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26.03.2018

Interview mit David Ranan zu seinem Buch "Muslimischer Antisemitismus"

Am 10. April 2018 stellen der Verlag J.H.W. Dietz Nachf. und die FES-Bibliothek das neue Buch von David Ranan in Berlin vor. In einem kurzen Interview nimmt er Stellung zum Thema seines Buches.

Bild: von D. Ranan lizenziert unter lizenzfrei

Nach seinen Büchern zur Lebenswirklichkeit junger wehrpflichtiger Israelis und junger Deutscher jüdischen Glaubens nimmt sich der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan in seinem neuen Titel eines ebenso schwierigen wie brisanten Themas an. Er wollte ergründen, wie Muslime über Juden und Israel denken und dies aus erster Hand erfahren. Zugleich ging es ihm darum zu verstehen, was muslimischer Antisemitismus ist, wie sich dieser artikuliert und wo seine Ursachen zu suchen sind. Dazu hat er Interviews mit mehr als 70 in Deutschland und England lebenden Muslimen geführt. Diese Interviews bilden die Grundlage für die Analysen und Darstellungen in David Ranans neuem Buch "Muslimischer Antisemitismus", welches soeben neu erschienen ist.
 

Sie haben für Ihr Buch Interviews mit jungen Muslimen vorwiegend in Deutschland geführt. Ist es Ihnen leicht gefallen, Zugang zu ihnen zu finden?
Nein, leicht ist es nicht. Nicht jeder ist bereit, sich auf solch lange Interviews einzulassen. Nicht jeder ist in der Lage, sich klar zu artikulieren. Dazu geht es ja teilweise um heikle Themen und da ist nicht jeder bereit, wirklich ehrlich zu sein. In der Tat ist es nicht leicht, einen Raum zu kreieren, in dem offen über die eigenen Einstellungen, Vorurteile, sogar Verschwörungstheorien gesprochen wird. Nicht in jedem Gespräch gelingt es, nicht immer ist es ergiebig, doch ist es, meines Erachtens, in diesem Forschungsprojekt mit vielen fruchtbaren Gesprächen gut gelungen.

Was waren für Sie die wichtigsten Aussagen der Befragten?
Hochinteressant zeigte sich in den Gesprächen, wie weitverbreitet – auch unter gebildeten Menschen – Stereotype von jüdischem Geld und jüdischer Macht sind. Zum Teil berichten meine Interviewpartnerinnen und -partner über sonderbare und märchenhafte „Fakten“. Wichtig scheint mir auch, was sie zur Rolle des Islams in der Beziehung zu Juden sagen konnten. Aufschlussreich ist dazu die terminologische Spannung, die aus den Gesprächen klar wurde, zwischen den Begriffen Jude, Zionist und Israeli.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Nahost-Konflikt und muslimischem Antisemitismus?
Ein halbes Jahrhundert, nachdem zionistische Juden begonnen hatten, was sie als ihre Heimat sahen neu zu besiedeln, errichteten sie in einem Land, das Araber als arabisch und viele Muslime als muslimisch sehen, einen jüdischen Staat. Der daraus entstandene territoriale Konflikt ist noch nicht gelöst. Für fast alle Palästinenser, für sehr viele Araber und für viele Muslime, die sich mit ihnen identifizieren, sind diese Tatsache und dieser Konflikt der Ausgangspunkt zu ihrer Einstellung gegenüber Juden.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem europäisch geprägten und dem muslimisch geprägten Antisemitismus?
Sie sind nicht vergleichbar. Antisemitismus in der abendländischen Welt stammt vom jahrhundertealten christlichen Antijudaismus, der sich in einen säkularen Judenhass verwandelte. Der Grundhass stammte aus der Religion. Für gläubige Christen war die ihnen gebotene und von der Kirche verbreitete Geschichte schwer zu ertragen: Dass Jesus ein Sohn Gottes sei und als solcher auch Gott ist, und dass „die Juden“ Schuld am Tod von Jesus sind, machte sie – dieser Geschichte nach – zu Gottesmördern. Und Deizid ist für einen gläubigen Menschen nicht zu verzeihen. Das Christentum kann sich verständlicher Weise nicht von seiner raison d’être verabschieden. Dazu gehörte auch die Schuldzuschreibung. Es war nicht leicht durchzusetzen, aber seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) ist die katholische Lehre nicht mehr, dass Juden schuld am Tod Christi sind. Doch sind Einstellungen vis-à-vis Juden in der christlichen Welt nicht einfach mit einem Konzil-Beschluss wegzuradieren. Ein solch anti-jüdisches Programm gab es im Islam nicht. Juden (wie auch Christen) sind dem Islam nach eine geduldete Minorität. Einstellungen von Muslimen gegenüber Juden waren viele Jahre durch diesen Status geprägt. Als solche waren sie geschützt, aber auch manchmal gedemütigt. Mit der erfolgreichen jüdischen Besiedlung Palästinas wurden die Einstellungen vieler Muslime zusätzlich vom Territorialkonflikt genährt.

Ist das Ausmaß des muslimischen Antisemitismus in Deutschland besorgniserregend?
Diese Frage ist nicht sachlich und ehrlich zu beantworten, ohne sich mit dem Problem der Definition des Antisemitismus auseinanderzusetzen. Dazu kommt, dass es bei der Einschätzung des Ausmaßes des Antisemitismus ein weiteres Problem gibt: Das ist nicht nur die Frage, ob die Messinstrumente, mit denen Antisemitismus gemessen wird, tauglich sind, sondern auch, was wir denn überhaupt messen sollen? Wollen wir Einstellungen und Meinungen messen oder sollten wir uns auf Straftaten konzentrieren? Jede Hasstat ist abstoßend und besonders für die Opfer – in diesem Fall sind es Juden – besorgniserregend. Doch bevor man Angst oder sogar Panik entwickelt, muss man das Ausmaß der relevanten Taten, die einem Angst machen, studieren. Und da sollte man nicht aus dem Auge verlieren, dass antisemitische Straftaten in Deutschland zum größten Teil von Rechtsradikalen und nicht von Muslimen begangen werden.

(Fragen: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.)

 

David Ranan: "Muslimischer Antisemitismus", erschienen im Verlag J.H.W. Dietz Nachf.
Veranstaltung: Buchpräsentation "Muslimischer Antisemitismus" in der FES Berlin am 10. April 2018

 

 

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