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Archiv der sozialen Demokratie

24.12.2022

Eugen Kogon (1903-1987) – öffentlicher Intellektueller und gewissenhafter Mahner

Im Archiv der sozialen Demokratie wird derzeit der Nachlass von Eugen Kogon erschlossen. In diesem Bestand spiegelt sich die vielseitige Biographie eines einflussreichen Intellektuellen der Bundesrepublik.

Öffnet man im Archiv der sozialen Demokratie einen beliebigen Korrespondenzordner im Nachlass von Eugen Kogon, so wird man bereits nach kurzer Zeit auf die Formulierung stoßen: „Leider kann ich nicht teilnehmen. Ich bin derzeit in unbeschreiblicher Weise überlastet.“

Tatsächlich agierte Kogon wie kaum ein zweiter deutscher Intellektueller der Nachkriegsjahre in so vielen Disziplinen wie es irgendwie möglich war: Er arbeitete als Herausgeber, Schriftsteller, Publizist, aber auch als Fernsehredakteur, Europa-Aktivist und Universitätsprofessor – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Daraus resultierte zumeist eine Flut an Anfragen und Bitten, die an Kogon herangetragen wurden und die er nur noch schwerlich bewältigen konnte. So hatte Walter Maria Guggenheimer, ein Jugendfreund Kogons, nicht Unrecht, wenn er einmal bemerkte, Kogon sei „ein Mann, der alle seine Versprechungen hält, man weiß nur nicht wann.“

Ein Grund dafür, weshalb sich Kogon derart in die Arbeit vertiefte, liegt womöglich in seiner Biografie begründet, die von Phasen großer Einsamkeit und Leid zeugt. Als Sohn unverheirateter Eltern, die er zeitlebens nie kennenlernen sollte, wurde er 1903 in München geboren. Bereits wenige Tage nach seiner Geburt gab ihn seine Mutter in die Obhut einer Pflegemutter. Doch als diese heiratete, sah auch sie sich nicht mehr in der Lage den jungen Eugen aufzuziehen und schickte ihn ab der siebten Klasse in mehrere Klosterinternate. Die tiefe christliche Prägung, die er hier erfuhr, gab ihm Halt und Sicherheit. Dementsprechend auffallend ist auch eine besonders konservative, ja reaktionäre Ausprägung des Katholizismus in Kogons Weltbild, die sich aus seinen ersten publizistischen Gehversuchen mühelos herauslesen lässt.

Mitte der 1920er Jahre ließ sich Kogon in Wien nieder. Dort heiratete er 1927 seine Jugendfreundin Margarethe Lang und arbeitete nacheinander bis April 1934 für die christlich-konservativen Zeitungen „Schönere Zukunft“, „Neue Zeitung“ sowie deren Nachfolgeblatt, den „Österreichischen Beobachter“. Sehr kritisch muss in dieser Zeit Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre Kogons Plädoyer für eine Zusammenarbeit der Regierungsparteien mit der NSDAP gesehen werden. Erst der Röhm-Putsch von 1934 bewirkte ein Umdenken bei Kogon. Der tief gläubige junge Publizist erkannte nun, wenn auch spät, dass es illusorisch war, die Nationalsozialisten zu „verchristlichen“ und begann persönlich mit Gegnern des Regimes in Kontakt zu treten.

Nach mehreren kurzen Festnahmen wurde Kogon deswegen ab 1938 insgesamt sieben Jahre in Gewahrsam genommen. Die eine Hälfte davon verbrachte er in Wiener Gefängnissen, dreieinhalb weitere Jahre war er Insasse im Konzentrationslager Buchenwald. Dort rettete ihn seine Stelle als Schreiber bei dem SS-Arzt Erwin Ding-Schuler ab 1943 mehrmals vor dem sicheren Tode. Dieser hatte sich mit Kogon darauf geeinigt, ihn und andere Gefangene zu schützen. Dafür sollte Kogon dies nach der sich abzeichnenden deutschen Kriegsniederlage wahrheitsgemäß bestätigen.

In Buchenwald brach Kogon dann endgültig mit vielen seiner politischen Überzeugungen, die er als junger Mann gehabt hatte, und wandelte sich zu einem dem Sozialismus zugewandten Christen. Nach der Befreiung von Buchenwald am 11. April 1945 durch die US-amerikanischen Truppen wurde er mit der Leitung eines neunköpfigen Gefangenenteams betraut, das einen ausführlichen Bericht über Buchenwald verfasste. Kogon war für diese Rolle ein Glücksfall, da er in besonders hohem Maße mit vielen der Insassen bekannt gewesen war.

Deutschlandweit bekannt wurde Kogon dann durch sein 1946 veröffentlichtes und über 500.000 Mal verkauftes Buch „Der SS-Staat“, einer analytischen Schilderung des entsetzlichen Alltags in Buchenwald sowie des verbrecherischen NS-Systems. Im selben Jahr begann Kogon zudem gemeinsam mit dem linken Katholiken Walter Dirks mit der Herausgabe der Monatszeitschrift Frankfurter Hefte. Schnell avancierte diese zu einem intellektuellen Leitmedium der Nachkriegszeit sowie der jungen Bundesrepublik, das noch heute, wenn auch mittlerweile nicht mehr mit einer vergleichbar hohen Auflage, unter dem Titel „Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft“ publiziert wird.

Überhaupt schaltete Kogon sich in eine Reihe von öffentlichen Debatten der Nachkriegszeit sowie der 1950er und 1960er Jahre ein und wurde so zum häufigen Gesprächspartner intellektueller Größen wie etwa Max Horkheimer oder Theodor Adorno. An der TH Darmstadt wirkte er in dieser Zeit zwischen 1951 und 1968 als ordentlicher Professor für politische Wissenschaft. Im Jahr 1964 hatte er zudem für ein Jahr die Rolle des Leitkommentators des ebenfalls noch heute existierenden Fernseh-Politikmagazins „Panorama“ inne, dass Kogons Bekanntheit in der Bundesrepublik auf ein neues Hoch führte.

In den 1970er und 1980er Jahren wurde es dann etwas ruhiger um Kogon, wenngleich er sich weiterhin politisch einmischte und dafür, nicht zuletzt durch die Verleihung des Gustav-Heinemann-Bürgerpreises im Jahr 1977, weiterhin hohe Anerkennung erfuhr. Heute vor 35 Jahren, am 24. Dezember 1987, starb der bedeutende Mahner und scharfsinnige politische Analyst im hessischen Königstein am Taunus, wo er sich seit einigen Jahren niedergelassen hatte. Noch heute vergibt die Stadt Königstein den renommierten Eugen-Kogon-Preis für gelebte Demokratie.

Der Nachlass Kogon im AdsD

 

Im September 2008 gelang es dem AdsD, das schon seit Mitte der 1980er Jahre Interesse bekundet hatte, den zu diesem Zeitpunkt 120 lfm starken Nachlass Kogons zu übernehmen. Bereits 1985 hatte Walter Dirks Kogon in einem Schreiben darauf aufmerksam gemacht, das „,Archiv für soziale Demokratie‘ wäre durchaus (…) daran interessiert, in einer Blitz-Aktion das Material, in welchem Zustand es auch immer sich befindet, nach Bonn zu holen.“ Tatsächlich befand sich das 2008 übernommene Material dann in einem problematischen Erhaltungszustand. Brand-, Wasser- und weitere Schäden an den Papieren mussten beseitigt werden, bevor die vollständige Sichtung, Bewertung und Erfassung überhaupt beginnen konnte.

Während der Nachlass Kogon bis vor kurzem nur flach verzeichnet war, wird dieser seit 2021 ausführlich erschlossen. Neben einer umfangreichen Korrespondenz als Herausgeber der Frankfurter Hefte, als Professor der TH Darmstadt sowie als Autor des Werks zum SS-Staat sind bereits umfangreiche Briefwechsel verzeichnet worden, die unterstreichen, dass Kogon in der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber auch noch in den 1950er Jahren in hohem Maße als Zeitzeuge für die Aufklärung der Verbrechen des Nationalsozialismus angefragt wurde. So sind im Nachlass Kogon etwa einige Korrespondenzen überliefert, in denen dieser darum gebeten wurde als Zeuge vor Gericht zu erscheinen oder schriftlich darüber Auskunft zu geben, welche Personen sich in Buchenwald schuldig oder auch nicht schuldig gemacht hatten.

Der Nachlass Kogon wird von einer Reihe weiterer Archivbestände im AdsD ergänzt, die in Bezug zu Kogons vielfältigen Tätigkeiten stehen. Zu nennen sind hier etwa der Nachlass Walter Dirks, das Redaktionsarchiv der Frankfurter Hefte, aber auch die Überlieferungen der Europa-Union Deutschland sowie des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.

Anfang 2024 ist mit dem Abschluss der Verzeichnung des gesamten Nachlasses zu rechnen. Fragen zum Nachlass Kogon und dessen Benutzbarkeit können gerne an archiv.bibliothek(at)fes.de gerichtet werden.

 

Tom Hillebrand

 

Quellen:

Nachlass Eugen Kogon im Archiv der sozialen Demokratie (1/EKAH)

Nachlass Walter Dirks im Archiv der sozialen Demokratie (1/WDAC)

 

Literatur:

Dennis Beismann: Eugen Kogon in der frühen Bundesrepublik. Ein öffentlicher Intellektueller zwischen Lehrstuhl und Fernsehstudio 1949-1969. Berlin/Boston 2020.

David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. München 1996.

Michael Kogon: Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir? Erinnerungen an meinen Vater Eugen Kogon. Briefe aus dem KZ Buchenwald. München 2014.

Walter Mühlhausen: Eugen Kogon – Ein Leben für Humanismus, Freiheit und Demokratie. Wiesbaden 2006.

Christoph Stamm: Aufklärung über den Nationalsozialismus und „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ – der Nachlass Eugen Kogon im AdsD. In Archiv-Newsletter des Archivs für soziale Demokratie 01/2009.


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