Horst-Peter Schulz
Die Zeitungsausschnittsammlungen im Archiv der sozialen Demokratie - eine unterschätzte Quelle

Die fast 1.500 laufende Meter (lfm.) umfassenden Zeitungsausschnittsammlungen im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) wurden und werden oft in ihrer Bedeutung für die historische Forschung unterschätzt, doch zunehmend wird ihr Quellenwert von der Geschichtsschreibung erkannt und gewürdigt. Fast vorbei sind die Zeiten, dass Forscher nur widerwillig und naserümpfend der Empfehlung des Archivars folgen, auch einen Blick in die Zeitungsausschnittsammlung zu werfen, um dann nach kurzer Zeit erstaunt zu äußern: "Ja, wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mir monatelanges Recherchieren ersparen können!" Kaum ein anderer Bestand ermöglicht einen so raschen Zugriff auf authentische Nachrichten und Kommentare zum Zeitgeschehen, kaum ein anderer Bestand dokumentiert so deutlich die Meinungsvielfalt der zeitgenössischen Gesellschaft. Jede wissenschaftliche Arbeit ist letztlich das Ergebnis einer individuellen und retrospektiven Sichtweise, die Zeitungsausschnittsammlung dagegen versetzt unmittelbar in die jeweilige Zeit und gibt das pluralistische Meinungsspektrum von damals zeitgenau wieder.

Die Zeitungsausschnittsammlungen im AdsD wurden vom Pressearchiv des SPD-Parteivorstandes ab 1945 bis heute für die aktuelle politische Arbeit angelegt und uns sukzessive übergeben (derzeitiger Stand: bis 1996). Ausgewertet werden alle bedeutenderen Zeitungen und Zeitschriften, hinzu kommen eine Vielzahl themenbezogener Verlautbarungen und, seit geraumer Zeit, auch "Tickermeldungen" der Presse-Agenturen. Die Ablage erfolgt nach einer Grundsystematik, die jeweils wiederum nach Sachthemen/Schlagworten untergliedert ist; innerhalb dieser Kategorien herrscht eine chronologische Ordnung. Die Ordnungsschemata der Sammlungen entsprechen im Prinzip einem vorab fixierten Aktenplan. Die der ersten beiden Sammlungen (1945 - 1958 und 1959 - 1972) waren praktisch kaum mehr erweiterbar, so dass beim Erscheinen einer neuen Begrifflichkeit diese nur sehr schwer erfasst werden konnte. So mangelte es der damaligen Generation z. B. an "Umweltbewusstsein", und entsprechend fehlte der Begriff "Umwelt" bei den Sachthemen bzw. Schlagworten. Für die frühere Zeit muss er heute mit seinen vielen Ableitungen mühselig unter "Industrie", "Wasser", "Energie", "Arbeit" etc. ermittelt werden. Aber auch dies entspricht dem oben erwähnten Zeitgeist. Die 3. Zeitungsausschnittsammlung (ab 1973 bis heute) dagegen ist problemlos erweiterbar, d. h. neu aufgetretene Begrifflichkeiten können mühelos eingeführt werden: Jede Obergruppe ist alphabetisch nach Schlagworten unterteilt, die nach aktuellem Bedarf ergänzt werden können, ohne das System zu "stören". Natürlich kann dabei der vorhergehende Zeitraum nicht berücksichtigt werden, aber allein die Tatsache, das der jeweilige Einführungszeitpunkt angegeben wird, ist äußerst hilfreich. Neu an diesem System ist auch, dass alle Sachthemen unter Berücksichtigung der Position der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen erschlossen sind. Ebenfalls eingeführt wurde die Sammlung von zentralen Dokumenten, Buchhinweisen, Zeitschriftenbeiträgen, Chroniken und Anzeigen. Alle drei Dokumentationen werden generell ergänzt durch eine Länderablage (national und international), ferner wird nach internationalen und Weltereignissen abgelegt, allerdings sind auch diese Ablagen abhängig von der jeweils gehandhabten Systematik.

Auch Veränderungen in der Presselandschaft können zu Problemen führen: So fragte z. B. eine junge Benutzerin unlängst mehr als verwundert, wieso Willy Brandt überhaupt bereit gewesen sei, einem bestimmten Blatt ein Interview zu geben. Sie verstand dies erst, als ihr gesagt wurde, dass diese Zeitschrift früher ein ausgesprochen reputierliches und seriöses Organ gewesen sei. Eine Voraussetzung für die kritische Nutzung dieser Sammlungen besteht daher nicht nur in der Kenntnis der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Positionierung des Presseorgans, sondern auch in seinen Wandlungen im Laufe der Zeit.

Abgesehen von der Zeitnähe dieser Sammlungen sind auch Informationsdichte und -gehalt der Pressemeldungen nicht zu unterschätzen. Nicht selten findet man in einer "klassischen" Quelle wie z. B. einem Präsidiumsprotokoll einen wichtigen Vorgang nur mit einer Zeile gewürdigt, während die Zeitung ausführlich auf einer halben Seite berichtet.
Apropos "klassisch": Die Ablage der herkömmlichen Zeitungsausschnittsammlungen machte es in der Regel notwendig, dass ein Artikel mehrmals kopiert werden musste, um ihn unter verschiedenen Sachthemen (und auch verschiedenen Personen) ablegen zu können. Ende des letzten Jahrhunderts hat aber auch hier die Datenverarbeitung Einzug gehalten: Es wird zukünftig nicht mehr von Papier auf Papier kopiert und dann entsprechend abgelegt, sondern virtuell kopiert und ebenso abgelegt mit dem Verweis auf den jeweiligen Original-Zeitungsausschnitt. Und in dieser virtuellen Ablage kann dann recherchiert werden, sogar auf Volltextbasis. Ins Archiv kommen dann nur noch 10 - 20 % der früheren Papiermenge, nämlich die eben erwähnten Originalausschnitte. Die Regelung des elektronischen Zugriffs für den "Normalbenutzer" im Internet ist allerdings noch offen - für diesen Zugang müssen vor allem rechtliche Fragen geklärt werden. Momentan ist dies für die Zeit ab 1999 nur über das Pressearchiv des SPD-Vorstandes (Politisches Archiv, SPD-Parteivorstand) möglich.

Ergänzend zu diesen oben beschriebenen Zeitungsausschnittsammlungen bestehen Sondersammlungen (auf der gleichen Quellenbasis) für: Organisationen (ORG), Internationale Organisationen (INTERORG), Medien (MED) und, seit 1972 ff., auch für Karikaturen (KAR). In den 1980er Jahren konnte quasi in letzter Minute die Zeitungsausschnittsammlung des "Telegraf", der ehemaligen Berliner SPD-nahen Zeitung, gerettet und in unser Archiv gebracht werden. Im Gegensatz zu den anderen Sammlungen sind in dieser nur Artikel des "Telegraf" gesammelt und nach einem sehr fein gegliederten (und daher auch entsprechend komplizierten) System abgelegt. Naturgemäß ist diese Dokumentation mit ihren immerhin 200 lfm. primär auf Berliner Ereignisse abgestellt und daher eine wahre Fundgrube für die lokalgeschichtliche Forschung.

Parallel zu all diesen Sammlungen existiert noch die "Sammlung Personalia" mit einem stattlichen Umfang von zur Zeit 900 lfm. Hier sind Zeitungsartikel und andere Informationen von und über Personen des öffentlichen Lebens gesammelt. Darin eingearbeitet ist die entsprechende Sammlung des "Telegraf", die seinerzeit mehr unter journalistischen Aspekten angelegt wurde, d.h. der Maßstab war eher auf das "öffentliche Interesse" ausgerichtet. (Diesen Bestand jedoch zu bereinigen und die "Spreu vom Weizen" zu scheiden ist kaum möglich und auch nicht sinnvoll, denn der "Fassadenkletterer von Neukölln" könnte sich ja später einmal zum Greenpeace-Aktivisten entwickeln und die ehemalige Eisprinzessin ihr Herz für Straßenkinder entdecken.)

Allen diesen Sammlungen ist leider eines gemein: Das Problem der Haltbarkeit. Ursprünglich eher für den Tagesbedarf und kaum unter archivarischen Aspekten angelegt, achtete man in früheren Jahren weder auf das Papier noch auf den Klebstoff. Die Zeitungsausschnitte wurden vornehmlich auf rückseitig bedrucktes Abzugspapier ("Saugpost") oder, in späteren Jahren, auf sogenanntes Umweltpapier geklebt. Beide Papierarten sind mehr oder weniger holzhaltig, d.h. wenig haltbar und nicht reißfest. Nun trifft dies in der Regel auch auf Zeitungspapier zu, so dass das minderwertige Aufklebepapier selbst nicht viel verschlechtern kann, aber der früher verwendete Klebstoff war nicht säurefrei und wirkt entsprechend zersetzend. Zwar sind größere Schäden auch nach fast 60 Jahren noch nicht sichtbar, doch ist dies kein Anlass zur Entwarnung, ganz abgesehen von der befürchteten Einwirkung der Chlorbleiche. "Schneller" wirkt dagegen das früher benutzte giftige Faxpapier auf Rollen: Allein schon die Tatsache, dass die Schrift darauf oftmals nach 1 - 2 Jahren verblasst ist bzw. dieses Fax-Papier sogar zerfällt, spricht für die aggressive Wirkung, die auch die umliegenden Blätter nicht verschont. Abgesehen aber von diesem in kürzester Zeit sichtbaren Zerfall ist bezüglich der Haltbarkeit schon soviel vorausgesagt worden, was schon längst hätte eingetreten sein müssen, aber zum Glück noch nicht in dem vorausgesagten Umfang eingetreten ist, dass wir uns eher an das Prinzip Hoffnung halten sollten. Denn diese umfangreichen Bestände zu kopieren, zu verfilmen oder auf elektronische Datenträger zu übertragen erscheint auch in absehbarer Zeit allein aus kosten- und personalbedingten Gründen nicht möglich.