Archiv der sozialen Demokratie

08.10.2020

Das Reichsarbeitsministerium 1933–1945. Beamte im Dienst des Nationalsozialismus – Ausstellungsrezension

Aus unserem FEShistory-Blog: Noch bis zum 25. Oktober 2020 ist die Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu sehen.

Nach dem großen Erfolg der Ausstellung über das Reichsarbeitsministerium (RAM) im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors vergangenen Jahres in Berlin ist diese nun auch als Wanderausstellung im NS-Dokumentationszentrum in Köln zu sehen. Basierend auf den Ergebnissen der Unabhängigen Historikerkommission, die 2013 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales einberufen wurde, beleuchtet die von Swantje Greve kuratierte Ausstellung die Geschichte des RAM im Nationalsozialismus. Einen wichtigen Teil nehmen biografische Erzählungen von 13 Mitarbeiter*innen des Reichsarbeitsministeriums ein, die mit Fotos, Plakaten und Dokumenten kontextualisiert werden. Es werden widerständige bzw. nonkonforme Beamt*innen, wie die Sozialdemokratin und erste weibliche Ministerialrätin Dorothea Hirschfeld oder der Jurist und Leiter des Pressereferats Ludwig Münz vorgestellt, aber auch „konforme“ Beamte und Nationalsozialisten, wie Cajetan Graf von Spreti oder Fritz Sauckel, Gauleiter und Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz. Dadurch wird die Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die es für Beamt*innen im Nationalsozialismus gab. Weitere Themenfelder der Ausstellung sind der Arbeitsmarkt unter staatlicher Kontrolle, die Rentenversicherung im Dienst des NS-Regimes, die Arbeitsverwaltung mit Blick auf die Verfolgung sogenannter „Arbeitsscheuer“ und die Rekrutierung von (Zwangs-)Arbeitskräften. Neben Originaldokumenten und Multimedia-Stationen bieten hier vor allem Zeitzeug*inneninterviews mit ehemaligen Zwangsrekrutierten aus der Ukraine einen vertiefenden Einblick in die Machenschaften des Ministeriums.

Das Reichsarbeitsministerium war von 1919 bis 1945 die zentrale Stelle für Arbeit und Soziales und verwaltete sowohl in der Weimarer Republik als auch im Nationalsozialismus das höchste Budget aller Ministerien. Zusammen mit der Ausweitung der Zuständigkeiten in den ersten Jahren nach 1933 unterstreicht dies die große Bedeutung des Ministeriums für die Diktatur, eine Medienstation zur Organisationsstruktur veranschaulicht dies eindrucksvoll.

Gerade im Nationalsozialismus wurde Arbeit zum Kriterium für soziale Anerkennung. Wer nicht arbeitete, wurde aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und zunehmend entrechtet. Die Abbildungen von Originaldokumenten belegen die Mithilfe von Arbeits- und Wohlfahrtsämtern bei der Verfolgung von Arbeitslosen und Arbeitsverweigerern. Die demokratische Selbstverwaltung der sozialen Versicherung wurde ab 1934 stark eingeschränkt, Leistungen konnten bei Verfehlungen eingezogen, die Rente vermindert werden. Besonders jüdische Rentner*innen wurden diskriminiert. Die Gewerkschaften waren bereits 1933 zerschlagen worden, Streiks waren in der Deutschen Arbeitsfront nicht vorgesehen. Das RAM war im Nationalsozialismus allein verantwortlich für Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik, Arbeitsschutz und das Arbeitsrecht, die Sozialfürsorge und den gesamten Bereich der Sozialversicherungs- und Gesundheitspolitik.

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Mitarbeiter*innen des RAM maßgeblich an der gewaltsamen Verfolgung der sogenannten „Arbeitsscheuen“ und an der Rekrutierung von (Zwangs-)Arbeitskräften beteiligt – Die Ausstellung erzählt eindrücklich von diesen Zwangsrekrutierungen in den besetzten Gebieten. Neben den Biografien der Beamt*innen zeugt davon auch ein ausgestelltes Zitat von Cajetan Graf von Spreti, Leiter einer Werbekommission in der Ukraine, der 1942 berichtete: „Vormittags untersuchen wir hier in Uman. Wir haben erst 600 Taugliche. […] Es geht hier fast nur noch mit Prügel.“ Mit solchen Exponaten wird eindrucksvoll die zentrale Rolle das Reichsarbeitsministerium für Propaganda, Aufstieg und Konsolidierung des NS-Regimes und die imaginierte „Volksgemeinschaft“ vermittelt. Sie dekonstruieren das etablierte Narrativ der einflusslosen und unpolitischen Behörde.

Die ausgestellten „Persilscheine“ gegen Ende der Ausstellung belegen, dass die Verantwortlichen im Ministerium nach 1945 für ihre Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Zahlreiche ehemalige Mitarbeiter*innen des RAM konnten ihre Laufbahn im öffentlichen Dienst fortsetzen. Bei den Nürnberger Prozessen waren Reichsarbeitsminister dabei – allerdings nicht auf der Anklagebank, sondern lediglich als Zeugen. Es gelang ihnen, ihre eigene Rolle und die Bedeutung des Ministeriums innerhalb des Regimes kleinzureden und zu relativieren. Eine Falschaussage, die lange Zeit nicht wiederlegt werden sollte.

Mit Blick auf personelle, institutionelle und inhaltliche Kontinuitäten und Diskontinuitäten behandelt die Ausstellung auch die Zeit vor und nach den Zäsurjahren 1933 und 1945/49. Dies ist besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass die Leitung des RAM in der Weimarer Republik ausschließlich Politiker*innen der katholischen Zentrumspartei und der SPD unterlag. Auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Nachkriegszeit wird in der Ausstellung dargestellt und hierbei ein Vergleich zwischen der Bundesrepublik und der DDR gezogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten im Zuge der Entnazifizierungspolitik die deutsche Gesellschaft und die Institutionen eigentlich von nationalsozialistischen Einflüssen befreit werden. Wie die jüngere Forschung herausgearbeitet hat, geschah dies in Westdeutschland aber nur in begrenztem Umfang. Oft hatte der Wiederaufbau von Verwaltung und Wirtschaft Vorrang. Es mangelte an Fach- und Führungskräften und so griff man oft auf Strukturen und Personal nationalsozialistischer Organisationen zurück. Nicht anders verhielt es sich auch beim 1949 neu gegründeten Bundesministerium für Arbeit. Ganze 60 Prozent der Führungsriege setzten sich aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zusammen und ein Drittel der neuen Mitarbeiter*innen waren zuvor beim Reichsarbeitsministerium angestellt. Dessen Rolle im Nationalsozialismus spielte in öffentlichen Debatten und der historischen Forschung lange Zeit keine Rolle. Einen guten Überblick gibt die 2017 erfolgte Veröffentlichung der ersten Projektpublikation, der 2013 beauftragten unabhängigen Kommission, die über online bezogen werden kann. Vertiefende Einzelstudien aus diesem Forschungsprojekt erscheinen fortlaufend in einer Reihe im Wallstein Verlag.

Marius Ellermeyer
 

Noch bis zum 25. Oktober 2020 ist die zweisprachige Ausstellung (deutsch/englisch) im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu betrachten. Online können sich Besucher*innen für eine Führung anmelden. Zwar ist nicht das gesamte Gebäude barrierefrei, ein Besuch der Sonderausstellung ist aber möglich. Führungen in Gebärdensprache werden bei Bedarf nach Anmeldung angeboten. Wer in Zeiten von Corona nicht vor Ort sein kann oder möchte, dem bietet sich die Möglichkeit, die Ausstellung im virtuellen 360-Grad-Rundgang auf der Homepage des NS-Dokumentationszentrums anzusehen.

 

Verwendete Literatur

Zitiert nach: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Ausstellung „Das Reichsarbeitsministerium 1933–1945. Beamte im Dienst des Nationalsozialismus“. Cajetan Graf von Spreti, Leiter einer Werbekommission, Juni 1942.

Allgemeine Informationen zur Ausstellung

https://museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/default.aspx?s=286#b49732

Weiterführende Informationen bietet z.B. die Website der Historikerkommission

https://www.historikerkommission-reichsarbeitsministerium.de/


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