Friedhelm Boll

Christel Beilmann (1921 – 2005) – Linkskatholikin und Pazifistin

Die 1921 in Bochum als Tochter eines katholischen Kaufmanns geborene Christine Beilmann, von Freunden meist C.B. genannt, war zwar seit 1970 Mitglied der SPD (mit der sie auch oft hadern konnte), erinnert wird hier jedoch weit mehr an die engagierte Katholikin und Pazifistin und an ihr in ihren späteren Jahren entwickeltes Engagement in der feministischen Bewegung.

Das elterliche Geschäft, ihre engagierte Tätigkeit in der katholischen Jugend ihrer Pfarrgemeinde zwischen 1930 und 1945 sowie das Erleben des Nationalsozialismus haben sie außerordentlich geprägt und ihr weiteres Lebens bestimmt: In der Aufarbeitung dieser Zeit, in der Suche nach Erkenntnis und nach Schlussfolgerungen, die sie in einem kritischen weltoffenen Katholizismus, in der Ostermarschbewegung und in der Versöhnung mit Polen fand, sind die Spuren des NS-Traumas überdeutlich spürbar.

Nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus bedeutete politisches Handeln eine für sie lebensnotwendige Entscheidung. 1947 war sie als Diözesanführerin der katholischen Frauenjugend führend an der Gründung des Bundes der katholischen Jugend der Diözese Paderborn beteiligt. In diesem Kontext trat sie 1948 wie viele junge Katholiken, die sich vom Nationalsozialismus fern gehalten hatten, der CDU bei, verließ diese Partei jedoch bereits 1950 wieder, als deutlich wurde, dass das Ahlener Programm keine tragende Basis dieser angeblich christlichen Partei sein werde. Ebenfalls 1947 war sie an der Gründung der Katholischen Jungen Mannschaft (KJM) beteiligt, in der sich junge Männer und Frauen zusammenfanden, die während der NS-Zeit in Opposition zum Nationalsozialismus gestanden und katholische Jugendarbeit weiterverfolgt hatten. Nicht wenige aus diesem Kreis hatten zu verschiedenen Widerstandsgruppen katholischer Provenienz gehört.

Aufnahme Juli 1991 (Rechte: privat)Ihre kirchen- und katholizismuskritische Haltung rührte nicht zuletzt aus der Erfahrung, dass die katholische Kirche in ihren Augen während des Nationalsozialismus weitgehend versagt hatte. Über die KJM kam Christel Beilmann in Kontakt zu den „Werkheften katholischer Laien“, zu deren Redaktion sie von 1955 bis 1973 gehörte, und deren Entwicklung von einer oppositionellen zu einer linkskatholischen politischen Zeitschrift sie aktiv mitgestaltete. Über diese Zeitschrift und das Wirken Beilmanns schrieb der langjährige Freund und Mitherausgeber Gerd Hischauer: „Deren kritische Arbeit richtete sich u.a. gegen die Machtausübung der katholischen Kirche in der BRD, gegen Verfilzung von Kirche und christlicher Partei, gegen Supervisionsanspruch der Hierarchie über die gesellschaftliche Arbeit der Katholiken. Sie befragten als erste katholische Zeitschrift das Verhältnis der Kirche zum Dritten Reich. In der politischen Arbeit wandten sich die „Werkhefte“ gegen die Wiederbewaffnung, die Atomrüstung, die Notstandsgesetzgebung etc. und setzten sich ein für die Anerkennung der DDR und für die Verständigung mit den Staaten des Ostblocks [...]. “ 1 Von besonderer Bedeutung war das frühe Bekenntnis für die SPD (1957), so dass diese Gruppierung vielfache offene Ausgrenzungen und Anfeindungen von Seiten der Bischöfe und des katholischen Milieus erfahren musste. Zum langsamen Prozess der Auflösung des festgefügten und CDU-hörigen katholischen Milieus, der Öffnung des Katholizismus zu Pluralismus und religiöser Toleranz hat die Arbeit von Christel Beilmann und ihres Kreises enorm beigetragen.

Neben ihrer publizistischen Arbeit in den „Werkheften“ sowie später in der Redaktion der sozialistischen Zeitschrift „links“, setzte sich Christel Beilmann stark für die Aussöhnung mit Polen ein. In dem 1968 mit einem eigenen Memorandum zum deutsch-polnischen Verhältnis hervorgetretenen Bensberger Kreis gehörte sie mehrere Jahre zum Sprecherkreis.

Beruflich war Christel Beilmann von 1951 bis 1985 als leitende Angestellte, Chefin einer Redaktion und eines graphischen Ateliers in einem Druck- und Verlagshaus in Essen tätig.

Ihr stets anregendes kritisches und immer wieder auch selbstkritisches Nachdenken und Urteilen fand seinen überragenden Niederschlag in einem außerordentlichen Buch, das bis heute seines Gleichen sucht. Unter dem Titel: „Eine katholische Jugend in Gottes und dem Dritten Reich. Briefe, Berichte, Gedrucktes 1930-1945, Kommentare 1988/89“ hat sie 1989 alles das zusammengetragen, was ihr Erleben und ihre katholische Jugendarbeit während des Nationalsozialismus ausmachte. Arno Klönne schrieb darüber: „Was mentalitätsgeschichtliche Veröffentlichungen über die jungen Katholiken im Dritten Reich – oder überhaupt über Jugend und Kirchenvolk in der NS-Zeit – angeht, so handelt es sich hier um eine Arbeit und Publikation, die in dieser Dichte des Materials bislang nicht annähernd vorlag.“ 2 Zehn Jahre später erschien ihr Buch „ Eva, Maria, Erdenfrau. Der Verrat an den Frauen durch Kirchen und Theologien“. Darin ging es Christel Beilmann vor allem um „das Selbstverständnis der ‚Erdenfrau’, die zu wissen begehrt, die zur Erkenntnis von Gut und Böse fähig ist, die mit dem Mann gleichwertig und gleichrangig Verantwortung übernimmt für die Erde und die Gesellschaft.“3

Christel Beilmann starb am 22. Mai 2005 in Witten-Herbede.

Ihr schriftlicher Nachlass im Archiv der sozialen Demokratie (5,35 lfm.) Link enthält Unterlagen u.a. zum „Bensberger Kreis", zur „Hochschulinitiative demokratischer Sozialismus", zur Ostermarschbewegung, zur Kommission „SPD und Kirchen" beim SPD-Landesvorstand Nordrhein-Westfalen (1977-1988) und zum „Internationalen Kulturzentrum Aschberg" (1973-1977).


1 Christel Beilmann: Eine katholische Jugend in Gottes und dem Dritten Reich. Briefe, Berichte, Gedrucktes 1930-1945. Kommentare 1988/89. Mit einem Nachwort von Arno Klönne, Wuppertal 1989, S. 391 f.

2 ebenda, S. 393 f.

3 Christel Beilmann: Eva, Maria, Erdenfrau. Der Verrat an den Frauen durch Kirchen und Theologen, Wuppertal 1999, S. 9.