Ilse Fischer
Susanne Miller zum 90. Geburtstag

Prof. Dr. Susanne MillerAm 17. Mai 2005 lud die Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Feier anlässlich des 90. Geburtstags der Historikerin Professor Dr. Susanne Miller ein. Nach der Begrüßung durch Dr. Roland Schmidt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES, und den Ausführungen des SPD-Parteivorsitzenden Franz Müntefering machten Dr. Rene Saran Branton (London), Prof. Dr. Thomas Meyer, Dr. Sabine Lemke-Müller, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Prof. Dr. Feliks Tych (Warschau) und Prof. Dr. Dieter Dowe in ihren Beiträgen deutlich, dass Geschichte und vor allem die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung, für Susanne Miller stets mehr als eine akademische Fachwissenschaft war. Ob sie sich als junges Mädchen an den Hilfsaktionen für die Opfer des Februaraufstandes 1934 in Wien beteiligte, im Exil in England durch ihre Arbeit in einem vegetarischen Restaurant den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und seine Arbeit gegen den Nationalsozialismus unterstützte oder als Protokollantin der Programmkommission die entscheidenden Vorarbeiten zum Godesberger Programm der SPD begleitete – als „Zeitzeugin“, politisch Handelnde und später als eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung – von Anfang an stand hinter ihrem politischen und wissenschaftlichen Engagement eine ethische und politische Grundsatzentscheidung.

von links: Prof. Dr. Dieter Dowe, Franz Müntefering, Prof. Dr. Susanne Miller, Dr. Rene Saran BrantonAm 14. Mai 1915 in Sofia als Tochter einer bürgerlichen Familie jüdischen Ursprungs geboren, wuchs Susanne Miller zunächst in Wien auf, wo sie das humanistische Gymnasium besuchte. Von den konservativen Einflüssen ihrer frühen Jugend löste sie sich jedoch bald und ging eigene Wege. Was sich ihr in den Jugendjahren nachhaltig einprägte, war die Not auf den Straßen Wiens nach dem Ersten Weltkrieg, wo Schlangen von Bedürftigen um eine warme Suppe anstanden. Als die Familie später für einige Jahre nach Sofia übersiedelte, wo Susanne Miller ab 1929 das deutsche Gymnasium besuchte, kam sie in Kontakt mit politisch links stehende Persönlichkeiten, die sie beeindruckten. Durch einen ihrer Lehrer lernte sie Schriften des Göttinger Philosophen Leonard Nelson kennen, der in der Tradition der kritischen Theorie Kants stand, für einen ethisch fundierten Sozialismus eintrat und 1926 den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) gegründet hatte. Nach dem Abitur begann Susanne Miller mit dem Studium der Anglistik, Geschichte und Philosophie in Wien. Dort erlebte sie im Februar 1934 den Arbeiteraufstand gegen das klerikal-faschistische Regiment der Regierung Dollfuß und seine blutige Niederschlagung. Als anschließend Mitglieder der Kinder- und Jugendorganisationen der österreichischen Sozialdemokratie Spenden der Quäker aus USA und England an die Opfer der Februarereignisse verteilten, gehörte Susanne Miller zum Kreis der Helfer. Im Kontakt mit den Arbeiterfamilien begegnete sie jenem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Sozialdemokratie, das Otto Bauer mit den Worten „Heimat und Vaterhaus“ umschrieben hat.

Dr. Rene Saran BrantonZur Ergänzung ihrer Studien ging Susanne Miller für einige Monate als Au-pair-Mädchen in eine Wohlfahrtseinrichtung nach England und lernte in den Slumvierteln von London das Elend der englischen Proletarier kennen. Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich im März 1938 kehrte sie nicht mehr nach Wien zurück. Sie nahm Verbindung mit englischen Sozialisten auf und schloss sich ISK-Mitgliedern an, die als Emigranten in Großbritannien lebten. Für ihren Lebensunterhalt und um zum Kampf gegen Hitler-Deutschland beizutragen, arbeitete sie in einem vegetarischen Restaurant, dessen Erträge der Widerstandstätigkeit des ISK zugute kamen. Während der Kriegsjahre lebte sie in London bzw. in einer Vorstadt von London, wo ISK-Mitglieder eine eigene Wohngemeinschaft bildeten. In der Erinnerung an diese Jahre in England während des „Blitzkrieges“ und der angedrohten deutschen Invasion empfindet sie noch heute „große Dankbarkeit, weil es mir vergönnt war, in dieser Zeit [...] dort leben zu dürfen und weil ich voller Bewunderung und Respekt für die britische Bevölkerung bin, vor allem für die Einwohner Londons.“ 1

von links: Dr. Rene Saran Branton, Prof. Dr. Susanne Miller, Prof. Dr. Feliks TychZu den bleibenden Eindrücken der Londoner Zeit gehörten für sie die Begegnungen mit politischen Emigranten aus verschiedenen Ländern, die in London zu einer Art „Sozialistischer Internationale“ zusammenfanden. Dazu zählten auch Mitglieder des Jüdischen Bundes, Überlebende des Warschauer Ghetto-Aufstandes. Für die Erinnerung an diese existierende Organisation und an zwei ihrer Vertreter, Viktor Alter und Henryk Ehrlich, die in der Sowjetunion ermordet wurden, setzte sich Susanne Miller Jahrzehnte später noch einmal besonders ein: Sie unterstützte den Ausbau des Lesesaals im Warschauer Institut für die Geschichte der Juden in Polen und ließ ein Gedenkplakette für die beiden Bundisten anbringen. In den Diskussionen in London mit deutschen Sozialisten verschiedener Gruppen, in Kontakten mit britischen Sozialisten und Gewerkschaftern entstanden Konzepte für den politischen und gesellschaftlichen Neuaufbau Deutschlands nach dem Krieg. Susanne Miller beteiligte sich an dieser Diskussion, redigierte und übersetzte in den letzten Kriegsjahren als Mitarbeiterin und spätere Lebensgefährtin von Willi Eichler, dem Leiter der Londoner ISK-Gruppe, die von ihm herausgegebenen Mitteilungsblätter und Schriften. Der ISK hatte sich bei Kriegsende selbst aufgelöst, die meisten seiner früheren Mitglieder schlossen sich der SPD an – so auch Susanne Miller und Willi Eichler. Beide übersiedelten 1946 nach Köln, wo Eichler zum Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ berufen wurde. Für Susanne Miller begann nun in der SPD eine intensive politische Tätigkeit. Sie wurde Mitglied im Vorstand des SPD-Bezirks Mittelrhein und im Bundesfrauenausschuss der SPD. Im Dreiländereck um Aachen veranstaltete sie internationale Frauentreffen, bei denen sie als Vorsitzende, Referentin und Übersetzerin tätig war. Auch in der sozialistischen Bildungsarbeit engagierte sie sich.

Erste Reihe Mitte: Dr. Roland Schmidt, Franz Müntefering, Prof. Dr. Susanne Miller, Feliks Tych (v.l.n.r.)Nach der Wahl Willi Eichlers zum besoldeten Mitglied des SPD-Parteivorstandes zog Susanne Miller mit ihrem Mann nach Bonn, wo sie in der „SPD-Baracke“ als Angestellte des Parteivorstandes und Mitarbeiterin Willi Eichlers tätig war. Zum „Hauptprojekt“ wurde Mitte der fünfziger Jahre die Arbeit am neuen Parteiprogramm. Willi Eichler war auf dem SPD-Parteitag 1954 zum Vorsitzenden der Programmkommission gewählt worden. Als Protokollantin dieser Kommission nahm Susanne Miller an jenem Diskussionsprozess teil, der in der SPD schließlich zur Abkehr von tradierten Denkweisen und zur Hinwendung zu neuen politischen Zukunftsmodellen führte. Diese Aufgabe endete 1959 mit der Verabschiedung des Godesberger Programms der SPD und – so schrieb Susanne Miller später – , „zum erstenmal in meinem Leben dachte ich daran, etwas zu tun, woran ich ein unmittelbares persönliches Interesse hatte: weiter Geschichte zu studieren.“2

Als Susanne Miller mit 45 Jahren ihr Studium wieder aufnahm, stand für sie von Anfang an fest, dass sie durch eigene wissenschaftlichen Forschung auf einem Gebiet arbeiten wollte, das in der Geschichtsschreibung jener Zeit völlig vernachlässigt war: die Programmatik der frühen Sozialdemokratie. 1963 promovierte sie in Bonn bei Karl-Dietrich Bracher. Ihre Dissertation, die unter dem Titel: „Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie von Lassalle bis zum Revisionismusstreit“3 erschien, wurde bald zu einem „Klassiker“ der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung. Eine ähnliche Wirkungsgeschichte war dem zuerst 1974 erschienenen, mit Heinrich Potthoff verfassten Band „Kleine Geschichte der SPD“ beschieden, der zahlreiche Ergänzungen und Neuauflagen erlebte. Susanne Miller wurde Mitarbeiterin bei der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, veröffentlichte Editionen und Monographien („Burgfrieden und Klassenkampf“, 1974; „Die Bürde der Macht“, 1978) und publizierte in den folgenden Jahren eine Fülle von Beiträgen und Untersuchungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Bei diesen Forschungen ging es ihr um Schlüsselfragen in der Geschichte der SPD und der deutschen Geschichte: das Verhältnis von marxistischer Theorie und politischer Praxis, die Rolle der Sozialdemokraten im Ersten Weltkrieg, die Parteispaltung, die Revolution von 1918 und die Anfänge der Weimarer Republik, aber auch immer wieder um den Spielraum und die Verantwortung der einzelnen Persönlichkeit in der Politik. Viele der von ihr verfassten Artikel und Beiträge beschäftigen sich mit der Arbeit und dem Schicksal von politischen Freunden im Widerstand und der Emigrationszeit.4 Dem Denken und den ethischen Grundlagen des Nelson-Kreises fühlte sich Susanne Miller weiterhin verpflichtet. „Man mag es im Rückblick erstaunlich finden, aber nie in meinem ganzen Leben habe ich auch nur erwogen, mich aus diesem Kreis zurückzuziehen oder gar mit ihm zu brechen“, schrieb sie in ihren Erinnerungen.5 Von 1982 bis 1990 übernahm sie den Vorsitz der Philosophisch-Politischen Akademie, der einzigen der von Leonard Nelson initiierten Gründungen, die nach dem Krieg neu belebt wurde.

 Prof. Dr. Susanne Miller, Dr. Rene Saran BrantonAuf Vorschlag von Peter Glotz berief der SPD-Parteivorstand 1981 Susanne Miller zur Vorsitzenden der Historischen Kommission der SPD, ein Amt, das sie bis 1989 ausübte. Dieses Gremium, das in Publikationen und großen Diskussionsforen historische Streitfragen aufgriff, stieß innerhalb und außerhalb der Partei zunehmend auf Resonanz. Als Mitglied der Grundwertekommission der SPD nahm Susanne Miller auch an den Gesprächen mit Angehörigen der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und den Beratungen des SPD-SED-Papiers teil, weil sie hoffte, dass oppositionelle DDR-Bürger mit einem offiziell gebilligten Papier eine Grundlage erhalten würden, auf die sie sich berufen könnten. Der Versuch scheiterte jedoch an den politischen Gremien der DDR. Susanne Miller betrachtete sich stets als „Antikommunistin“. Für sie war die Arbeiterbewegung Lebensinhalt, und die Kommunisten hatten sich, wie sie es ausdrückte, am „Nerv“ dieses Lebensinhalts versündigt.6 Ihr Interesse galt dem Dialog mit Wissenschaftlern und anderen Vertretern osteuropäischer Länder. Eines jener Projekte, an denen sie von Anfang an maßgeblich beteiligt war, ist die ITH-Konferenz in Linz/Österreich. Auf der „Internationalen Konferenz der Historiker der Arbeiterbewegung“, wie sie sich damals nannte, trafen sich ab 1964 Historikerinnen und Historiker von diesseits und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ – Treffen, auf denen es zu lebhaften Auseinandersetzungen über politische Ereignisse in der Vergangenheit und der Gegenwart kam.

Mit 81 Jahren übernahm Susanne Miller 1996 noch einmal eine neue Funktion: Nach dem Tod von Heinz Putzrath trat sie dessen Nachfolge im Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS) an. Sie trug wesentlich dazu bei, dass in den folgenden Jahren die NS-Verfolgten und die Verfolgten des DDR-Regimes eine gemeinsame Arbeit anstrebten.

Besonders eng ist Susanne Miller seit Jahrzehnten mit der Friedrich-Ebert-Stiftung verbunden. Sie leitete Seminare, war Referentin bei Veranstaltungen und übernahm Reisen für die FES. Bis 1999 war sie Vertrauensdozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung und gehörte mehr als zwei Jahrzehnte dem Auswahlausschuss der Studienförderung an. Noch heute nimmt sie – Historikerin der Zeitgeschichte und Zeitzeugin in einer Person – an Seminaren für Stipendiaten teil. „Glaubwürdiges Engagement in der Sache und echte persönliche Anteilnahme, sorgfältige Recherche und behutsam abwägendes Urteil, die klare Sprache – das ist es, womit sie Einfluss und Eindruck gerade auf junge Leute ausübt“ – so charakterisierte Willy Brandt vor zwanzig Jahren ihr Wirken. Auch die Arbeit des Archivs der sozialen Demokratie hat sie über Jahrzehnte hinweg durch ihren Rat, durch wichtige Hinweise beim Erwerb von Archivalien und die Vermittlung von Kontakten unterstützt. Im AdsD befinden sich heute nicht nur der Nachlass Willi Eichlers und Susanne Millers Unterlagen aus ihrer eigenen politischen und wissenschaftlichen Arbeit sowie die Korrespondenz mit ihren Freunden – Bestände, die beide erst vor kurzem noch durch weitere Materialien ergänzt wurden; dank ihrer Vermittlung werden hier auch das ISK-Archiv und die Nachlässe zahlreicher ISK-Mitglieder aufbewahrt.

Das Zusammenbringen von Menschen mit gemeinsamen Zielen, ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, der Einsatz für Ideen und Institutionen gehört ganz wesentlich zum Leben von Susanne Miller. Mit neunzig Jahren, fast erblindet, hielt sie mit Hilfe von Antje Dertinger ihre Erinnerungen fest und zog daraus die Bilanz: „So würde ich noch einmal leben“.

Fußnote 1: Vgl. „So würde ich noch einmal leben“. Erinnerungen von Susanne Miller. Aufgezeichnet und eingeleitet von Antje Dertinger, Bonn, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH, 2005, S. 73. Zurück

Fußnote 2: „So würde ich noch einmal leben“, S. 145. Zurück

Fußnote 3: Susanne Miller: „Das Problem der Freiheit im Sozialismus. Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie von Lassalle bis zum Revisionismusstreit“, Frankfurt a. M. 1964. Zurück

Fußnote 4: Vgl. z.B. die Themen in dem Band: Susanne Miller. Sozialdemokratie als Lebenssinn. Aufsätze zur Geschichte und Gegenwart der SPD. Zum 80. Geburtstag herausgegeben von Bernd Faulenbauch, Bonn 1995. Zurück

Fußnote 5: „So würde ich noch einmal leben“, S. 49. Zurück

Fußnote 6: „So würde ich noch einmal leben“, S. 179. Zurück