Rutger Bregman: Moralische Ambition

Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt. Hamburg: Rowohlt (2024)

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Kurzgefasst und eingeordnet von Carsten Schwäbe .
Carsten Schwäbe hat Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Wissenschaftler im Bereich der Innovationsforschung an der Freien Universität Berlin.

Buchessenz

Kernaussagen

Gesellschaftlicher Fortschritt entsteht dort, wo moralische Ziele nicht nur gut gemeint, sondern mit Ambition verbunden werden. Es braucht strategisches Denken und den Willen zur Durchsetzung. Nachhaltiger Wandel erfordert viel gemeinsame, organisierte Arbeit, die Bündnisfähigkeit von Bewegungen sowie die Bereitschaft, Menschen mit ganz unterschiedlichen Auffassungen für eine gemeinsame Sache zusammenzubringen. Nur dann können progressive Ideen aus dem Randbereich des Denkbaren hinausgelangen und in reale politische und gesellschaftliche Mehrheiten überführt werden. 

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Bregmans Stärke liegt darin, moralisches Engagement einer konkreten Bewertung zu unterziehen und dabei den Blick darauf zu lenken, wo individuelles Handeln tatsächlich Wirkung entfaltet. Wichtig wäre es jedoch, hierbei Parteien oder andere demokratische Institutionen stärker einzubeziehen. Hier besteht somit eine Chance für die Soziale Demokratie. Sie könnte Bregmans Ansatz in eine politische Lösung überführen.

Autor

Rutger Bregman ist Historiker, Journalist und Autor. Er schreibt über die Geschichte und Bewertung des menschlichen Wesens. 

Seine beiden zuvor veröffentlichen Bücher „Im Grunde gut“ und „Utopien für Realisten“ waren beide internationale Bestseller.


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Inhalt

Menschen können bei ihrer Arbeit, ob im Beruf oder im Ehrenamt, mehr oder weniger idealistische Ziele verfolgen und dies in mehr oder weniger ambitionierter Weise tun. Wer wenig idealistisch und ambitioniert arbeiten möchte, erhofft sich häufig eine frühe Rente oder arbeitet in Bullshit-Jobs, die mit wenig gesellschaftlichem Sinn verbunden sind. Den wenn zum Beispiel die zum Teil hoch gebildeten Leute im Marketing streiken würden, würde das die Gesellschaft kaum merken – im Gegensatz zu Streiks im öffentlichen Nahverkehr oder der Pflege. Auch gibt es moralisch problematischen „Sin Industries“, in denen hohe Gehälter eher dafür gezahlt werden, die peinliche Arbeit zum Beispiel für die Zigarettenlobby zu kompensieren. 

Wer ambitioniert, aber wenig idealistisch arbeiten möchte, landet oft in zwar renommierten Berufen, die nicht zwingend einen Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft bringen, sondern unternehmerisches Talent für schlechte Produkte und Interessen vergeuden. Eine Studie aus dem Jahr 2017 schätzt den durchschnittlichen Schaden für die Gesellschaft pro Wirtschaftsjurist*in auf 30.000 Euro und pro Investmentbanker*in sogar auf 100.000 Euro. Die Opportunitätskosten, also die entgangenen gesellschaftlichen Gewinne, wenn diese Hochqualifizierten in gesellschaftlich wichtigen Tätigkeiten gearbeitet hätten, sind darin noch nicht enthalten.

 

Doch auch, wer idealistisch ist, hat nicht schon allein deshalb einen positiven Effekt auf die Gesellschaft. So möchten gerade zwar immer mehr jüngere Menschen aus ausbeuterischen kapitalistischen Arbeitsverhältnissen ausbrechen. Ambition spielt hierbei für viele allerdings nur eine untergeordnete Rolle: 

„Viele Menschen machen sich lieber Gedanken über das Wie und Warum als über den Impact ihrer Arbeit. Wenn es sich nur gut anfühlt. ‚Small isbeautiful‘, heißt es dann, oder ‚Think global, actlocal‘ – als wenn es eine Tugend ist, wenig zu erreichen.“ 

Punktueller Online-Aktivismus oder die Teilnahme an einer Demonstration ersetzen nicht die schweißtreibende Arbeit der Gründung und Pflege von Organisationen und Netzwerken. Daher gilt: Wenn wir gesellschaftlich etwas bewegen wollen, dann darf für uns nicht nur Idealismus handlungsleitend sein, sondern wir müssen auch Ambition haben. 

Gewinnen als moralische Pflicht

Auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ohne sie wirklich verändern zu wollen, ist wenig tugendhaft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass ein gesteigertes Bewusstsein über ein Problem die Welt verändern würde. Viele Menschen sind sich Problemen wie dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung oder der Tierquälerei in der Massentierhaltung sehr wohl bewusst; dennoch verändern sie nichts an ihrem Verhalten. Politisches Engagement wird zunehmend zu Entertainment: Man liest den Newsfeed über politische Skandale, schreibt Kommentare gegen missfällige Politiker_innen und glaubt dann, hiermit schon etwas verändern zu können. Mit diesem „politischen Hobbyismus“ verändert sich aber nichts. Es reicht auch nicht, die gute Absicht zu haben, etwas bewirken zu wollen. Zwar wird viel Geld an wohltätige Organisationen gespendet oder für Fair-Trade-Produkte ausgegeben; bei den Bedürftigen kommt davon allerdings nur wenig an. Daher ist eine kritische Analyse der echten Wirkung des eigenen Engagements und von wohltätigen Organisationen wichtig – gepaart mit der Einsicht, dass nur Lobbyarbeit, Wahlkampf, Organisation und Mobilisierung demokratische Macht aufbauen. 

Gewinnen können idealistische Bewegungen nur dann, wenn sie in der Lage sind, mit anderen Bewegungen Bündnisse zu schließen. Hierfür ist es essenziell, Kompromisse eingehen zu können. Wer auf ideologische Reinheit pocht, schwächt damit effektiv die Fähigkeit zur Umsetzung idealistischer Ziele. Dennoch ist es heutzutage immer schwieriger für Aktivisten, Bündnisse zu schließen. Das liegt an der Idee der „Intersektionalität“, die immer mehr progressive Leute verfolgen. Diese besagt, dass Menschen oft aufgrund von mehreren überlappenden Faktoren wie Klasse, Geschlecht, Sexualität, Alter, Behinderung oder Bildung diskriminiert werden. Diese Idee könnte eine Basis für eine breite Bewegung sein, führt aber in der Realität dazu, dass man ständig in der Verpflichtung steht, sich mit allem und jedem solidarisch zu erklären, womit man die eigentlichen Ziele aus den Augen verliert. Denn wenn jemand zwar für das Abtreibungsrecht kämpft, aber nicht zugleich für die rechte von Transfrauen oder Entschädigungen für den rassistischen Kapitalismus der Vergangenheit, wird für viele aus einem möglichen Bündnispartner ein Feind. 

„Auf diese Weise erhalten Sie eine Bewegung, die zu 100 Prozent rein, aber zu 0 Prozent effektiv ist. Und nein, dieser Reinheitsdrang ist nicht allein ein theoretisches Problem. Die linke Plattform The Intercept veröffentlichte 2022 eine aufsehenerregende Untersuchung darüber, dass fast alle progressiven Interessengruppen in den USA ‚mehr oder minder lahmgelegt‘ waren – wegen zahlreicher interner Streitigkeiten.“ 

Ebenso müssen nicht alle Ziele gleichzeitig und vollständig erreicht werden. Oft sind kleine Zwischenschritte und schmerzhafte Kompromisse erforderlich, um Fortschritte zu erzielen. Statt reine Bewegungen anzustreben, müssen sich progressive Personen also die Frage stellen, wie sie ihre idealistischen Ziele konkret und unmittelbar, auch in Zwischenschritten, umsetzen können. 

Handlungsschwelle gemeinsam herabsetzen

Doch wie kann man Menschen für diese Art des Aktivismus gewinnen? Viele glauben, dass man als einzelne Person nur wenig Einfluss auf die Welt oder unsere Gesellschaft habe. Und selbst wenn man sich engagieren wolle, seien die Hürden in Form von Geld oder Zugang zu wichtigen Netzwerken so hoch, dass viele diese aus eigener Kraft nicht überwinden könnten. Doch das ist nur teilweise richtig. Zwar stimmt es, dass nur wenige Menschen großen Einfluss haben. Oft liegt das aber daran, dass die Menschen sich ihrer eigenen Wirkmächtigkeit nicht bewusst sind und es gar nicht erst versuchen. Dies wird an historischen Beispielen deutlich: Die Abolitionisten in den USA, die sich gegen die Sklaverei einsetzten, oder die Suffragetten, die das Frauenwahlrecht einforderten, waren weder reich noch einflussreich. Dennoch gelang es ihnen, unsere Gesellschaft bis heute zu prägen. Denn sie starteten als Bewegung zwar mit wenigen, aber moralisch ambitionierten Menschen. 

Die entscheidende Gelingensbedingung für gesellschaftliche Fortschrittsbewegungen konnte durch die Wissenschaft inzwischen identifiziert werden. Deutlich wird dies am Beispiel des Widerstands gegen Deportationen im Nationalsozialismus: 

„Man musste gefragt werden. Wer gefragt wurde, ob er jemandem, der verschwinden musste, helfen würde, sagte fast immer Ja. In zahlreichen Fällen erwies sich die Frage sogar als Auslöser, dass die Person dann noch weiteren Menschen half. Stärker noch, viele Leute, die gefragt worden waren, begannen damit, selbst andere zu fragen. Tatsächlich funktionierte der Widerstand wie eine Art Virus.“ 

Anders gesagt: Um eine Bewegung zu starten, die einen Unterschied zum Status quo macht, muss man sich entweder einer Gruppe anschließen oder selbst eine gründen. 

Oftmals werden progressive Ideen mit großer gesellschaftlicher Veränderungskraft von weiten Teilen der Gesellschaft als unrealistisch oder sogar gefährlich angesehen. Der Politologe Joseph Overton beschreibt diese Meinungen als außerhalb des nach ihm benannten „Overton-Fensters“ stehend, das alle institutionalisierten, populären oder akzeptablen gesellschaftlichen Meinungen umfasst. Um Einfluss auf die Gesellschaft zu haben, muss es gelingen, das Overton-Fenster hin zu radikalen, aber progressiven Meinungen und Ideen zu verschieben, sie also im gesellschaftlichen Bewusstsein als sagbar und umsetzbar zu verankern. 

Dabei ist es eine Kunst, zwischen wirklich progressiven und problematischen Ideen zu unterscheiden und darauf zu achten, dass die Galionsfiguren von Bewegungen nicht in problematische Denkweisen abdriften. Ebenso ist es eine Kunst, neue Argumente für einen idealistischen Standpunkt zu finden, die nicht einfach moralisch überzeugen sollen, sondern reale Vorteile für die Gruppe aufzeigen, die der Idee aktuell ablehnend gegenübersteht. Denn nur, wenn man weitere Gruppen von einem radikal-progressiven Standpunkt überzeugen kann, kann auch das Overton-Fenster gesellschaftlich verschoben werden. Dieses „Moral Reframing“ zeigt auf, dass moralische Ambition nicht immer durch die richtigen Beweggründe realisiert wird, sondern oft durch die richtige Ansprache. So argumentierten z. B. die Abolitionisten gegen den Sklavenhandel nicht mit Verweis auf Menschenrechte, sondern auf die unwürdigen Arbeitsbedingungen der Seeleute, die die Sklaven transportierten. Tatsächlich starben bei der Überfahrt mehr Seeleute als Versklavte. Das lag zum einen daran, dass tropische Krankheiten für sie gefährlicher waren als für die Versklavten, und zum anderen daran, dass man auf ihre Arbeitsbedingungen wenig achtete, da sie – im Gegensatz zu Sklaven – Arbeitskosten verursachten, die durch ihren Tod verringert werden konnten. Mit dem Fokus auf das Leid der Täter des Sklavenhandels fanden die Abolitionisten also Verbündete in ihrem moralischen Kampf. 

Auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen

Progressiv zu sein bedeutet, Ideen außerhalb des Overton-Fensters zu verfolgen und diese dann gesellschaftsfähig und umsetzbar zu machen. Um solche Ideen zu finden, kann man verschiedene Aspekte prüfen: Ein Zeichen dafür, dass es um ein wichtiges, progressives Thema geht, ist, wenn Gegner_innen unter Verweis auf den Status quo argumentieren. Man hört dann z. B. Sätze wie „Das ist schon immer so gewesen“ oder „Das liegt eben in der Natur des Menschen“. Auch wenn unangenehme Fakten schlicht ausgeblendet werden oder Menschen mit Wut oder Verachtung reagieren, ist das ein Zeichen dafür, dass es sich um eine progressive Idee handelt. Ein drittes Zeichen ist es, wenn man ein Problem Kindern nicht erklären kann. So wundern Kinder sich z. B. oft darüber, dass wir im zwischenmenschlichen Zusammenleben gerechtes Teilen lehren, aber globale Armut und Hunger zulassen. Schließlich kann man überlegen, wie künftige Historiker_innen über uns urteilen werden. Hierfür muss man im Grunde nur auf die Vergangenheit zurückblicken: Frauenwahlrecht, die Abschaffung der Sklaverei oder Arbeitsschutz sind für uns aus heutiger Perspektive selbstverständlich, aber es handelt sich um zivilisatorische Errungenschaften, die in der Vergangenheit keinesfalls als selbstverständlich angesehen wurden.  

Wann hat man genug für eine bessere Welt getan?

Moralische Ambition darf nicht in den Burnout führen. So kritisierte der britische Autor George Orwell den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi dafür, konsequent auf alle Genüsse des Lebens etwa beim Essen oder beim Sex zu verzichten – und das nicht unbedingt für die gute Sache, sondern aus Prinzip: 

„Laut Orwell hat Gandhi nicht verstanden, worum es im Leben geht. Die meisten Menschen wollen keine Heiligen sein – und das zu Recht. Wir sind auf der Erde, um zu träumen und herumzustreifen, zu suchen und zu sündigen. Wir sind hier, um zu leben. Und es scheint, dass Heilige in ihrer allumfassenden Liebe zur Menschheit wenig davon verstehen, was das Leben überhaupt lebenswert macht.“ 

Selbsthilfe und moralische Ambition in Einklang zu bringen, stellt daher eine wichtige Herausforderung für alle dar, die politisch und gesellschaftlich etwas bewegen wollen.

Votum

Bregman möchte uns wachrütteln – auch engagierte Menschen sollten sich fragen, ob sie wirklich Einfluss haben. Das ist einerseits ein sehr berechtigter Hinweis. Andererseits liegt genau hierin aber auch eine Schwäche des Buches. Denn Bregman fokussiert zu sehr auf soziale und karitative Bewegungen und lässt dabei die Beteiligung in formal-demokratischen Prozessen und Institutionen, insbesondere in Parteien, außer Acht. 

Denn wenn Probleme nicht nur durch wohltätiges Ehrenamt, sondern vor allem politisch gelöst würden, könnte noch viel mehr Menschen geholfen werden. Würde es eine gerechtere Wohlstandsverteilung auf der Welt geben, würden viele Probleme, die viele Menschen ehrenamtlich zu mindern versuchen, gar nicht erst entstehen. 

Das Buch hätte sich noch stärker damit beschäftigen müssen, wie besonders wichtige Themen außerhalb des Overton-Fensters in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, Betriebsräten oder anderen politischen Organisationen identifiziert werden können. Denn gerade Parteien verlieren diese Aufgabe angesichts des Tagesgeschäfts und dem Blick auf die aktuellen Umfragen aus den Augen. 

Doch trotz der fehlenden Übersetzung der Hinweise von Bregman auf Parteien, demokratische Diskurse und die parlamentarische Arbeit, bleiben viele Einsichten seines wichtigen Buches nutzbar für sie, gerade dann, wenn sie Bregmans Anspruch an moralischer Ambition folgen möchten. 
 

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Verlag: Rowohlt
Erschienen: 19.06.2026
Seiten: 336
ISBN:978-3-499-01575-5

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