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Geschlechtergerechtigkeit beginnt in der Schule – doch noch immer dominieren männliche Autoren die Lehrpläne. Dadurch wird oft ein maskulines Weltbild vermittelt, während die Werke von Frauen weitgehend unsichtbar bleiben.
Das Projekt „Close the Gap! Frauen im Lehrplan sichtbar machen“ setzt genau hier an: Es macht die Arbeit von Frauen in der Literatur sichtbar und fördert gleichzeitig kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern. Dabei arbeitet das Projekt feministisch, diskriminierungssensibel, rassismus-sensibel und dekolonial. So entstehen positive Vorbilder für alle Schüler_innen, patriarchale Strukturen werden hinterfragt und Vielfalt im Unterricht selbstverständlich gemacht.
Die Landesbüro Baden-Württemberg der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt das Projekt, weil Bildung der Schlüssel zu einer gerechten und inklusiven Gesellschaft ist. Bildung prägt, wie junge Menschen die Welt sehen. Mit der Sichtbarkeit von Frauen im Lehrplan – kombiniert mit einem klaren Fokus auf Vielfalt, Anti-Rassismus und Dekolonisierung – stärken wir Selbstvertrauen, fördern Gleichstellung und tragen zu einer gerechteren, inklusiven Gesellschaft bei.
Abgesehen von den Pflichtlektüren für die Abiturprüfungen geben die Bundesländer zwar keine verbindlichen Lektüren vor, dennoch werden immer noch vorwiegend männliche Autoren im Deutschunterricht gelesen. Viele Schulen und Lehrkräfte zeigen eine große Bereitschaft und Interesse, das zu ändern, doch fehlt es ihnen in der Praxis an Arbeitsmaterialien zu Texten weiblicher Autorinnen, womit sie konkret arbeiten können. Für eine selbstständige Neueinarbeitung fehlt es den meisten Lehrkräften an Zeit. Zudem werden in den Lektüreempfehlungslisten der Länder deutlich mehr Texte männlicher Autoren genannt. BiPoc-Autorinnen kommen nur vereinzelt vor und sind daher stark unterrepräsentiert. Dies führt dazu, dass letztendlich auf altbewährte Texte zurückgegriffen wird – und die sind in der Regel von männlichen Autoren.
Damit sich das ändert, setzt sich unser Projekt dafür ein, dass mehr Handreichungen, Lektürenschlüssel und Schulmaterial zu Texten weiblicher Autorinnen erarbeitet und publiziert werden. Neben der Geschlechtergerechtigkeit berücksichtigen wir auch interkulturelle, dekoloniale, queere und diskriminierungssensible Inhalte und Perspektiven.
In unserem Projekt ist uns einmal mehr bewusst geworden, wie schwierig es ist, feministische Texte aus älteren Epochen zu finden. Selbst weibliche Autorinnen neigen in alten Texten dazu, patriarchale Weltanschauungen und internalisierte Misogynie zu reproduzieren. Wir empfehlen daher, den Fokus mehr auf zeitgenössische Literatur zu legen.
Alte Texte aus dem Kanon, die überholte Geschlechterrollen und ein aus heutiger Sicht fragwürdiges Frauenbild wiedergeben oder die heute als rassistisch oder diskriminierend gelesen werden, müssen verbindlich kritisch gelesen und behandelt werden. Es empfiehlt sich, dafür eine eigene Lehreinheit zu gestalten.
Ein Arbeitskreis aus Literaturwissenschaftlerinnen und Expertinnen hat eine Lektüren-Liste für den Deutschunterricht an weiterführenden Schulen erarbeitet. Relevante Werke von Autorinnen wurden ausgewählt und kritisch gelesen, insbesondere im Hinblick auf Frauenbilder, Diskriminierungssensibilität, Diversität und Dekolonisierung. Wichtige bildungspolitische Akteur_innen wie das Kultusministerium in Baden-Württemberg erhalten die Liste, mit dem Ziel, mehr Lektüren von Frauen und diskriminierungssensible Inhalte dauerhaft in den Lehrplänen zu verankern. Wir fordern, dass mehr Lektürenschlüssel, Schulmaterial und Handreichungen zu Texten weiblicher Autorinnen erarbeitet und publiziert werden.
Das Projekt wurde von Maria Phạm, Studentin der Uni Freiburg, ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe vereint Expertinnen, die Vielfalt, Inklusion und kritische Perspektiven in die Arbeit einbringen:
Studentin Uni Freiburg, Literaturwissenschaftlerin und Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung– Initiatorin und Projektleitung
Herausgeberin, Redakteurin und Verlegerin des AvivA Verlags
freie Moderatorin für diversitätsorientierte Literatur- und Gesprächsformate
Uni Magdeburg – Interkulturelle Literatur und diversitätsorientierte Deutschdidaktik
Gründerin von Sensitivity Reading
Ruhr-Universität Bochum - Interkulturelle Germanistin und Sprachdidaktikerin
Deutschlehrerin Liebfrauenschule Vechta
Damit sind Frauen, BiPoC-Personen und Expertinnen für diskriminierungssensible Bildung gleichberechtigt vertreten.
Besonderer Dank gilt der Liebfrauenschule Vechta für die Unterstützung.
Unsere Empfehlungs-Liste beinhaltet Lektüren wichtiger und starker Autorinnen, die allein aufgrund ihrer Lebensgeschichten wegweisend für ihre Zeitgenossinnen waren und heute für junge Mädchen immer noch inspirierend sein können. Wir inkludieren Personen marginalisierten Gruppen, die in einem klassischen Literaturkanon bisher kaum Beachtung gefunden haben: Betroffene von Gewalt- und Rassismuserfahrung, queere Perspektiven, trans- und interkulturelle Stimmen, usw.
Dabei begreifen wir die Liste nicht als vollständig und abgeschlossen, sondern vielmehr als Impuls für andere Wissenschaftlerinnen, Lehrkräfte und Interessierte sich weiter mit weiblichen Autorinnen zu beschäftigen und die Liste für sich zu ergänzen.
Ein Text von einer Frau ist nicht automatisch feministisch. Das liegt daran, dass wir alle mit patriarchalen Werten aufgewachsen sind und es schwer ist, aus diesen Strukturen auszubrechen. Ein Ziel dieses Projekts ist es daher, Schüler:innen auf diese unbewusst übernommenen Denkweisen aufmerksam zu machen und sie dafür zu sensibilisieren. Es gibt nicht die perfekte Lektüre, die alle feministischen Anforderungen erfüllt. Es ist viel wichtiger, Texte kritisch mit den Schüler:innen zu lesen und zu besprechen.
Die aktuelle Liste umfasst Empfehlungen für das Gymnasium, kann aber natürlich an allen Schulformen mit didaktischen Anpassungen verwendet werden.
Handreichung zum Werk
Empfehlung ab Klassenstufe 9-10• Themen: Migration, Flucht, Krieg, Identita t, Familie• Briefroman• Epoche: Romantik
Neben den Lektüren, die für den Unterricht empfohlen werden, wurden weitere Texte kritisch diskutiert. Diese werden teilweise nur eingeschränkt empfohlen oder gar nicht empfohlen.
Die Auseinandersetzung mit diesen Texten stellen einen wichtigen Teil des Projekts dar. Die Lektürebesprechungen tragen zur Sensibilisierung und dem kritischen Umgang mit Texten bei.
Textbesprechung
• Eingeschränkte Empfehlung ab Klassenstufe 11• Themen: Suizid, Gewalt, Außenseiter-Sein• Drama• Epoche: Moderne / 20. Jahrhundert
• Eingeschränkte Empfehlung ab Klassenstufe 9-10• Themen: Weibliche Emanzipation• Novelle• Epoche: Bürgerlicher Realismus
• Keine Empfehlung• Sachtext• Epoche: Vormärz