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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / September / Gründungskongress des SDS

03.09.1946-06.09.1946: Gründungskongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes

Vom 3. bis 6. September 1946 versammelte sich in Hamburg die „Zonentagung sozialistischer Studenten“. Neben Vertretern der in der britischen Zone bereits lizenzierten sozialistischen Studentengruppen aus Hamburg und Münster fanden sich insgesamt rund 90 Delegierte aus den beiden übrigen westlichen Besatzungszonen und Berlin ein, um einen Studentenverband, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), aus der Taufe zu heben. Die Vorbereitung des Kongresses geschah zwar in enger Fühlung mit dem SPD-Parteivorstand; so sollten u.a. Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer an der Kundgebung bzw. der Tagung teilnehmen. Gleichwohl verstand sich der neugegründete SDS als unabhängiger, dem „demokratischen und freiheitlichen Sozialismus“ verpflichteter Verband und, wie es Hans-Erich Schult in seiner Eröffnungsrede ausdrückte, als „Vortrupp“ einer klassen- und parteiungebundenen deutschen Jugendbewegung. Insofern führte gerade die Frage, wie eng die – nicht zuletzt satzungsmäßige – Bindung an die SPD sein sollte, zu heftigsten Kontroversen, die die Zusammenkunft fast an den Rand des Scheiterns brachten. Hier spielten vor allem die von einigen Gruppen dezidiert vertretenen zeittypischen antifaschistischen und überparteilichen Einheitsfront-Überlegungen eine Rolle, die den Bogen von linken Christdemokraten über die Sozialdemokraten bis hin zu den Kommunisten schlugen.

Neben einer hart umkämpften Satzung verabschiedete der SDS ein kurzes „ideologisches Programm“, knappe allgemeine „Richtlinien“ und formulierte als „kulturpolitisches Programm“ hochschul- und bildungspolitische Ziele. Im Zentrum standen als Sofortmaßnahmen die Herstellung einheitlicher Examensbedingungen in ganz Deutschland, die Gleichstellung von Frauen im Hochschul- und Studienbetrieb sowie materielle Hilfen für bedürftige Studenten. Langfristig strebte der SDS die Abschaffung jeglicher Studiengebühren und die staatliche Finanzierung von Schulen und Hochschulen an.

Alfred Hooge (l.) und Heinz-Joachim Heydorn 5.9.1946 © dpa Zu den ersten Vorsitzenden wurden der Pädagogikstudent Alfred Hooge und Heinz-Joachim Heydorn, der für Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg eingeschrieben war, gewählt. Ersterer war 1946 bereits 38 Jahre alt und seit 1922 politisch aktiv. Sein Weg hatte ihn von der KPD über die Kommunistische Partei-Opposition (KPO) 1932 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) geführt. 1933 war er wegen illegaler politischer Betätigung inhaftiert worden. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft hatte er bei Umerziehungsmaßnahmen mitgewirkt und christliche Bildungsideale kennengelernt. Heydorn (* 1916) stammte aus einer linksliberalen Hamburger Akademikerfamilie, hatte 1938/39 bis kurz vor Kriegsausbruch in Großbritannien als Deutschlehrer gearbeitet und war im Juni 1944 an der Westfront zu den Amerikanern übergelaufen, die ihn – wie Hooge – im Umerziehungsprogramm für deutsche Kriegsgefangene einsetzten. Zurück in Hamburg, trat er der SPD bei und bewegte sich vornehmlich in Kreisen ehemaliger Mitglieder des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), die sein politisches Denken nachhaltig beeinflussten.

Diese Biographien zentraler Protagonisten, die Abkehr vom „orthodoxen Marxismus“ und „Kollektivismus“ im „ideologischen Programm“ sowie wichtige Passagen der „Richtlinien“ offenbaren, wie weit entfernt der SDS 1946 von seiner späteren Funktion als theoretische Speerspitze der marxistischen „Neuen Linken“ war: „Wir erwarten die Verwirklichung unseres Ideals nur von der Tat überzeugter Sozialisten. Auf diese Tat kommt es an, mag sie aus religiösen, ethischen, oder ökonomischen Motiven entspringen.“ Es mischten sich also Einflüsse des „ethischen Sozialismus“ etwa eines Leonard Nelson mit dem „christlichen Sozialismus“ und nicht zuletzt den aktivistischen Ansätzen des „militanten Sozialismus“, wie er vor 1933/45 von Kurt Schumacher und auch von Carlo Mierendorff, Julius Leber und Theodor Haubach vertreten worden war, die sich im Umfeld des „20. Juli“ bewegt hatten. Welches tatsächliche Gewicht linke Einheitsfrontkonzepte hatten, bleibt weitgehend unklar, wenngleich belegt ist, dass etwa in Köln und Münster bis weit in das Jahr 1947 Kommunisten dem SDS angehörten. Offensichtlich ist jedoch eine überdeutliche Angst des SPD-Parteivorstandes vor einer kommunistischen Unterwanderung des SDS, die zu erheblichen Auseinandersetzungen führte, bei denen auch der niedersächsische SDS-Landesvorsitzende Peter von Oertzen eine gewisse Rolle spielte.
Satzungsänderungen hinsichtlich des passiven Wahlrechts für den Vorstand und der Unvereinbarkeitsbeschluss einer Mitgliedschaft in KPD/SED und SDS im Jahr 1947 führten den Verband politisch, organisatorisch und programmatisch enger an die SPD heran. Insofern kann festgestellt werden, dass der SDS Ende der 40er/ Anfang der 50er Jahre in der Tat zum „parteikonformen Studentenverband“ (Willy Albrecht) der SPD bzw. zu deren hochschulpolitischem Arm wurde. Eine symbolträchtige Personalie mag in dieser Hinsicht sein, dass der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt 1947/48 einer der beiden Vorsitzenden des SDS war.

VIII. Bundesdelegiertenkonferenz des SDS 1953 in HamburgIm Zentrum der Tätigkeit des SDS in dieser Zeit standen das Bemühen um eine allgemeine Hochschulreform sowie der Kampf gegen eine Renaissance der studentischen Korporationen. Gleichwohl begannen sich ab Anfang der 50er Jahre diese hochschulpolitischen Anliegen immer mehr mit allgemeinpolitischen Forderungen zu verknüpfen, die in ihrem Duktus sukzessive nach links rückten. Diesen Zug versuchte der scheidende Bundesvorsitzende Ulrich Lohmar im Oktober 1955 vergeblich aufzuhalten, indem er die Delegierten des Göttinger SDS-Kongresses an ihre hochschulpolitischen Obliegenheiten erinnerte und in Bezug auf Außen-, Ost-, und Wehrpolitik auf die grundsätzliche Zuständigkeit der Partei verwies. Die Debatte um die Wiederbewaffnung und die Atomfrage wurde indes immer mehr zur schweren Belastungsprobe der Verbindung zwischen SPD-Parteivorstand und SDS, dessen Ziele weit über sozialdemokratische Positionen hinausgingen und der massiv auf außerparlamentarische Kampfmittel setzte. Auf dem Feld der Theoriediskussion zeichnete sich daneben eine überdeutliche Renaissance marxistischer Positionen im SDS ab, die 1959 fast zwangsläufig zur Ablehnung des Godesberger Programms der SPD führte. Dieses Auseinanderdriften von SDS und SPD mündete in der Spaltung des SDS, der vom SPD-Parteivorstand mit betriebenen (Gegen-)gründung des Sozialdemokratischen Hochschulbundes SHB) und schließlich im Sommer 1960 im Abbruch der Beziehungen zwischen SDS und Parteivorstand. Einmal mehr spielte dabei für die SPD-Führung die in deren Augen mangelhafte Abgrenzung des SDS gegenüber der DDR, den RGW-Staaten und dem Kommunismus im allgemeinen eine gewichtige Rolle.

Offener Brief des SDS, 1954Offener Brief des SDS, 1954Ab 1960 entwickelte sich der SDS als unabhängiger sozialistischer Studentenverband mit seinen theoretischen Köpfen Rudi Dutschke und Bernd Rabehl – inspiriert u.a. von der kritischen Theorie eines Herbert Marcuse – zum intellektuellen Taktgeber der Studentenrevolte und zum organisatorischen Nukleus der 68-Bewegung – doch das ist eine andere Geschichte.
Der SDS löste sich 21. März 1970 selbst auf.

Weitere Informationen zum SDS finden Sie u.a. hier:

Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hier
Jürgen Briem: Der SDS hier
Tilman Fichter: SDS und SPD hier