Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
FES / AdsD / Das Historische Stichwort / März / Alwin Gerisch geboren

14.03.1857: Alwin Gerisch geboren

Alwin Gerisch

In der SPD zeitweise mit August Bebel auf derselben Ebene stehend, ist Karl Alwin Gerisch heute in Vergessenheit geraten. In der klassischen sozialdemokratischen deutschen Arbeiterbewegung hat er vermutlich mehr Eindruck als Verfasser von Romanen aus dem proletarischen Milieu hinterlassen denn als Mitvorsitzender oder Kassierer der Partei.

Geboren in Rautenkranz im Vogtland (Gemeinde Morgenröthe-Rautenkranz) wurde Gerischs Kindheit und Jugend von der beinahe rechtlosen Situation am Rande des Existenzminimums geprägt, in der in den 60er Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts in den Winkeln des Erzgebirges ein Waldarbeiter und seine Familie zu leben hatten. Dementsprechend schrieb Gerisch im Vorwort zu seinen 1918 erschienen Erinnerungen: „Aber jene Zeit war beileibe kein Paradies für die Arbeiter, sondern eine Hölle. Die Unternehmer sahen mit brutaler Gleichgültigkeit zu, wie ihre Arbeiter in menschenunwürdigsten Zuständen verkamen; die Behörden rührten keinen Finger zur Beseitigung himmelschreiender Missstände, und die Kirche, und ihre Magd und gehorsame Dienerin, die Schule, boten alles auf, um diese Zustände als gottgewollt hinzustellen[...]“. Im Vergleich zu seinem Vater bedeutete es für Gerisch einen wichtigen Schritt des sozialen Aufstiegs, dass er nach der Volksschule 1871 bis 1874 eine Maschinenbauerlehre absolvieren konnte. Er ging dann, wie damals noch vielfach üblich, auf Wanderschaft. Etwa 1874 schloss er sich aufgrund seiner Erfahrungen der Sozialdemokratie an.

Die Wanderschaft endete in Berlin, wo Gerisch 1885 erst Vorstandsmitglied, dann Rendant und angestellter Arbeitsvermittler des „Verbandes aller in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter Berlins und Umgebung“ wurde, der örtlichen Metallarbeitergewerkschaft. Offensichtlich erreichte er bald ein solches Ansehen, dass er auf dem ersten Parteitag, den die SPD nach dem Ende des Sozialistengesetzes vom 12. bis 18. Oktober 1890 in Halle/Saale abhielt, zusammen mit Paul Singer zum Parteivorsitzenden gewählt wurde. August Bebel wurde Kassierer. Nach einer Wiederwahl 1891 tauschten dann auf dem Parteitag in Berlin im November 1892 Gerisch und Bebel die Ämter, indem Bebel neben Singer Parteivorsitzender und Gerisch seinerseits Kassierer wurde. Diese hauptamtliche Funktion behielt Gerisch - im Sinne der Parteifinanzen erfolgreich - bei bis 1912, als er den Posten eines hauptamtlichen Sekretärs im zentralen Parteivorstand übernahm. 1894-1898 und 1903-1907 vertrat Gerisch seinen heimatlichen Wahlkreis Plauen/Vogtland im Reichstag und war 1906-1918 Mitglied der Gemeindevertretung der damaligen Landgemeinde Treptow am Rande Berlins. Bei der sich ab 1914 anbahnenden Spaltung der Partei über die Frage der Kriegskredite hielt es Gerisch mit der Mehrheit. Ein Sieg Russlands, „des Hortes aller Reaktion“, hätte, so schrieb er im Juli 1916, die verhängnisvollsten Folgen für Deutschland und seine Arbeiterklasse haben müssen. Gegen einen Krieg jedoch, der offensichtlich auf Eroberungen und Vergewaltigung anderer Nationen abziele, müsse jede sozialistische Partei Front machen. 1917 musste Gerisch wegen fortschreitend schwerer Krankheit aus den Diensten des Parteivorstands ausscheiden.

Gerischs literarische Laufbahn unter dem Pseudonym „A. Ger“ begann 1899, als er in der „Neuen Welt“, der Beilage „für Wissenschaft, Belehrung und Unterhaltung“ für Parteizeitungen, politische Erzählungen und Romane zu veröffentlichen begann, die das Elend und die Rückständigkeit sowie die Anfänge der Arbeiterbewegung im Erzgebirge zum Thema hatten: „Im Eisenhammer“ (1899), „Maria und Joseph“(1906), „Die Husterhütte“ (1908), „Erweckt“ (1910), „Der Gotteslästerer“ (1912), „Um eine Urkunde“ (1915), „Sein Eiland“ (1916) und „Laichschonrevier Nr. 8“ (1917): Als letztes größeres Werk erschienen 1918 die Erinnerungen „Erzgebirgisches Volk“. Einige Titel wurden nach Ende des Abdrucks in der Zeitschrift auch als Bücher herausgegeben. Die Werke fanden in ihrer Zeit begeisterte Leser, die darin ihre eigenen Lebenserfahrungen wiedererkannten.

Alwin Gerisch starb am 8. August 1922 in Berlin und wurde dort auf dem Friedhof Baumschulenweg beigesetzt. Am 9. November 1926 wurde die Straße 83 im heutigen Berliner Bezirk Treptow-Köpenick zu seinen Ehren in Alwin-Gerisch-Straße umbenannt, aber bereits 1934 durch die Nationalsozialisten in den Heidekampweg eingegliedert. In seinem Geburtsort Rautenkranz gibt es eine Alwin-Gerisch-Straße.

Alwin Gerisch gehörte zu denen, die das leisteten, was er 1918 die „unermessliche Kulturarbeit“ der Sozialdemokratie nannte: „Sie hat die Arbeitermassen aufgerüttelt, ihnen den Sklavensinn ausgetrieben, und dafür Mut, Selbstvertrauen und Gefühl für Menschenwürde in die Köpfe gehämmert; sie hat den Arbeitern das ihnen vorbehaltene und zu ihrer Befreiung unentbehrliche politische und nationalökonomische Wissen vermittelt; sie hat neben dieser theoretischen Schulung der Massen unermüdlich an der Schaffung einer Sozialgesetzgebung gearbeitet und in zahllosen Kämpfen das Los der Arbeiter gebessert.“