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05.02.1905: Friedrich Wilhelm Fritzsche gestorben

Friedrich Wilhelm Fritzsche

Als am 5. Februar 1905 in Philadelphia/USA der deutsche Einwanderer Friedrich Wilhelm Fritzsche starb, war seine Rolle als Politiker und Gewerkschafter in der Formung der deutschen Arbeiterbewegung in seiner Heimat weitgehend in Vergessenheit geraten. Am 27. März 1825 in Leipzig unehelich geboren, konnte Fritzsche - auch bedingt durch eine hartnäckige Augenkrankheit - nur kurz die Armenschule besuchen und musste schon mit neun Jahren in der Zigarrenfabrik arbeiten. Später ging er auf Wanderschaft in die Schweiz, nach Frankreich und Italien. Über Anhänger von Wilhelm Weitling wurde er von dessen utopisch-sozialistischen Ideen beeinflusst. In Biel in der Schweiz arbeitete Fritzsche zeitweise in der kleinen Zigarrenfabrik des Revolutionärs Johann Philipp Becker. In den Revolutionsjahren 1848/1849 kämpfte Fritzsche für ein einiges, demokratisches und soziales Deutschland: Als Freischärler beteiligte er sich an der Erhebung Schleswig-Holsteins gegen die dänische Herrschaft, schloss sich der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung an und stand im Mai 1849 auf den Barrikaden in Dresden gegen die preußischen Interventionstruppen. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde er aufgrund eines Gnadenerweises entlassen. Seinen Lebensunterhalt sicherte er in den kommenden Jahren als Zigarrenarbeiter, er heiratete und bekam zwei Söhne.

Als Mitglied des 1861 unter liberalem Einfluss gegründeten Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig gehörte er zu denen, die auf eine eigenständige Vertretung der Arbeiterschaft hinarbeiteten und im Sommer 1862 die Trennung von der liberalen Bewegung durch die Gründung des Arbeiterbildungsvereins "Vorwärts" vollzogen. Um diesen Verein bildete sich das "Central-Comitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Congresses". Fritzsche, Julius Vahlteich und Otto Dammer unterzeichneten das Schreiben vom 4. Dezember 1862 an Ferdinand Lassalle, mit dem sie diesen aufforderten, die Führung der Arbeiterschaft zu übernehmen. Dieser Brief führte schließlich zur Bildung des "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" (ADAV) in Leipzig am 23. Mai 1863, der zur Durchsetzung der Interessen der Arbeiter die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts anstrebte. Fritzsche gehörte dem zentralen Vereinsvorstand an und wurde 1865 Bevollmächtigter des ADAV für Leipzig.

Neben der "Parteiarbeit" engagierte sich Fritzsche für die gewerkschaftliche Organisation der Zigarrenarbeiter. Schon im September 1848 hatten sich in Berlin Zigarrenarbeiter-Vereine aus ganz Deutschland zur Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands zusammengeschlossen. In der Reaktionszeit war diese Organisation zerfallen. Seit 1858 bemühte sich Fritzsche zusammen mit anderen, wieder eine Zentralorganisation der Zigarrenarbeiter zu schaffen. Ende 1865 hatte er damit Erfolg, als in Leipzig der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein gegründet wurde. Fritzsche wurde Präsident dieser ersten zentralen deutschen Gewerkschaftsorganisation, die bis 1868 auf 10.000 Mitglieder kam. 1866-1878 war Fritzsche zugleich Verleger des Verbandsorgans "Der Botschafter". Durch heftige Auseinandersetzungen vor allem über die Frage, ob der Partei ein Primat über die Gewerkschaft zukam, oder ob diese, wie Fritzsche es sah, unabhängig ihren Organisationsinteressen entsprechend agieren durfte, kam es zwischen dem ADAV und Fritzsche zeitweise zu einer Entfremdung, und die Gewerkschaft der Zigarrenarbeiter spaltete sich. Erst 1874 konnte die Wiedervereinigung aller gewerkschaftlich organisierten Zigarrenarbeiter im Allgemeinen Cigarren- und Tabakarbeiterverein erreicht werden, und es kam zur Wiederannäherung Fritzsches an den ADAV. Zugleich hatte dieser aber auch Kontakte zur 1869 in Eisenach unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei unterhalten. Folgerichtig gehörte Fritzsche zu denen, die energisch die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien betrieben, die 1875 in Gotha mit der Konstituierung der "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" zustande kam.

Neben dem Engagement für Gewerkschaft und Partei übernahm Fritzsche auf Drängen von Genossen auch noch ein parlamentarisches Mandat. Vom Juli 1868 bis März 1871 war er als gemeinsamer Kandidat von ADAV und SDAP Mitglied im Reichstag des Norddeutschen Bundes als Vertreter des Wahlkreises Düsseldorf I (Lennep-Mettmann). Seine Jungfernrede hielt er im März 1869 zur Gewerbeordnung. Ein zweites Mal wurde Fritzsche 1877 in den Reichstag gewählt.

Nach Erlass des Sozialistengesetzes 1878 wurde auch Fritzsche unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen. Die Tabakarbeitergewerkschaft wurde verboten, Fritzsche selbst im November 1879 aus Berlin ausgewiesen. Um für die jetzt illegale sozialdemokratische Organisation Geld zu sammeln, wurde Fritzsche zusammen mit Louis Viereck im Januar 1881 in die USA geschickt. Mit 30.000 Mark kamen sie im Mai von ihrer erfolgreichen Agitationstour zurück. Doch schon im Juni desselben Jahres fuhr Fritzsche im Einverständnis mit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion wieder in die USA, diesmal mit der gesamten Familie und für immer. In Deutschland sah er keine Zukunft mehr. Mit der Auswanderung entging er der Verfolgung wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung, Tatbeständen, die die Behörden aus der erzwungenen Auflösung der Tabakarbeitergewerkschaft und ihrer Guthaben konstruiert hatten. Dabei zog Fritzsche gleichzeitig alle Schuld auf sich und befreite die Mitglieder des alten Verwaltungsrats der Tabakarbeitergewerkschaft von jeder juristischen Verfolgung.

In den USA ließ sich Fritzsche in Philadelphia nieder, das trotz Zwischenspielen anderswo sein neues Lebenszentrum wurde. Mit den alten Genossen in Deutschland blieb er zunächst in Verbindung. Anfangs machte er eine kleine Bierwirtschaft auf, und er wurde zum Organisator der "Vereinigten Deutschen Gewerkschaften Philadelphia". Diese konnte er 1887 zur Einrichtung eines Bildungsheimes bewegen. Mitte der 1880er Jahre war Fritzsche Vorsitzender der vereinigten vier (sprachlichen) Sektionen der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerikas. Zur Finanzierung seines Lebensabends setzten ihm die deutschen Gewerkschaften später eine monatliche Rente von 20 Dollar aus, für die er die Bibliothek zu verwalten und andere organisatorische Arbeiten zu erledigen hatte.

Nach Fritzsches Tod nannte Franz Mehring ihn in seiner Würdigung den "ersten praktischen Bahnbrecher" für die gewerkschaftliche Organisation innerhalb der deutschen Sozialdemokratie.