Wegbereiterinnen
Helena (Lenchen) Demuth
1820–1890
Hausgehilfin und treue Genossin
Helena Demuth, Tochter des Bäckers Michel Demuth und seiner Frau Catharina Creutz, lt. Geburtsregister „von Profession nichts“, wurde am 31. Dezember 1820 als fünftes von sieben Kindern in St. Wendel geboren. Schon als Zehnjährige musste sie in Trier als Dienstmädchen arbeiten. Etwa 1837 kam sie in den Haushalt der Familie von Westphalen. Nachdem Jenny von Westphalen, die Tochter des Hauses, mit der sie sich angefreundet hatte, 1843 Karl Marx heiratete, wurde Lenchen Demuth Hausgehilfin, enge Vertraute und verlässliche politische Gefährtin der Familie Marx. Das Revolutionsjahr 1848/49 verbrachte sie in Köln, wo Karl Marx mit Friedrich Engels die „Neue Rheinische Zeitung“ herausbrachte. Als der Ausweisungsbefehl Mitte Mai 1849 Karl Marx aus Köln vertrieb, begleitete Lenchen die Familie über Frankreich und Belgien nach London ins Exil. Sie betreute die sieben Kinder, von denen vier früh starben, verwaltete die knappe Haushaltskasse und verhandelte mit den Pfandverleihern. Der „praktische Hausgeist“ (Lafargue) lernte die englische Sprache, kochte Kartoffeln und buk Brot, schneiderte für sich und die Kinder, teilte mit „hausfraulichem Geschick“ und Sparsamkeit das wenige Geld ein. Freuden und Leiden, Erfolge und Niederlagen teilte sie mit der Familie. Karl Marx, mit dem sie Schach spielte und nicht selten gewann, gab auf ihr Urteil viel, schließlich war sie es, die den „Arbeiterstandpunkt“ vertrat und in der Lage war, „ geradeheraus ihre Meinung zu sagen.“ Am 23. Juni 1851 gebar sie den Sohn Henry Frederick (Freddy), den sie bei der Familie Lewis in Pflege gab, weil die Marxsche Behausung zu armselig und ungesund für ein weiteres Kind war. Frederick, dessen Vater vermutlich Karl Marx war, obwohl sich Friedrich Engels als solcher bekannte, blieb zeitlebens mit seiner Mutter vertraut. Er erlernte den Beruf des Büchsenmachers, organisierte sich gewerkschaftlich und in der Labour Party. Nach dem Tod von Karl Marx, den sie während seiner Krankheit liebevoll gepflegt hatte, führte Lenchen Demuth das Haus von Friedrich Engels, mit dem sie eine kameradschaftliche Partnerschaft verband und politische Fragen und „Parteisachen“ erörterte. Als Mitgestalterin der sonntäglichen Tafelrunden, lernte sie SozialistInnen aus vielen Ländern kennen. Die „treue Genossin,“ wie August Bebel sie bezeichnete, war es auch, die den schriftlichen Nachlass von Karl Marx ordnen half und Friedrich Engels ungestörte Stunden am Schreibtisch sicherte, wie sie das vorher für Marx getan hatte. Nachdem sie im Oktober 1890 schwer erkrankt war, starb sie am 4. November 1890 in London und wurde auf dem Londoner Highgate Friedhof im Grab von Karl und Jenny Marx beerdigt, so wie die beiden es sich zu Lebzeiten gewünscht hatten.
Text: Dr. Gisela Notz, Berlin
Helena Demuth im Online-Katalog der Bibliothek der FES
