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Flucht vor Hitler oder Widerstand

Spontaner Redebeitrag von Kurt Schumacher im Reichstag (1932)

[...] Die Tumulte im Reichstag hatte am 23. Februar 1932 Goebbels mit einer provozierenden Rede ausgelöst, in der er erklärte, Hindenburg habe „die Sache seiner ehemaligen Wähler im Stich gelassen“ und „sich eindeutig auf die Seite der Sozialdemokratie gestellt“. Dann fuhr Goebbels fort: „Es gibt unter uns Nationalsozialisten ein Wort, das bisher immer noch seine Richtigkeit erwies: Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, wer du bist!“ Hindenburg werde „gelobt von der Berliner Asphaltpresse, gelobt von der Partei der Deserteure“. Damit war die SPD gemeint, für die am gleichen Tag Kurt Schumacher das Wort ergriff, der als schwer versehrter Kriegsfreiwilliger von 1914 sich besonders angesprochen fühlte. Er antwortete auf Goebbels und auf dessen Parteifreund Strasser, der im Anschluß an Goebbels im Reichstag geredet und dessen Vorwurf, die SPD sei die Partei der Deserteure, erneut erhoben hatte. In der Empörung der Sozialdemokraten glaubte er „die letzten Zuckungen eines unsittlichen Systems“ zu erkennen. Diesen Attacken von Goebbels und Strasser trat Schumacher in seiner Rede entgegen.

Dr. Schumacher (SPD), Abgeordneter: Meine Damen und Herren! Es hat keinen Zweck, gegen die Ungeheuerlichkeiten, die aus dem Munde der Herren Goebbels und Strasser kamen, mit einem formalen Protest anzugehen. Diese Dinge sind ja nur Teile eines ganzen Systems der Agitatoren. Wir wenden uns dagegen, auf diesem Niveau moralischer und intellektueller Verlumpung und Verlassung zu kämpfen.

(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten. – Glocke des Präsidenten.)

Präsident Löbe: Herr Abgeordneter Dr. Schumacher, ich rufe Sie zur Ordnung!

Dr. Schumacher (SPD), Abgeordneter: Das deutsche Volk wird Jahrzehnte brauchen, um wieder moralisch und intellektuell von den Wunden zu gesunden, die ihm diese Art Agitation geschlagen hat.

(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)

Als Vertreter der marxistischen Arbeiterbewegung betone ich mit Stolz, daß System und Politik des Marxismus derartige persönliche Schmutzigkeiten immer ausgeschlossen haben.

(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)

Eine Auseinandersetzung ist schon darum nicht möglich, weil wir in dem Nationalsozialisten nicht das gleiche Niveau achten können. Wir sehen keinen Gegner, mit dem wir die Klinge kreuzen könnten. Außerdem lehnen wir es gerade bei dieser Frage grundsätzlich ab, die sozialdemokratische, durch Opfer an Gut und Blut erhärtete Politik in nationalen Fragen vor solcher Art Kritikern zu rechtfertigen. Den Herren fehlen die politischen Kenntnisse, denn die meisten von ihnen beschäftigen sich erst zwei oder drei Jahre mit Politik, so daß ihnen das alles fern liegen muß.

(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)

Die Herren bringen auch keinerlei Voraussetzungen mit, um ein kritisches Urteil über uns abgeben zu können.

(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)

Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.

(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten. – Große Erregung bei den Nationalsozialisten. – Glocke des Präsidenten.)

Präsident Löbe: Herr Abgeordneter Dr. Schumacher, ich bitte Sie, solche Wendungen nicht zu gebrauchen. Im übrigen bitte ich Sie, mit diesen Dingen zum Schluß zu kommen.

Dr. Schumacher (SPD), Abgeordneter: Wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm zum erstenmal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist. Ich kann Ihnen ein kleines persönliches Beispiel dafür geben. Ich bin im Dezember 1914 verwundet worden. Von der Führung der württembergischen Nationalsozialisten ist systematisch die Nachricht verbreitet worden, ich hätte mich selbst verstümmelt.

(Lebhafte Rufe bei den Sozialdemokraten: Pfui!)

Drei dieser Leute sind bereits gerichtlich verurteilt. Zwei davon sind nationalsozialistische SA-Leute, einer ist Sturmführer. Aber diese Untermenschen sind heute noch Kameraden von diesen Leuten (zu den Nationalsozialisten). Ich meine, die Selbstverstümmelung überlassen wir den Nationalsozialisten à la Buttler,

(lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten)

und die aktive Freundschaft mit den Gegnern deutscher Außenpolitik überlassen wir den Nationalsozialisten à la Feldmann-Hessen, der vom Reichsgericht zu fünf Jahren wegen Spionage im Dienste Frankreichs verurteilt ist.

(Hört! Hört! bei den Sozialdemokraten. – Große Unruhe rechts.)

Man kann ja den Herren Nationalsozialisten diese politische Methode nicht verübeln. Diese Methode ist ja erwachsen aus dem völligen Fehlen jeder geistigen und wissenschaftlichen Fundierung der Bewegung.

(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)

Beispielsweise ist das einzige Stück Sozialismus in dem nationalsozialistischen Programm darin zu sehen, daß sie fremdes geistiges Eigentum entschädigungslos expropriiert haben.

(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)

Herr Dr. Goebbels hat sich hier als ein großer Leitartikel gebärdet, und er ist doch nur ein mißratenes kleines Feuilleton.

(Sehr gut! und große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.)

Wir wollen mit dem Herrn Dr. Goebbels über Fragen des Krieges nicht streiten. Der Herr Dr. Goebbels bringt dafür so viel mit wie etwas der Herr Frick zu einer Unterhaltung über seine Kriegserlebnisse.

(Sehr gut!)

Und Herr Kaufmann kann uns einiges davon erzählen, wie man Orden und Ehrenzeichen bekommt.

(Erneutes lebhaftes: Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)

Diese Partei dort drüben steht ja überhaupt zum größten Teil unter der Führung von Leuten, die sich im Krieg um ihre Militärpflicht gedrückt haben.

(Sehr wahr!)

Diese Leute wollen zu deutschen Frontsoldaten reden, diese Leute sagen bombastisch: „Wir deutschen Frontsoldaten“, aber diese Leute waren, wie Herr Karpenstein, zu Beginn des Krieges 11 Jahre alt. Nicht anders war es bei Herren wie Dr. Frank und ähnlichen Geistern.

Ich stelle hiermit fest: Von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion haben im Krieg 73 Prozent aktiv gedient. Von den Herren Nationalsozialisten haben 77 den Krieg mitgemacht, davon aber beinahe die Hälfte als Offiziere, ein anderer Teil wurde erst 1918 eingezogen und ist nicht mehr ins Feld gekommen.

(Hört! Hört!)

Abschließend sage ich den Herren Nationalsozialisten: Sie können tun und lassen was sie wollen; an den Grad unserer Verachtung werden sie niemals heranreichen.