Mephisto in Düsseldorf – Die Intendanz Gustaf Gründgens’ am Düsseldorfer Theater im Spiegel der Gewerkschaftsakten

Klaus Mertsching

Briefkopf des Düsseldorfer SchauspielhausesIn den unmittelbaren Nachkriegsjahren engagierten sich die Gewerkschaften nicht nur auf dem Feld der Sozial- und Wirtschaftspolitik – auch die Mitgestaltung der Kulturpolitik wurde als gewerkschaftliches Anliegen gesehen. Nicht zuletzt ging es auch darum, nach dem Ende der NS-Zeit unter demokratischen Voraussetzungen ein neues Kulturleben zu etablieren. Die Gewerkschaften wurden mehr oder weniger zwangsläufig in kulturelle Aufgaben hineingezogen. Der DGB beteiligte sich an bedeutenden kulturellen Initiativen wie den Ruhrfestspielen, war in der Max-Planck-Gesellschaft vertreten, organisierte kulturelle Veranstaltungen auf lokaler und regionaler Ebene, arbeitete mit der Volksbühne zusammen und unterstützte u.a. auch finanziell den Aufbau von städtischen Bühnen, wie dies z.B. in Düsseldorf der Fall war.

Die Gewerkschaften verstanden sich als kulturpolitischer Faktor. Mit der Berufung von Otto Burrmeister1 als Kulturreferent des DGB wurde unter bescheidenen Startbedingungen ein Kulturwerk wie die Ruhrfestspiele aufgebaut, das von Anfang an Künstler mit arbeitenden Menschen zusammenführen und einem gemeinsamen gesellschaftlichen Ziel, der Schaffung einer demokratischen Kulturgesellschaft, dienen sollte.2 Einen leidenschaftlichen Mitstreiter fand Burrmeister dabei in dem DGB-Vorsitzenden Hans Böckler3, der ihn deswegen auch nach Düsseldorf geholt hatte.

Burrmeisters Tätigkeit als Kulturreferent und als Leiter der Ruhrfestspiele spiegelt sich in der Aktenüberlieferung des Referats Kulturpolitik im Bestand der Abteilung Bildung des DGB-Bundesvorstandes wider. Neben Dokumenten zum künstlerischen Wirken in den frühen 1950er und 1960er Jahren stellen die Akten geradezu ein „Who is Who“ der bedeutendsten Mimen und Schauspieler jener Zeit dar. Einer der umfangreichsten und auch persönlichsten Briefwechsel in diesem Aktenbestand entstand durch die Zusammenarbeit mit Gustaf Gründgens, der von 1947 bis 1955 erst die Generalintendanz der Städtischen Bühnen inne hatte und ab 1. August 1951 Geschäftsführer des neugegründeten Düsseldorfer Schauspielhauses, der „Neuen Schauspiel GmbH“ war.4 Durch Otto Burrmeister war der DGB als Gesellschafter im Aufsichtsrat vertreten, wodurch die Sitzungsprotokolle dieses Gremiums sowie damit verbundene Korrespondenzen und Berichte von Gustaf Gründgens ebenfalls in den Aktenbestand gelangten.5

Gustav Gründgens © AdsDDie Intendanz Gustav Gründgens’ gehörte zweifellos zu den künstlerisch interessantesten, aber auch spannungsreichsten Epochen in der Geschichte des Düsseldorfer Theaters. Gründgens war damit für einige Jahre in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo er auch einen Teil seiner Schulzeit verbracht und – nach ersten künstlerischen Versuchen am Fronttheater während des Ersten Weltkriegs – 1919 die Hochschule für Bühnenkunst des Düsseldorfer Schauspielhauses besucht hatte. Nach einer steilen Bühnenkarriere in Theater- und Filmrollen in den 1920er Jahren, die ihn 1932 an das Preußische Staatstheater in Berlin führte, war Gründgens auch in der NS-Zeit in herausragenden Positionen tätig. 1934 wurde er Intendant des Staatlichen Schauspielhauses, 1936 erfolgte die Ernennung zum Preußischen Staatsrat, von 1937 – 1945 war er Generalintendant der Preußischen Staatstheater. 1945/46 musste Gründgens einige Monate in einem sowjetischen Internierungslager verbringen, wurde jedoch im Entnazifierungsverfahren von vielen Künstlern entlastet. Ab Mai 1946 spielte Gründgens am Deutschen Theater in Berlin, bevor er 1947 Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf wurde. Für manche Gewerkschaftsmitglieder mochte die Zusammenarbeit mit einer Persönlichkeit wie Gründgens (dessen Biographie die Vorlage zu Klaus Manns Roman „Mephisto“ geliefert hatte) nicht ganz einfach sein, auch wenn seine künstlerischen Leistungen unbestritten waren.

In der ersten Aufsichtsratssitzung am 3. August 1951, die auf Einladung des damaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, stattfand, gab Gustaf Gründgens einen Bericht über seine bisherigen vier Jahre als Generalintendant der Städtischen Bühnen und hob dabei positiv hervor: „Ich habe mich niemals durch den Kulturausschuß der Stadt Düsseldorf in meiner künstlerischen Freiheit beengt gefühlt [...] Meinem Bedürfnis nach künstlerischer Freiheit ist immer Rechnung getragen worden.“6 Er hatte auf Grund des Verwaltungsabkommens bei den Städtischen Bühnen in der Tat Freiheiten, über die kaum ein anderer Intendant in der Bundesrepublik verfügen konnte. Dennoch kam es immer wieder zu Spannungen insbesondere zwischen der Stadtverwaltung und Gustaf Gründgens. Dabei ging es vor allem um den Theaterneubau, der sich immer wieder verzögerte, und um die Bildung der neuen Schauspiel GmbH. Misstöne und eine „allgemeine Überreizung“ (Gründgens) entstanden durch falsch geleitete Briefe und anzügliche Bemerkungen wegen eines befürchteten Defizits. Sie führten dazu, dass Gründgens im Januar 1951 den Wunsch äußerte, seinen Vertrag mit der Stadt Düsseldorf zu kündigen, und mit ihm ein Dutzend der bekanntesten Schauspieler und Schauspielerinnen des Ensembles.7 Die Motive lagen nicht so sehr in der Terminverzögerung beim Theaterneubau; Gründgens wandte sich vielmehr gegen die Struktur des subventionierten Theaters überhaupt. In seinem Bericht gegenüber dem Aufsichtsrat führte er dazu aus, dass alles, einschließlich des angeblichen Defizits, auf ungenauen und falschen Informationen beruhe, wozu erschwerend eine fehlende gegenseitige Abstimmung zwischen der Verwaltung und ihm hinzukomme, da sich nicht alle Instanzen der Verwaltung an die Rahmenvereinbarungen hielten: „Und das ist genau das, was ich meine, wenn ich die Struktur der subventionierten Theater – beileibe nicht die subventionierten Theater – für veraltet halte. [...] Aus all den Verwirrungen und Missverständnissen [...] [an denen] ich mich ziemlich unschuldig glaube,[...] ist letzten Ende etwas sehr Positives herausgekommen,“8 nämlich, so Gründgens, der Versuch im Rahmen einer GmbH Theaterarbeit zu leisten.

Nach dem Ende der ersten Spielzeit wurde dennoch auf der 4. Aufsichtsratssitzung am 15. Mai 1952 konstatiert: das Theater-Experiment ist geglückt! Nicht nur, dass nur ein Fünftel des Jahreszuschusses von 800.000 DM in Anspruch genommen werden musste, was durch höhere Einnahmen als ursprünglich angesetzt sowie durch Einsparungen erreicht worden war. Die 1006 Plätze des neuen Schauspielhauses, das 1951 mit einem Kostenaufwand von 1,2 Millionen Mark über einem im Kriege zerstörten Theaterbau aufgebaut wurde, waren in der Spielzeit 1951/52 zu fast 93 Prozent verkauft.9

Künstlerische Erfolge einerseits, der tägliche „Kleinkrieg“ mit der „Arbeiterschaft seines Theaters“ andererseits, so beurteilte Gründgens seine Arbeit in Düsseldorf. Er äußerte die Befürchtung, dass durch die anerkannten Rechte der Bühnenarbeiter der Sinn seiner Arbeit und die Gesamtinteressen gefährdet würden. Außerdem – und dieses scheint die Hauptklage in dem Briefwechsel zwischen Otto Burrmeister, dem Betriebsrat Heinz Tillmann und Gründgens aus den Jahren 1951/52 zu sein – trügen die Bühnenarbeiter die Schuld an dem Nichtzustandekommen von Veranstaltungen für die Düsseldorfer Arbeiterschaft ( am Sonntagnachmittag). Gründgens wollte ihren Einsatz dafür nicht als Mehrarbeit ansehen, was ihm von Seiten der Bühnenarbeiter den Vorwurf einbrachte, ein unsozialer Arbeitgeber zu sein. Schließlich – und da war er ganz Prinzipal – hätten ihm die Bühnenarbeiter nicht den nötigen Respekt erwiesen: „Ich hab mir schon abgewöhnt an Respekt zu appellieren, den ich für die Leistung meines Lebens erwarte, denn die Arbeiter des Preußischen Staatstheater in den Jahren 1933 bis 1945 waren mindestens zu 90% mit mir im Bunde. Und nun soll mir, wo ich anstatt dem Breidenbacher Hof nur einer Milchbude vorstehe, das plötzlich passieren“.10 Inwieweit hier von Seiten der Arbeiter auch seine Theatertätigkeit während der NS-Zeit eine Rolle spielte, lässt sich aus dem gesamten Briefwechsel nicht entnehmen. Feststellen lässt sich aber, dass sich die immer wieder auftauchenden Schwierigkeiten mit der Belegschaft wie ein roter Faden durch Gründgens’ gesamte Intendanz in Düsseldorf ziehen.

Neben seiner Theatertätigkeit dokumentieren die Akten auch Gründgens’ künstlerische Tätigkeit als Schauspieler und Regisseur. Insbesondere Otto Burrmeister versuchte immer wieder, Gustaf Gründgens für eine Aufführung während der Ruhrfestspiele zu gewinnen. Dieses gelang ihm 1950. Gründgens gab als Regisseur und Schauspieler mit der Bühnenfassung von Kafkas Roman „Der Prozeß“ (in der Bearbeitung von André Gide und Jean Louis Barrault) sein Gastspiel. 1954 folgte ein zweites mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Aufgeführt wurde „Der Privatsekretär“ von T.S. Eliot unter der Regie von Gustaf Gründgens. Wurden 1950 noch überschwängliche Rezensionen zur Aufführung geschrieben, so bezeichneten die Rezensenten 1954 die Regieleistung zu diesem Theaterstück als „blutarm“, wobei der Rezensent der „Westfälischen Rundschau“ zum Schluss seines Artikels schrieb: „Der Leiter der Ruhr-Festspiele, Otto Burrmeister, äusserte in einem privaten Gespräch, dass man dieses Stück weniger als einen wesentlichen Bestandteil der Ruhr-Festspiele denn als ein intellektuelles Surrogat für einen interessierten Kreis von Liebhabern exquisiter Theaterexperimente auf den Spielplan gesetzt habe.11 Neben den Rezensenten wurde auch von Seiten der Gewerkschaften Kritik an der letzten Aufführung laut, worüber Gründgens erbost in einem Brief an Otto Burrmeister schrieb: „Ich habe in Recklinghausen den ‚Prozeß’ gespielt und einen großen Erfolg für die Festspiele errungen. Ich habe dasselbe Glück gehabt bei ‚Privatsekretär’. Kein einziges Mal hat sich mir gegenüber einer Ihrer ‚Freunde’ [gemeint: Gewerkschaftsfunktionäre] – außer dem mir unvergesslichen Herrn Böckler – geäußert. Ich stehe völlig exponiert da, und Ihre Freunde bleiben anonym und im Dunkeln. Daß einige davon mir durchaus schlecht gesonnen sind, davon haben wir unsere gemeinsamen Erfahrungen machen müssen. Mich berührt es insofern, als mich alles berührt, was Einengung bedeutet, was atavistisch ‚Standpunkte beziehen’ heißt: Standpunkte, die nicht stimmen, mit Blickrichtungen auf mich, in denen ich nicht stehe.12

Trotz vieler Erfolge wurde auf seinem Wunsch hin in der Aufsichtsratssitzung am 22. Oktober 1954 das Vertragsverhältnis zum Ende der Spielzeit 1954/55 aufgelöst. Das Aufsichtsratsmitglied Otto Burrmeister schrieb am 29. Oktober 1954 dazu an Werner Hansen: „Ein konkreter Anlass liegt nicht vor. Ich glaube, das Motiv, das Gründgens von Düsseldorf wegführt, ist, dass er das Gefühl hat, in unserer Stadt irgendwie [...] künstlerisch am Ende zu sein. Hinzu kommen Schwierigkeiten im eigenen Haus und auch einige, wenn auch unbedeutende, Misshelligkeiten mit seiner Umwelt.“13

In seiner Antrittsrede als Leiter des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, an das Gründgens anschließend wechselte, erklärte dieser dazu: „Ich habe acht Jahre lang das Düsseldorfer Theater geleitet, von dem zu trennen mir nicht leicht fiel. [...] Ein Grund dafür war, daß ich mir der Gefahr einer Stagnation bewußt wurde.[...] wir Künstler müssen von Zeit zu Zeit das Milieu wechseln [...] wenn wir für unsere Aufgaben frisch bleiben wollen. [...] Kein Intendant sollte länger als 10 Jahre ein Theater leiten. [...] Die Spielplanmöglichkeiten sind in solch langem Zeitraum so gut wie erschöpft, und die Gefahr, sich zu wiederholen, wird immer größer. Und zum Schluß gehört man zur Stadt wie der Botanische Garten und der Zoo.“14

Otto Burrmeister, dem sich Gustav Gründgens während seiner Arbeit in Düsseldorf in künstlerischer und persönlicher Hinsicht verbunden fühlte, schenkte er zum Abschied die Schallplattenfassung seiner Düsseldorfer Inszenierung des „Faust“, die bei der Deutschen Grammophon auf drei Sprechplatten erschienen war – ein für die damalige Zeit einzigartiges und bahnbrechendes Unternehmen. Otto Burrmeister bedankte sich für diese Überraschung mit der Bemerkung: „Zwar besitze ich bisher keinen Plattenspieler, aber Ihr kostbares Geschenk ist ja nun eine begründete Aufforderung, einen zu erwerben.“15


1 Otto Burrmeister (1899-1966), von 1948 bis 1966 Kulturreferent zum DGB-Bundesvorstand und Leiter der Ruhrfestspiele. 1966 Ehrenbürger der Stadt Recklinghausen und Träger des Kulturpreises des DGB.

2 Siehe Interview Dieter Schmidt mit Otto Burrmeister in: Deutsche Post, 18. Jg. Nr. 16 (August 1966) S. 429.

3 Hans Böckler (1875-1951) ab 1947 Vorsitzender des DGB-Britische Besatzungszone und ab Oktober 1949 Vorsitzender des DGB.

4 Arbeitsvertrag zwischen dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Gesellschaft und Gustaf Gründgens vom 3.8.1951. in: DGB-Archiv im AdsD, Bestand: DGB-Bundesvorstand Abteilung Bildung, Sig. 5/DGAV 209. Die Stadtverordneten Versammlung hatte am 7.4.1951, unter lang anhaltendem Beifall der Zuhörer, die Bildung der „Neuen Schauspiel GmbH“ mehrheitlich zugestimmt. Vgl. Rhein-Echo oder Rheinische Post vom 9.4.1951.

5 Vgl. 5/DGAV 209. Der Gesellschafter des DGB war Werner Hansen (1905-1972), 1. Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Nordrhein-Westfalen. Siehe hierzu weitere Materialien in den 5/DGAV 121, 127 und 137.

6 Beigefügter Bericht Gustaf Gründgens zur Niederschrift der ersten Aufsichtsratssitzung am 3.8.1951 in: DGB-Archiv im AdsD, Sig. 5/DGAV 209. Über seine Düsseldorfer Intendantentätigkeit siehe auch: Carola Stern, „Auf dem Wassern des Lebens“. Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe. Köln 2005, S. 247ff.

7 Siehe auch Rundfunkmanuskript Peter von Zahn „Von Nah und Fern“ vom 20.2.1951 in: 5/DGAV 209.

8 Bericht an dem Aufsichtsrat, siehe Fußnote 6.

9 Niederschrift der Aufsichtsratssitzung und Zeitungsausschnitte zur Spielzeit 1951/52, in 5/DGAV 127.

10 Aus Schreiben Gustaf Gründgens an Otto Burrmeister vom 25.11.1951 in: 5/DGAV 127.

11 Schreiben von Otto Burrmeister an Gustaf Gründgens vom 26.6.1954 in: 5/DGAV 137.

12 Schreiben Gustaf Gründgens an Otto Burrmeister vom 14.9.1954 in: 5/DGAV 137.

13 Schriftwechsel Otto Burrmeister mit Werner Hansen vom 23.10, 26.10. und 29.10.1954 in: 5/DGAV 209.

14 Schreiben des Vorsitzenden des Aufsichtsrats an die Mitglieder vom 7.8.1955 mit beigefügten Redemanuskript, in: 5/DGAV 209.

15 Schreiben Otto Burrmeister an Gustaf Gründgens vom 5.1.1955 in: DGB-Archiv im AdsD, Bestand DGB-Bundesvorstand Abteilung Bildung, Sig. 5/DGAV 127.