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Archiv der sozialen Demokratie

21.07.2021

„Nein, Nein, Niemals! Fort mit dem Verbrecher! Freiheit!“ – Zum Start des „(Online-)Gedenkbuchs der Sozialdemokratie 1933 bis 1945“

„Sie werden euch in einen neuen Weltkrieg hineinheben. […] Er [Hitler] ist der Kriegshetzer, der Jugendverderber, der Kameradenmörder. […] Dieser Mann will die Billigung und Bestätigung seiner Verbrechen von euch. Darauf gibt es nur eine Antwort: Nein, Nein, Niemals! Fort mit dem Verbrecher! Freiheit!“ – Diese Sätze entstammen einem Flugblatt, das anlässlich der Wahl und Volksabstimmung am 19. August 1934 in München verteilt wurde und der Gestapo in die Hände fiel. Diese vermerkte handschriftlich darauf: „SPD-München, 19.8.1934“.

Bild: Screenshot Gedenkbuch

Die spektakuläre Verteilaktion war von den „Roten Rebellen“ durchgeführt worden, einer Gruppe von sozialdemokratischen Widerstandskämpfer_innen in München. Die aus ehemaligen Angehörigen des sozialdemokratischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Arbeitersportvereine zusammengesetzte Gruppe um den Hotelkellner Josef Lampersberger und den Reichsbahnarbeiter Franz Faltner tat sich nicht nur mit mutigen und äußerst riskanten Flugblattaktionen wie im Umfeld gut besuchter Fußballspiele hervor. Ihre Mitglieder erledigten Kurierdienste für die im tschechischen Grenzgebiet tätige Exil-SPD und sammelten bereits ab 1934 Fotos, um die Verbrechen im KZ Dachau zu dokumentieren. Auch planten sie einen Bombenanschlag auf dem Münchner Hauptbahnhof. Dabei sollte niemand verletzt, aber ein deutliches Zeichen des Widerstands gesetzt werden: Die Nazis sollten mit Gegenwehr rechnen!

Weil sich ein Denunziant in ihren Reihen befand, wurde die Gruppe 1935 enttarnt. Die Gruppe und ihr Umfeld, darunter Faltners Ehefrau Anna, wurden zu langjährigen Zuchthaus und KZ-Strafen verurteilt. Ihre Widerstandsaktivitäten, Biografien und Schicksale sind im „Gedenkbuch der Sozialdemokratie 1933 bis 1945“ dokumentiert, das nun über das Portal zur Geschichte der Sozialdemokratie des Archivs der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung zugänglich ist. Das Gedenkbuch begreift sich als digitaler historischer Erinnerungsort, der die Erinnerung an diejenigen Sozialdemokrat_innen wach hält, die für Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit ihr Leben gefährdeten oder gar verloren. Das Datenbankprojekt möchte Biografien verfolgter Sozialdemokrat_innen in der NS-Zeit sichern, bündeln und ergänzen und sie für die Öffentlichkeit sichtbar machen.

Sozialdemokrat_innen gehörten schon vor 1933 zu den entschiedensten Gegner_innen des Nationalsozialismus. Die Zeit der Verfolgung begann für die Sozialdemokratie unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Ihre Organisationen wurden zerschlagen, ihre Mitglieder verloren ihre politischen Ämter, viele flohen ins Ausland, tausende wurden verhaftet, verschleppt, misshandelt und in Gefängnissen und Konzentrationslagern ermordet. Die im Online-Gedenkbuch dokumentierten Biografien geben eindrucksvoll Zeugnis vom Ausmaß des Nazi-Terrors von Verfolgung, Verrat, Denunziation, Lagerhaft und Mord von politisch Andersdenkenden. Und sie zeigen den Mut und die Standhaftigkeit derjenigen, die sich den Verbrechen der Nationalsozialisten entgegenstellten – aus sozialdemokratischen Grundüberzeugungen.

Als demokratische Massenpartei war die Sozialdemokratie nur wenig auf die Illegalität vorbereitet, und dennoch leisteten Sozialdemokrat_innen in großer Zahl Widerstand gegen Hitler. Organisatorische Strukturen und bestehende Kontakte wurden aufrechterhalten, Hilfsmaßnahmen für Verfolgte organisiert und illegale Netzwerke aufgebaut, mit dem Ziel, den eigenen Zusammenhalt zu bewahren und Aufklärung über den verbrecherischen und menschenverachtenden Charakter des NS-Regimes zu leisten. Aktiv Widerstand leisteten dabei nicht nur prominente Politiker_innen und Gewerkschafter_innen, sondern – was auch das Gedenkbuch deutlich macht – auch und gerade kleine Gruppen und einzelne Personen, die den Nationalsozialismus ablehnten und unter Gefährdung ihres Lebens bekämpften.  

Die im Gedenkbuch dokumentierten Biografien zeigen darüber hinaus die Tatkraft und Stärke jener Sozialdemokrat_innen, die Gestapohaft und Konzentrationslager überlebten und sich nach 1945 trotz ihrer schweren Leiden für den Wiederaufbau der Demokratie einsetzten. Ihre eigene Widerstandstätigkeit und Verfolgungserfahrung mussten sie dabei nicht selten verschweigen, denn besonders beliebt waren ihre Lebensgeschichten im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland nicht. In einer Zeit, in der sich die Deutschen möglichst wenig an die gerade vergangenen Jahre erinnern wollten, sich oft selbst als Opfer des Nationalsozialismus fühlten, dem so viele begeistert zugejubelt hatten, hielt mutiger Widerstand wie der der Roten Rebellen dem Land einen Spiegel vor, in den die meisten Deutschen nicht blicken wollten. Die über 150-jährige Geschichte des sozialdemokratischen Einsatzes für Demokratie – gegen Unterdrückung, Nationalismus, Autoritarismus und Totalitarismus – ist Auftrag bis heute, Freiheit und Demokratie gegen diejenigen zu verteidigen, die sie aushöhlen und bekämpfen wollen. 

Im Zuge eines ersten regionalen Projekts sind 463 Biografien von verfolgten Sozialdemokrat_innen aus München eingespeist worden. Grundlegend waren hierfür insbesondere die Recherchearbeiten und technischen Grundlegungen des Vereins für Freiheit und Demokratie e.V., der sich bis zu seiner bevorstehenden Auflösung um die Bewahrung des Vermächtnisses des Widerstands der SPD und ihrer Umfeldorganisationen in München verdient gemacht hat. Perspektivisch soll das Online-Gedenkbuch mehrere regionale Schwerpunkte umfassen und weitere analoge und digitale Publikationen und Verzeichnisse aufnehmen, die sich mit der Verfolgung von Sozialdemokrat_innen befassen. Als ein über mehrere Jahre angelegtes Projekt erfolgt der weitere Ausbau des Online-Gedenkbuchs durch das AdsD in enger Kooperation mit dem Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten (AvS). Die umfangreichen biografischen Informationen können dabei für die regionale und lokale Erinnerungsarbeit, für den Schulunterricht und die politische Bildung nutzbar gemacht werden und auch neue Forschungsarbeiten zum Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus anregen.

 

Peter Beule

 

Dieser Beitrag ist am 21.6.2021 im Blog „Demokratiegeschichten“ von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. erschienen.


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