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Flucht vor Hitler oder Widerstand

TEIL 2: 1933 bis 1945

Es gab auch das "andere Deutschland"

In seinem kritischen Rückblick "Geschichte eines Deutschen" diagnostiziert der Publizist und Zeitzeuge Sebastian Haffner für das Schicksalsjahr 1933 einen "feigen Verrat aller Partei- und Organisationsführer" der Linksparteien und zwar "durchgehend, allgemein und ausnahmslos".

Ist dieses negative Kolossalgemälde der totalen Kapitulation der deutschen Arbeiterbewegung wirklich zutreffend? Nein, denn mehrere historische Fakten sprechen dagegen.

So zeigten die Ergebnisse der schon nicht mehr freien letzten Reichstagswahl im März 1933 - längst hatten Straßenterror, Verbote, Verhaftungen und Einschüchterungen die Bewegungskraft der Arbeiterorganisationen erheblich eingeschränkt - ein sehr differenziertes Abstimmungsverhalten in Deutschland. Auch wenn es zutrifft, dass die NSDAP als Massenpartei nicht wenige Stimmen aus Arbeiterkreisen erhielt, so bleibt es eine bemerkenswerte Tatsache, dass die NS-Hochburgen weder in den traditionellen Arbeiterquartieren lagen, noch in denen stark katholisch geprägter Regionen. Der Reichsdurchschnitt für die NSDAP betrug 43,9%. Die niedrigste Zustimmung fand die NS-Bewegung im Wahlkreis Köln-Aachen mit 30,1%, die zweitniedrigste im Wahlkreis Berlin (d.h. Innenstadt) mit 31,3%. Dem standen die großen Hochburgen Hitlers und seiner braunen Kolonnen gegenüber: Die protestantisch und ländlich geprägten Gebiete Ostpreußen (mit 56,5%) und Pommern (mit 56,3%). Wahlanalytiker bezeichnen den ganz überwiegend nationalkonservativ und monarchistisch geprägten deutschen Protestantismus (damaliger Provenienz) deshalb als "Haupteinbruchstelle" des Nationalsozialismus in die deutsche Wählerschaft.

Während sehr große Teile des deutschen Bürgertums, des Adels und der Mittelschichten - darunter zahlreiche durch Inflation und Weltwirtschaftskrise verarmte Sparer - den Volksgemeinschaftsparolen begeistert folgten und auch der Errichtung eines diktatorischen Staates sowie der Aufrüstung und dem Versprechen "nationalen Aufstiegs" zusprachen, zeigte sich die vormals politisch und gewerkschaftlich geschulte und organisierte (wenn auch zersplitterte) klassenbewusste Arbeiterschaft demgegenüber eher reserviert bis resistent.

Und deshalb traf der Terror der NS-(Gegen-)Revolution gerade diese Schicht in einem bis dahin nicht bekannten Ausmaß an Brutalität und zwar in der schnellen Abfolge weniger Monate (März bis Juni). "Unsere Revolution hat eine unheimliche Dynamik", notierte Goebbels leider zutreffend in seinem Tagebuch unter dem Datum des 28. Juni 1933.

Für die Anhänger der Arbeiterbewegung roch das Jahr 1933 eben nicht verführerisch nach "Volksgemeinschaft" und "nationalem Aufbruch", sondern nach Entrechtung und Terror:

* Zehntausende wurden ins Exil getrieben und versuchten dort - unter schwierigen sozialen und sprachlichen Verhältnissen - dem unterdrückten "anderen Deutschland" ein Gesicht und eine Stimme zu geben, so auch durch die in die Heimat eingeschmuggelten Zeitungen und Flugzettel als Mittel der Gegen-Propaganda bzw. Aufklärung.

* Zehntausende Familien wurden sozial deklassiert, viele in die Armut gestürzt, da das NS-Regime unter dem Schein-Vorwand der angeblichen "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" republikanische und sozialdemokratische Beamte, Angestellte sowie Arbeiter aus dem Staatsdienst warf und darüber hinaus die Selbsthilfeorganisationen der Arbeiterschaft zerschlug.

* Wieder Zehntausende verschwanden in Folterhöllen und "Schutzhaft"-Lagern der SA und SS und wurden dort bestialisch gequält. Hunderte verloren bereits 1933 Gesundheit und Leben, darunter sozialdemokratische Anhänger der früheren Republikschutztruppe "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Bereits die Verweigerung des Hitler-Grußes gegenüber vorbeiziehenden SA-Gruppen konnte 1933 dazu führen, dass Menschen auf offener Straße niedergeschlagen und lebensgefährlich verletzt wurden. Die Angst davor schüchterte die Massen ein.

Vielfältiges sozialdemokratisches Widerstandsspektrum

Doch trotz dieses Schreckensszenarios und trotz nicht geringer Enttäuschung über illusionäre Vorstellungen von führenden Gewerkschaftsvertretern (ADGB) und Resten der Parteiführung (Löbe-Vorstand), die hofften, durch politische Zurückhaltung und gewisse Zugeständnisse dem Verbot entgehen zu können, bildeten sich bereits im Sommer 1933 regionale und lokale illegale Gruppen gesinnungstreuer Anhänger der unterdrückten Gewerkschaften (Verbot 2. Mai) und Sozialdemokratie (Verbot 22. Juni). Mit Parolen und Flugschriften - darunter dem aus Prag (Sitz des Exil-Vorstandes) eingeschmuggelten kleinen "Vorwärts" - rief man die alte Anhängerschaft dazu auf, sich vom NS-Propagandarummel nicht verblenden und vom Terror nicht einschüchtern zu lassen, sondern den universellen Ideen der Freiheits- und Menschenrechte weiterhin die Treue zu halten.

Kuriere von ADGB und SPD versuchten darüber hinaus, die reichsweit existierenden, aber oft isoliert agierenden Untergrundgruppen miteinander vorsichtig zu verknüpfen und damit ein informelles System zu schaffen. Nachrichten aus Wohngebieten und Betrieben, von Behörden sowie Haftanstalten wurden heimlich zusammengetragen, zum Prager Exil-Vorstand über dessen Grenzsekretariate und Verbindungsleute (Dokument im Anhang: Nau-Prozess) weitergeschleust und erschienen schließlich dort gedruckt als "Deutschland-Berichte", die dem Ausland ein möglichst ungeschminktes Bild von Deutschland geben wollten.

Anders als bei der illegalen KPD, die entsprechend ihrem Charakter als bolschewistischer Kaderpartei, ihre Mitglieder nicht nur organisatorisch, sondern auch ideologisch "anleitete" und steuerte (was aber im Laufe der Jahre immer weniger gelang), bot die - noch in Resten bestehende - sozialdemokratische "Szene" früh ein eher differenziertes Bild:

* Jüngere und eher radikal eingestellte Mitglieder, so sie nicht bereits Anschluss an kleine linkssozialistische Untergrundkreise wie "Neu Beginnen", "Internationaler Sozialistischer Kampfbund" oder "Sozialistische Arbeiterpartei" gefunden hatten, grenzten sich - wie z. B. der "Rote Stoßtrupp" oder die Gruppe "Proletarischer Pressedienst" - vom Exil-Vorstand und seinen Anhängern ab und erstrebten mit den Forderungen nach "Arbeitereinheit" und "Proletarischer Revolution" eine neue Sammlung der revolutionären Arbeiterkräfte - jenseits der für historisch überholt erachteten "alten" Parteien SPD und KPD. (Es darf trotzdem nicht übersehen werden, dass sich linkssozialistische Jugendfunktionäre wie Willy Brandt und Fritz Erler, aber auch Theoretiker wie Willi Eichler, Fritz Sternberg und Richard Löwenthal dann nach dem Krieg der SPD anschlossen.)

* Wieder andere Parteianhänger, ganz überwiegend aus den Reihen der früheren Republikschutztruppe "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" (unter ihrem stellvertretenden Bundesvorsitzenden Theodor Haubach, der in Hamburg und Berlin viele Anhänger hatte) lehnten Verbindungen zu den Kommunisten dagegen strikt ab. Und dies nicht nur, weil sie deren leichtfertig propagierten "Massenwiderstand" mit illusionären Streikparolen noch im Jahr 1934 (!) als unverantwortlich ansahen, sondern auch, weil sie im stalinistischen Kommunismus inhaltlich keine positive nationale Alternative zur NS-Gewaltherrschaft sahen. Zudem verfolgten die Kommunisten selbst noch im frühen deutschen Untergrundkampf bis zur Kehrtwendung der "Volksfrontstrategie" (1935) das Ziel, zwar um die sozialdemokratische Basis zu werben, die Parteiführung und den sie unmittelbar tragenden Funktionärsapparat aber als "Sozialfaschisten" zu bekämpfen. Sogar noch im KZ Oranienburg machten 1933 erst KPD-nahe Häftlinge die sie bewachenden NS-Schergen auf die Anwesenheit des "SPD-Bonzen" Franz Künstler, seines Zeichens Berliner Parteivorsitzender bis zum SPD-Verbot, aufmerksam.
Allerdings legten sich derartige Vorkommnisse im Laufe des Jahres 1934, bis im Zeichen des "Hitler-Stalin-Paktes" (1939-1941) erneut eine neue Phase der Vereisung eintrat, da die Sozialdemokraten nun als "Büttel" des neuen "Hauptfeindes", die "kapitalistischen Mächte" England und Frankreich, eingestuft wurden.

* Neben diesen (grob skizzierten) sozialdemokratischen Richtungen/Tendenzen existierten noch die am Prager Exilvorstand ausgerichteten Verteilerkreise sozialdemokratischer Untergrundschriften, die von früheren Parteiangestellten verbreitet wurden. Sie und vertraute Bezirkssekretäre vor Ort knüpften 1933 reichsweit ein - nur in den früheren Hochburgen wie etwa Berlin oder Sachsen personell wirklich "verankertes" - Informations- und Kontaktnetz.
Bereits seit Herbst des Jahres der NS-"Machtergreifung" gingen diese und viele andere Verteilerkreise hoch. Funktionäre wurden geschlagen und seelisch gequält, um an Namen von Mitverschwörern zu kommen. In zahlreichen Landgerichtsprozessen verurteilte die NS-Justiz sie zu Gefängnis- oder Zuchthausstrafen. Viele Wehrlose waren durch bestialische "Verhörmethoden" für ihr Leben gesundheitlich gezeichnet und traumatisiert. Viele haben "danach" weitere illegale Arbeit abgelehnt. Vor allem in den alten Zentren der sozialdemokratischen Bewegung kam es zwischen 1933 und 1936 wiederholt zu Massenprozessen gegen Untergrundgruppen, so gegen Hamburger Reichsbannerkreise und Funktionäre der Arbeiterjugend (SAJ).

Besonders spektakulär war der sogenannte Brotfahrerprozess im Ruhrgebiet:
Unter dem Deckmantel der Warenlieferung für die Brotfabrik Germania (des Sozialdemokraten August Kordahs) in Duisburg-Hamborn verteilte eine illegale Organisation um den früheren SPD-Parteisekretär in Moers Hermann Runge Untergrundmaterial, das zum Sturz der NS-Diktatur aufrief. Die Aktiven, die sich aus früheren Anhängern der SAJ und des Reichsbanners rekrutierten, fanden auch Unterstützung durch den SPD-Grenzsekretär Gustav Ferl, der bei der Beschaffung und Verbreitung der illegalen Schriften half. Infolge eines Zugriffs der Gestapo gerieten ab Frühjahr 1935 über 200 Mitarbeiter der Brotfabrik in Haft. Achtzehn von ihnen verurteilte der Volksgerichtshof zu hohen Haftstrafen, vier Wehrlose waren bereits zuvor in der Untersuchungshaft ermordet worden.

Wie in Berlin und Hamburg, kam es auch in Sachsen wiederholt zu größeren Verhaftungsaktionen und zahlreichen Prozessen: Bereits zwischen Oktober und Mitte November 1933 wurden über 300 Sozialdemokraten inhaftiert, darunter die komplette Leitung der Dresdner SPD und die Mitarbeiter des Verteilerapparates; schwere Misshandlungen folgten - so wurden Opfern bei "Verhören" Augen ausgestochen!
Im März 1934 verhandelte die NS-Justiz gegen Georg Krause und 40 sowie gegen Hans Baum und 51 Genossen. Zu Recht sprach die Exil-Presse damals von "Freiheitskämpfern", denn es handelte sich um Demokraten, die gegen die Diktatur gearbeitet hatten.

Nicht weniger beeindruckend ist das Wirken der "Sozialistischen Front" in Hannover unter Werner Blumenberg, einem ehemaligen sozialdemokratischen Redakteur. Dessen Gruppe, die überwiegend aus früheren SPD-Mitgliedern bestand, gehörten in den Arbeiterwohngebieten mehrere Hundert Menschen an. Aufgrund dieser guten Verankerung erschien bis Herbst 1936 eine Vielzahl von Ausgaben der Untergrundschrift "Sozialistische Blätter". Der Einsatz eines Gestapo-Spitzels führte schließlich zur Aufdeckung der illegalen Gruppe, 250 Menschen wurden verhaftet und über 200 verurteilt, über 600 sollen unentdeckt geblieben sein.

Selbst im fernen Ostpreußen, wo die illegalen Verbindungen in Königsberg zusammenliefen und über den Freihafen von Danzig Untergrundmaterial eingeschmuggelt und Bedrohte außer Landes gebracht werden konnten, bestand ein von Sozialdemokraten, Reichsbannermännern und Gewerkschaftern gut verknüpftes - sogar Berlin und Sachsen vergleichbares - Verbindungsnetz.
Es trat zwar nicht durch spektakuläre Aktionen hervor, hielt aber vielen Belastungen und Verhaftungen stand. Der kämpferische Metallarbeiterfunktionär Anastasius Grunwald (1890-1958), der wiederholt schwer im KZ litt, besaß gute Kontakte nach Berlin zu Urich und Leuschner, 1943/44 sogar zu Julius Leber, dessen Vertrauter Wilhelm Meißner wiederum, bis zu seiner Vertreibung (1933) Königsberger Stadtrat für die SPD gewesen war.

Zwischen Widerstand und Anpassung

Die große Mehrheit der gesinnungstreuen SPD-Anhänger - von etwa einem Zehntel des früheren Mitgliederstammes - nahm zwar gelegentlich ein Flugblatt entgegen, hielt aber ansonsten Distanz zur aktiven illegalen Arbeit im politischen Untergrund. Man bevorzugte jene weniger gefährlichen Methoden informeller Zusammenkünfte, die sich einst Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit des "Sozialistengesetzes" unter der Kanzlerschaft Bismarcks bewährt hatten: Gesangsvereine, Sportgruppen, Familien- und Freundeskreise von politisch Gleichgesinnten. Formen von Zusammenkünften also, die selbst von totalitären Staaten nicht so ohne weiteres unterbunden werden konnten, obwohl sie - in deren Sicht - nachhaltige politische Gefahren in sich bargen (Dokument im Anhang: Gestapo-Analyse von 1938).

Diese vorpolitischen "Inseln" des Rückzugs boten vielfältige Möglichkeiten des sich Informierens, des Austauschens von Warnungen und der solidarischen Hilfe. Wie effektiv die persönliche Vernetzung dieser "Zellen" - ohne die uns vertrauten modernen Kommunikationsmittel (Telefon, SMS u.ä.) - funktionierte, zeigte sich vor allem dann, wenn Trauerfeierlichkeiten für verfolgte Genossen zu einem "stummen Protest" Hunderter, ja Tausender gerieten. So kamen nach Beobachtungen der linkssozialistischen Widerstandsgruppe Neu Beginnen im Mai 1936 bei der Beisetzung der früheren SPD-Reichstagsabgeordneten Clara Bohm-Schuch bis zu 10.000 Menschen - andere Schätzungen gehen von 4.000 bis 6.000 Teilnehmern aus - im Berliner Krematorium Baumschulenweg zusammen. Aber nicht nur die "Reichshauptstadt", in der einst immerhin 100.000 SPD-Anhänger organisiert waren, wurde Stätte derartiger Ansammlungen von NS-Gegnern, die ausländische Kommentatoren als "antifaschistische Massenkundgebungen" einstuften. Gestapo-Unterlagen zufolge fanden ähnlich geartete "stille" oder auch "indirekte Demonstrationen" auch in anderen Städten statt:

* Als der in der Haft ermordete Rechtsanwalt und SAP-Funktionär Ernst Eckstein in Breslau zu Grabe getragen wurde, fanden sich dazu über 5.000 Anhänger der verschiedenen Arbeitergruppierungen und Parteien ein.

* Bei der Beerdigung des früheren Bergarbeiterführers Husemann in Altenbochum beteiligten sich etwa 1.000 Personen und

* bei der Einäscherung des ehemaligen sächsischen Innenministers Liebmann in Leipzig ungefähr 1.200 Personen (darunter der ehemalige Ministerpräsident Erich Zeigner).

Zum informellen Verbindungsnetz unter früheren SPD- und ADGB-Anhängern trugen vielerorts auch jene alten Funktionäre bei, die nach 1933 Generalvertretungen für bestimmte Firmen übernahmen oder als Kleingewerbetreibende (Seifen- bzw. Zigarettenhandel) tätig waren.

So beklagt etwa die Staatspolizeistelle Kiel 1935, dass in ihrem Bezirk bei manchen Firmen "der Kundenkreis absolut fest ist und fast nur aus ehemaligen Angehörigen der SPD besteht".

Wirken illegaler Arbeitergruppen bis 1939

Entgegen der wiederholt vorgetragenen Argumentation, der Arbeiterwiderstand sei bereits zur Mitte der 30er Jahre restlos oder doch fast völlig zerschlagen worden und faktisch wirkungslos gewesen, konnte (anhand umfassend ausgewerteter Prozessunterlagen und Verfolgtenakten) durch neueste Forschungen über frühere sozialdemokratische Zentren wie Magdeburg-Anhalt und Berlin das Gegenteil bewiesen werden.

In der Hauptstadt flog die letzte sozialdemokratische Bezirksleitung erst im Frühjahr 1939 auf. Zumindest bis dahin bestanden Verbindungen zwischen den Auslandsstützpunkten der Exil-Partei (SoPaDe) und illegal tätigen Berliner Funktionären, die Informationen bzw. Schriftenmaterial austauschten und auch Fluchthilfe leisteten. Zwei der dafür in der Hauptstadt Verantwortlichen, nämlich Fritz Gelbart und Günther Salomon, waren - was deren Zivilcourage besonders bemerkenswert macht - jüdischer Herkunft. Nur Erstgenannter konnte der Verhaftung und Ermordung entgehen.

Das auf zuverlässige Vertrauensleute gestützte Führungstrio der SPD des Bezirks Magdeburg-Anhalt (Bruschke, Lehmann und Wellhausen), im Januar 1939 verhaftet, hatte insgesamt so geschickt agiert, dass es der NS-Justiz schwerfiel, den Oppositionellen etwas nachzuweisen. Die daraufhin nur kurzen Haftstrafen bedeuteten trotzdem keine Rettung, denn die Wehrlosen wurden umgehend ins KZ transportiert. (Allein Werner Bruschke überlebte.)

Ebenfalls wenige Monate vor Kriegsbeginn ist ein NS-Justizverfahren gegen sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre überliefert. Im Juli 1939 enttarnt, hatten erfahrene Kader wie der (frühere) Buchdruckerverbandsfunktionär Richard Barth oder der Metallarbeiterfunktionär Erich Bührig Verbindungen zu Exilkreisen unterhalten, wobei die Gewerkschafterin Margarete Traeger u.a. als Kurierin zwischen Berlin und Prag tätig gewesen war und damit den Vorwurf des sogenannten Landesverrats riskierte.

Bald darauf, im September 1939, kam es zu weiteren Verhaftungen. Nun bereits ohne Prozess, der sich im o.g. Fall Barth für das NS-Regime vom Strafmaß her nicht "gelohnt" hatte und deshalb dazu führte, dass die etwa 100 "Verdächtigen", darunter der frühere Siemens-Hauptbetriebsratsvorsitzende und SPD-Reichstags­abgeordnete Erich Lübbe, sofort ins KZ verschleppt wurden. (Lübbe wurde erst 1945 befreit.)

Widerstand in den Jahren des Krieges (1939-1945)

Wie für alle Tendenzen und Gruppen der unterdrückten Arbeiterbewegung war die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch die NS-Führung auch für die sozialdemokratischen Nazigegner und Illegalen ein tiefer Einschnitt, der den vorher bestehenden restriktiven Aktionsradius noch mehr einschränkte. Nur stichwortartig kann - neben der äußerst verschärften Terrorjustiz, die sämtliche Gefahren noch erhöhte - auf folgende Rahmenbedingungen hingewiesen werden:

* Einberufungen zur Wehrmacht betrafen gerade jene Jahrgänge, die als frühere Funktionäre der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) nach der Zerschlagung mehrerer SPD-Bezirksleitungen gewissermaßen das Rückgrat der noch in Resten bestehenden sozialdemokratischen "Szene" ausgemacht hatten und bei besonderen Anlässen (Beisetzungen, Gesangstreffen) in großen Scharen zusammenkamen.
Mit zweijähriger Verzögerung wurden ab 1942 dann auch die - zuvor als "wehrunwürdig" eingestuften -politisch Vorbestraften zum Kriegsdienst in Strafeinheiten der Wehrmacht gezwungen.

* Auf betrieblicher Ebene - erfolgreich vor allem dort, wo es stärkere Einflüsse auf innerorganisatorische Entscheidungen von Betriebsleitern, Vorarbeitern und Meistern gab - begann ein zähes und bis zum Kriegsende währendes Ringen um den U.K.- (Unabkömmlich-)Status von antifaschistischen Facharbeiterkadern, die damit vor der Front und dem "Heldentod" für "Führer, Volk und Vaterland" gerettet werden konnten. Umgekehrt waren Regimegegner bemüht, fanatische Nazis und Denunzianten eben diesen gefahrvollen Weg gehen zu lassen. Über diesen Zusammenhang berichteten Zeitzeugen mit derselben Zurückhaltung, mit der sie Sabotagehandlungen in der Rüstungswirtschaft thematisierten, hatten alle doch die rechtsradikale "Dolchstoß"-Lüge gegen die Novemberrevolution noch im Gedächtnis.

* Dem kam entgegen, dass es durch besonders günstige lokale Umstände (etwa im Berliner Norden durch sozialdemokratisch oder sozialliberal orientierte Betriebsleiter) gelang, quasi "Auffangbecken" bzw. Zentren zu schaffen, in denen politisch Vorbestrafte und andere Regimegegner auf eine aufgeschlossene, weniger gefährliche Arbeitswelt trafen, die auch illegalen Gruppen eine gewisse Bewegungsfreiheit verschaffte. (Insgesamt übertraf die Zahl der NS-Gegner gerade in den Großbetrieben die Zahl der aktiven Widerstandskämpfer.) So bildeten Sozialisten verschiedener Richtungen Untergrundkreise, übten Sabotage der Kriegsproduktion, unterstützten Verfolgte und Zwangsarbeiter durch Sammlungen und Spenden.
Wie intakt das informelle Informationsnetz, das in proletarische Wohngebiete und Betriebe hineinreichte, auch nach 1939 war, beweist, dass selbst im September 1942 noch etwa 1.000-1.500 Menschen im Krematorium Berlin-Baumschulenweg zusammenkamen, als der frühere Berliner SPD-Vorsitzende und KZ-Häftling Franz Künstler zu Grabe getragen wurde.

Zentrale Rolle des Gewerkschafters Wilhelm Leuschner

Der einstige stellvertretende ADGB-Vorsitzende Wilhelm Leuschner war ab 1939 die zentrale Persönlichkeit der sozialdemokratisch orientierten gewerkschaftlichen Regimegegner und Oppositionellen. Bei ihm liefen viele Fäden zusammen, die bis an die Basis von Betrieben und in verschiedene Städte Deutschlands reichten. (Seine Berliner Firma gab mehreren Antinazis Arbeitsplätze und die wertvolle U.K.-Stellung. Zudem ermöglichten "Geschäftsreisen" das Aufrechterhalten alter und das Knüpfen neuer Verbindungen.)

Neben der Fortführung der betrieblichen Untergrundarbeit - vor allem durch Leuschners engen Mitarbeiter, den wiederholt ins KZ gesperrten Berliner Metallarbeiterführer Max Urich (der nach 1945 auch noch unter dem Stalinismus leiden musste) - zeichnete es den erfahrenen ADGB-Vertreter aus, dass er das traditionelle sozialistische "Lager" überschritt und den Kontakt zu christlichen und deutschnationalen Arbeiter- und Angestelltengewerkschaftern (Jakob Kaiser, Max Habermann) suchte und erfolgreich für die Idee der Einheitsgewerkschaft warb.

Mit ihnen und sozial aufgeschlossenen Konservativen wie Josef Wirmer und Carl Goerdeler gelang Ende 1941 der Brückenschlag in oppositionelle bürgerliche Kreise hinein.

Gleich Leuschner, aber auf anderer Ebene - darunter dem christlich-sozialistischen "Kreisauer Kreis" (um Graf von Moltke) - wirkten Persönlichkeiten wie die früheren SPD-Reichstagsabgeordneten Theodor Haubach, Julius Leber und Carlo Mierendorff sowie der Pädagoge Adolf Reichwein daran mit, die verhängnisvolle Spaltung in verschiedene politische und sozial abgeschottete "Lager" zu überwinden und alle jene zusammenzuführen, die gegen den Krieg waren und die das Morden beenden wollten.

Und es waren wiederum Sozialdemokraten, Leber und Reichwein nämlich, die ihre Hand (auf konspirativem Weg) nicht nur in Richtung Adel, Bürgertum und Militär ausstreckten, sondern - am 22. Juni 1944 - auch das Gespräch mit der um Anton Saefkow und Franz Jacob agierenden illegalen KPD-Leitung von Berlin-Brandenburg suchten (Dokument im Anhang: Prozess gegen Reichwein und Leber). Dass dies nicht ohne heftige innersozialdemokratische Debatten mit Leuschner und Haubach abging, sei nicht verschwiegen. Sowohl der alte Gewerkschaftsfunktionär als auch der frühere Reichsbannerspitzenfunktionär hatten die harten Straßenauseinandersetzungen mit dem kommunistischen Roten Frontkämpferbund und der KPD-Splittergewerkschaft RGO, die ihre sozialdemokratischen Konkurrenten bis 1933 als "Sozialfaschisten" bekämpften, nicht vergessen. Aber auch später, nachdem dieser Streit wegfiel, hielten Sozialdemokraten und selbst Linkssozialisten und kommunistische Abspaltungen dann Distanz zu KPD-nahen Untergrundgruppen, wenn diese - noch 1944 - mit Spenden- und Namenslisten (!) agierten, womit sie unfreiwillig zum Tode der eigenen Genossen beitrugen.

Trotz seines Fehlschlages blieb die Verschwörung des 20. Juli 1944 das einzige Datum in der Geschichte des deutschen Widerstandes, bei dem zumindest ansatzweise eine gemeinsame Verbindung von der national-konservativen Seite der Gesellschaft bis hin zur äußersten politischen Linken zustande kam.

Der Historiker Friedrich Meinecke schreibt in seiner Analyse "Die deutsche Katastrophe" auch über Gespräche, die er im Vorfeld der dramatischen Ereignisse mit Generaloberst a.D. Ludwig Beck geführt hatte. Meinecke: "Wie wenig reaktionär Beck selbst gesonnen war, weiß ich aus meinen mit ihm geführten Gesprächen. In dem letzten [...] Gespräche vom Mai 1944 meinte er, dass man nach der zu erwartenden Endkatastrophe eine antinazistische Einheitspartei gründen müsse, die von der äußersten Rechten bis zu den Kommunisten reiche. [...]"

Bei den damaligen dramatischen politischen Entwicklungen, in deren Verlauf schließlich auch Haubach, Leber, Leuschner, Reichwein und andere Genossen ihre Leben ließen, kam den Sozialdemokraten (im Rheinland ergänzt durch die katholische Arbeitnehmerbewegung) eine historische Schlüsselrolle zu: Sie waren die Klammer dafür, dass sich beide o.g. politischen "Lager" aufeinander zu bewegten.

Durch ihre Verbindungen an die Basis der Gesellschaft, zu oppositionellen Arbeiter- und Betriebsgruppen, verliehen gerade die Sozialdemokraten der Verschwörung des 20. Juli 1944 ihre wichtige zivile Komponente, wodurch die Tat schließlich mehr wurde als eine "Offiziersrevolte", nämlich der deutsche Beitrag zum Kampf um die Menschenrechte inmitten entfesselter Gewaltherrschaft.

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Auf den 20. Juli 1944 folgte eine gnadenlose Jagd der Gestapo - nicht allein auf den Kreis der aktiv beteiligten Widerstandskämpfer, sondern auch auf jene ehemaligen Parlamentarier der Weimarer Republik, die aufgrund ihrer früheren politischen Verbindungen (wie jenen zur SPD) als vermeintliche Sympathisanten der Verschwörer ins KZ verschleppt wurden. Viele kamen bereits nach mehreren Wochen frei, anderen litten bis Kriegsende.

Doch für zahlreiche Verfolgte währte die lang ersehnte Befreiung 1945 nicht lange. Greifen wir stellvertretend ein politisches Schicksal heraus:

Der Hauptverantwortliche für die antifaschistische Arbeit der SPD in der Niederlausitz - dem Zentrum sozialdemokratischen Widerstandes im Land Brandenburg -, der Spremberger Schlosser Ernst Tschickert, hatte bis 1945 fast zehn Jahre Haft im Zuchthaus bzw. KZ verbüßen müssen. 1949 wurde er erneut verschleppt und schließlich Ende 1951 in einem sowjetischen Lager umgebracht.

Diese und ähnliche Erfahrungen in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin sorgten dafür, dass der Traum von der Schaffung einer einheitlichen Arbeiterpartei, den gerade viele sozialistische Regimegegner in der Zeit der Verfolgung hegten, schon früh an der Realität des heraufziehenden Kalten Krieges zerbrach.