Aufklärung über den Nationalsozialismus und „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ – Der Nachlass Eugen Kogon im AdsD

Christoph Stamm

 

Eugen Kogon bei der ersten Verleihung des Gustav- Heinemann-Bürgerpreises 1977

Im September 2008 gelang es dem AdsD nach Abschluss eines Vertrags mit der Erbengemeinschaft, den umfangreichen Nachlass des Publizisten und Politologen Eugen Kogon (1903-1987) zu übernehmen.

In München geboren und von der Mutter früh in Pflege gegeben, wuchs Kogon in einer streng katholischen Umgebung auf und besuchte verschiedene Klostergymnasien. Nach dem Studium der Nationalökonomie und Soziologie in München, Florenz und Wien promovierte er 1927 zum Dr. phil. in Wien. 1927-1932 arbeitete Kogon als Redakteur der österreichischen konservativ-katholischen Zeitschrift „Die schönere Zukunft“. Ab 1934 war er als Vermögensverwalter des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha tätig. Auf seinen Reisen, die ihn in diesem Zusammenhang nach Deutschland führten, wurde er zweimal (1936 und 1937) wegen antinationalsozialistischer Aktivitäten verhaftet. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde Kogon erneut verhaftet und 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Während der Zeit im Konzentrationslager wandelte sich sein Katholizismus endgültig von einer konservativ-ständischen hin zu einer christlich-sozialistischen Weltanschauung.

Nach der Befreiung 1945 engagierte sich Kogon für die Aufklärung über die KZ-Gräuel. Gemeinsam mit anderen Häftlingen schrieb er einen Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald. 1946 erschien sein später vielfach wieder aufgelegtes Buch „Der SS-Staat“, das eine der frühesten Analysen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems lieferte. Von 1946 bis 1984 gab Kogon zusammen u.a. mit Walter Dirks die Monatszeitschrift für Kultur und Politik "Frankfurter Hefte" bis zu deren Zusammenlegung mit der Zeitschrift "Neue Gesellschaft" heraus. Kogons Engagement für die Einigung Europas führte 1949 zu seiner Wahl zum ersten Präsidenten der Europa-Union Deutschland (bis 1953). Daneben nahm Kogon führende Positionen im Deutschen Rat der Europäischen Bewegung und der "Union Européenne des Fédéralistes" wahr. 1951-1968 wirkte er als ordentlicher Professor für politische Wissenschaft an der TH Darmstadt und wurde damit zu einem der Begründer dieses Fachs in Deutschland. Daneben arbeitete er weiterhin als Autor und Fernsehmoderator und war ab 1968 Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaften. Parteipolitisch engagierte sich Kogon in der Hoffnung auf einen „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ zunächst einige Jahre in der CDU, näherte sich aber später der SPD an.

Der Nachlass Eugen Kogon bildet einen neuen Schwerpunkt innerhalb einer Reihe von Archivbeständen des AdsD, die einen Bezug zu Kogons vielfältigem Arbeitsfeld haben: der Nachlass Walter Dirks, das Redaktionsarchiv der „Frankfurter Hefte“ und die Überlieferungen der Europa-Union Deutschland und des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.

Das übernommene Material hat einen geschätzten Umfang von ca. 120 lfm. Eine vollständige Sichtung und Erfassung des zum großen Teil ungeordneten Bestandes wird noch erhebliche Zeit in Anspruch nehmen. Probleme bereitet auch der Erhaltungszustand eines Teils der Nachlasspapiere, die Brand- und Wasserschäden aufweisen. Aufgrund des Umfangs, sowie des Erhaltungs- und des Erschließungszustands ist heute noch nicht abzusehen, wann der Nachlass Eugen Kogon für Benutzer zugänglich gemacht werden kann.