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Gefühle zulassen, Haltung bewahren

Interview mit Julia Weigelt von Dagmar Thiel

Sicherheitspolitik betrifft heute fast alle Lebensbereiche. Julia Weigelt zeigt, warum Journalismus neben Fakten emotionale Kompetenz braucht. In ihrem Seminar an der Journalist:innen-Akademie lernen Reporter:innen, auch in angespannten Situationen professionell neugierig zu bleiben.

Journalist:innen verfolgen die Rede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beim Gespräch „Widerstand und Diplomatie: Perspektiven für die Ukraine“ während der Münchner Sicherheitskonferenz.
Urheber: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andreas Stroh

Julia, warum ist sicherheitspolitische Berichterstattung heute so relevant?

Julia Weigelt: Das Sicherheitsgefühl der Menschen in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Viele spüren eine zunehmende Unsicherheit – und zwar sowohl subjektiv, also gefühlt, als auch objektiv, gemessen an geopolitischen Entwicklungen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist dabei ein zentraler Faktor. Er hat vielen vor Augen geführt, dass Frieden in Europa kein Selbstläufer ist. Hinzu kommen hybride Einflussnahmen, Cyberangriffe und gezielte Desinformation.

All das führt dazu, dass Menschen stärker nach zuverlässigen Informationen suchen. Journalismus kann hier eine wichtige Rolle spielen, indem er Orientierung bietet und den Blick auf das richtet, was Frieden langfristig stabil macht: Gerechtigkeit, Teilhabe und das Einbeziehen möglichst vieler Perspektiven.

„Den Blick auf das richten, was Frieden langfristig stabil macht: Gerechtigkeit, Teilhabe und das Einbeziehen möglichst vieler Perspektiven.“

Viele denken bei Sicherheitspolitik zuerst an Bundeswehr, NATO oder internationale Konflikte. Du verstehst Sicherheitspolitik aber als Querschnittsthema, das man auch in der journalistischen Berichterstattung sehr weit fassen muss, oder?

Unbedingt. Sicherheitspolitik betrifft letztlich alles, was Menschen in ihrem Alltag schützt und ihnen ermöglicht, in Frieden zu leben. Das reicht von der Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen über die Verfügbarkeit von Energie und Wasser bis hin zu Fragen von Bildung, Gesundheit oder sozialer Gerechtigkeit. 

Jede Entscheidung, die Einfluss auf die Sicherheit von Menschen hat, ist sicherheitspolitisch relevant. Frieden wird nur dann dauerhaft sein, wenn er möglichst alle einbezieht. In diesem Sinne ist Sicherheit breit gedacht – und damit auch die journalistische Aufgabe, die damit verbunden ist. Fast jede Recherche
berührt diese Themen, auch wenn wir es nicht immer so nennen.

Und wie gelingt es dann, fundiert über Sicherheitspolitik zu berichten?

Gute Berichterstattung braucht eine solide Informationsbasis, also Wissen über Institutionen, Abläufe und Hintergründe. Doch mindestens genauso wichtig ist die innere Haltung. Die zentrale Kraft im Journalismus ist Neugier. Sie ermöglicht es uns, offen für unterschiedliche Positionen zu bleiben. Doch unter Stress reagiert unser Gehirn oft automatisch. Es schaltet in Muster, die eigentlich dem Selbstschutz dienen: Tunnelblick, Abwehr, Vorurteile. Dann verlieren wir den neugierigen Blick. Zu merken, wann das passiert, ist eine journalistische Kernkompetenz. Genau an diesem Punkt setzt mein Seminar an.

Das heißt, der Umgang mit den eigenen Gefühlen beeinflusst die journalistische Arbeit und damit auch die Berichterstattung?

Gefühle gehören zu jeder menschlichen Interaktion. Neurobiologisch können wir sie nicht einfach abschalten. Wenn wir in herausfordernde Situationen geraten – etwa im Kontakt mit Menschen, die uns emotional fordern, reagiert unser Körper sofort. Der Puls steigt, wir spüren Anspannung, die Gedanken verengen sich. Diese Vorgänge laufen automatisch ab. Wenn wir sie nicht wahrnehmen, übernehmen sie die Kontrolle. Professionell wird es erst, wenn wir unser eigenes Erleben bemerken: Was genau fühle ich gerade? Warum reagiere ich so? Was löst mein Gegenüber in mir aus? Wenn wir diese Prozesse erkennen, können wir unser Nervensystem regulieren und wieder in einen Zustand von Flexibilität und Offenheit zurückfinden. Das ist kein „Soft Skill“, sondern eine Voraussetzung dafür, ergebnisoffen zu recherchieren und dabei professionell zu bleiben.

„Ohne emotionale Kompetenz bleibt vieles an der Oberfläche.“

Wie können Journalist:innen sich innerlich so vorbereiten, dass sie auch in konfliktgeladenen Interviews handlungsfähig bleiben und gute Fragen stellen – selbst bei Gesprächspartner:innen, die emotional stark herausfordern?

Der erste Schritt ist Selbstwahrnehmung. Viele Journalistinnen und Journalisten gehen direkt in die inhaltliche Vorbereitung und ignorieren ihre eigenen Gefühle. Doch Gefühle wirken immer. Wenn ich innerlich schon im Angriffsmodus bin, führt das zu angespannten Gesprächen, ungünstigen Fragen und oft auch zu weniger belastbaren Ergebnissen.

Ich arbeite deshalb gern mit Gefühlekarten. Sie helfen, das eigene innere Team überhaupt sichtbarer zu machen. Denn wer benennen kann, was in ihm vorgeht, hat die möglichkeit, sich zu steuern. Ist da Angst? Wut? Überforderung? Oder eine spontane Abneigung? Das zu wissen, ist keine Schwäche, sondern eine Ressource.

Im zweiten Schritt geht es um Perspektivwechsel. Das bedeutet nicht, die Meinung des Gegenübers gutzuheißen. Es bedeutet, zu verstehen, aus welchem inneren Zustand heraus jemand handelt oder spricht. Ein Landwirt, der protestiert, könnte unter enormem wirtschaftlichem Druck stehen. Ein rechtspopulistischer Politiker könnte das Gefühl haben, von der restlichen Gesellschaft ausgegrenzt zu sein. Solche Gedankenexperimente öffnen den Raum für das, was ich „Verstehen, ohne einverstanden zu sein“ nenne. In diesem Raum können wir bessere, präzisere Fragen stellen – und bekommen bessere Antworten.

Heißt das für die Ausbildung von Journalist:innen, dass neben den klassischen journalistischen Fähigkeiten die emotionale Kompetenz stärker geschult werden sollte?

Genau. Journalismus basiert auf der Kombination aus Neugier, kritischem Denken und der Fähigkeit, andere Menschen wirklich anzuhören. Doch emotionaler Selbstumgang wird in der Ausbildung kaum vermittelt. Volontariate konzentrieren sich auf Recherchetechniken, Interviewmethoden oder journalistische Stilformen – alles wichtige Dinge. Aber die Frage, wie wir uns selbst in schwierigen Situationen stabil halten und gleichzeitig offen bleiben, spielt bislang kaum eine Rolle. Dabei ist das entscheidend, um die berühmten „Warum“-Fragen beantworten zu können. Ohne emotionale Kompetenz bleibt vieles an der Oberfläche.

Und diese Aspekte greift Dein Seminar auf?

Wir beschäftigen uns damit, wie wir in emotional aufgeladenen Situationen handlungsfähig und neugierig bleiben. Diese Haltung führt zu ganzheitlicherer, qualitativ hochwertigerer Berichterstattung – und wirkt gleichzeitig deeskalierend. Wenn ich selbst weniger Aggression aussende, triggere ich andere weniger und schütze mich auch körperlich. Im Seminar werden wir Rollenspiele und Perspektivwechsel ausprobieren. Wir experimentieren, fühlen, reflektieren und verknüpfen das eigene journalistische Handwerkszeug mit neuen Fähigkeiten.

Interview und Text:

Dagmar Thiel arbeitet als freie Journalistin und Dozentin in der Aus- und Weiterbildung. Einer ihrer Lehrschwerpunkte ist das journalistische Schreiben. Sie selbst schreibt über Qualität im Journalismus.

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