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FES / AdsD / Das Historische Stichwort / Oktober / Beginn des Metallarbeiterstreiks in Berlin

15.10.1930: Beginn des Metallarbeiterstreiks in Berlin

Im Herbst 1930 fand der letzte große von den Gewerkschaften geführte Streik vor ihrer Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1933 statt. An dem Berliner Arbeitskampf um die Verteidigung ihrer Löhne beteiligten sich rund 130.000 MetallarbeiterInnen.

Der geplante Lohnabbau war die Antwort der Regierung Brüning auf die Wirtschaftskrise und die Inflation. Das war jedoch gleichzeitig schwer mit ihren Bemühungen zu vereinbaren, in den Massen der Lohn- und Gehaltsempfänger wieder den Glauben an die Republik zu wecken. Reichsarbeitsminister Adam Stegerwald war hier dennoch bereitwillig den Forderungen der Metallindustriellen nach einem Abbau der Löhne um 15 Prozent gefolgt – auch wenn der von ihm eigens eingesetzter Schlichter Carl Völckers diesen Satz später auf acht Prozent herunterkorrigierte. Der eigentlich für den Bezirk Berlin zuständige Schlichter, der frühere sozialdemokratische Arbeitsminister Rolf Wissel, war offenbar aufgrund seiner offenen Feindschaft zum Verband Berliner Metallindustrieller (VBMI) umgangen worden.

Am 10. Oktober 1930 fällte Völckers einen Schiedsspruch, nach dem ab dem 3. November 1930 die Tariflöhne der erwachsenen männlichen Arbeitnehmer in allen Lohnklassen um acht Prozent, die der Arbeiterinnen und Jugendlichen um sechs Prozent gekürzt werden sollte. Für den Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) ebenso wie für die Berliner Metallarbeiter war dieser Schiedsspruch eine Provokation, so dass sie sich in einer Urabstimmung am 12. Oktober 1930 mit großer Mehrheit zum Streik entschlossen. Die Regierung sollte von einer Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches dringend abgehalten werden. Das Risiko für den DMV war hierbei relativ hoch, da die Erklärung der Verbindlichkeit des Schiedsspruches durch die Regierung sehr wahrscheinlich, und der Organisationsgrad der Berliner Metallarbeiter gering war.

Der Antrag der SPD im Reichstag, den Schiedsspruch nicht für verbindlich zu erklären, wurde mit den Stimmen der KPD und der Nationalsozialisten angenommen. Der Vorwärts verschwieg die gemeinsame Front mit den extremistischen Parteien, denn auch die Nationalsozialisten billigten den Streik, der nach ihrer Lesart gegen den Young-Plan gerichtet war. Hitler geriet jedoch bald aufgrund des Vorwurfes einer gemeinsamen Front mit den „Marxisten“ in Erklärungsnot und erinnerte daran, dass am ganzen Elend der „marxistische Volksbetrüger“ (in: Illustrierter Beobachter vom 1.11.1930, S. 765-767) schuld sei. Der Einfluss der Nationalsozialisten auf den Berliner Arbeitskampf war jedoch noch geringer als der der Kommunisten. Sie gehörten zu den ersten, die wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, noch vor dem offiziellen Streikabbruch.

Das Ende des Streiks war jedoch bald abzusehen, da die Unorganisierten, die keine Zuwendungen von einer Gewerkschaft erhielten, in finanzielle Not gerieten und in Zeiten der Wirtschaftskrise um ihren Arbeitsplatz bangten. Nach zwei Wochen Arbeitskampf waren viele Arbeiter streikmüde und eine Urabstimmung zeigte, dass nur 32.847 Metallarbeiter für eine Fortführung waren, während 40.431 dagegen stimmten und 62.165 sich enthielten. Die Vertreter des DMV unter Leitung des 1. Bevollmächtigten Max Urich einigten sich mit der Arbeitgeberseite in einer paritätisch besetzten Zehnerkommission darauf, die Arbeit zu alten Bedingungen wieder aufzunehmen. Eine Schlichtungsstelle mit drei Unparteiischen sollte eine Entscheidung über den Lohnstreit fällen, die im Voraus von beiden Seiten akzeptiert wurde.

Dieses unrühmliche Ende des Streiks zog einen Ansehensverlust für den DMV nach sich, den die KPD in der roten Fahne empört kommentierte: „Das Rezept sieht so aus: Man schicke die Arbeiter zu den ‚alten Bedingungen’ in den Betrieb zurück – und wenn sie nicht mehr als eine bedrohliche und wachsende Gefahr für das Unternehmertum im Streik stehen, dann fälle man den ‚neuen’ Schiedsspruch. Dieser Schiedsspruch ist natürlich längst fix und fertig. Er liegt in den Mappen der Herren vom Verband Berliner Metallindustriellen und der sozialistischen Gewerkschaftsführer. [...] Sein Inhalt ist Lohnabbau.“ (Die rote Fahne, 30.10.1930, S. 2). Urich wurde als Verräter der Arbeiterinteressen gesehen, und der DMV als eine Gruppe von Streikbruchorganisatoren angeklagt. Sie riefen dazu auf, den Streik unter der Führung der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) weiterzuführen.

Am 8. November 1930 wurde der Schiedsspruch, der wie der Völckers einen Lohnabbau von acht Prozent bei den erwachsenen männlichen Arbeitnehmern vorsah, nun mit etwas Zeitverzögerung doch noch gefällt.