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Archiv der sozialen Demokratie

 

22.09.2021

Mehr Philatelie wagen

Im Jahre 2019 zerrte die AfD Willy Brandt auf ein Plakat. Mit einem Foto, das kaum etwas zeigt und doch Hinweise auf die Quelle liefert ...

Eine der schmutzigsten, womöglich sogar die schmutzigste Kampagne im Vorfeld einer Bundestagswahl liegt weit zurück: In den 1960er Jahren sah sich Willy Brandt als Kanzlerkandidat der SPD mehrmals persönlichen Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt, die mit perfider Hinterhältigkeit die Abgründe des politischen Anstands ausloteten und niederste Instinkte ansprachen. Vertreter_innen der damaligen Regierungsparteien, konservative wie rechtsnationale und rechtsradikale Kreise sowie entsprechend ausgerichtete Medien attackierten Brandt ("alias Frahm" - Bundeskanzler Konrad Adenauer, 1961) nicht nur aufgrund seiner familiären Herkunft, seiner unehelichen Geburt und seines Namenswechsels, sondern sie säten Zweifel an Brandts 1933 im skandinavischen Exil begonnenem publizistischen und politischen Kampf gegen das faschistische Deutschland und stempelten ihn als Verräter ab.
 

Nicht zuletzt deshalb wirkte es Anfang August 2019 schlichtweg geschichtsvergessen, als im brandenburgischen Landtagswahlkampf ausgerechnet die AfD Willy Brandt vor ihre eigene Kampagne zu spannen versuchte, in welcher eine angeblich drohende "Abschaffung der Demokratie" unter dem "System Merkel" herbeiphantasiert und die AfD mit direkten DDR-Vergleichen als Initiatorin einer "Wende 2.0" und als Retterin der Bürgerrechte inszeniert wurde. Auf Wahlplakaten an Laternenmasten wie auch in der Deko von Versammlungen musste hierfür Willy Brandt mit einem Porträt und dem allseits bekannten Motto "Mehr Demokratie wagen" aus seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 herhalten. Es schien, als hätte die AfD hinter ihrem hochtrabenden Claim "Wir schreiben Geschichte!" das kleine, aber wichtige Wörtchen "um" vergessen. Der Aufruhr war gewaltig und sicherlich von Beginn an einkalkuliert.

Dass Widerspruch und Proteste gegen derlei Geschichtsklitterung ihren feixenden Provokateur_innen zu verstärkter Aufmerksamkeit verhelfen, verstand sich zwar von selbst, doch diesen Affront wollten viele der AfD nicht durchgehen lassen. So hielt die SPD auf Plakaten und im Internet mit dem Hashtag #wirsindwilly dagegen, Weggefährten Brandts reagierten empört (z.B. Wolfgang Thierse: "Die Berufung auf Willy Brandt ist ein grober Missbrauch und schlicht obszön" (tagesspiegel.de, 7. August 2019)) und in der Familie wurde Matthias Brandt sehr deutlich: "Ich finde das nahezu lustig. Auf dem Plakat ist ja ein Flüchtling abgebildet. Die AfD macht Werbung mit einem, der vor ihren Gesinnungsvorfahren geflohen ist und zum Glück ein Land gefunden hatte, das ihn aufgenommen hat. Sonst könnten wir das Gespräch jetzt gar nicht führen." (Süddeutsche Zeitung, 24./25. August 2019) Einige von couragierten Bürger_innen angestrengte Strafanträge wegen Verleumdung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener konnten dem Plakat indes nichts anhaben und wurden Wochen später von der Staatsanwaltschaft Potsdam abgewiesen - der Zweckentfremdung von Personen der Zeitgeschichte war mit dem Persönlichkeitsrecht nicht beizukommen.

Auf dem Terrain des Urheberrechts hingegen erwies sich die AfD in den vergangenen Jahren als nicht ganz so trittsicher: Bildlastige Kampagnen der Partei griffen oftmals auf ausländische Stockfotos aus dem Internet zurück, deren günstige Lizenzen teilweise schwer nachzuvollziehen sind - die tatsächlichen Urheber_innen reagierten mitunter entsetzt, sobald sie erfuhren, auf wessen Plakaten ihre Fotos gelandet waren.

Stammt auch das Willy-Brandt-Foto aus einer solchen Quelle? Angaben zum Bildnachweis fehlen auf dem Plakat, das Kleingedruckte am unteren Rand weist lediglich den AfD-Kreisverband Potsdam-Mittelmark als verantwortlich im Sinne des Presserechts aus. Da Brandt extrem herangezoomt und darüber hinaus mit den Balken des Slogans so zugekleistert wurde, dass er gerade noch an Augen und Nase zu erkennen ist, sind weitere Bildinformationen nicht vorhanden. Oder etwa doch?

Hat man Willy Brandts Gesichtszüge erst einmal grob in die erste Hälfte der 1960er Jahre geschätzt, drängt sich sogleich der Gedanke auf an die üblichen, in unzähligen Variationen verfügbaren Aufnahmen des Regierenden Bürgermeisters von Berlin an dem symbolträchtigsten Brennpunkt des Kalten Krieges: direkt an der Sektorengrenze vor dem Brandenburger Tor.
 

Im schemenhaften Hintergrund neben Brandts Wange könnten Bäume auf beiden Seiten einer Allee stehen, deren Fluchtpunkt sich über den Anführungszeichen in der Ferne verliert. Unmittelbar darüber verschwimmt die Silhouette eines hohen Gebäudes kaum noch sichtbar im Dunst. Tatsächlich ist dies ein Panorama-Detail des Boulevards Unter den Linden, welches sich vom Westen aus bot, wenn man auf einer vor der Mauer errichteten Aussichtsplattform ostwärts zwischen die Säulen des Brandenburger Tores blickte - zu sehen war immer auch der Turm des zwar weit entfernt hinter dem Schlossplatz, aber genau auf der Sichtachse gelegenen Roten Rathauses. Die waagerechte Linie unterhalb des "WAGEN!"-Balkens wäre folglich der Berliner Mauer zuzuordnen, die in den ersten Jahren aus aufeinandergeschichteten Reihen von Hohlblocksteinen bestand.
 

Eine Bildersuche mithilfe vergleichbarer Motive von Brandt vor dem Brandenburger Tor führte im Internet zu einem zwar nicht absolut identischen, aber doch auffallend ähnlichen dpa-Foto, welches Willy Brandt am 8. Juli 1965 zusammen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Saragat am Brandenburger Tor zeigt.
 

Bei Fototerminen dieser Art entstanden stets mehrere Aufnahmen und es waren mehrere Fotografen anwesend. So war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens noch ein ähnliches Motiv existierte. Und es musste für das Plakat gespiegelt worden sein, denn dort schimmert ein Überbleibsel der eigentlichen Quelle im unteren Bereich der blauen Fläche durch: die spiegelverkehrten, hellen Großbuchstaben "WILLY BR". Da sich also unter dem verwendeten Foto auch Brandts Name befand, hatte ein irgendwo abgedrucktes Bild als Vorlage gedient. Was das wohl gewesen sein mochte? Mehrere Erklärungen boten sich an - die abenteuerlichste Option war die Lösung des Rätsels ...
 

Eine Briefmarke. Wohlgemerkt: eine arabische Briefmarke. Aus dem Emirat Adschman, wo - wahrscheinlich zu Beginn der 1970er Jahre - eine mit "World Peace" betitelte Serie mehrerer Persönlichkeiten ausgegeben wurde. Diese Briefmarkenserie ist Jahrzehnte später auf verworrenen Wegen in Stockfoto-Datenbanken verschiedener Bildagenturen gelandet. Wenn nun jedoch auf dem Plakat alle Merkmale dieser Briefmarke getilgt worden sind, bleibt allein das gezielt isolierte Foto übrig, welches nach wie vor urheberrechtlich geschützt ist.
 

Das ursprüngliche Foto Willy Brandts ist eine weitere Aufnahme vom Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Saragat vor dem Brandenburger Tor am 8. Juli 1965. Es tauchte jüngst als zeitgenössischer Abzug in einem noch nicht erschlossenen Fotostapel im Willy-Brandt-Archiv auf, inkl. Copyright-Vermerk auf der Rückseite: Das von der AfD über den Umweg der arabischen Briefmarke für ihr Wahlplakat verwendete Foto gehört der Bundesbildstelle im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Solch eine absurde Pointe hätte Willy Brandt sicherlich erheitert ...

Sven Haarmann


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