Gabriele Lutterbeck

Bestände und ihre Geschichte: Das Fotoarchiv des „Berliner Telegraf“(I)

Noch bis in die achtziger Jahren hinein wurden vom Archiv der sozialen Demokratie nicht selten ganze Archive einzelner Organisationen oder Institutionen in letzter Minute vor der Vernichtung bewahrt. Dies gilt auch für das Archiv der SPD-nahen Berliner Tageszeitung „Telegraf“. Es bestand nicht nur aus einer umfangreichen Zeitungsausschnittsammlung (vgl. „Archiv-Nachrichten", Nr. 1, 1. Februar 2005), sondern enthielt auch eine ungewöhnlich reichhaltige Fotosammlung. Wie die Presseausschnitte, so bezieht sich auch der größte Teil der ca. 130.000 Fotos primär auf Berliner Themen. Die Aufnahmen stellen damit eine wahre Fundgrube für die lokalgeschichtliche Forschung dar, dokumentieren aber zugleich – von der Luftbrücke bis zum Mauerbau – markante Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Da den wenigsten Benutzern unseres Archivs bekannt sein wird, dass sich dieser vielfältige und materialreiche Bestand im AdsD befindet, möchten wir zunächst in dieser und einer der nächsten Ausgaben der „Archiv-Nachrichten“ einige ausgewählte Beispiele aus dem ehemaligen Fotoarchiv des „Telegraf“ vorstellen. Hierzu vorab ein kurzer Überblick:

Arno Scholz, Arthur Werner und William H. Bishop bei der Lizenzvergabe für den TelegrafDie Lizenz für die Zeitung wurde vom damals 42jährigen Journalisten Arno Scholz Link aus Berlin-Wilmersdorf bei der britischen Militärregierung beantragt und von General William Alexander Bishop am 15. März 1946 überreicht. Scholz, vor 1933 Redakteur der Hannoverschen SPD-Zeitung "Volkswille", teilte sich die Lizenz mit dem ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe Link Foto und Annedore Leber Foto, der Witwe des von den Nationalsozialisten ermordeten Widerstandskämpfers Julius Leber. Bei der Gründung des „Telegraf“, dessen erste Nummer am 22. März 1946 erschien, konnte Scholz Mitarbeiter, Räumlichkeiten, die Druckerei, das Papierkontingent und das Vertriebsnetz des britischen Nachrichtenblattes "Der Berliner" übernehmen, dessen deutscher Geschäftsführer er gewesen war.
Die Auflagenhöhe des „Telegraf“ stieg schon im ersten Jahr von 150.000 Exemplaren auf ca. 550.000.1 Dieser Erfolg veranlasste Arno Scholz, den Zeitungsverlag zielstrebig zu einem Pressekonzern auszubauen, der bald über entsprechenden Einfluss in der Medienlandschaft Berlins verfügte. Vor allem in den Anfangsjahren war die Zeitung Berlin-Blockade, Luftbrücke. Kinder auf einem Feld vor dem Flugplatz Tempelhof, in Erwartung von Schokolade, 1948durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: Scholz wollte aus dem Zeitungsbetrieb, der schon ein Jahr nach der Gründung 702 Mitarbeiter beschäftigte, einen „sozialistischen“ Betrieb mit vorbildlichen Sozialleistungen machen.2 Dafür bot die „Telegraf“-Verlagsgesellschaft ihren Beschäftigten zahlreiche Sonderleistungen und Vergünstigungen – wobei dies natürlich nicht zuletzt auch im Hinblick auf den effizienten Arbeitseinsatz der Angestellten und Arbeiter geschah, denn die Organisation des täglichen Lebens erforderte im zerstörten Berlin einen hohen Zeitaufwand. „Wenn einer zum Zahnarzt gehen musste, blieb er einen dreiviertel Tag weg. Ein anderer kam nicht, weil er keine Schuhe hatte. Frauen blieben von der Arbeit fern, weil plötzlich die Nachbarin nicht bereit war, auf die Kinder aufzupassen“, erinnerte sich Arno Scholz später.3 So befanden sich bald alle Angebote, vom Kindergarten und Betriebsarzt bis hin zum eigenen Friseur und zur Schuhmacherwerkstatt innerhalb des Verlags. Das Essen in der Kantine war in den ersten Jahren kostenlos – ein in der Nachkriegszeit nicht zu unterschätzendes Angebot. Wert wurde auch auf eine intensive Förderung des journalistischen Nachwuchses und die betriebsinterne Fortbildung der Mitarbeiter gelegt. Diese besonderen Konditionen mussten allerdings während der Blockade nach und nach eingeschränkt werden, auch die Lichtmasten werden während der Häusersprengungen entfernt und später wieder eingesetzt, 1949Betonung der „sozialistischen“ Einstellung in den publizistischen Selbstdarstellungen der Zeitung trat mit der Zeit in den Hintergrund.4
Was besonders zum Erfolg des „Telegraf“ beitrug: auch nach außen hin wirkte die Zeitung durch zahlreiche soziale Hilfsaktionen und einen besonderen Service für die Berliner Bevölkerung. So wurden, um mehr Leser an die Zeitung zu binden, beispielsweise öffentliche Diskussionsveranstaltungen durchgeführt oder im Winter 1946/47 der Berliner Zoo-Bunker als Wärmehalle vor allem für hilflose alte und gebrechliche Menschen hergerichtet, die Mitarbeiter und freiwillige Helfer zuvor zum Teil in letzter Minute aus ihren ungeheizten Wohnungen geholt hatten. Berühmt wurden Aktionen wie etwa die „Hilfe von Mensch zu Mensch“, die starken Widerhall in der Leserschaft fand. Alltagsprobleme und seelische Nöte wurden gleichermaßen ernst genommen. Berühmt war die Leserbriefabteilung des Telegraf und seine eigene Einstellung der Strom- und Wasserlieferungen an die Westsektoren durch den ostberliner Stadtsowjet, 1950Sozialbetreuungsstelle. Dies alles wurde natürlich höchst publikumswirksam inszeniert. Auf diese Weise entstand überaus anschauliches und unter sozialgeschichtlichen Aspekten interessantes Bildmaterial zur Nachkriegssituation in Berlin.
Vor allem aber spielte der „Telegraf“ natürlich in der politischen Diskussion und Meinungsbildung eine wichtige Rolle in der Stadt. Die Erfolge der Anfangszeit wurden allerdings während der Berlin-Blockade unterbrochen. Papier- und Rohstoffmangel in den Westsektoren und die allgemeine Notlage der Westberliner Bevölkerung erschwerten die Situation für den „Telegraf“ ebenso wie der Berliner „Zeitungskrieg“ im Herbst 1948 und der enorme Druck zur Verhinderung des Verkaufs von lizenzierten Westzeitungen im Ostsektor. Der „Telegraf“ und sein Herausgeber und Chefredakteur Arno Scholz, ein engagierter Gegner der Zwangsvereinigung von SPD und KPD, sah es von Anfang an als seine Aufgabe an, in den Osten Berlins und in die sowjetische Zone bzw. in die DDR hinein politisch zu wirken. Dafür wurde im Sommer 1948 eine eigene „Ostzonenredaktion“ eingerichtet, die ab September den „Kleinen Telegraf“ im DIN A5-Format herausgab (ab 1951 „Telegraf-Wochenspiegel“). Foto Seit Anfang der 1950er Jahre wurden auch Tarnausgaben produziert und illegal in die DDR eingeschleust. Die Herstellung und die Verteilung (für die Beteiligten im Hinblick auf zahlreiche Verhaftungen und Verschleppungen ein gefährliches Unternehmen) wurden vom Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen finanziell unterstützt.5
Berliner Kinder spielen unter Aufsicht einer Pflegerin in einer Wärmehalle, 1947Nachdem der zum Springer-Konzern zählende Ullstein Verlag ab 1952 mit der "Berliner Morgenpost" und der "BZ" viele Berliner Zeitungsleser gewinnen konnte und der Sender Freies Berlin mit dem Werbefernsehen und der Lokalberichterstattung begonnen hatte, musste der "Telegraf" hohe Auflageneinbußen hinnehmen. Auch der Bau der Berliner Mauer 1961 schadete der Zeitung. Sie verlor u.a. die Ostpendler unter ihren Lesern. Auch offene oder versteckte Subventionierungen halfen nicht weiter. Der „Telegraf“, der jahrelang an vorderster Front im „Kalten Krieg“ gestanden hatte, unterstützte ab 1969 die neue Ostpolitik der Sozialliberalen Koalition und verlor ausgerechnet durch diesen Schritt weitere Leser. 1971 erlebte die Zeitung noch ihr 25jähriges Jubiläum. Nach dem Tod von Arno Scholz im gleichen Jahr übernahm die SPD-eigene Deutsche Verlags- und Druck-GmbH die Mehrheit der Geschäftsanteile, was eine weitere Steigerung des Defizits nicht verhindern konnte. Am 30. Juni 1972 wurde die Zeitung endgültig eingestellt.6,7

Arno Scholz hatte frühzeitig den Wert eines umfassenden Archivs erkannt. „Als der ‚Telegraf’ seine Arbeit begann, ging ich daran, ein Wort- und Arno Scholz und Paul Löbe, Sylvester 1953Bildarchiv und eine Bibliothek aufzubauen“, schrieb er rückblickend. Der „Telegraf“-Verlag kaufte, was im zerstörten Berlin überhaupt zu bekommen war: NS-Literatur, um die Vergangenheit zu dokumentieren, ebenso wie Unterlagen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, Dokumente aus Privatbesitz, Atlanten und alte Zeitungsbände. Vor allem aber wurde ein eigenes großes Presseausschnittarchiv aufgebaut. Der Redaktionssekretär Georg Mischke berichtete: „Auf alten Briefdurchschlägen wurden die angestrichenen Ausschnitte geklebt und in die oft nicht gerade sauberen Ordner eingehängt. Der Leim war in dieser Zeit recht schlecht und außerdem nur sehr schwer zu beschaffen. An kalten und regnerischen Tagen saßen die Angestellten im Mantel an ihren Plätzen, schnitten, klebten und hingen mit klammen Fingern die Blätter in die windschiefen Ordner ein.“8 1956 umfasste das Ausschnitt-Archiv bereits 2000 Ordner mit über 2 Millionen Ausschnitten.9 Der heute im AdsD erhaltene Bestand hat einen Umfang von ca. 230 laufenden Metern. Link

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Arno Scholz durch Willy Brandt, 1964Auch das Fotoarchiv wuchs entsprechend. Schon ein Jahr nach der Gründung sollen dort „Fotos fast sämtlicher lebender Politiker“ zu finden gewesen sein sowie auch umfangreiches zeitgeschichtliches Dokumentationsmaterial.10 Neben den Fotos zu einzelnen Personen reicht das inhaltliche Spektrum des heute im AdsD aufbewahrten ehemaligen Fotoarchivs des „Telegraf“ von Bilddokumenten zur Bundespolitik, zu Finanz-, Land- und Forstwirtschaftsfragen, Verkehr, Wirtschaft, Justiz, Gesundheits- und Sozialpolitik bis hin zu den umfangreichen Berlin-spezifischen Beständen, von denen ein Teil bereits digitalisiert ist. Besonders reichhaltig ist das Bildmaterial zum 17. Juni 1953, zur Luftbrücke oder zum Mauerbau. Doch auch beispielsweise das Leben in den Berliner Besatzungszonen mit ihren jeweiligen sozialen Besonderheiten, die Versorgungslage, Feierlichkeiten in der Stadt oder besondere Anlässe politischer oder kultureller Art sind lebendig und höchst anschaulich dokumentiert. Zu den bis jetzt „ungehobenen“ Schätzen zählt das Auslandsfotoarchiv des „Telegraf“, das Bildmaterial aus aller Welt enthält. Für den größten Teil der „Telegraf“-Fotos besitzt das Archiv der sozialen Demokratie die Rechte, so dass sowohl der Zugang wie auch die Verwertung für den Benutzer relativ einfach zu regeln ist.

An dieser Stelle möchten wir auch auf kleinere „Internet-Ausstellungen“ hinweisen, die wir im Rahmen unseres Bildungsauftrages als Arbeitshilfe zum Teil als kostenloses Download-Angebot auf unserer Website www.fes.de Link eingestellt haben.


1 Vgl. die Angaben bei Günther Rudolf: Presseanalyse und zeitgeschichtliche Forschung. Telegraf und WAZ zur Berlin-Krise 1948/49,
Pullach bei München, S. 24, und Klaus Körner: „Berlin bleibt frei“. Arno Scholz und der Telegraf, in: Berlinische Monatsschrift, 6, 1997, S. 42. Link
2 Vgl. Arno Scholz: Ein Jahr Telegraf. 22. März 1947, [Berlin 1947], S. 18.
3 Vgl. Arno Scholz: nullvier. ein jahrgang zwischen den fronten, Berlin-Grunewald 1962, S. 332.
4 Vgl. Günther Rudolf: Presseanalyse und zeitgeschichtliche Forschung, Pullach bei München 1972, S. 21.
5 Vgl. Susanne Grebner: Der Telegraf. Entstehung einer SPD-nahen Lizenzzeitung in Berlin 1946 bis 1950, Münster 2002, S. 272 – 276.
6 Vgl. Klaus Körner: „Berlin bleibt frei“. Arno Scholz und der Telegraf, in: Berlinische Monatsschrift, 6, 1997, 47 f.
7 Vgl. SPD-Pressdienst vom 29. Juni 1972, Link
8 10 Jahre Telegraf. Vom Werden und Wirken einer Berliner Zeitung 1946 – 1956, [Berlin 1956], S. 122.
9 Vgl. 10 Jahre Telegraf. Vom Werden und Wirken einer Berliner Zeitung 1946 – 1956, [Berlin 1956], S. 116.
10 Arno Scholz: Ein Jahr Telegraf. 22. März 1947, Berlin 1947, S. 10.