Zwischen Krieg und Schule: Das Tagebuch des Luftwaffenhelfers Ulrich Lohmar aus dem Jahr 1944

Christoph Stamm

 

Ulrich Lohmar als Schüler um 1942

Der Nachlass des ehemaligen Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SPD-Bundestagsabgeordneten, Bildungspolitikers und Medienwissenschaftlers Ulrich Lohmar (1928-1991), den das AdsD im März 2007 akquirieren konnte, spannt einen Bogen von der Jugend in der NS-Zeit ab 1939 bis zur Einführung der „Neuen Medien“ in den 1990er Jahren. Ein besonderes Dokument ist das Tagebuch des damals sechzehnjährigen Lohmar mit Aufzeichnungen über seine Zeit als „Luftwaffenhelfer“ im Jahr 1944. Sie führen in eine Welt, die für heutige Schüler unvorstellbar ist, vor über 60 Jahren aber für Tausende von Jugendlichen eine alltägliche Erfahrung war.

„Flakhelfer“ oder „Luftwaffenhelfer“, wie die amtliche Bezeichnung lautete, waren 15- bis 17-jährige Schüler der Jahrgänge 1926 bis 1928, die zum Dienst an Flugabwehrgeschützen bei der „Heimatflak“ eingezogen wurden. Nach der heute weltweit gebräuchlichen Begriffsbestimmung könnten sie im weiteren Sinne nachträglich zu den Kindersoldaten gezählt werden. Sie sollten die Personalverluste ausgleichen, die sich seit 1942 aus der Abstellung von 120.000 Flaksoldaten aus dem Heimatkriegsgebiet an die Fronten ergeben hatten. Sie sollten mithelfen, die alliierten Bomberverbände zu bekämpfen. Für Kampfhandlungen am Boden waren sie offiziell nicht vorgesehen, erhielten aber trotzdem auch eine Ausbildung an Handfeuerwaffen und im Infanteriedienst.

Das Tagebuchschreiben begann der junge Lohmar in der Erkenntnis, vor einem völlig neuen und vermutlich schweren Lebensabschnitt zu stehen. Das Tagebuch besteht aus einer mit Füllfederhalter beschriebenen linierten Kladde. Am Ende sind sechs Skizzen der verschiedenen Batteriestellungen sowie als Erinnerungsstücke die Achselklappen der Uniform und das Ärmelabzeichen der Luftwaffenhelfer eingeklebt. Der junge Lohmar versuchte, einen disziplinierten und sachlichen Stil zu pflegen und von seinen persönlichen Gedanken nicht viel erkennen zu lassen. Es entsprach auch dem Stil der Zeit, sich militärisch-hart zu geben, war aber vielleicht auch eine Vorsichtsmaßnahme. Nur hinsichtlich des Abschieds von der Mutter beim ersten Einrücken als 15-Jähriger gab er dem Bedrückenden der Situation Ausdruck, war doch das Familienleben ohnehin schon durch die Abwesenheit des Vaters überschattet, der seit über vier Jahren Soldat war.

In einer Veranstaltung, bei der auch die Eltern der Jugendlichen anwesend waren, wurden die Luftwaffenhelfer der Aufbauschule Bergneustadt (heute Oberbergischer Kreis, östlich von Köln) am 4. Januar 1944 von der Schule direkt dem Militär übergeben. Der Kreisamtleiter der NSDAP und der künftige Batteriechef hielten Ansprachen. Wie für Luftwaffenhelfer allgemein vorgesehen, wurde der im ca. 25 km von Bergneustadt entfernten Engelskirchen geborene Lohmar anfangs nahe seiner Heimat eingesetzt: Die 4. Batterie der leichten Flakabteilung 915 hatte mit ihren 2-cm-Flakgeschützen den Staudamm der Aggertalsperre bei Gummersbach gegen Tiefflieger zu verteidigen. Nach nur drei Wochen Ausbildungszeit ab dem 8. Januar 1944 wurden die Schüler am 30. Januar in die Stellung verlegt, und schon unter dem Eintrag vom nächsten Tag heißt es im Tagebuch zum ersten Mal „Feuerbereitschaft“.

Die erste Kampfhandlung notierte Lohmar für den 22. Februar. Die nur mit jugendlichen Luftwaffenhelfern besetzten Geschütze („Trotzdem liegen die Schüsse nicht schlecht“) feuerten auf einen versprengten, offenbar bereits beschädigten feindlichen Bomber und erzielten den ersten Treffer. Was der Fünfzehnjährige dabei empfand, wurde dem Tagebuch nicht anvertraut. Danach scheint es bis zum 8. September für die Batterie keine direkte Gefechtsberührung gegeben zu haben. Die Anspannung muss für die jungen Flakhelfer dennoch groß gewesen sein, denn bei jeder Annäherung von feindlichen Flugzeugen wurde Alarm gegeben, auch dann, wenn die Talsperre nicht das Ziel war und die leichte Flak gegen die hoch fliegenden Bomberverbände ohnehin nicht zum Einsatz kommen konnte. Für den 15. März beispielsweise vermerkte Lohmar „7.30 [Uhr] Wecken“ und dann zwischen 9.53 Uhr und 24.00 Uhr vierzehnmal einen Wechsel zwischen „Alarmbereitschaft“, „Feuerbereitschaft“ und „planmäßiger Bereitschaft“. Die alliierte Luftüberlegenheit wirkte sich auch hier aus. Für verschiedene Tage ist zu lesen, dass es besondere Hinweise gegeben habe, die Talsperre könne Angriffsziel sein. Der Zwang zur dauernden praktischen und psychischen Vorbereitung auf den Ernstfall, der dann wieder nicht eintrat, muss seine Spuren hinterlassen haben.

Lohmar stand bald nicht mehr am Geschütz, sondern machte Vermittlungsdienst in der Fernmeldezentrale der Batterie und zog Telefonleitungen, auch solche für das allgemeine Flugmeldenetz. Urlaub gab es recht häufig, den er bei seiner Mutter verbringen konnte.

Zu absurden Zuständen kam es dadurch, dass versucht wurde, parallel zum militärischen Einsatz für die Luftwaffenhelfer den Schulunterricht fortzuführen. So liest es sich im Tagebuch für den 23. Februar 1944, dem Tag nach den ersten Schüssen auf ein feindliches Flugzeug, u.a. so: „8.45 – 12.15 Schule: 3 Std. Mathematik, 1 Std. Biologie. 12.07 - 12.43 Feuerbereitschaft.“ Für den bereits erwähnten 15. März ist für 8.30 bis 12.15 Uhr „Schule. Mathematik und Biologie“ notiert. In diese Zeit fielen aber zugleich sechs der genannten Wechsel der Bereitschaftsstufen. Auch die anderen Fächer wie Latein, Englisch, Deutsch, Erdkunde, Chemie und Physik wurden unterrichtet. Wenn er seine Hausaufgaben nicht vorzeigen konnte, musste der Luftwaffenhelfer Lohmar wie jeder Pennäler dem Lehrer „ein Märchen erzählen“ (Eintrag zum 21. Mai 1944). Und wie jeder Pennäler beklagte sich Lohmar im Tagebuch über die Langweiligkeit der Schulstunden. Nachvollziehbar ist freilich, dass Schüler, die gegebenenfalls auf Leben und Tod kämpfen sollten, den Schulbetrieb nicht mehr ernst nehmen konnten und wollten.

Über die politische und militärische Lage notierte Lohmar anfangs wenig. „Große Bestürzung“ heißt es lediglich nach der Nachricht vom Attentat vom 20. Juli 1944. Erst im September 1944 hielt Lohmar schlechte Frontnachrichten fest und schrieb zum 3. des Monats: „Alles wird kopflos und verliert den Glauben.“ Ende September war die relativ ungefährliche Zeit an der Aggertalsperre zu Ende. Die Batterie wurde in das linksrheinische Braunkohlenrevier nach Niederaußem, dann nach Mödrath verlegt. Im „Straßenschutz“ kam sie zum Einsatz gegen Tiefflieger (Jagdbomber), die hinter der Westfront den deutschen Nachschub angriffen. Die jugendlichen Luftwaffenhelfer wurden mehr und mehr zu Frontsoldaten. Die Zeit war offenbar so mit Ereignissen angefüllt, dass Lohmar nicht mehr zu regelmäßigem Tagebuchschreiben kam und die Zeit ab 14. September 1944 in einem auf den 6. Februar 1945 datierten Nachtrag zusammenfasste. (Möglicherweise erschwerten auch militärische Geheimhaltungsvorschriften das Führen detaillierter Tagebücher im Kriegseinsatz.)

Im Oktober 1944 konnte Lohmar nach der Beförderung zum „Oberhelfer“ noch 16 Tage Urlaub nehmen. Nach dem Urlaub wurde er nach Köln-Bayenthal zum Stab der leichten Flakabteilung 886 versetzt und tat Dienst als „Torposten und in der Auswertung“. Trotz dieser eher harmlos klingenden Aufgabe bezeichnete er die Zeit in Köln als „wohl die härteste“ seiner Laufbahn als Luftwaffenhelfer, offenbar wegen der wiederholten schweren Luftangriffe, bei denen in Köln-Ostheim auch zwei seiner engeren Kameraden getötet wurden.

Lohmars Nachtrag enthält noch die Mitteilung, dass er am 4. Februar 1945 zum Reichsarbeitsdienst einberufen wurde. Damit endete sowohl seine Zeit als Luftwaffenhelfer wie auch das Tagebuch.

Ob Ulrich Lohmar die Eindrücke des Jahres 1944 nur für sich und die Familie notieren wollte oder ob er schon so weit dachte, dass sein Erleben auch exemplarisch für das von Tausenden Anderer sein würde, wissen wir nicht. Auf jeden Fall ist das Tagebuch nach Inhalt und Stil ein aufschlussreiches Zeugnis für die Einbeziehung Jugendlicher in die Kriegsmaschinerie des NS-Regimes.