Klaus Mertsching

60 Jahre WWI/WSI – Wissenschaft im Dienst von Arbeitnehmern und Gewerkschaften

„Als wir im Frühjahr 1946 ein gewerkschaftseigenes wirtschaftswissenschaftliches Institut schufen, war dies gewiß ein kühner Entschluß. Unser Unterfangen konnte sich auf keinerlei Vorbild und Beispiel berufen: wir waren tatsächlich das erste Land, in dem sich eine zentrale Gewerkschaftsorganisation entschloß, ihrer wirtschafts- und gewerkschaftspolitischen Arbeit einen festen wissenschaftlichen Unterbau zu geben.“ 1 (Hans Böckler, in Tätigkeitsbericht des WWI )

Schon während der Weimarer Republik hatten die Gewerkschaften den Versuch unternommen, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fachkompetenz für die Arbeiterorganisationen zu nutzen. Damals trat der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) gemeinsam mit der SPD als Träger der von Fritz Naphtali geleiteten „Forschungsstelle für Wirtschaftspolitik“ hervor; auch das „Institut für Konjunkturforschung“, das dem Statistischen Reichsamt angegliedert war, wurde von den Gewerkschaften mitfinanziert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde jedoch zum erstenmal zur wissenschaftlichen Begleitung des Neuaufbaus demokratischer Gewerkschaften, zur Entwicklung wirtschaftlicher Neuordnungsvorstellungen und zur Unterstützung der gewerkschaftlichen Position gegenüber den Arbeitgebern im März 1946 mit dem „Wirtschaftswissenschaftliche Institut“ (WWI) eine eigenständige Forschungseinrichtung der Gewerkschaften ins Leben gerufen. Erster Geschäftsführer des vorerst im Kölner Gewerkschaftshaus ansässigen Instituts war Erich Potthoff, dem ein Präsidium aus Hans Böckler, Viktor Agartz und Prof. Bruno Kuske vorstand. Formal war zu diesem Zeitpunkt die Einrichtung eines Instituts noch von keinem gewerkschaftlichen Gremium tatsächlich beschlossen worden. Erst auf der ersten und zweiten Tagung des gewerkschaftlichen Zonenausschusses im April und Juni 1946 wurde das Vorhaben offiziell beschlossen und Umrisse der Arbeitskonzeption des Instituts erstellt. 2 Damit begann die Geschichte des Instituts beim „vorläufigen Ausschuß der Gewerkschaften“ in Nordhein-Westfalen, später beim DGB in der gesamten britischen Besatzungszone.

Mitarbeiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des DGB in Köln, 1950.  Peter Keller, Kraatsch, Osterkamp, Nimpsch, Brosniowski, Viktor Agartz, Wagenführ, Heitbaum, Kleine, Welkersdorf, Frieda  Rössling-Grüters, Clara Lenarz. © AdsD Das Institut, ein „Lieblingskind“ Böcklers 3 , hatte neben seiner grundsätzlichen Aufgabenstellung, für die Gewerkschaftsbewegung die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen bereitzustellen , auch bei der Herausbildung des gewerkschaftlichen Nachwuchses eine wichtige Rolle auszuüben und überdies den Aufbau eines Informationsdienstes für den gegenseitigen Austausch von Erfahrungen zu gewährleisten. 4 In den folgenden Jahren kam dem Institut eine Vordenker-Rolle für neue gewerkschaftliche Positionen zu. Aus seinen Reihen kamen so bedeutende konzeptionelle Vorstellungen wie Erich Potthoffs Überlegungen von 1947 zu der später gesetzlich festgelegten Unternehmensmitbestimmung , die Gedanken zur „expansive Lohnpolitik“ von Viktor Agartz in den 1950er Jahren und der Vorschlag von Bruno Gleitze für eine „Überbetriebliche Ertragsbeteiligung“ der Arbeitnehmer in den 1960er Jahren. 5 Eine personelle Aufstockung erfuhr das Institut durch die Eingliederung der in Minden tätigen Abteilung Statistik und Wirtschaftsbeobachtung der britischen Besatzungszone im Frühjahr 1949 und dem Eintritt Viktor Agartz' in die Geschäftsleitung nach der Auflösung der Mindener Zonenverwaltung Ende 1949. 6

Das Kuratorium des Instituts welches aus den 10 Mitgliedern des DGB-Bundesvorstands bestand und unter dem Vorsitz des DGB-Vorsitzenden tagte, legte 1951 den „Zweck des Instituts als eines Organs des Deutschen Gewerkschaftsbundes“ fest. Es sollte

„die Arbeiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf der Grundlage der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse durch entsprechende Untersuchungen und Veröffentlichungen unterstützen; die sozial- und wirtschaftlichen Forschungen durch die aus seiner Tätigkeit entnommenen Erkenntnisse fördern; die Erkenntnisse anderer wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Forschungsstellen für die Arbeiten der Gewerkschaften Nutzbar machen.“ 7

Nach der 1954 erfolgten Umgründung zur rechtlich selbständigen gemeinnützigen GmbH mit einer eigenen Satzung und nach der Einrichtung eines Tarifarchivs begann für das Institut eine Phase der „Selbstbeschränkung und Intensivierung der Forschung“.8 Dennoch waren dies intern dramatische Jahre, die durch die Auseinandersetzungen um Viktor Agartz und seine Entlassung bestimmt waren. Nach dem Ausscheiden von Erich Potthoff 1956 leitete Bruno Gleitze, der schon seit 1953 in der erweiterten Institutsleitung vertreten war, bis 1968 das Institut, unterbrochen nur von seiner Berufung zum Wirtschafts- und Verkehrsminister 1966/67 ins nordrhein-westfälischen Kabinett. In dieser Zeit fand eine „Akademisierung“ der Forschung statt, die zu einer gewissen Distanz zum Meinungs- und Willensbildungsprozess innerhalb des DGB führte.9 Noch Anfang der 1960er Jahre wirkte das WWI auf jüngere Wissenschaftler als „eine Ansammlung meist älterer, stets korrekt gekleideter Wissenschaftler, die sorgfältig auf die Abgrenzung ihrer Arbeitsbereiche achteten“.10 Neben der Veröffentlichung von Konjunkturberichten und regelmäßigen Mitteilungen über die Ergebnisse der Tarifverhandlungen, erschienen nun Studien und Arbeitsmaterialien zur Wirtschafts- und Sozialforschung sowie juristische und sozialwissenschaftliche Veröffentlichungen zu Aspekten der Mitbestimmung und Unternehmensverfassung. Dabei war weder das Verhältnis der Forschungsmitarbeiter zu den Gewerkschaftsfunktionären noch das zu den eifersüchtig auf ihre Zuständigkeiten bedachten Einzelgewerkschaften unkompliziert. An „harschen Telefonanrufen“ merkte man sehr schnell, so erinnerte sich der ehemalige WWI-Mitarbeiter Gerhard Leminksy, „ wo die Grenze zwischen wissenschaftlichen Diskussionen und politischen Auseinandersetzungen verlief".11 Nicht selten habe es Misstrauen gegen die als abstrakt empfundenen Forschungsergebnisse gegeben; ebenso unvermittelt sei daneben oft aber auch der unverhohlene Stolz und das große Zutrauen ergrauter Arbeiterfunktionäre zum Ausdruck gekommen, die hofften, mit Hilfe des WWI aus eigener Kraft und mit aus dem eigenen Lager kommenden Fachleuten den Arbeitgebern endlich Paroli bieten zu können.

Der Wandel in der politischen Szenerie der Jahre 1966 und 1969 bestimmte auch die inhaltliche Arbeit des WWI. Neue Schlagworte wie: „Konzertierte Aktion“, „kurz- und mittelfristige Wirtschaftsprojektionen“, „mittelfristige Finanzplanung“, „Sozialbudget“, charakterisierten die neuen Arbeitsinhalte des WWI in der Zeit der Großen Koalition. Reformen in der Gesellschafts- und Sozialpolitik, verbunden mit einem wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel ab 1969 führten zu einen steigenden Beratungsbedarf des DGB und seiner Gewerkschaften bei Strategien zur Umgestaltung der Zukunft.12 Die Umbenennung des Instituts durch das Kuratorium im Jahre 1971 in Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes (WSI), sollte auch nach außen die Erweiterung der Institutsaufgaben vor allem durch die neuen Bereiche Zukunftsforschung und Umweltgestaltung dokumentieren.13

Mit dem Beginn der Beschäftigungskrise in der Mitte der siebziger Jahre, wurden die Forschungsschwerpunkte von tiefgreifenden sozialökonomischen Entwicklungsbrüchen (Arbeitszeitfragen, Mitbestimmung, technischer Wandel) bestimmt. Die entsprechenden Diskussionen und Neuorientierungen der Gewerkschaften zur Massenarbeitslosigkeit und zu Konzepten zur Wiederherstellung der Vollbeschäftigung prägten nachhaltig auch die Arbeiten des WSI.14

In seiner Rede zum 40jährigen Jubiläum des WSI betonte der damalige DGB-Vorsitzende Ernst Breit [Link] in seinem Grundsatzreferat die eminent wichtige Aufgabe des WSI als wissenschaftliche Beratungszentrale der Gewerkschaften vor dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Veränderungen in den letzten Jahren, die auch die Bedingungen der gewerkschaftlichen Politik verändert hatten.

„Das WSI ist um die Anwendung der Ergebnisses seiner Arbeit in gewerkschaftlichem Handeln bemüht und steht in dauerndem Dialog mit allen Zweigen der Wissenschaft, deren Erkenntnisse für Arbeit und Leben der Arbeitnehmer von Interesse sind." 15

Zwei Jahre nach der 40-Jahr- Feier erfolgte begannen einschneidende Veränderung für das Institut. 1988 wurde vom DGB-Bundesvorstand eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit der Zukunft des WSI beschäftigen sollte. Auf der 33. Sitzung des DGB-Bundesvorstands vom 3.10.1989 wurde einstimmig der Beschluss gefasst, die zukünftige Struktur des WSI unter gesellschaftsrechtlichen, organisatorischen, forschungspolitischen und finanziellen Aspekten neu zu gestalten. 16 Mit diesem Beschluss wurde insbesondere auf die Parallelentwicklung von WSI und Hans-Böckler-Stiftung (HBS) in den Bereichen von Forschungs- und Forschungsförderung hingewiesen. Auf einer weiteren Bundesvorstandsitzung am 5.10.1993 wurde eine Kommission von Mitgliedern des Gesellschafterausschusses des Instituts und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung beauftragt, zu prüfen, ob und wie das WSI als besondere Forschungsabteilung innerhalb der HBS eingerichtet werden könne. Das Ergebnis: eine Zusammenführung mit einem personell stark verkleinerten Institut wurde in der Bundesvorstandssitzung vom 1.3.199417 zustimmend zu Kenntnis genommen, womit das WSI zum 1.1.1995 in die HBS überging und gleichzeitig die WSI GmbH in Liquidation eingetreten ist. Damit musste das WWI/WSI kurz vor seinem fünfzigsten Jubiläum seine rechtliche Selbständigkeit aufgeben. Damit endete zugleich ein für die Geschichte der deutschen Gewerkschaften und ihre Selbstverortung innerhalb der wirtschafts- und sozialpolitischen Diskussion außerordentlich interessantes Kapitel.

WWI/WSI-Akten im AdsD

1995 wurde das historische Aktengut des WWI/WSI des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Sicherung und Bereitstellung für die Forschung dem AdsD als Eigentum übergeben. Insgesamt handelt es sich um 167,00 lfm Archivgut (Laufzeit 1946 – 1996). Auch das „DGB-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie“ beinhaltet einen umfangreichen Aktenbestand aus den Gründungsjahren des WWI innerhalb des Bestandes „DGB-Britische Besatzungszone (Bundesvorstand) im Vorstandsbereich Hans Böckler“ sowie im Nachlass Hans Böckler. Für die Zeit bis zur Umgründung des WWI 1954 befinden sich weitere Überlieferungen in den Akten des DGB-Vorsitzenden und den Akten der Bundesvorstandsabteilungen, insbesondere der damaligen Hauptabteilung Wirtschaftspolitik. Für die spätere Zeit sind neben verschiedenen Sachakten (Gegenüberlieferung) die Niederschriften der Sitzungen des Kuratoriums, des Beirats und weiterer Gremien bis zur Eingliederung des WSI in die Hans-Böckler-Stiftung 1995 in den Sekretariate der Geschäftsführenden Bundesvorstandsmitglieder enthalten.

Wichtige Unterlagen enthalten außerdem die Nachlässe der ehemaligen Geschäftsführer Erich Potthoff, Viktor Agartz, Bruno Gleitze und Wolfgang Spieker , die sich gleichfalls im AdsD befinden. Einzelne Materialien finden sich auch in den Nachlässen bzw. Deposita ehemaliger WWI/WSI-Mitarbeiter, z.B. Otto Kunze und Frieda Rössling .

1 Probleme der westdeutschen Wirtschaft. Tätigkeitsbericht des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften Köln für die Geschäftsjahre 1946-1949, hrsg. Bundesvorstand des DGB (britische Besatzungszone), Köln o.J. (1949), hier: Geleitwort von Hans Böckler.

2 Vgl. Protokolle der 1. und 2. Tagung des gewerkschaftlichen Zonenausschusses am 4./5.4.1946 und 30.5./1.6.1946 in DGB-Archiv im AdsD, Bestand DGB-Britische Zone 5/DGAC 1.

3 Hans Willi Weinzen (Hrsg.), Partei, Gewerkschaft und Genossenschaft – Wirtschaftspolitische und andere Schriften von Viktor Agartz, Frankfurt/M. 1985, S. 83.

4 Vgl. Tätigkeitsbericht des WWI 1946-1949, S. 11ff und S. 152.

5 Vgl. WSI-Mitteilungen 3/1986 S. 121.

6 Vgl. Tätigkeitsbericht des WWI 1946-1949, S. 149.

7 Tätigkeitsbericht des WWI 1950 und 1951, S.11.

8 Vgl. Tätigkeitsbericht des WWI 1954 und 1955, S. 9; Heinz Markmann/Wolfgang Spieker (Hrsg.), Wissenschaft für Arbeitnehmer und Gewerkschaften. WSI Sonderband, Köln 1986, S. 10f.

9 Siehe Ebenda

10 Vgl. die Erinnerungen des ehemaligen WWI-Mitarbeiters Gerhard Leminsky in: Magazin Mitbestimmung 05/2004 .

11 Ebenda.

12 Heinz Markmann/Wolfgang Spieker (Hrsg.), Wissenschaft für Arbeitnehmer und Gewerkschaften. WSI Sonderband, Köln 1986, S. 10f. Vgl. auch Tätigkeitsbericht des WWI 1966-1968 Vorwort und des WSI 1969-1971, S. 5ff.

13 Siehe Tätigkeitsberichte des WSI 1969-1971, S. 5ff und 1972-1974, S. 5.

14 Siehe Tätigkeitsbericht des WSI 1982-1985, S. 7f.

15 Rede Ernst Breit zur Arbeitstagung „Perspektiven der Vollbeschäftigung“ anlässlich des 40jährigen Jubiläums des WWI/WSI am 9./10.4.1986, in: DGB-Archiv im AdsD, Bestand DGB-Vorsitzender 5/DGAI 1335.

16 Ebenda, Bestand Vorsitzender, Bundesvorstandssitzungen 5/DGAI 551.

17 Ebenda, Bundesvorstandssitzungen 5/DGAI 2984 und 3004.