Das Horn von Afrika steht an einem Kipppunkt

Die Konflikte am Horn von Afrika könnten sich zu einem Flächenbrand verbinden. Weder breitere internationale Partnerschaften noch die Eindämmung einzelner Konflikte reichen aus. Dauerhafter Frieden braucht mehr regionale Zusammenarbeit.

Straße in Mekelle, Tigray, Äthiopien, mit Militärfahrzeug und Soldaten auf der Ladefläche, die äthiopische Flagge schwingen
Ersteller: picture alliance / Anadolu | Stringer

Das Horn von Afrika verändert sich gerade enorm. In den letzten Jahren sind neue Konflikte, Spannungen und Bündnisse entstanden, die großen Einfluss auf die gesamte Region haben werden. Im Sudan brach ein verheerender Krieg aus, in den zunehmend Nachbarstaaten und Golfmächte verwickelt sind. Der Staatszerfall droht. In Somalia stockt der Staatsaufbau. Al-Shabaab kontrolliert weiterhin große Teile des Landes, während sich die Spannungen zwischen der Zentralregierung in Mogadishu und einzelnen Bundesstaaten verschärfen.

Äthiopien und Eritrea: Droht der nächste Krieg?

Das Streben der äthiopischen Regierung nach einem Zugang zum Meer und die damit verbundenen außenpolitischen Manöver haben bestehende regionale Konfliktlinien weiter verhärtet. Hinzu kommen die ungelösten Konflikte um die Umsetzung des Friedensabkommens von Tigray (Pretoria-Abkommen) und die Neuordnung der Bündnisse zwischen ehemaligen Kriegsgegnern. Nun droht ein Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea, sollten diplomatische Bemühungen zur Deeskalation scheitern. Die Lage in Äthiopien hatte sich in den vergangenen Wochen dramatisch zugespitzt, nachdem sich eine neue Allianz verschiedener bewaffneter Gruppen gebildet hatte. In den jüngsten Kämpfen in Tigray konnte die äthiopische Armee allerdings rasch wichtige Geländegewinne erzielen. Die Gefahr eines Krieges mit Eritrea ist damit aber nicht gebannt, und die vielfältigen politischen Konflikte im Land bleiben ungelöst.

Neue Fronten, neue Allianzen

Anders als während des Tigray-Kriegs von 2020 bis 2022 stehen sich Äthiopien und Eritrea nun also wieder als Gegner gegenüber, während sich ehemalige Kriegsgegner innerhalb Äthiopiens gegen die Zentralregierung verbündet haben. Diese veränderten internen und externen Bündniskonstellationen bergen die Gefahr, dass sich die Kämpfe auf die gesamte Region am Horn von Afrika ausweiten. Damit könnten sie sich mit anderen Konflikten zu einem weitreichenden, hochkomplexen Konfliktsystem verbinden, das zunehmend auch das Rote Meer und die arabische Halbinsel einbezieht. Die Folgen wären für die gesamte Region gravierend: Eine massive Zunahme von Fluchtbewegungen könnte angesichts stark eingeschränkter Budgets die Aufnahmeländer weiter destabilisieren. Eine weitere Verschärfung der Konflikte könnte zudem die Sicherheit zentraler See- und Handelswege gefährden, bis hin zu einer möglichen Blockade der Meerenge von Bab al-Mandab.

Krise internationaler Friedensbemühungen

Die strukturelle Krise internationaler Konfliktbearbeitung zeigt sich am Horn von Afrika besonders deutlich. Politische Übergangsregelungen im Rahmen von Friedensabkommen und nationale Dialogprozesse haben häufig bestehende Machtverhältnisse gefestigt, anstatt politischen Wandel herbeizuführen. Konflikte werden vorübergehend befriedet, ohne ihre Ursachen nachhaltig zu bearbeiten. Internationale Partner haben unterschiedliche Interessen am Horn von Afrika und stehen häufig in Konkurrenz zueinander. Das schwächt multilaterale Friedensbemühungen und vertieft die Fragmentierung der Region. Die drängendste Frage ist also: Welche Ansätze können den Grundstein für dauerhaften Frieden legen, innerhalb der Staaten und zwischen ihnen?

Was jetzt zu tun ist

Genau darum ging es auch beim diesjährigen frieden- und sicherheitspolitischen Dialog in Nairobi Anfang Oktober. Dieses langjährige und vertrauensvolle Format in Kooperation mit der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ermöglicht es Vertreter_innen aus Politik, Zivilgesellschaft und mulitlateralen Organisationen aus der Region, aus Afrika, Europa und Deutschland gemeinsame Prioritäten und Handlungsoptionen zu formulieren. 

Die Teilnehmer_innen waren sich einig: Regionale Sicherheit und strategische Eigenständigkeit entstehen weder dadurch, dass die Region ihre internationalen Partnerschaften breiter aufstellt, noch dadurch, dass einzelne Konflikte eingedämmt werden. Die Entwicklungen am Horn von Afrika sind zunehmend mit den geopolitischen und sicherheitspolitischen Dynamiken in der Golfregion und im Nahen und Mittleren Osten verflochten, insbesondere im Roten Meer und im Golf von Aden. Stattdessen braucht es eine stärkere Zusammenarbeit in der Region selbst, besonders auch im Bereich der maritimen Sicherheit, ein erneutes Engagement aller für inklusive Friedensprozesse und regionale wirtschaftliche Integration sowie einen pragmatischen Umgang mit politischen Herausforderungen und politischen Realitäten vor Ort und in der Welt. 


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