Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?

03.08.2020

Corona ist längst nicht vorbei – weder die Pandemie noch die tiefgreifenden Folgen des Lockdowns

Und doch lohnt es sich, schon heute aus einer zukünftigen Perspektive in unsere Zeit zurückzublicken und sich zu fragen: Was bleibt? Und welche Corona-Erfahrungen sollten wir uns für die Zukunft bewahren?

Bild: von April-Mediengruppe

Corona hat Unternehmen in Existenznöte gebracht und weltweit Millionen Arbeitsplätze gefährdet oder gar gekostet. Familien standen vor gigantischen Herausforderungen mit der Betreuung ihrer Kinder. Menschen sollten von heute auf morgen die Wohnung nicht verlassen, weil sie der Risikogruppe angehören. Seit März befindet sich die Politik ununterbrochen in einem Modus der Krisenbewältigung. Und was mich besonders stolz macht: Es waren vor allem sozialdemokratische Entscheidungsträger_innen, die in Bund und Ländern dafür gesorgt haben, dass in diesen Ausnahmezeiten niemand im Stich gelassen wird, dass ein Netz aufgebaut wird, das von der Krise Betroffene auffängt.

Corona und die Stärke der Zivilgesellschaft

Gleichzeitig blühte die Nachbarschaftshilfe regelrecht auf. Viele gemeinnützige Vereine haben neue digitale Lösungen für Beratungen gefunden, bei denen direkte persönliche Begegnung im Zeichen des Infektionsschutzes zu vermeiden ist. Es wurden Hotlines gestartet, um Menschen in Not Hilfe anzubieten, z. B. bei Einkäufen, beim Gang zum Arzt oder bei anderen Verpflichtungen. Und selbst der Hass, der sich im Netz und offline seit Jahren breitmacht, nahm eine Zeit lang ab und wich hierzulande – zumindest vorübergehend – einem wohltuenden Gefühl des Zusammenstehens in schweren Zeiten.

In den Zeiten von Corona hat sich gezeigt, dass zu einer erfolgreichen Strategie nicht nur konsequenter Infektionsschutz und eine gute Gesundheitsversorgung gehören, sondern auch eine solidarische Gesellschaft, die Empathie für die Schwächsten entwickelt und stabile Institutionen hat, um den Zusammenhalt zu fördern.

Corona hat hier eine Menge Energie freigesetzt. Wie schon bei der Aufnahme vieler Geflüchteter in den Jahren 2015/16 hat die Zivilgesellschaft wieder eine beeindruckende Stärke gezeigt. Die Kehrseite ist, dass zahlreiche gemeinnützige Vereine, die enorm wertvolle Arbeit für unsere Gesellschaft leisten, durch Corona in Existenznot und massiv unter Druck geraten sind. Viele gemeinnützige Vereine leiden unter Einnahmeausfällen. Sie können ihre Arbeit, die oft auf menschlicher Nähe beruht, nicht ausüben. Digitalisierung ist teuer und erfordert häufig große Veränderungen. Und natürlich kann sie das Zusammensein mit anderen Menschen, das einen großen Teil des zivilgesellschaftlichen Engagements von Millionen Menschen ausmacht, nicht komplett ersetzen.

Engagement ist systemrelevant

Wir arbeiten in Berlin gerade an einem Rettungsschirm. Auch andere Bundesländer haben Rettungsschirme für die Zivilgesellschaft entwickelt. Investieren sollten wir als Gesellschaft auch in die Digitalisierung der gemeinnützigen Vereine und Organisationen, damit sie für die Zukunft gewappnet sind. Für Berlin bereiten wir dazu ein Programm vor.

Was – hoffentlich – bleibt, ist eine neue Achtsamkeit gegenüber vulnerablen Gruppen unserer Gesellschaft, das Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft über Ländergrenzen hinweg, die sich nicht nach Herkunft oder Hautfarbe aufteilen lässt, weil das Virus keine Grenzen kennt, und zwischen Städten in Europa. Und: Was auch bleibt, ist die Gewissheit, dass es auf ein kluges Miteinander von Politik und engagierter Zivilgesellschaft ankommt. Im Alltag, ganz besonders aber in Krisenzeiten wie diesen. Denn Engagement stärkt die Demokratie und ist aus diesem Grund systemrelevant. Wir dürfen nicht zulassen, dass Rechtspopulisten, die in der Corona-Krise entlarvt wurden, weil sie keine Lösungen bieten konnten, ebendiese ausnutzen, um gegen Minderheiten zu hetzen und zu spalten.
 

Über die Autorin:

Sawsan Chebli war von 2014 bis 2016 stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts. Seit Dezember 2016 ist sie als Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und als Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales tätig.

Arbeitseinheit: Forum Berlin | Prüfstein Corona


Wozu diese Debatte?

Die Corona-Krise vertieft soziale Ungerechtigkeiten, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und zwischen den Geschlechtern und gesellschaftlichen Gruppen. Gleichzeitig ist der Ruf nach Solidarität zwischen den Generationen, aber auch grenzüberschreitend in aller Munde. Eine Gemengelage also, in der Missmut zunimmt und die Gesellschaft sich weiter zu spalten droht, zugleich aber auch Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wieder wirkmächtiger werden können. In diesem Sinne ist die durch den Coronavirus ausgelöste Krise ein Prüfstein für den Willen, eine sozial und ökologisch gerechtere Zukunft zu gestalten. 


Das Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung hat Partner_innen eingeladen, das Ausmaß und die Tiefe der Veränderungen durch die Krise in ihrem Bereich zu vermessen und in einem Beitrag zu formulieren.  So soll aus verschiedenen Perspektiven eine Erzählung zur Frage „Wohin entwickelt sich die Gesellschaft?“ entstehen. 

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