Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Samstag, 28.11.20 10:00 bis Samstag, 28.11.20 13:30 - ++ONLINE++

Aufbruch im Münsterland! Über die neue Dynamik in Ernährung, Tourismus und Landwirtschaft.


Terminexport im ICS-Format

Nachbericht Münsterlandkonferenz „Aufbruch im Münsterland!“

Zentrales Anliegen der Münsterlandkonferenz am 28. November 2020 war der Ausblick auf nachhaltige Entwicklungen in Tourismus, Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft im Münsterland. Und auch wenn die aktuelle Corona-Pandemie nicht der Fokus der Veranstaltung war, so sind ihre Folgen doch auch für die Bereiche der Konferenz spürbar. Schon das Setting der Konferenz als reine Online-Veranstaltung ist natürlich der Pandemie geschuldet. Vielmehr stand ein mutiger Blick auf die Herausforderungen, Probleme und Chancen der Zukunft im Mittelpunkt der Veranstaltung. Die Konferenz stellte dabei die Fragen:

  • Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit, Regionalität und Digitalisierung bei der zukunftssicheren Entwicklung der Region?
  • Wie gelingt eine klimafreundliche, regionale und aber auch sozial gerechte Ernährungswirtschaft im Münsterland?
  • Wie nutzen wir innovative Technologien für eine nachhaltige Landwirtschaft in der Region?
  • Wie gestalten wir den attraktiven, inklusiven und ökologisch vertretbaren Tourismus von morgen?

Mit einer Vielzahl an sachkundigen Referent_innen aus der Region – aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbändearbeit – wurden diese Fragen in Plenen sowie in drei parallelen Workshops diskutiert und um Antworten gerungen.

 


Begrüßung und Keynote

Den Auftakt machte die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja Schulze, welche sich in einem kurzen Impulsvortrag den drei großen Wirtschaftszweigen widmete. „Strukturwandel, das bedeutet den Blick nach vorne zu richten. Mit ihm verbunden sind auch neue Chancen, Hoffnungen und das Bemühen um das gute Leben in der Zukunft.“ Dass das Münsterland hier schon lange auf dem richtigen Weg ist zeige sich zum einen durch mutige und innovative Konzepte der Kommunen wie die Anschaffung von neuen Elektrobussen, neuer Beleuchtungsanlagen oder die Umsetzung neuer Mobilitätskonzepte mithilfe der Klimaschutzmanager in der Region. „Was auf politischer Ebene als übergeordnetes Ziel beschlossen wurde, das wird hier in vielen kleinen und großen Schritten schon umgesetzt. (…) Die Regionen sind zentrale Partner, wenn es um konkrete Klimaschutzmaßnahmen und wenn es um Innovationen geht“, betonte die Bundesministerin. Zum anderen spielen politisch Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle „Politik muss diesen Wandel gemeinsam mit allen Akteuren aktiv gestalten, wir müssen ihm in Zukunft auch eine Richtung geben und dabei muss die soziale Frage überzeugend mitgedacht werden“.

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Im Anschluss hatte André Stinka MdL das Wort in der großen Runde. Gummistiefel und Trecker, dass sei das Klischee, mit dem das Münsterland teilweise noch immer zu kämpfen habe, führte er aus. Mit der Realität habe dies jedoch wenig zu tun. Mit rund 68.000 überwiegend mittelständischen Betrieben und einem Bruttoinlandsprodukt, das etwa dem des Landes Bulgarien entspricht, ist die drittgrößte Region Nordrheinwestfalens eine wirtschaftlich sehr florierende Region. „Nach meiner Einschätzung ist jedoch nichts selbstverständlich“ betont André Stinka. So steht die Region neben den besonderen Herausforderungen durch Corona vor enormen Veränderungen.

 

In den sich anschließenden drei parallelen Workshops wurde dann diskutiert, wie diese Herausforderungen als Chancen genutzt werden können und welche Probleme in den einzelnen Wirtschaftszweigen bewältigt werden müssen.

Workshop I Ernährung

Der Erste Workshop „Gesund und lecker leben: Nachhaltiger Wandel in der Ernährungsbranche“ richtete sich dabei vor allem an die Lebensmittelbranche in welcher Trends wie Nachhaltigkeit, Saisonalität und Regionalität die Debatte bestimmen. Diesen Themen verschreibt sich die die Hafenkäserei Münster. „Der Name Hafenkäserei hier in Münster funktioniert wie ein Elfmeter ohne Torwart, aber es ist trotzdem auch immer von vielen eine Scheingeschichte. Am Schluss ist es der Preis, der bezahlt werden muss“, stellt dabei der Vertriebs- und Marketingleiter des Unternehmens Dr. Cornelius Lahme in Bezug auf das Schlagwort „Regionalität“ fest. Die Bedeutung der Verbraucher*innen sollte den Workshop immer wieder bestimmen. So lässt sich laut Prof. Dr. Carola Strassner zwar eine Zunahme im Kauf von Bioprodukten erkennen doch die Erfassung von Regionalität selbst ist sehr schwierig. Dennoch konstatiert sie: „Die Krise sensibilisiert. Das kommt daher, dass Menschen verstärkt selbst kochen. Dies führt dazu, dass man sich mehr Gedanken über Lebensmittel macht.“

Zusätzlich zur Verhaltensveränderung spielte jedoch auch die Debatte der politischen Verantwortung eine zentrale Rolle im Workshop. So waren sich alle Anwesenden einig, dass die Verteilung der EU-Agrarmittel über flächengekoppelte Direktzahlungen Teil des Problems sind „Es ist das Bohren dicker Bretter und auf der EU-Ebene ist das besonders schwierig, aber ich glaube schon, dass wir ein Stückchen mehr in die richtige Richtung gegangen sind“, stellte Annette Watermann- KrassMdL, die dritte Expertin der Runde, fest. Außerdem müsse der öffentliche Bereich, dort wo die Politik Einfluss hat vorrangehen. „Da wo wir eine öffentliche Verantwortung haben, da müssten wir den Bereich der Versorgung in Kitas und Schulen und öffentlichen Kantinen wahrnehmen. Da hätten wir die Möglichkeit zu sagen: Ja wir wollen, dass da saisonal, regional mit gutem Essen die Verantwortung wahrgenommen wird.“

Im Austausch mit den Teilnehmer_innen wurde auch deutlich, inwiefern bereits bestehende Initiativen diesen Prozess begleiten können. So versucht die Initiative Bio-Städte, welcher sich bereits zwei Städten in Nordrhein-Westfalen angeschlossen haben, kommunale Anbieter zur Nutzung von regionalen und biologisch produzierten Lebensmitteln zu ermutigen. Eine Regionalwert AG, welche im Münsterland initiiert wird, verbindet Konsument_innen und Produzent_innen vor Ort und schafft neben der direkten Versorgung Verständnis für die wirklichen Kosten der Lebensmittelproduktion welche laut Dr. Lahme leider häufig auf der Strecke bleiben „Wenn ich sehe wie an den Preisschrauben gedreht wird bleibt am Ende nicht viel hängen, weder beim Landwirt noch beim Produzenten.“ Das hierbei jedoch auch die Politik Verantwortung tragen kann betonte Frau Watermann-Krass zum Abschluss es Workshops noch einmal in einer klaren Handlungsempfehlung: „Ich fordere, dass wir Wertschöpfungszentren in jedem Regierungsbezirk bekommen um genau die Veränderung, die wir wollen zu moderieren. Dass es einen Treffpunkt gibt, von dem aus ein Aufbruch ausgeht“.

 

Workshop II Landwirtschaft

Der zweite Workshop, „Tech und Trecker: Digitalisierung in der Landwirtschaft“, konzentrierte sich vor allem auf die landwirtschaftlichen Betriebe bei welchen neben Zukunftsschlagworten wie „Smart Farming“ auch die erst kürzlich beschlossene EU-Agrarreform im Fokus der Debatte standen. Einen beeindruckenden Einblick in die Einsatzmöglichkeiten von digitaler Technik im landwirtschaftlichen Sektor gab Burkhard Kleffmann, CEO der Kleffmann Digital RS. Mithilfe von Sattelitenbildern können landwirtschaftliche Flächen bereits heute in fünf mal fünf Meter große Quadrate eingeteilt und deren Stärken und Schwächen in Bezug auf die Produktion erkannt werden. So haben Landwirt_innen die Chance sich intensiv mit ihren Feldern auseinanderzusetzen. Und auch Dr. Jörn Krämer vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband bekräftigte die Chancen digitaler Technik „Wir sind mittendrin in einer Revolution“. Gleichzeitig führte er jedoch aus, dass Technik allein nicht alles regeln kann, Erfahrungswerte und technologische Unterstützung in Kombination seien der Weg in die Zukunft: „Digitalisierung wird dazu beitragen Betriebe in ihren Entscheidungen zu unterstützen aber nicht die Betriebsleitung zu ersetzen.“ In den vielen Fragen und Anmerkungen aus dem digitalen Publikum entwickelte sich schnell die Diskussion um die Risiken der digitalen Technik. Wie sollen kleine Betriebe hier mithalten? Wem gehören die Daten, die erhoben werden? Hier waren sich alle drei Expertinnen einig. Die Datenhoheit muss bei den Landwirt_innen bleiben und durch staatliche Datenschutzbestimmungen unterstütz werden. Dass überdies auch neue Wege notwendig sind, dafür plädierte Burkhard Kleffmann zum Abschluss der Debatte noch einmal: „Wir müssen das Denken komplett ändern. Es wird nichtmehr jeder Betrieb eine Komplettausstattung haben. Ich sehe hier Maschinenringe und Lohnunternehmer die als Dienstleister solche Tätigkeiten durchführen.“ Insgesamt zeigte sich neben dem großen Interesse der Teilnehmer_innen ein hoher Optimismus für die Nutzung digitaler Möglichkeiten. Gerade das Münsterland, in welchem die Veredelungswirtschaft eine große Bedeutung hat können durch den gezielteren Einsatz von Düngemitteln Erträge gesteigert und Vorgaben in Bezug auf Umweltschutz eingehalten werden.

 

Workshop III Tourismus

Anders als in den zwei bereits diskutieren Branchen spielten die Auswirkungen der Coronapandemie im dritten Workshop „Mehr als Rad und Reiten: Zukunftsentwicklungen im Münsterländer Tourismus“ eine zentrale Rolle in der Debatte. „Wenn es um Tourismus geht, geht es in diesen Zeiten immer auch um Corona (…) aber wir wollen trotzdem miteinander über diese Krise hinausblicken, begrüßte die Moderatorin des Workshops Andrea Blome die Teilnehmer_innen. Ein Akteur, der genau diese Zukunft im Blicken hatte, war Klaus Ehling, Vorstand des Münsterland e.V.. Er betonte die Bedeutung einer gemeinsamen Marke und der Vernetzung der einzelnen Akteure im Sektor untereinander, machte aber auch deutlich, das Marketing allein nicht ausreichend ist: „Das Produkt muss stimmen, erst dann kann man das Etikett draufkleben (…). Es geht um mehr als um bloßes Marketing.“ Ein wesentliches Element des Tourismus ist zudem die katalysierende Wirkung der Branche: „Wir können nur dann eine starke Destination für Touristen sein, wenn wir ein starker attraktiver Lebensraum sind. Letzten Endes ist insofern die touristische Infrastruktur und der Tourismus als solcher immer auch eine Querschnittsbranche“, betonte Klaus Ehling dahingehend. Hier stimmte auch Frank Sundermann MdL zu, der die besondere Chance des Tourismus für politisches Handeln hervorhebet: „Alles was man für den Bereich Tourismus tut sorgt natürlich auch dafür das die ganze Region attraktiver wird. Tourismus ist Katalysator (…) und hat in manchen Regionen auch eine stabilisierende Wirkung. Es hat über das normale wirtschaftliche Maß hinaus auch eine Wirkung für die Bevölkerung und macht die Region auch interessant für Menschen die vor Ort auch Unternehmen gründen wollen“. So könne man auch die Regionen, die aufgrund ihrer naturnahen Lage touristisch besonders attraktiv sind in der Bewältigung demografischer Herausforderungen unterstützen.

Im Bereich des Hotel- und Gastronomiegewerbes versicherte Renate Dölling vom deutsche Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), dass sich auch positive Entwicklungen aus der Krise ableiten lassen: „Durch die Pandemie haben wir uns in Sachen Digitalisierung vermehrt auf den Weg gemacht“. Dabei spielen heute schon Reservierung und Bestellsysteme eine zentrale Rolle aber auch weitere technologische Möglichkeiten sind nicht mehr allzu entfernt: „Ich gehe davon aus, dass man in Zukunft sehen wird, dass man einen Roboter an der Rezeption hat, der dann die Gäste begrüßt oder, dass man mit Robotern das Essen aus der Küche ins Restaurant bringen kann.“ Außerdem, so Frau Dölling, werden auch Techniken aus dem Smart-Home Einzug ins Hotelzimmer finden. Neben den technischen Veränderungen werden von den Gästen jedoch auch andere Änderungen nachgefragt. „Wir stellen fest, dass mehr Individualität gefragt ist und nicht mehr unbedingt Pauschalangebote. Außerdem gibt es einen deutlichen Trend hin zur Regionalität.“

Um hier die nötigen Rahmenbedingungen zu stellen konnte für die politischen Akteure eine klare Handlungsempfehlung in das Abschlusspanel mitgenommen werden: „Wenn man Wirtschaftsförderung, Verbesserung der Lebensqualität in der Fläche und Tourismus zusammendenkt zum Beispiel in der Frage der Mobilität. Wenn wir sagen, wir wollen, dass hinbekommen, dass in jedem Ort im Münsterland jede Stunde ein Zug oder Bus zu einem Knotenpunkt fährt. Das wäre ein Leuchtturm.“

 

Abschlusspanel

Im Anschluss an die drei parallelen Workshops wurden die gewonnen Erkenntnisse in einem gemeinsamen Panel noch einmal Revue passieren lassen und diskutiert. „Es ist heute deutlich geworden, dass wir viele wichtige Thema haben. Wir haben gezeigt, dass vieles richtig gut läuft im Münsterland, aber dass es auch ein ganz großer Fehler wäre, sich darauf auszuruhen,“ fasste der Moderator Tom Hegermann die Veranstaltung zusammen.


Unsere Referent_Innen

Daniel Asselmann

Daniel Asselmann

 

Geschäftsführer Hafenkäserei Münster 2014 GmbH

Frank Sundermann

Frank Sundermann

 

Mitglied des Landtags NRW

Dr. Jörn Krämer

Dr. Jörn Krämer

 

Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband

Petra Wilke

Petra Wilke

 

Leiterin des Landesbüro NRW

Annette Watermann-Krass

Annette Watermann-Krass

 

Mitglied des Landtags NRW

Renate Dölling

Renate Dölling

 

Geschäftsführerin DEHOGA Westfalen Münsterland

Carola Strassner

Prof. Carola Strassner

 

Ernährungsökologin

Klaus Ehling

Klaus Ehling

 

Vorstand Münsterland e.V.

Svenja Schulze

Svenja Schulze

 

Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Tom Hegermann

Tom Hegermann

 

Journalist und Moderator

André Stinka

André Stinka

 

Mitglied des Landtags NRW

Kleffmann

Burkhard Kleffmann

 

Kleffmann Digital RS

Vivien Leue

Vivien Leue

 

Journalistin und Moderatorin

Andrea Blome

 

Journalistin und Moderatorin

Arbeitseinheit: Landesbüro NRW


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Landesbüro NRW

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