natur schützen zu können. Lokale Entscheidungsträger_innen stehen oft vor großen Problemen, die sie kaum bewältigen und auf sich allein gestellt lösen müssen: Wie halten sie Arbeitskräfte vor Ort, verhindern Abwanderung, z.B. nach Deutschland und liefern den Menschen und ansässigen Unternehmen Perspektiven, wenn die Kassen klamm sind und die Trends der Urbanisierung und Abwanderung der vergangenen Jahre bereits Pfadabhängigkeiten geschaffen haben?

Nature is Value

Gemeinsam mit Macedonian Ecological Society, der Stadt Kochani und Mitgliedern der Honeyland-Filmcrew konnte die FES Skopje für den Handlungsbedarf und die notwendige Unterstützung sensibilisieren und die Aufmerksamkeit der nationalen Institutionen erregen.

Die Not der Corona-Pandemie zur Tugend machend, organisierten die Kooperationspartner eine Naturwanderung mit Vorträgen zu ausgewählten Herausforderungen, um Entscheidungssträger_innen, internationalen Vertreter_innen von Botschaften und Organisationen, sowie der Zivilgesellschaft deutlich zu machen, wie durch kleine Impulse in Naturschutz, Regulierung von Bebauung und Förderung nachhaltiger Entwicklungskonzepte in Mobilität, Agrarwirtschaft und Tourismus ein sustainable domino-Effekt ausgelöst werden kann. Dadurch wird nicht nur Biodiversität geschützt, sondern auch Menschen eine Zukunftsperspektive eröffnet. Der dabei entstandene Kurzfilm „Nature is Value“ zeigt anschaulich, wie die großen und oft abstrakten Sustainable Development Goals und auch der European Green Deal ganz konkrete Reflexionsflächen in kleinen Kommunen haben. Politische Entscheidungen können im Großen und im Kleinen zu der Bewältigung der globalen Herausforderungen beitragen. Ende 2020 konnte schließlich in einer der letzten Parlamentssitzungen in Skopje ein entscheidender Schritt erfolgen: Zwei große Naturschutzgebiete wurden in Nordmazedonien ernannt, darunter das Osogovo-Gebirge.

Der nächste Kampf: den UNESCO-Status wahren

Nun geht die Arbeit weiter: Pläne für eine Bildungsstätte, die Schülern und Schülerinnen nachhaltige Entwicklung und Ökologie vermittelt, werden zwischen der Macedonian Ecological Society, dem Bildungs- und Umweltministerium und der Kommune abgestimmt. Nur im Zusammenspiel zwischen diesen Akteuren und guter Kommunikation mit internationalen Gebern und Organisationen, kann der Schutz des Naturreichtums gelingen. Nachhaltig genutzt und gut geschützt, kann er dem Land langfristig erhalten bleiben.

Nun setzte Anfang des Jahres die UNESCO den Ohridsee und die Stadt Ohrid auf die Liste des bedrohten Weltkulturerbes: Zu viele illegale Bauten, Strandclubs und schlecht befestigte Wanderwege bedrohen das historische Bild der Stadt und die Biodiversität des Sees.

Auch hier ist konzertierte Anstrengung, politischer Wille national und lokal, sowie langer Atem notwendig, um den UNESCO-Status zu halten, der auch so viele Touristen ins Land zieht.

Wenn lokale Entscheidungsträger_innen nicht unterstützt werden, erliegen sie schnell fragwürdigen Immobiliendeals und Entwicklungsstrategien, die auf schnellen Profit ohne nachhaltige, soziale und ökologische Sicherheit ausgerichtet sind. Die FES Skopje entwickelt mit ausgewählten Kommunen Aktionspläne, um die Entwicklungskonzepte nachhaltig zu gestalten, auch mit Blick auf beginnende EU-Beitrittsgespräche, die in diesem Jahr aufgenommen werden könnten.

Und das ist nicht nur im Interesse Nordmazedoniens. Der EU-Botschafter David Geer brachte es bei einem Ohrid-Besuch kürzlich auf den Punkt: Dies ist WELT-Kulturerbe.

Eva Ellereit leitet seit 2018 das FES-Büro in Nordmazedonien. Mehr Informationen über das Projekt finden Sie hier.


Ansprechpartnerin

Sonja Schirmbeck
Sonja Schirmbeck
030 26935-7728

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