Volltextzugriff auf das Archiv für Sozialgeschichte

Anja Kruke

„Digitalisierung“ scheint das Zauberwort der Wissenschaft im neuen Millennium zu sein. Keine Einrichtung und kein Forscher können Fragen der Digitalisierung ignorieren. Im Historischen Forschungszentrum wurde dies schon vor einigen Jahren erkannt und mit Projekten in Archiv und Bibliothek im Rahmen der Digitalisierung von gedruckten Quellen (Flugblätter bzw. Zeitschriften) umgesetzt. Im letzten Jahr wurde ein Digitalisierungsprojekt angestoßen, das sich erstmals mit historischer Sekundärliteratur beschäftigt. Mit der vollständigen Digitalisierung der historischen Fachzeitschrift „Archiv für Sozialgeschichte“ (AfS) und der Zurverfügungstellung als frei zugänglicher, durchsuchbarer Volltext im Internet wurden in mehrerlei Hinsicht neue Wege beschritten.

Das seit 1961 jährlich erscheinende Archiv für Sozialgeschichte ist eine der großen, international anerkannten geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschriften. Es widmet sich der neueren Gesellschaftsgeschichte Deutschlands, Europas und Nordamerikas. Jeder Band enthält Aufsätze zu einem bestimmten Rahmenthema sowie umfangreiche Forschungsberichte und Sammelrezensionen zu den aktuellen Trends der Geschichtsschreibung. Insbesondere die frühen Jahrgänge der mittlerweile fast 49 Ausgaben haben von Beginn an die Sozialgeschichte vorangetrieben und dabei vor allem einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Geschichte der deutschen wie auch internationalen Arbeiterbewegung geliefert. Somit stehen nicht nur neueste wissenschaftliche Beiträge im Netz zur Verfügung, sondern auch etwas ältere Schätze der Geschichtswissenschaft. Die Digitalisierung ermöglicht damit eine einfachere Erschließung wichtiger Literatur für die neuere Forschung und macht überhaupt auf bereits vorhandene Forschung aufmerksam. Dies scheint in einer Zeit, in der nur etwas existiert, wenn es im Netz vorhanden ist, gerade für die weitere Forschung zur Arbeiterbewegung von Bedeutung zu sein, zumal sie in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel erfahren hat.

Das Archiv für Sozialgeschichte online bietet verschiedene differenzierte Sucheinstiege, die in dieser Form noch bei keiner anderen digitalisierten Fachzeitschrift verwirklicht wurden. Neben einer Suche mit einem frei wählbaren Begriff in allen Texten des AfS steht zusätzlich eine gezielte Expertensuche zur Verfügung, mit deren Hilfe sich Aufsatztitel und vor allem einzelne Rezensionen (bis hin zu Teilrezensionen eines Forschungsberichtes) recherchieren lassen. Ein rascher Zugriff auf Rezensionen ist zudem über eine Schnellsuche möglich. Neben der Volltextsuche kann ausgefeilt in den bibliografischen Titeldaten recherchiert werden. Nur zu den neuesten drei Ausgaben erhält die/der Benutzerin/Benutzer lediglich die Zusammenfassungen, das Inhaltsverzeichnis und die biografischen Angaben; außerdem gilt auch hier, dass die nur im Netz publizierten Einzelrezensionen komplett und aktuell einsehbar sind. Kaum eine andere internationale Fachzeitschrift im Netz bietet eine so große Fülle differenzierter Sucheinstige.

Die Vielschichtigkeit der Zeitschrift stellte das Projektteam, bestehend aus Kolleginnen und Kollegen des Archivs, der Bibliothek und der Forschungsabteilung, vor eine große Aufgabe, zumal die Aufbereitung der Datenmengen eine Datenbank voraussetzte, die in der Lage sein musste, bereits vorhandene Daten aus verschiedenen Projekten (z.B. die bibliografischen Angaben aus dem Bibliothekskatalog und die Datenbank der online-Einzelrezensionen) zu integrieren. Eine zunächst angestrebte Lösung mit einem kommerziellen Softwareunternehmen scheiterte an den hohen Kosten. Es mussten daher neue Wege beschritten werden. Das Projekt wurde in enger Kooperation mit der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek Jena verwirklicht, die der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Plattform "University Multimedia Electronic Library of Jena (UrMel) zur Verfügung stellte; sie ermöglicht ein funktionsgerechtes Publizieren, Erfassen, Erschließen, Verbinden, Präsentieren und Archivieren elektronischer und multimedialer Dokumente. Grundlage dieser Plattform ist ein Programm, das als sogenannte share ware („My Core“) frei zugänglich im Netz verfügbar ist. In einer gemeinsamen Anstrengung wurde diese Plattform erstmals für eine aktuelle Zeitschrift weiterentwickelt. Auf diese Weise wurde ein Pilotprojekt für das Historische Forschungszentrum und die gesamte Friedrich-Ebert-Stiftung entwickelt, das große Potenziale für weitere Digitalisierungsprojekte bereitstellt.

Es ist geplant, in einer Veranstaltung nähere Einzelheiten zu diesem Projekt am 10. November 2009 vorzustellen und mit namhaften Experten zu diskutieren (bei Interesse bitte E-Mail an: Hilke.Everding@fes.de).

Die retrodigitalisierten Ausgaben des „Archiv für Sozialgeschichte“ stehen auf den komplett neu gestalteten Seiten der Zeitschrift zurVerfügung, ebenso im Rahmen des Portals zur Geschichte der Arbeiterbewegung.