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Aufbruch 1989: Die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR

Jasmin Lena Roth

Am 40. Jahrestag der DDR, dem 7. Oktober 1989, wurde die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) in Schwante gegründet – eine Provokation für das Einparteiensystem und den Führungsanspruch der SED.

Am 7. Oktober 1989 feierte nicht nur die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. Die Gründungsmitglieder der SDP nutzten diesen symbolischen Jahrestag, um sich nun auch offiziell als Partei zu konstituieren. Erst vor wenigen Wochen, am 15. September 2026, starb Martin Gutzeit, von dem die Idee einer sozialdemokratischen Partei ausging. Zusammen mit Markus Meckel hatte sich Gutzeit seit 1983 bei der Organisation DDR-weiter Friedensseminare engagiert. Diese Seminare boten unter dem Schutz der Kirche den Freiraum, gesellschaftskritische Themen wie Friedenssicherung und Rüstungspolitik zu diskutieren. Sie waren nicht nur Gläubigen, sondern der Öffentlichkeit zugänglich und ermöglichten so eine Netzwerkbildung für oppositionell Gesinnte im System der DDR. Diese informellen Strukturen wurden über Jahrzehnte von verschiedenen Gruppen aufgebaut, wobei die Evangelische Kirche einen wichtigen Nährboden bildeten. Gutzeit und Meckel, die beide Pfarrer waren, konnten auf diese Strukturen für die Gründung der SDP zurückzugreifen.

Der Führungsanspruch der SED in Zweifel

Oppositionell engagiert waren die beiden studierten Theologen Gutzeit und Meckel seit Jahren – doch erst im Januar 1989 konkretisierte sich die Idee der beiden, einen Verein beziehungsweise schließlich eine sozialdemokratische Partei zu gründen. In ihrem im Frühjahr 1989 erarbeiteten Entwurf setzten sie sich mit der ökonomischen und ökologischen Lage der DDR auseinander und legten insbesondere einen Blick auf die politische und moralische Verfasstheit der DDR. Sie fragten weiter nach den Voraussetzungen, das DDR-System zu überwinden und machten schließlich Vorschläge für eine demokratische Erneuerung. Die Schaffung einer politisch-freien Öffentlichkeit, die Bildung von unabhängigen Gewerkschaften und die Etablierung eines Streikrechts standen dabei im Vordergrund. 

Die beiden Gründer waren sich einig, dass dieses Programm zentrale Probleme der DDR lösen sollte – eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde von ihnen zu dem Zeitpunkt noch nicht angestrebt. Grundwerte des Sozialismus wie die Begrenzung wirtschaftlicher Monopole bewerteten sie durchaus positiv. Allerdings strebten sie die Demokratisierung des Wirtschaftslebens und die Ablösung der SED als führende Partei der DDR an. Da sie anfangs ihr Programm alleine ausarbeiteten, fürchteten sie, dass eine Verhaftung und Zerstörung der Unterlagen, ihre Initiative unmittelbar beenden konnte. Um sich dagegen abzusichern und auch im Fall einer Verhaftung eine Weiterarbeit abzusichern, zogen sie unbeteiligte Freunde und Bekannt hinzu, die ihre Materialen versteckten.

Am 24. Juli 1989 stellten Gutzeit und Meckel ihre Überlegungen im „Aufruf zur Bildung einer Initiativgruppe mit dem Ziel, eine Sozialdemokratische Partei in der DDR – SDP – ins Leben zu rufen“ fertig. Über den Sommer hinweg wurde ihnen der dringende Handlungsbedarf deutlich: Zunehmende Ausreisen und ökonomische Konflikte deuteten den bevorstehenden Zusammenbruch des SED-Regimes an. Am 26. August trug Markus Meckel daher in einem Menschenrechtsseminar in der Golgathakirche in Berlin die Kernthesen der Initiative vor. Die darauffolgende Verbreitung des Gründungsaufrufs wurde von Martin Gutzeit, Markus Meckel, Arndt Noack und Ibrahim Böhme unterzeichnet. Das symbolische Gründungsdatum am 40. Jahrestag der DDR stand bereits fest. Am 18. September traf sich eine Initiativgruppe von elf Personen im Sprachenkonvikt in Berlin, um die Gründung der Partei vorzubereiten. Unter anderem wurde der Parteiname beschlossen, der auch begrifflich die SED hinterfragte, die sich zum einen als Erbe der Sozialdemokratie verstand, zum anderen mit ihrem Namen auch eine Abgrenzung zur westdeutschen SPD vornahm. In der Nacht auf den 2. Oktober unterzeichneten 11 Initiator:innen eine erste Gründungsurkunde als Absicherung, sollte das MfS bei der geplanten Gründung einschreiten.

Die Gründung

Einen geeigneten Gründungsort zu finden, war nicht einfach. Man wollte die bisherige Fokussierung auf Berlin, aber auch die Dominanz der Kirchenräume für die oppositionelle Arbeit aufbrechen. Ersteres gelang, als man sich für den Ort der Parteigründung auf das Pfarrhaus von Joachim Kähler in Schwante festlegte; zweiteres gelang ganz offensichtlich nicht. Ihren Ruf als „Pfarrerpartei“ konnte die SDP daher lange nicht ablegen. Das Haus in Schwante war geeignet, da es dezentral lag und mit dem Kirchengelände und dem angrenzenden Friedhof Fluchtmöglichkeiten bot. Die Initiator:innen informierten weitere Personen aus verschiedenen oppositionellen Gruppierungen. Es wurden Fahrgemeinschaften gebildet, bei denen oft nur eine Person den Bestimmungsort kannte. Am Tag der Gründung fanden sich etwa 40 bis 50 Personen in Schwante ein. Begonnen wurde die Parteigründung mit einer programmatischen Rede von Markus Meckel. Anschließend wurden die Statuten diskutiert, wobei die Diskussion aufgrund der überschattenden Angst vor dem Eingriff des MfS kurz ausfiel und sich vor allem auf organisatorische Themen bezog. Darauf folgte die Wahl des Vorstands: Stephan Hilsberg wurde Sprecher der SDP, Markus Meckel und Angelika Barbe seine Vertreter:innen, Ibrahim Böhme Geschäftsführer Gerd Döhling Schatzmeister. 

Steffen Reiche fuhr bereits während der Vorstandswahl nach Berlin, um eine Fassung des Gründungsdokuments, eine Video-Aufzeichnung der Gründung und eine Pressemitteilung an einen Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung zu übergeben. Als im Gemeindesaal das Gerücht aufkam, die Staatssicherheit würde gleich einschreiten, versteckten die Mitglieder die zweite Gründungsurkunde. Diese Urkunde wurde erst einige Jahre später wieder aufgefunden und von Martin Gutzeit dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung geschenkt.

Geburt der SDP und Untergang der SED

Nach dem 7. Oktober 1989 begann die SDP den landesweiten Aufbau der Partei mit Bezirksverbänden. Einen offiziellen Antrag für die Zulassung der Partei stellte sie nicht. Hans Misselwitz nahm Kontakt mit der SPD im Westen auf, um von der Gründung zu berichten und die Aufnahme in die Sozialistische Internationale zu beantragen. Zunächst dienten wechselnde Orte für Vorstandssitzungen; erst nach dem Mauerfall bestand endlich die Möglichkeit, in Berlin ein festes Büro zu beziehen. Dies war für die strukturelle Entwicklung der Partei wichtig. Mit dem Mauerfall stand für die SDP nun auch nicht mehr nur eine reformierte DDR auf dem Programm, sondern die Vereinigung mit der Bundesrepublik. Die Parteigründer waren zwar nie Gegner einer Vereinigung mit der Bundesrepublik gewesen, aber es war eben zunächst nicht ihr primäres Ziel. Am 3. Dezember 1989 verabschiedeten sie schließlich die „Erklärung der SDP zur deutschen Frage“, in der sie sich zur Einheit bekannte. Allerdings forderten die ostdeutschen Sozialdemokrat:innen darin auch, dass die Einheit von beiden deutschen Staaten gestaltet werden müsse. 

Mitte Januar 1990 kam es zu einer mehrtägigen Delegiertenkonferenz der SDP in Berlin. Neben Fragen der Statuten und des Parteiprogramms wurde dort auch die Umbenennung der Partei zur (Ost-)SPD beschlossen. Obwohl die Mehrheit der Gründungsmitglieder die Differenzierung zur West-SPD bevorzugte, wurde die Umbenennung aus taktischen Gründen umgesetzt. Viele der Gründungsmitglieder, darunter auch Martin Gutzeit, wurden am 18. März 1990 in die erste frei gewählte Volkskammer der DDR gewählt. Eine Woche später enttarnte der Spiegel Ibrahim Böhme als Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS. Der in der Zwischenzeit sogar zum Parteivorsitzenden gewählte Böhme trat daraufhin von seinem Amt also auch vom Fraktionssitz zurück. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 ging die Ost-SPD in der größeren gesamtdeutschen Partei auf. Ihre Mitglieder wurden teilweise in den Bundestag oder die Landtage der neuen Bundesländer gewählt, andere kehrten nach der Wende nicht in die Politik zurück.

Jasmin Lena Roth

Im Archiv der sozialen Demokratie befinden sich Gründungsdokumente der SDP sowie Vorlässe der Gründungsmitglieder Martin Gutzeit, Stephan Hilsberg, Thomas Krüger und Markus Meckel.

Literatur

  • Dowe, Dieter: Von der Bürgerbewegung zur Partei. Die Gründung der Sozialdemokratie in der DDR, Bonn 1993.
  • Fischer, Ilse: Von der frei gewählten Volkskammer zum vereinten Deutschland. Politik- und Alltagsfragen sozialdemokratischer Volkskammerabgeordneter, Bonn 2013.
  • Gohle, Peter: Von der SDP-Gründung zur gesamtdeutschen SPD. Die Sozialdemokratie in der DDR und die Deutsche Einheit 1989/90 (Politik- und Gesellschaftsgeschichte 99), Bonn 2014.
  • Gorholt, Martin (Hrsg.): 35 Jahre Schwante. Die Wiedergründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, Marburg 2024.
  • Gutzeit, Martin: Der Weg in die Opposition. Über das Selbstverständnis und die Rolle der „Opposition“ im Herbst 1989 in der ehemaligen DDR, in: Euchner, Walter (Hrsg.): Politische Opposition in Deutschland und im internationalen Vergleich, Göttingen 1993, S. 84 – 114.
  • Herzberg, Wolfgang; zur Mühlen, Patrik von (Hrsg.): Auf den Anfang kommt es an. Sozialdemokratischer Neubeginn in der DDR 1989. Interviews und Analysen, Bonn 1993.

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