09.05.2017

"Kriminalität ist nie eine Frage der ethnischen Herkunft"

5 Fragen zum Thema Migration und Sicherheit an Dr. Dominic Kudlacek, stv. Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen.

Bild: von Dominic Kudlacek

In Zeiten einer gesellschaftlichen Polarisierung zu Fragen von Flucht, Migration und Integration sind Themen der inneren Sicherheit schwer zu diskutieren, was gleichermaßen den Vorwurf einer Tabuisierung wie einer rassistischen Perspektivverschiebung nach sich zieht. Umso wichtiger ist es, sowohl sachlich als auch ehrlich über Migration und Sicherheit zu sprechen.

Am 24.04.2017 diskutierten wir im Rahmen des partizipativen FES-Talkshowformats "Wir müssen reden!" u. a. darüber mit Dr. Dominic Kudlacek, dem stellvertretenden Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, der uns fünf Fragen zum Thema beantwortete.

Die Highlights der Talkshow sehen Sie hier 

FES: Am 24.04.2017 stellte Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016 vor. Dort heißt es unter anderem, die Kriminalität durch Einwanderer und Einwanderinnen habe zugenommen. Sie haben hingegen in einem Interview gesagt „Kriminalität ist keine Frage des Passes“. Wie hängen Ihrer Meinung nach Migrations- und Sicherheitsfragen zusammen?

Kudlacek: Kriminalität ist nie eine Frage der ethnischen Herkunft. Hier ist per se kein logischer Zusammenhang denkbar. Wenn wir uns ansehen, wer abweichendes Verhalten zeigt bspw. mithilfe der Polizeilichen Kriminalstatistik oder unter Rückgriff auf Daten von Umfragen, dann stellen wir fest, dass junge Menschen deutlich häufiger Straftaten begehen als ältere Menschen und Männer deutlich häufiger abweichendes Verhalten zeigen als Frauen. Das ist übrigens nicht nur in Deutschland und Europa der Fall sondern überall auf der Welt. Betrachtet man nun die demographische Zusammensetzung der Gruppe von Zuwanderern wird man schnell feststellen, dass anteilsmäßig wesentlich mehr junge Männer als Frauen nach Deutschland gekommen sind. Die Gruppe der Zuwanderer ist also aufgrund ihrer demographischen Struktur häufiger von abweichendem Verhalten betroffen. Hinzu kommt, dass viele Zuwanderer von einer Reihe von Belastungsfaktoren betroffen sind, die ein Hineingleiten in abweichendes Verhalten begünstigen können. Dazu gehört bspw. der Wohnort (in ländlichen Gegenden ergibt sich zum Beispiel aufgrund höher sozialer Kontrolle weniger Kriminalität als in der Anonymität der Großstadt, wo die Menschen sich seltener kennen und sich seltener füreinander verantwortlich fühlen). Ein weiterer kritischer Faktor stellt Bildung dar. Menschen mit viel Bildung haben mehr Chancen, sie sind in der Folge optimistischer und haben ein positiveres Selbstbild. Diese Faktoren schützen vor Kriminalität. Viele Zuwanderer haben Zweifel an ihren Chancen und leben in einer Ungewissheit über ihre Zukunft.

Die Kriminalitätsstatistik rückt bestimmte Merkmale, u. a. die Herkunft, stark in den Mittelpunkt. So sollen vor allem Migrant_innen aus den Balkanstaaten oder Tunesien, Marokko und Algerien überdurchschnittlich häufig Straftaten begehen. Das erweckt den Eindruck, die Menschen wären kriminell, weil sie zugewandert sind. Doch wo liegt das eigentliche Problem? Was zeigt die Statistik nicht?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik kann natürlich nicht jeden Belastungsfaktor, denen die Tatverdächtigen ausgesetzt waren, erfassen und abbilden. Hierzu gehören zum Beispiel das formale Bildungsniveau oder das Erleben von Gewalt in Kindheit und Jugend. Ich möchte es noch einmal wiederholen: Kriminalität ist keine Frage von Staatsbürgerschaft oder anderen politischen Kategorien. Es geht stets um Belastungs- oder Vulnerabilitätsfaktoren.

Sie betonen in Ihren Studien, dass gerade junge Männer unter bestimmten Umständen zu Kriminalität neigen. Also ist etwas dran an dem medial gern verbreiteten Schock-Bild von migrantisch geprägten Jugend-Banden, die der Rechtsstaat nicht in den Griff bekommt?

Ich halte es für kritisch, im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Kriminalität zu skandalisieren. Wir brauchen sachgerechte Debatten über Kriminalität. Häufig ziehen reißerische Berichte über Einzelfälle überaus emotionale Forderungen nach sich. Sehr oft hören wir Rufe nach einer Verschärfung des Strafrechts oder nach einer Erweiterung polizeilicher Befugnisse. Ich kann das, aus menschlicher Sicht, nachvollziehen. Maßnahmen, die auf immer mehr Repression zielen, verhindern jedoch keine Kriminalität. Gerade darum sollte es aber gehen. Natürlich bedeutet dies aber auch, dass brisante Befunde nicht weggeredet werden. Wenn bestimmte Personengruppen anteilig stärker von Kriminalität betroffen sind, müssen wir darüber diskutieren können: Wer ist häufiger betroffen? Wer nicht? Worin sind die Ursachen für die Unterschiede begründet? Wenn wir solche Fragen nicht diskutieren können, wird es sehr schwer oder gar unmöglich angemessene Präventionsarbeit zu betreiben.

Durch die offizielle Statistik wissen wir viel über das Ausmaß von Kriminalität, durch die kriminologische Forschung eine ganze Menge über ihre Ursachen. Was kann man daraus lernen für eine erfolgversprechende Prävention?

Eine gute „Sozialpolitik ist die beste und wirksamste Kriminalpolitik“, das wusste schon Franz von Liszt (der zwischen 1851 und 1919 lebte). Sie ahnen schon, wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Am erfolgversprechendsten sind Projekte, die positive Anreize setzen. Es gilt viel in Bildung zu investieren. Wir müssen Perspektiven schaffen, ein positives Selbstbild erzeugen, aber wir müssen auch konsequent sein und klarmachen, dass Regeln eingehalten werden müssen. Normverletzungen müssen Sanktionen nach sich ziehen, sonst werden falsche Signale gesetzt. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von mehr Härte oder einer verschärften Repression. Derartige Maßnahmen würden im Zweifel eher zu einer Verschärfung von Problemen führen. Wenn wir die Verletzung von Normen aber folgenlos lassen, bestärken wir abweichendes Verhalten. Ich möchte nochmal daran erinnern, dass viele der jungen Männer, die nun nach Europa gekommen sind, zum Teil erstmals in ihrem Leben längere Zeit ohne elterliche Aufsicht sind. Wir helfen diesen Männern nicht, wenn wir Normverletzungen als Kavaliersdelikt abtun.

Wie sollte eine sachliche und ehrliche Debatte über innere Sicherheit und Migration geführt werden, wenn über Zusammenhänge und Nicht-Zusammenhänge gesprochen wird?

Wir brauchen in der Debatte vor allem Ehrlichkeit. Alles andere halte ich für fatal. Das Thema darf auf keinen Fall Akteuren überlassen werden, die vereinfachen oder unzulässig umdeuten. Wir werden in den kommenden Jahren noch mehr Investitionen in Prävention benötigen. Wir brauchen noch mehr Sprachkurse, noch mehr politische Aufklärung etc. Diese Investitionen lassen sich politisch nur durchsetzen, wenn wir über die Folgen falscher Integrationspolitik ehrlich sprechen können. 

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