• Medien und Netzpolitik

Meine erste Investigativ-Geschichte

von Jakob Kerry

Die „investigative Recherche“ ist eine journalistische Arbeitsweise, der etwas Mystisches und Geheimes innewohnt. Bei meiner ersten investigativen Recherche habe ich gelernt: Sie ist alles andere als Zauberei.

Mehrere Personen sitzen an einem Konferenztisch mit Namensschildern und Getränken, während eine Person in der Mitte lächelnd spricht und die anderen aufmerksam zuhören.
Urheber: SPD-Bundestagsfraktion / Maren Strehlau

Investigativjournalismus deckt Missstände auf, die sonst im Verborgenen bleiben. Im Journalismus wird häufig so getan, als ob es dafür Zaubertricks bräuchte, dabei ist es alles andere als Zauberei. Auch Investigativjournalismus ist Handwerk. Wer mit der ersten investigativen Recherche starten möchte, weiß wahrscheinlich nicht, welche Themen sich eignen und wo der Anfang einer solchen Arbeit liegen kann. Je spezifischer die Fragestellung und das Recherchefeld sind, desto höher ist die Chance, schnell eine runde Recherche zu erhalten. Vielleicht hast Du schon einmal zu einem Thema gearbeitet und möchtest Dich tiefer mit einem Aspekt befassen oder findest eine Perspektive, auf ein Thema, die bisher zu wenig beachtet wurde.

Es geht dann nicht darum, einen einzigartigen Recherche-Stunt hinzulegen, sondern sich tiefgehend mit der Thematik zu befassen. Das kann über ganz normale Gespräche gelingen, mehrere Presseanfragen, oder über Dokumente, die bisher nicht journalistisch ausgewertet wurden. So simpel es klingt: Einfach anfangen, denn nur dann kann auch etwas herausgefunden werden. 

Hier Erkenntnisse zu den einzelnen Recherche-Schritten:

1. Ideen- und Themenfindung

Ich rate dazu, Themen zu nehmen, die aktuell nicht im öffentlichen Diskurs stehen. Natürlich findest Du auch bei viel bearbeiteten Themen vielleicht diese eine Perspektive, die fehlt, aber einfacher ist es, ein Thema zu nehmen, über das schlichtweg noch nicht oder nicht ausreichend berichtet wurde. Dabei lohnt es sich, vergangene Themen noch einmal neu aufzubereiten. Vielleicht ist damals etwas übersehen worden oder eine Entwicklung hat neue Informationen ans Licht gebracht, die noch nicht berichtet wurden.

2. Wer recherchiert, hat Fragen

Je mehr Du weißt, desto mehr Fragen entstehen zu einem Sachverhalt. Dieser Umstand kann erschlagend wirken, das ist völlig normal. Wichtig ist, alle Fragen systematisch zu klären und abzuarbeiten, bis Du das Gefühl hast, bei einer Veröffentlichung nichts ausgelassen zu haben. Bei einem komplexen Sachverhalt kann es dauern, alle W-Fragen zu einem Sachverhalt sauber zu beantworten. Nimm Dir die notwendige Zeit. Investigative Recherche ist aufwendig.

3. Eine Information ist kein fertiger Artikel

Irgendwann kommst Du vielleicht an diese eine brandheiße neue Information – doch die Information allein reicht höchstens für eine Meldung. Das mag unbefriedigend sein, doch die Tragweite solcher Informationen lässt sich in der Regel nur schwer selbst einschätzen – womit wir bei Erkenntnis vier wären. 

4. Du musst kein:e Superheld:in sein!

Im Zweifel brauchst Du Hilfe. Das mag unangenehm sein, denn wir Journalist:innen geben in der Regel nur ungern zu, nicht alles zu wissen. Mein Tipp: Schau Dir an, wer zu Deinem recherchierten Sachverhalt bereits veröffentlicht hat – zum Beispiel in der Wissenschaft oder in anderen Medien. Nimm Kontakt zu diesen Personen auf. Das ist natürlich Kaltakquise am absoluten Nullpunkt – und alle Details deiner Recherche möchtest Du natürlich nicht verraten. Es braucht also viel Vertrauen, aber meine Erfahrung ist, dass Menschen, Kolleg: innen oder sachkundige Personen gerne helfen.

5. Veröffentlichung

Wer nicht unendlich viel Platz hat, sollte darüber nachdenken, die Recherche zu portionieren und nicht alles auf einmal zu veröffentlichen. Aus meiner ersten investigativen Recherche für die Märkische Oderzeitung sind am Anfang drei Artikel entstanden und im Laufe des Jahres folgten weitere. Wichtig ist: Du weißt durch Deine Recherche so viel mehr als durchschnittliche Leser:innen. Versuche deshalb, je ein Element aus der Recherche auszuwählen, das sich als für sich stehende Geschichte erzählen lässt.

6. Recherchiere Gutes und sprich darüber

Du hast im Zweifel monatelang recherchiert. Es lohnt sich also zu überlegen, wie Du die größtmögliche Aufmerksamkeit für Deine Veröffentlichung generieren kannst. Denke über die eigentliche Veröffentlichung hinaus: ein Reel für Social Media, ein LinkedIn-Post oder Ähnliches kann die Reichweite deiner Arbeit deutlich vergrößern. Frei nach dem Motto: „Tue Gutes und sprich darüber“.

Bleib dran und viel Erfolg für Deine erste investigative Recherche. Die gelingt mit Beharrlichkeit und journalistischem Geschick und Gespür – ganz ohne Zauberei.

Der Autor:

Jakob Kerry absolvierte sein journalistisches Volontariat beim Märkischen Medienhaus und gehörte zu den Teilnehmer:innen des journalistischen Hospitanzprogramms #InsideBundestag24. Aktuell arbeitet er als Investigativ-Reporter für Märkische Oderzeitung und Lausitzer Rundschau. Einer seiner thematischen Schwerpunkte ist die Berichterstattung über den Rechtsextremismus – u. a. in Brandenburg.

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