Call for Papers

Redaktion des Archivs für Sozialgeschichte
Fließbandarbeiterinnen in der Fertigung von Unterhaltungselektronik. Steuerung des Arbeitstaktes und Produktionskontrolle unterliegen der Aufsicht eines Computers
Urheber: J.H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung, Sig. 6/FJHD006978

Mehr als das halbe Leben: Labour History als Gesellschaftsgeschichte

Call for Papers für Band 68 (2028) des Archivs für Sozialgeschichte. Einsendeschluss: 10. Dezember 2026

Labour History hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine erstaunliche Konjunktur, die nach all den vielen Abschiedschorälen nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Viele der älteren Konfliktlinien, die immer auch Teil politischer Selbstverortung innerhalb der Geschichtswissenschaft waren, haben sich inzwischen abgeschliffen. Der Blick hat sich geweitet: Die Geschlechtergeschichte und die vielfältigen Impulse der Global Labour History haben auf innovative Weise dazu beigetragen, alte Gewissheiten über Lohnarbeitsverhältnisse, Organisationsformen, Ausgrenzungsmechanismen und Praktiken der Solidarität infrage zu stellen. In der Bundesrepublik hat die Auseinandersetzung über die »Geschichte nach dem Boom« zudem eine Vielzahl an Projekten und ganze Forschungsverbünde angeregt, die in Kooperation mit einer sich wandelnden Industrie- und Arbeitssoziologie dazu beigetragen haben, die Frage nach dem Charakter von Arbeit neu zu diskutieren und stärker die Handlungsmacht unterschiedlicher Beschäftigtengruppen zu betonen. Wir laden als Archiv für Sozialgeschichte über die Disziplingrenzen hinweg ein, mit neuen Perspektiven über die Veränderungen der Arbeitswelten nachzudenken – empirisch und methodisch und nicht nur für die Zeit seit den 1970er-Jahren, sondern für die gesamte Gesellschaftsgeschichte der Arbeitswelten vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. 

Vier Schwerpunkte können als Orientierung dienen:

Dimensionen von Arbeit und Arbeitsverhältnissen

Die Geschichte der Lohnarbeit stand – gerade in der Hochphase der Labour History – im Zentrum vieler Forschungen, zielte sie doch insbesondere auf die Entstehungsbedingungen und Transformationsprozesse kapitalistischer Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Deutlich ist aber geworden, dass Lohnarbeit und die damit verbundenen Vertragsverhältnisse nur eine Form und keineswegs immer die dominante Form von Arbeitsverhältnissen darstellt – und dass es epochal und regional sehr unterschiedliche Ausprägungen und Mischverhältnisse freier und unfreier Arbeit gab und gibt, die zeitlich und räumlich nebeneinander existieren und sich überlagern konnten. Unser Interesse gilt den ökonomischen, rechtlichen, politischen und geschlechtsspezifischen Bedingungen von Arbeit, den Formen der Ungleichheitsproduktion, ihren Begründungen und Praktiken, ihrer Problematisierung und Aktualisierung. Wichtig sind in dieser Hinsicht auch gerade hybride Arbeitsverhältnisse insbesondere im Bereich der Dienstleistungen, die lange im Schatten »klassischer« industrieller Lohnarbeit standen – und immer noch stehen: so etwa Formen der Heim- und Hausarbeit oder der Landwirtschaft, die stark durch Arbeitsmigrant:innen geprägt sind, aber auch Scheinselbstständigkeit, Outsourcing und die Arbeitsverhältnisse der globalen Wertschöpfungsketten und Plattformökonomien.

Arbeitsorte, Materialitäten und technologischer Wandel 

Für ältere Traditionen der Arbeiter:innengeschichte hatte die Entwicklung der sogenannten Produktivkräfte einen zentralen Stellenwert. Technologien und materielle Ressourcen, Produktionsstätten und Distributionsorte, Fertigkeiten und Fachwissen wurden als Rahmenbedingungen von Lohnarbeit untersucht, die sowohl Arbeitsbedingungen als auch Handlungsspielräume der arbeitenden Menschen strukturierten. In der neueren Labour History sind diese Dimensionen weiterhin wichtige Untersuchungsfelder, wenn es etwa um betriebliche Arbeitswelten, um die Auswirkungen des Strukturwandels, um berufliche Weiterbildung oder um Arbeitssicherheit und Umweltfaktoren geht. Uns interessieren Forschungsperspektiven, die sich mit der Gestaltung des technologischen Wandels im Bezug auf Arbeit durch wissenschaftliche Forschung, politische Steuerung und durch gesellschaftliche Reaktionen auf Innovationen beschäftigen. Wir freuen uns vor diesem Hintergrund über vielfältige Beitragsideen, die Umbrüche von Materialitäten und Räumen in der Arbeitswelt konzeptionell fassen, empirisch untersuchen oder in der subjektiven Verarbeitung analysieren.

Aushandlungsprozesse: Bewegungen, Streik und Protest

Die Gestaltung von Arbeitsverhältnissen steht im Zentrum der Geschichte der Gewerkschaften. Willkommen sind Beiträge, die sich mit den Fragen beschäftigten, welche Vorstellungen und welches Wissen von »Arbeit« die Zielsetzungen gewerkschaftlicher Organisationen bestimmten, welchen Einfluss dies für Mitgliederrekrutierung und Organisationsform besaß. Von Interesse sind insbesondere Vorschläge, die transnationale Kooperationen und Verflechtungen in den Blick nehmen, aber auch Ideen, die die »neuen« sozialen sowie religiöse Bewegungen, ihre Vorstellungen von Arbeit und Nichtarbeit und die Formen ihrer Kämpfe um Anerkennung thematisieren. Die Erforschung von Streiks und Arbeitskämpfen hat in der Labour History eine lange Tradition, die in den letzten Jahren etwas weniger Aufmerksamkeit erfahren hat. Unterschiedliche Perspektiven sind dabei denkbar: Welchen (möglichen) Funktionswandel haben Streiks und Arbeitskonflikte erfahren? Welche Formen von Eigensinn und Emotionen, welche Interessenskonflikte, formellen und informellen Regeln prägten Arbeitskonflikte seit dem 19. Jahrhundert? Ein besonderes Interesse gilt jenen Beiträgen, die sich mit dem Verhältnis von Recht und Arbeit, mit supranationalen, arbeitsrechtlichen Normierungen, mit der Praxis von Arbeitsgerichten, ihren Regulationsansprüchen und Normsetzungsverfahren auseinandersetzen. 

Care-Arbeiten 

Einer der Gründe für den Aufschwung der Labour History dürfte darin liegen, dass sie sich inzwischen weitgehend von einem allzu engen, allein auf (männliche) Lohnarbeit fokussierten Blick gelöst und auch jene Formen der Arbeit mit einbezogen hat, die im weitesten Sinne mit Care- oder Reproduktionsarbeit beschrieben werden können. Gemeint sind sowohl unbezahlte Arbeiten im Haushalt, Kindererziehung oder die Organisation des Familienlebens als auch der stark wachsende Dienstleistungssektor, zumeist pflegerischer oder erzieherischer Arbeiten. Dazu gehört die Gesundheits- und Krankenpflege ebenso wie die Altenpflege und die soziale Arbeit und haushaltsnahe Dienstleistungen, Reinigungskräfte oder Haushaltsangestellte. In den Blick kommen auf diese Weise Formen unterschiedliche Formen von Anerkennung und Missachtung und die Produktion vielfältiger Ungleichheitsstrukturen in Wohlfahrtsstaaten.

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Auf einer Tagung, die am 11./12. März 2027 von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin ausgerichtet wird, möchten wir Beitragsideen, Themenangebote und gemeinsame Fragen des hier skizzierten Rahmenthemas des Archivs für Sozialgeschichte 68 (2028) diskutieren und weiterentwickeln. Wir laden alle Interessierten ein, uns bis zum 10. Dezember 2026 Vorschläge an afs(at)fes.de einzureichen. Sie sollten 3.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten und können – ebenso wie die Vorträge und die späteren Texte – auf Deutsch oder Englisch verfasst werden. Die anschließend von der Redaktion für den Band ausgewählten Beiträge im Umfang von etwa 60.000 Zeichen sollten bis zum 15. November 2027 fertiggestellt werden.

Das Archiv für Sozialgeschichte wird herausgegeben von Claudia Gatzka, Kirsten Heinsohn, Thomas Kroll, Anja Kruke, Philipp Kufferath (geschäftsführend), Friedrich Lenger, Ute Planert, Dietmar Süß, Nikolai Wehrs und Meik Woyke.

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