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Otto Wels, 1932 – nicht 1933

Otto Wels am Rednerpult, mit ernstem Blick, den linken Arm in die Höhe weisend - so kennt man ihn von seiner Rede am ... ja, wann eigentlich? Und wo?

Wann immer des SPD-Parteivorsitzenden Otto Wels und seiner Rede gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten in der Sitzung des Deutschen Reichstages am 23. März 1933 gedacht wird, können wir sie im Protokoll nachlesen und in einer Tonaufnahme nachhören, aber sehen können wir sie nicht, da sie nicht in Bildern überliefert ist. Um dieses herausragende Ereignis aber doch irgendwie illustrieren zu können, greift man seit jeher stets auf andere Motive zurück und bedient sich neben normalen Wels-Porträts oftmals eines von mehreren Fotos, die Wels im Freien an einem Rednerpult zeigen.
 

Diese Fotos haben allerdings ihre ganz eigene Geschichte: Sie dokumentieren aus unterschiedlichen Perspektiven (zwei von ihnen fast in demselben Augenblick) Otto Wels' Rede auf einer großen Kundgebung im Berliner Lustgarten am 6. März 1932, zu der die Eiserne Front genau eine Woche vor der schicksalsträchtigen Reichspräsidentenwahl aufgerufen hatte. Nach einem entsprechenden Beschluss des SPD-Parteivorstands warb auch die Eiserne Front, das im Dezember 1931 gegründete Bündnis von SPD, freien Gewerkschaften, Arbeiter-Turn- und Sportvereinen und Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, mit der Parole "Schlagt Hitler, wählt Hindenburg!" um alle sozialdemokratischen Wählerstimmen für den 84-jährigen, weithin populären Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Dieser hatte sich nach anfänglichem Zögern doch zum Antritt entschlossen, obwohl er nur mit der Unterstützung eines breiten Parteienspektrums von der gemäßigten Rechten bis zur linken Mitte einschließlich der SPD Aussicht auf die Wiederwahl haben würde. Den Sozialdemokrat_innen wiederum erschien Hindenburg trotz dessen monarchischer Gesinnung notgedrungen als der einzige Kandidat, der mit einem derart starken Bündnis im Rücken die absolute Mehrheit erlangen und somit verhindern konnte, dass Hitler und die in den letzten Reichstagswahlen erstarkten Nationalsozialisten das allerhöchste Staatsamt mit beachtlicher Machtfülle an sich reißen würden. Letzteres war für die Hüter_innen der Weimarer Republik ein Horrorszenario, in dem sie aber zugleich die Chance erblickten, sich in der Reichspräsidentenwahl mit vereinten Kräften den Faschisten entgegenstemmen und die Feinde der Demokratie in dieser Wahl entscheidend zurückschlagen zu können, auf dass weiterhin ein vermeintlich verfassungstreuer Reichspräsident regiere und Ruhe einkehre.
 

Nachdem das 1929 vom preußischen Innenministerium erlassene Demonstrationsverbot für die Reichspräsidentenwahl gelockert worden war und öffentliche politische Kundgebungen unter freiem Himmel zuließ, mobilisierte die Eiserne Front ab Mitte Februar landesweit unzählige Versammlungen. Neben Demonstrationen in etwa 400 Städten und Ortschaften war am 6. März eine in ihren Dimensionen selten dagewesene Großkundgebung im Berliner Lustgarten angekündigt, um die eigene Stärke zu demonstrieren (nur wenige Tage später nahm Hitler mit seinen Schergen und Vasallen denselben Platz vor einer ähnlich riesigen Menschenmasse in Beschlag). Nach Aufmärschen in geschlossenen Formationen über viele Straßen hinweg fanden sich wohl an die hunderttausend Teilnehmer_innen zum eindrucksvollen Appell vor der Nordfassade des Berliner Schlosses ein. Sobald das Platzkonzert verklungen war und eine die Demonstrationszüge begleitende Flugzeugstaffel den Lustgarten mehrmals überquert hatte, hielt der Gewerkschafter Robert Bredow in seiner Funktion als Vorsitzender des Ortsausschusses Berlin des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) eine kurze Ansprache, um anschließend Otto Wels, dem SPD-Parteivorsitzenden und politischen Anführer der Eisernen Front, als Hauptredner das Mikrofon zu überlassen.
 

Wels' Rede, ein flammendes Plädoyer zur Wahl Hindenburgs, wird in der Berichterstattung der tags darauf erschienenen Spät-Ausgabe des Vorwärts vermutlich vollständig wiedergegeben; diese gedruckte Fassung galt lange Zeit neben den Fotografien als einzige historische Quelle - dabei hat in all den Jahrzehnten eine kurze Filmsequenz mit synchronem Ton existiert! Sie tauchte im September 2020 bei Twitter auf, war aber spätestens im August 2014 - ohne Angaben zur Herkunft - bereits bei YouTube hochgeladen worden. Dieses 24 Sekunden lange, merkwürdig farbige Filmfragment, das Otto Wels per Einblendung identifiziert und seine Rede in englischer Sprache untertitelt, stellte sich nach kniffligen Recherchen als ein Auszug aus dem französischen Feature Apocalypse - Hitler von 2011 heraus.
 

Im Filmausschnitt steht Wels am Rednerpult, schräg hinten von der linken Seite aufgenommen; mit seinem Redemanuskript in einer Hand befindet er sich in den letzten Sätzen seiner Rede: "Entscheidet euch schnell! Es ist keine Minute Zeit mehr zu verlieren. Nur einen Gedanken, ein Ziel kann's noch geben: Der Faschismus muss geschlagen werden - bis zur Vernichtung! [Schnitt] Vorwärts und durch! Für die Freiheit, die Republik und die deutschen schaffenden Arbeiter!" Dieser Wortlaut stimmt mit der (wohl hastig mitstenographierten und möglicherweise stilistisch leicht geglätteten) Textfassung im Vorwärts nahezu wortgleich überein; dort fehlt nur der an die Parole des Reichsbanners angelehnte, etwas schwer verständliche Schluss, und in der Filmsequenz ist der Satzanfang "In den Kampf, an den Feind," offenbar einem Schnitt zum Opfer gefallen. Auch wenn zunächst der Gedanke naheliegt, diese Szene sei bestimmt im schlechtesten Sinne des Wortes Dokutainment und nachträglich als Reenactment oder gar Deepfake neu inszeniert, so ist doch an der Echtheit der Aufnahme nicht zu zweifeln, wenn man sie mit den bereits vorhandenen Quellen vergleicht: Zu groß sind die Übereinstimmungen zum im Vorwärts abgedruckten Redetext, zu genau stimmt die Optik von Wels in den Gesichtszügen und im Dreiteiler mit Fliege (allein die Taschenuhrkette fehlt auf den Fotos, auf denen sie allerdings am geschätzt vierten Westenknopf von oben immer zu tief hängt und verdeckt wird), zu akkurat sind die Details am Rednerpult mit den beiden (!) im richtigen Winkel und Abstand zueinander aufgestellten Mikrofonen und dahinter mit dem ins Bild rückenden Träger der Fahne des Reichsbanner-Gaus Berlin-Brandenburg; zu realistisch erklingt der Sound von Wels' Rede mit dem typischen zeitversetzten Nachhall der den weiten Platz beschallenden Lautsprecher; auch der Hintergrund mit dem Südportal des Berliner Doms und den Gebäuden am Spreeufer hinter der Kaiser-Wilhelm-Brücke ist keine Phantasiekulisse. Gewiss, vielleicht waren bei der Reinszenierung echte Könner ihres Fachs am Werk, da ja schließlich selbst darauf geachtet wurde, den Seitenflügel des Reichsbanner-Rednerpultes mit seinen (auf den Schwarz-Weiß-Fotos nur als Graustufen präsenten) vertikalen Farbstreifen im charakteristischen Schwarz-Rot-Gold erstrahlen zu lassen. Ob nachträglich koloriert oder nicht: die Aufnahme an sich ist wirklich als echt anzusehen, denn auf einem bislang praktisch unbekannten Schnappschuss jener Kundgebung, welcher das Rednerpodest mitsamt der umstehenden Fahnenträger von hinten vor dem Publikum im Lustgarten zeigt, sind die Urheber des Films klar zu erkennen:
 

Linkerhand, von den Fahnen nur halb verdeckt, genau in dem seitlich angeschrägten Blickwinkel der Filmaufnahme steht ein Wagen - mit einer Filmkamera auf dem Dach, nahezu in Augenhöhe mit dem Redner (hier noch Robert Bredow, mutmaßlich bei seiner einleitenden Ansprache). An der zwischen den Fahnen sichtbaren linken Seite des Autos ist sogar ein Logo angebracht, das zwar von einer Fahnenstange durchkreuzt wird und verschwommen im Schatten liegt, aber allem Anschein nach jener Filmproduktionsgesellschaft Fox Film Corporation gehört, die zu jener Zeit in den USA mit Fox Movietone News, in Großbritannien als British Movietone News und in Deutschland mit dem Ableger Fox Tönende Wochenschau das Zeitgeschehen in die deutschen Kinos brachte. Die Anwesenheit der Wochenschau-Reporter erklärt denn auch, wieso Wels zwei Mikrofone bei sich stehen hat - eins für die Kundgebung und eins für die Kamera. Dokumentarfilmaufnahmen mit synchronem Ton waren in jener Zeit noch extrem aufwändig, aber bei vorhersehbaren bzw. geplanten Ereignissen durchaus zu bewerkstelligen; die erforderliche Technik passte in einen speziell ausgerüsteten Tonfilmwagen, eben jenes Gefährt auf dem Schnappschuss.

Bei Recherchen nach weiteren Fotografien ist in der Bilderdatenbank der schwedischen Nachrichtenagentur TT Nyhetsbyrån zudem - neben einer weiteren, selten gezeigten Aufnahme von Wels am Rednerpult - ein direkt vom Podest aus und somit genau im Gegenschuss zur Filmaufnahme gemachtes Foto aufgetaucht (wohl von jenem Herrn, der auf dem Schnappschuss soeben mit seiner Kamera die Treppe hinaufsteigt), das übrigens in der Spät-Ausgabe des Vorwärts am 7. März erschien, allerdings in stark zugeschnittener Form. Die vollständigere Fotografie hat eindeutig neben denselben Zuhörern in den vordersten Reihen auch denselben Wagen wie im anderen Schnappschuss abgelichtet, nunmehr genau von hinten: an den Türen ist leider kein Wochenschau-Logo zu sehen, stattdessen ist das amtliche, im preußischen Landespolizeibezirk Berlin ("I A") zugelassene Kfz-Kennzeichen in Gänze abgebildet. Die dazugehörigen Wagenhalter dürften heute wohl kaum noch zu ermitteln sein; eine Anfrage beim Landesarchiv Berlin, wo die entsprechenden Unterlagen zu suchen wären, blieb bislang ohne Erfolg. Gleichwohl ist anzunehmen, dass die Kameraleute für die deutsche Fox Tönende Wochenschau drehten, denn auch wenn praktisch kein großer Buchstabe im Logo zweifelsfrei zu entziffern ist, so lässt sich immerhin auf den hellen geschwungenen Bändern, die das Emblem oben und unten einfassen, der zum deutschen Markenzeichen gehörende Leitspruch "[oben:] DIE STIMME [unten:] DER WELT" erahnen.

So verfügen wir also nun über Bewegtbilder von der Großkundgebung der Eisernen Front in Berlin am 6. März 1932 - mit wortgewaltigem O-Ton und einem faszinierenden Blick von der Seite auf den längst zur Bildikone avancierten Otto Wels am Rednerpult. Indes bleibt die für die historische Forschung wichtige Frage nach dem genauen Ursprung des Filmfragments vorerst ungeklärt, zumal sich die Quellennachweise der französischen Dokumentation auf eine Texttafel im Abspann beschränken, die dutzende Agenturen, Archive und andere Gedächtnisinstitutionen nennt. Wurde Wels von der Fox Tönenden Wochenschau auf Zelluloid gebannt, wäre die Aufnahme am ehesten im Filmbestand des Bundesarchivs zu vermuten; eine US-amerikanische Aufnahme könnte in der Fox Movietone News Collection der University of South Carolina Libraries verwahrt werden.

Ob das Filmfragment von Otto Wels seinerzeit tatsächlich in einer in- oder ausländischen Wochenschau (schätzungsweise noch im März 1932) erschienen ist, oder ob es sich um ein ehedem nicht verwendetes und doch erhalten gebliebenes Überbleibsel handelt - welches womöglich sogar eine noch längere Laufzeit aufweist? -, wird so lange offenbleiben, bis die Quelle gefunden wird. Dass sie ordnungsgemäß erschlossen wurde und nach wie vor im Original existiert, darf als sicher gelten, denn sonst wäre sie vor elf Jahren kaum ins Feature gelangt und völlig korrekt Otto Wels zugeordnet worden. Da noch längst nicht alle existierenden Wochenschauen und Newsreels digitalisiert auf virtuellem Wege verfügbar sind, endet zumindest die Online-Recherche vorerst in einer Sackgasse - einige wenige Treffer führen nur zu anderen Kundgebungen jener Zeit. Höchstwahrscheinlich wird das Filmoriginal vom 6. März 1932 irgendwann auch in Internet-Datenbanken nachgewiesen und zu betrachten sein; es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand diesen kleinen Filmschatz von Otto Wels aus dem Archiv hebt ...

Sven Haarmann
 

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