Das Fotoarchiv Jupp Darchinger im AdsD

 
  André Castrup  
 
Ende Oktober 2007 hat das AdsD das Fotoarchiv von Josef Heinrich ("Jupp") Darchinger übernommen. Mit ca. 1,6 Millionen Negativen, rund 60.000 Positiven, 30.000 Dias und einer Datenbank mit ca. 62.000 Fotos handelt es sich dabei um das größte und bedeutendste private Fotoarchiv, das bis dahin vom AdsD übernommen werden konnte.
 
Foto
 
Jupp Darchinger, geboren 1925 in Bonn-Endenich, wollte ursprünglich Landwirt werden, absolvierte dann aber nach seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft 1947 eine Umschulung zum Fotolaboranten und eine überwiegend autodidaktische Ausbildung als Fotograf. 1948 heiratete er Ruth Hofedank, eine erfahrene Fotolaborantin aus Berlin, deren kenntnisreiche Unterstützung und unermüdliche Mitarbeit ihn sein ganzes Berufsleben hindurch begleitet hat. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Fotojournalisten in Deutschland, dessen Arbeit das fotografische Gesicht der Bonner Republik nachhaltig und über viele Jahrzehnte geprägt hat.
 
 
 
 

Die Anfänge: Kurt Schumachers Begräbnis

Die systematische Erfassung der Bildnegative in einem Quellenbuch und auf Karteikarten durch Jupp Darchinger setzt mit den Feierlichkeiten zur Beisetzung des verstorbenen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher im August des Jahres 1952 ein. Mit dieser schon sehr umfangreichen Foto-Dokumentation beginnt die bildliche Darstellung der Geschichte der „alten“ Bundesrepublik, die fotografische Begleitung der Entwicklung von SPD und Gewerkschaften und ihrer führenden Vertreter, aber auch anderer Institutionen (zu denen nicht zuletzt die Friedrich-Ebert-Stiftung zählt) – Bildmaterial, das in seiner Dichte in Deutschland wohl einzigartig sein dürfte.
 
Foto
 
Nach der Dokumentation des Schumacher-Begräbnisses ergab sich eine engere Zusammenarbeit mit der SPD, wo man die Bedeutung eines kundigen Fotofachmanns für die Öffentlichkeitsarbeit rasch erkannte. Das Verhältnis stabilisierte sich dann schnell. "Wir waren damals alle nicht reich und die Parteien auch nicht, aber jedes Mitglied zahlte ehrlich seinen Beitrag, meist 50 Pfg. im Monat. Entsprechend war die Bezahlung der freien Mitarbeiter“, erinnerte sich Darchinger später.
 
 

Schon zur Bundestagswahl 1953 kam der erste Auftrag zur Erstellung von Portrait-Aufnahmen für Wahlplakate. In den folgenden Jahren ersann Hans Riethmüller in der SPD-Propagandaabteilung die sog. Ton-Bild-Folge. Mit Projektor, Leinwand, Tonbandgerät und einer Kleinbild-Dia-Serie konnte man mit wenig Geld eine Ortsvereinsversammlung informativ und unterhaltend zugleich gestalten. Nur die richtigen Themen mussten gefunden werden: Schon die Lebensumstände in der Bundesrepublik lieferten Stoff für politische Diskussionen, aber es gab auch Serien mit Anweisungen zur sinnvollen Herstellung und Anwendung von Propagandamitteln, Ratschläge für die politische Arbeit vor Ort oder kulturelle Beiträge, z.B. über Heinrich Zille, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach usw.

 
Foto
  Da bis zu 100 Kopien dieser Serien in Handarbeit angefertigt wurden, konnte Jupp Darchinger die Aufträge nur durch die fachkundige, nächtelange Mithilfe seiner Frau Ruth bewältigen. Die Serien sind komplett überliefert und bieten einmaliges Material aus den frühen Jahren der Bundesrepublik.  
Foto
 
Bereits ein Klassiker ist z.B. das Foto der Jungen in kurzen Lederhosen am „Storck-Riesen“-Automaten in der Bonner Viktoriastraße geworden, schon in Farbe, und erst vor kurzem Aufmacherbild für eine „STERN“-Reportage über die 1950er Jahre in Deutschland. Bisher unveröffentlichtes Material zu Bonn macht diese Fotofolge auch für die Stadtgeschichte zu einem wertvollen historischen Fundus.
 
  Spätestens von diesem Zeitpunkt an war Jupp Darchinger mitten im politischen Geschehen der Bundesrepublik Deutschland. Die führenden Persönlichkeiten der deutschen und zunehmend auch der internationalen Sozialdemokratie – Erich Ollenhauer, Herbert Wehner, Carlo Schmid, Egon Franke oder Waldemar von Knoeringen – wurden ebenso von Darchingers Kamera festgehalten wie der Sozialist und österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, der dänische Ministerpräsidenten Hans Hedtoft und der Generalsekretär der Sozialistischen Internationale, Albert Carthy.  
Foto
 
Mit dem SPD-Bundesparteitag in Dortmund 1952 beginnt die chronologisch geschlossene und dokumentarisch bedeutende Überlieferung der SPD-Parteitage nach dem Krieg, wobei im Laufe der Zeit die fotografische Begleitung fast aller parteipolitisch bedeutenden Veranstaltungen, auch die von nachgeordneten SPD-Gliederungen oder der SPD nahestehender Organisationen, ebenso wie die der Gewerkschaften, zu Darchingers Aufgaben gehörte.
 
Foto
  Als überzeugtem Sozialdemokraten gelangen Darchinger oft Einblicke, die anderen Fotografen verschlossen blieben. Diese besondere Nähe war es, die Fotos ermöglichte, die sonst wahrscheinlich nie entstanden wären. So beispielsweise der Mundharmonika spielende Herbert Wehner im Kreise seiner Familie...  
Fotos
  oder Aufnahmen von Erich Ollenhauer, auf deren Grundlage wir nunmehr in der Lage sind, auch diesen schon fast in Vergessenheit geratenen SPD-Vorsitzenden besser dokumentieren zu können.  
Foto
 
Mitte der 1960er Jahre begann die Zusammenarbeit Darchingers mit dem Magazin „Der Spiegel“. Mit den Sequenzen von Aktions-Fotos, die während der Interviews entstanden, bekamen die Spiegel-Gespräche ein neues, unverwechselbares Format, das in der Folge von vielen anderen Presseorganen nachgeahmt und zum Standard für Interview-Fotografie wurde. "Der Spiegel" veröffentlichte weit über 10.000 Fotos von Darchinger: Aufnahmen fast aller führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden in Deutschland. Aus mehr als 2000 Spiegel-Gesprächen stammen außerdem Fotos ausländischer Politiker dieser Jahre – vom Schah von Persien bis zu Repräsentanten der Sowjetunion (Leonid Breschnew, Jurij Andropow, Michail Gorbatschow, Boris Jelzin).
 
Fotos
 

„Willy hat immer genau in meiner Fotoachse gestanden - es war fantastisch.“ (Darchinger)

Besondere Bedeutung im fotografischen Werk Darchingers erhielt im Lauf der Jahre Willy Brandt. Ihn hatte Darchinger schon 1949 als SPD-Bundestagsabgeordneten in Bonn kennengelernt und fotografiert. Zahlreiche Fotos von Brandt stammen aus seiner Berliner Zeit als Präsident des Abgeordnetenhauses bzw. Regierender Bürgermeister. Im Fundus existiert auch ein Film mit 24 Aufnahmen von Willy Brandt mit Bundeskanzler Konrad Adenauer 1966 in Bonn. Mit der Wahl zum SPD-Vorsitzenden und vor allem mit der Kanzlerkandidatur 1961 trat Willy Brandt verstärkt auf die bundespolitische Bühne und wurde bald zum Mittelpunkt in der Arbeit Jupp Darchingers.
 
Fotos
  Willy Brandt, so Darchingers Erinnerung, verlor seine Verhaltenheit schnell, wenn er auf Resonanz beim Publikum stieß, dabei nahm er gern die Reaktionen der Fotografen stellvertretend für das gesamte Publikum – dabei war er auch durchaus zu schauspielerischen Leistungen bereit und fähig, die Darchinger für seine großartigen Fotos zu nutzen wusste. Der Wahlkampf 1969 wurde zum großen Erfolg, Willy Brandt wurde Bundeskanzler. Die besondere Situation im Wahlsonderzug ermöglichte einen bis dahin nicht gekannten ungezwungenen Umgang zwischen Politikern und Journalisten – vom Frühstück mit den Journalisten im Speisewagen des Sonderzuges bis zum abendlichen gemeinsamen Glas Wein.  
Foto
 

Willy Brandt fuhr gerne Zug, auch um z.B. die mit der DDR neu ausgehandelten Transitbestimmungen auszutesten. Beim Herannahen der DDR-Grenzkontrollorgane verschwand er im Schlafwagen; die Formalitäten der Passkontrolle überließ er dem Schlafwagenschaffner unter Aufsicht von Günter Guillaume.

 
Foto
 
Jupp Darchinger begleitete Brandt auf vielen Reisen, v.a. hielt er die Stationen seiner Ostpolitik fest – von den Anfängen der deutsch-deutschen Gespräche in Kassel und Erfurt 1970 bis hin zur Unterzeichung der Ostverträge in Moskau und zur Auseinandersetzung um die Ratifizierung. Eines der berühmtesten Fotos entstand in Erfurt: Willy Brandt am Fenster des „Erfurter Hofes“ mit der beruhigenden Geste zur „Willy, Willy“-Rufe skandierenden Menge. Aus der Kanzlerzeit Brandts stammen außerdem bekannte Portraitreihen, die Darchingers künstlerisches Gespür erkennen lassen.
 
Foto
 

Mit Helmut Schmidt am Brahmsee

Jupp Darchinger hatte Helmut Schmidt schon während dessen Zeit als SPD-Fraktionsvorsitzender und Bundesminister häufig begleitet, so dass er gleich zu Beginn von Schmidts Kanzlerschaft einen Fotoband aus dem vorhandenen Material zusammenstellen konnte. Bei mehrfachen Besuchen in Helmut Schmidts Ferienhaus am Brahmsee entstanden Fotos privater Natur – Helmut Schmidt beim Malen mit Ölkreide, die ihm seine Frau Loki aus Japan mitgebracht hatte: eine düsteren Nachtstimmung von Manhattan mit Mond. Ein Segeltörn in der Jolle von Schmidts Freund Willi Berkhan gehörte bei den Besuchen am Brahmsee unbedingt dazu – für die Landratte Darchinger ein aufregendes Unternehmen, wobei der ungeübte Mitsegler natürlich nicht trocken blieb. Helmut Schmidt half ihm mit eigenen Kleidern aus und Schmidts Tochter Susanne konnte die lockeren Fotos von Loki, Helmut und Jupp auf der Terrasse des Brahmseer Hauses schießen.
 
Fotos
 
Beim Segeln entstanden Gegenlichtaufnahmen, die höchsten künstlerischen Ansprüchen gerecht werden.
 
Foto
  Im Mittelpunkt standen nun die Kanzlerreisen Helmut Schmidts: Ob Persien, China, Japan, Singapur oder Moskau – Jupp Darchinger war dabei, ebenso bei der KSZE-Konferenz 1975 in Helsinki, dem ersten Zusammentreffen von Helmut Schmidt und dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Bei deren letzter Begegnung in Güstrow 1981 zückte Darchinger nach stundenlangem Warten bei klirrendem Frost auf dem Bahnsteig die Kamera: Erich Honecker reicht Helmut Schmidt ein Hustenbonbon zum Abschied durch das Zugfenster.  
Fotos
 

Die Ära Kohl und der Mauerfall

Auch nach dem Rücktritt Helmut Schmidts und während der langen Kanzlerschaft Helmut Kohls lag der Arbeitsschwerpunkt Darchingers weiterhin auf der fotografischen Dokumentation der inneren Zirkel der Macht in Bonn. Er begleitete Helmut Kohl auf vielen Reisen, so u.a. in die Sowjetunion, nach China und Pakistan. Die tätige Mithilfe der Söhne Jupp Darchingers, Frank und Marc, ermöglichte nun eine Verbreiterung des Arbeitsspektrums. Neben offiziellen Anlässen und Parteiveranstaltungen wurde das gesamte politische Leben in Deutschland dokumentiert: ob große Friedensdemo in Bonn, die Stationierungsdebatte im Deutschen Bundestag oder die heftigen Gegendemonstrationen am Rande der Bannmeile – natürlich waren die Darchingers mittendrin!
 
Foto
 
Für Jupp Darchinger ergab sich nun die Möglichkeit, sich auch anderen Themenbereichen zuzuwenden: Aufnahmen bei Interviews mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – das Spektrum reichte von Josef Kardinal Ratzinger bis zu Hildegard Knef im „Bunte“-Interview oder Günter Wallraff-Fotos für den „Playboy“. Auch für die Öffentlichkeitsarbeit großer Wirtschaftsunternehmen – Krupp, BMW, BASF, Mercedes-Benz, Volkswagen, Deutsche Bank – portraitierte Darchinger zahlreiche Top-Manager, darunter Ferdinand Piëch, Berthold Beitz, Otto Wolff von Amerongen und Alfred Herrhausen.
 
 
Bei den dramatischen Ereignissen nach der Mauereröffnung bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik waren alle drei Darchingers Tag und Nacht im Einsatz. Nach der Wende machte Jupp Darchinger die Bekanntschaft von Angela Merkel in der Staatskanzlei von Lothar de Maizière anlässlich eines „Spiegel“-Gesprächs. In der Folge fanden die Zwei-plus-Vier-Gespräche in Moskau statt, an denen die Vertreter der neuen DDR-Regierung teilnahmen – mangels eines ausreichend versierten offiziellen Fotografen wurde Jupp Darchinger gebeten, als „Regierungsfotograf“ der DDR mitzufahren. Auf dem Flug nach Moskau traf Darchinger erneut auf Angela Merkel. Darchinger und bat sie, von ihr ein Foto mit Lothar de Maizière machen zu dürfen; dieses Foto ist das erste „offizielle“ Bild der heutigen Bundeskanzlerin.
 
Foto
 
Mit dem Ende der analogen Fotografie Ende der 1980er Jahre und der Verlegung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin zog sich Jupp Darchinger zunehmend aus dem Tagesgeschäft zurück. Natürlich legte er die Kamera nicht endgültig aus der Hand; so machte er z.B. Plakat- und Werbefotos für die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann und den Bonner MdB Ulrich Kelber.
 
 

Die Kontinuität mit der Jupp Darchinger und seine Söhne die Bonner Republik fotografisch begleitet haben, war die Voraussetzung für die Entstehung dieses einzigartigen Fotoarchivs, in dem sich – für das AdsD besonders reizvoll – nicht zuletzt auch umfangreiche Fotoserien über die Friedrich-Ebert-Stiftung finden; Darchinger war u.a dabei als 1956 die Heimvolkshochschule der FES in Bergneustadt eingeweiht wurde. Auch das Foto der Grundsteinlegung für das AdsD 1967 in Bonn mit Willy Brandt bei den traditionellen „Hammerschlägen“ stammt von Darchinger.

 
Fotos
 

Die Bearbeitung dieses wertvollen Bestandes stellt für das Archiv der sozialen Demokratie eine besondere Herausforderung dar; mit der systematischen Erschließung des Darchinger-Fotoarchivs wurde Anfang dieses Jahres begonnen. Dank des außergewöhnlich gut geführten Karteikartensystems, ergänzt durch die Quellenbücher Darchingers, kann der überwiegende Teil des Bestandes ohne große Probleme erfasst werden; zudem steht Jupp Darchinger den Bearbeitern erfreulicherweise für Auskünfte und mit seinem Rat gerne zur Verfügung.

 
Foto
 

Informationen zur Benutzung des Darchinger-Archivs erhalten Interessenten unter: darchinger-info@fes.de

Weitere Informationen im Darchinger-Archiv