Publikation Klimawandel, Energie und Umwelt Krieg und Umwelt: Warum ökologische Folgen stärker in den Blick rücken müssen Bild: Urheber: Anas Hakouz War and the environment in the Middle East degradation, governance, and the way forward Jalilvand, David Ramin ; Zumbrägel, Tobias | 2nd revised edition, Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., July 2026 degradation, governance, and the way forward Zum Download (PDF) Die Umweltfolgen von Kriegen sollten nicht länger als nachgeordnetes Thema behandelt werden, sondern von Anfang an in politische Analysen und Planungen einbezogen werden. Warum ist das so wichtig und wie kann Deutschland dazu beitragen? Ein Interview mit Tobias Zumbrägel. Die Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht in der neuen Studie „War and the Environment in the Middle East: Degradation, Governance, and the Way Forward“ unterschiedliche Konfliktkonstellationen im Nahen Osten. Im Mittelpunkt stehen dabei die ökologischen Folgen von Kriegen und die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten bestehen. Darüber haben wir mit Tobias Zumbrägel, Wissenschaftler an der Universität Heidelberg und Senior Associate bei Orient Matters, gesprochen. Er hat die Studie gemeinsam mit David Jalivand, Geschäftsführer von Orient Matters, herausgegeben. Wie ist die Idee zu dieser Studie entstanden – und warum habt ihr gerade die ausgewählten Länder und Konfliktkontexte untersucht? Die Idee entstand vor dem Hintergrund der verschiedenen Konflikte, die den Nahen Osten in jüngerer Vergangenheit geprägt haben. Schon damals war offensichtlich: Die Konflikte beeinträchtigen die Umwelt auf vielfältige Weise, zugleich spielen Umweltfragen teilweise auch in den Konflikten selbst eine Rolle. Bei der Auswahl der Fallstudien war uns dann wichtig, kein einheitliches Bild des Nahen Ostens zu zeichnen. Die Region umfasst unterschiedliche Konfliktkonstellationen, die wir mit der Auswahl von Palästina, Syrien, Libanon, Jemen, Irak, Iran und Sudan abbilden wollten. Die Konflikte in den Ländern stehen für unterschiedliche Formen von Krieg, Umweltzerstörung und eingeschränkter staatlicher Handlungsfähigkeit. Sudan haben wir bewusst einbezogen, weil das Land über seine Zugehörigkeit zur arabischen Welt, die Verflechtungen entlang des Nils und die Rolle der Golfstaaten im Krieg eng mit dem Nahen Osten verbunden ist. Die Ukraine dient wiederum als Referenzfall, aus dem sich Lehren ziehen lassen. Dort werden Umweltschäden bereits systematisch dokumentiert und Fragen der rechtlichen Verantwortung sowie eines ökologisch tragfähigen Wiederaufbaus intensiver diskutiert. In der Studie wird das Verhältnis von Krieg und Umwelt als eine Wechselwirkung beschrieben. Was bedeutet das konkret? Krieg und Umweltzerstörung können sich gegenseitig verstärken. Auf der einen Seite zerstören Kriege überlebenswichtige Infrastruktur und schränken die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen ein. Menschen greifen dann aus schierer Not auf kurzfristige Überlebensstrategien zurück. Sie schlagen Wälder ab, übernutzen Grundwasser oder geben landwirtschaftliche Flächen auf. Dadurch bleiben die ökologischen Folgen oft noch lange nach dem Ende der Kampfhandlungen bestehen. Auf der anderen Seite kann diese Zerstörung bestehende Konflikte verschärfen. Wenn Wasser knapper wird, Ernten ausfallen und Einkommen wegbrechen, können Vertreibung, soziale Ungleichheit und Konkurrenz um Ressourcen zunehmen. Bewaffnete Gruppen können diese Notlage für die Rekrutierung neuer Mitglieder nutzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Wasserknappheit oder der Klimawandel automatisch Kriege auslösen. Entscheidend ist, wie politische Institutionen mit solchen Belastungen umgehen. Wo staatliche Strukturen schwach, korrupt oder ausgrenzend sind, kann Umweltstress zum Konfliktverstärker werden. Genau darin besteht die Wechselwirkung. Welche konkreten Folgen haben Umweltzerstörungen in Konflikten – und welche sind auf den ersten Blick kaum sichtbar? Sichtbar sind zunächst die brennenden Öl- und Industrieanlagen, zerstörte Wasserleitungen, abgeholzte Wälder oder mit Trümmern übersäten Städte. Solche Schäden haben unmittelbare Folgen: Sauberes Trinkwasser fehlt, Abwasser wird nicht mehr behandelt, Krankheiten breiten sich aus und die landwirtschaftliche Produktion bricht ein. Viele Folgen zeigen sich jedoch erst später. Schadstoffe aus Munition, zerstörten Industrieanlagen oder unsachgemäß gelagertem Bauschutt gelangen in Böden und Grundwasser. Feinstaub und Schwermetalle sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, können aber noch Jahre später die Gesundheit beeinträchtigen. Hinzu kommen soziale und kulturelle Verluste. Die Zerstörung von Olivenbäumen in Palästina und Nordsyrien vernichtet beispielsweise nicht nur Einkommensquellen, sondern beeinträchtigt auch familiäre Traditionen und lokale Identitäten. Umweltzerstörung setzt damit eine Form langsamer Gewalt fort – also schleichende, oft unsichtbare Schäden, die sich über Jahre oder Jahrzehnte entfalten und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen betreffen. Sie verschärft Armut, zwingt Menschen zur Migration und erhöht die Abhängigkeit von humanitärer Hilfe. Besonders problematisch ist, dass diese Schäden nach dem Ende eines Krieges leicht übersehen werden und die Erholung natürlicher Ressourcen viel Zeit benötigt. Die Umwelt wird in der Studie nicht nur als Opfer von Konflikten, sondern auch als Ausgangspunkt für Friedensbildung verstanden. Wie kann das funktionieren? Wasser, Böden, Weideflächen oder Küsten lassen sich selten innerhalb politischer Grenzen verwalten. Wenn lokale Gemeinschaften gemeinsam über ihre Nutzung sprechen, können Kontakte, gemeinsame Regeln und im besten Fall auch Vertrauen entstehen. Gemeinsame Umweltprobleme können so Raum für niedrigschwellige Zusammenarbeit eröffnen. Alternativ: Solche Initiativen lösen keine politischen Großkonflikte – ihre Wirkung sollte daher nicht überbewertet werden. Sie können jedoch auf lokaler Ebene dazu beitragen, Gewalt vorzubeugen, konkrete Lebensbedingungen zu verbessern und bestehende Verständigungsprozesse zu stärken. Für die Zeit nach einem Krieg bedeutet Umweltfriedensbildung, den Wiederaufbau von Wasser-, Energie- und Abfallsystemen mit Fragen der politischen Teilhabe und gerechten Verteilung zu verbinden. Wenn betroffene Gemeinschaften einbezogen werden und wieder Zugang zu sauberem Wasser, Land und Einkommen erhalten, kann dies auch das Vertrauen in öffentliche Institutionen stärken. Eine rein technische Reparatur reicht nicht. Es geht immer auch um Legitimität, Gerechtigkeit und politische Verantwortung. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Empfehlungen aus der Studie, insbesondere mit Blick auf die Rolle Deutschlands? Deutschland sollte die Umweltfolgen von Kriegen nicht länger als nachgeordnetes Thema behandeln. Sie gehören in außen- und sicherheitspolitische Analysen, in Frühwarnsysteme, in die humanitäre Hilfe und von Beginn an in die Planung des Wiederaufbaus. Wenn Umweltschäden erst nach Kriegsende untersucht werden, können Beweise bereits verloren sein, Belastungen sich ausgebreitet haben und wichtige Entscheidungen für den Wiederaufbau sind bereits getroffen worden sein. Ein erster Schwerpunkt sollte deshalb auf einer kontinuierlichen und unabhängigen Dokumentation liegen: Deutschland kann Satellitenbeobachtung und offene Datenplattformen finanzieren sowie lokale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützen. Zweitens sollte die deutsche Wiederaufbauhilfe die Sanierung kontaminierter Böden, die sichere Beseitigung von Trümmern und den Aufbau klimaresistenter Wasser-, Energie- und Abfallsysteme fest einplanen. Dabei geht es nicht um eine möglichst schnelle Rückkehr zum Zustand vor dem Krieg. Wiederaufbau sollte vielmehr Einkommen schaffen, lokale Institutionen stärken und künftige Klimarisiken berücksichtigen. Drittens braucht es mehr Unterstützung für lokale Initiativen, Kommunen und Umweltorganisationen. Gerade in fragilen Staaten fallen diese Akteure häufig durch das Raster internationaler Klimafinanzierung. Deutschland kann hier längerfristige und flexiblere Finanzierung anbieten und darauf achten, dass Frauen, junge Menschen und marginalisierte Gruppen tatsächlich an Entscheidungen beteiligt werden. An Wissen fehlt es inzwischen kaum noch. Entscheidend ist, dieses Wissen in politisches Handeln zu übersetzen. Dafür braucht es politischen Willen, institutionelle Kapazitäten und eine verlässliche Finanzierung. Formelle und informelle Dialogräume können dazu beitragen, dieses Wissen in gemeinsames Handeln zu übersetzen. Kriege enden irgendwann. Ihre ökologischen Hinterlassenschaften wirken jedoch oft noch lange nach. Umso wichtiger ist es, sie frühzeitig in den Blick zu nehmen. Zu den Herausgebern der Studie David Jalivand Dr. David Jalivand ist Politikwissenschaftler und Geschäftsführer von Orient Matters, einem Beratungsunternehmen. Er ist außerdem Associate Fellow am Zentrum für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der DGAP. Tobias Zumbrägel Dr. Tobias Zumbraegel ist Wissenschaftler und ESG-Berater an der Universität Heidelberg und bei der Momentum Novum GmbH. Außerdem ist er Senior Associate bei Orient Matters und Associate Fellow am Exzellenzcluster ‚Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS)‘ an der Universität Hamburg. Weitere Publikationen Krieg und Umwelt im Nahen Osten Umweltzerstörung, Governance und der Weg in die Zukunft [Berlin?] : Friedrich-Ebert-Stiftung, 15. September 2026 Zum Download (PDF) Kontakt Bild: Urheber: FES/bundesfoto Zöhre Kurc Ariela Groß 030 26935-7495 ariela.gross(at)fes.de Referat Referat Naher/Mittlerer Osten und Nordafrika Friedrich-Ebert-Stiftung Hiroshimastraße 28 10785 Berlin
Krieg und Umwelt im Nahen Osten Umweltzerstörung, Governance und der Weg in die Zukunft [Berlin?] : Friedrich-Ebert-Stiftung, 15. September 2026 Zum Download (PDF)